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 Philosophie und Wissenschaft
qilin Offline




Beiträge: 3.552

07.07.2007 06:15
Fundamentalismus antworten

Da dieses Wort immer wieder in verschiedenen Zusammenhängen auftaucht, und häufig in falscher Bedeutung verwendet wird, hier die etwas gekürzte Eintragung aus dem Lexikon 'Die Religionen der Welt', Gütersloh 1999. Mir sind bisher mehrere Definitionen begegnet, manche differieren in einigen Detailfragen, aber im großen Ganzen ergibt sich ein klares Bild:

Zitat von Tworuschka
Fundamentalismus: Selbstbezeichnung aus dem US-amerikanischen Protestantismus des frühen 20. Jh.; baut auf Puritanismus und schottischem Presbyterianismus auf. Aus diesen wurden übernommen die Hochschätzung der Bibel, innere und äußere Mission, Gottesdienstreform sowie persönliche Bekehrung und Erweckung als Voraussetzung für die Kirchenzugehörigkeit. Die 'fünf Glaubensprinzipien' (fundamentals) wurden 1910 von der Presbyterian General Assembly angenommen und sind die kennzeichnenden Grundlagen des Fundamentalismus, mit denen er Front gegen Liberalismus, theologische Bibelkritik, Evolutionstheorie, Sozialreformen und Psychoanalyse macht:

1) Die Bibel als Wort Gottes enthält keinerlei Irrtümer. Nur das wörtliche Verständnis wird ihr gerecht.
2) Maria war Jungfrau vor, während und nach der Geburt Jesu.
3) Jesus hat durch seinen Kreuzestod stellvertretend die Menschen von der Sünde befreit.
4) Jesus ist leiblich von den Toten auferstanden.
5) Jesus wird in naher Zukunft leiblich wiederkehren.

Seit den 1970er Jahren erlebt der Fundamentalismus eine neue Blüte, u.a. in Gestalt der 'elektronischen Kirchen' mit ihren TV-Predigerstars. Der Fundamentalismus ist Antwort auf das immer deutlicher werdende Unbehagen an der modernen, weitgehend säkularisierten Welt. Die Orientierungs- und Bindungskraft der Kirchen schwindet ebenso zunehmend wie die Fortschrittsgewissheit und der Glaube an die Wissenschaft. Solchen Erosionsprozessen stemmt sich der Fundamentalismus als eine religiöse Antwort mit scheinbar objektiv-sicherem Glaubensbestand entgegen. Fundamentalistisches Denken geht von absoluten Wahrheiten aus, die gegenüber wissenschaftlicher Kritik, insbesondere der historischen Relativierung des eigenen Glaubens, immunisiert werden. Daher ist typisch für den Fundamentalismus der Glaube an die Unfehlbarkeit der heiligen Schrift, die Ablehnung der Ergebnisse der modernen Wissenschaft, Dialogunfähigkeit, gepaart mit Intoleranz, ja Aggression gegenüber Nichtfundamentalisten, und schließlich die Überzeugung, dass Politik christlich sein müsse.

Islamischer Fundamentalismus zeichnet sich durch folgende Merkmale aus: Rückkehr zum Koran als unverfälschte Glaubensquelle. Orientierung am Frühislam, als die Einheit der islamischen Gemeinschaft noch existierte. Islamische Fundamentalisten wollen eine islamische Gemeinschaft errichten, in der das islamische Recht, die Sharia, alle Bereiche des menschlichen Lebens regelt. Darüber hinaus unterstreicht man die Gleichheit aller Gläubigen. Noch stärker als andere Muslime betonen islamische Fundamentalisten die Einheit Gottes und die daraus resultierende Einheit der islamischen Gesellschaft. Fundamentalistische Denker traten immer dann auf, wenn sich die islamische Welt in einer Krise befand. Im Unterschied zum christlichen Fundamentalismus stellt sich der islamische wesentlich als eine späte Reaktion auf die Kolonialzeit dar, in der Europa seine technische Überlegenheit oft als Mittel von Herrschaft und wirtschaftlicher Ausbeutung einsetzte. Hinzu kommt, dass viele der an Europa orientierten Regierungen islamischer Länder es nicht geschafft haben, soziale und wirtschaftliche Probleme zu überwinden. Anders als im christlichen Fundamentalismus werden technologische und ökonomische Neuerungen im Islam nicht kritisiert oder abgelehnt. Wenn auch islamischer Fundamentalismus oft in Verbindung mit terroristischen Aktivitäten steht, gehört Gewaltbereitschaft nicht zu seinen primären Merkmalen. Viele Reformbewegungen haben die an der Macht befindlichen Regierungen mit dem Vorwurf bekämpft, sich vom 'wahren Islam' entfernt zu haben. Man kann in diesen Bewegungen Vorläufer des heutigen Fundamentalismus sehen. Islamisten, wie man die Fundamentalisten nennt, glorifizieren den Frühislam, als die Einheit der Umma ('Gemeinde') noch Realität war.

Jüdische Fundamentalisten wollen Tora und Halacha für das gesamte jüdische Leben verbindlich machen. Ihr Ideal ist der auf dem Religionsgesetz gegründete jüdische Staat. Den Fundamentalisten geht es um das wörtliche Verständnis der Tradition, um die Unwandelbarkeit der Tora. Eine andere jüdisch-fundamentalistische Strömung gründet in der schon im Mittelalter nachweisbaren 'Zionsliebe', der Liebe zum heiligen 'Land der Väter'. Ein absolut toratreues Israel gilt als notwendig, damit die messianische Zeit auch wirklich anbricht.

Ziel des politischen Hinduismus, dessen Wurzeln in das letzte Drittel des 19. Jh. zurückreichen, ist die 'reine' Hindu-Nation, aus der alles Fremde getilgt worden ist. Dayananda Sarasvati beschwor eine ideale Urzeit. Die Hindu-Lebensordnung müsse für alle im Lande bindendes Gesetz sein. Im Hintergrund steht die typische hindupolitische Reinigungsidee, die 'besagt, dass die Reinigung des Landes im Sinne der zwangsweisen Durchsetzung der wahren Religion gegenüber ihren eigenen Fehlentwicklungen wie auch gegenüber eingedrungenen fremdreligiösen Elementen zu vollziehen sei. Alle fremden Bekenntnisse wie der Islam und das Christentum seien durch Rückbekehrung ihrer Anhänger zum Hinduismus auszurotten'. Im Unterschied zum christlichen, islamischen und jüdischen Fundamentalismus besitzt der Hinduismus, ein Sammelbecken zum Teil grundverschiedener Religionen, kein Fundament im Sinne einer schriftlich fixierten Lehre. Beim Hindu-Fundamentalismus geht es nicht in erster Linie um Frömmigkeit, sondern um Nationalismus, um die Hervorhebung der eigenen Werte gegenüber Fremdgruppen.

Ein Fundamentalist ist also nicht jemand, der auf die eigenen Fundamente zurückgreift und auf diesen aufbaut, sondern jemand, der aus dem Fundus der eigenen heiligen Schriften und Traditionen mehr oder weniger willkürlich bestimmte Glaubensprinzipien als 'fundamental' hervorhebt und andere dafür minderbewertet, häufig auch aus politischem Interesse. Wenn jemand die Meinung vertritt "Ich bin Fundamentalist, aber ich verstehe das Wort eben anders und verwende es auch so", ist er in der gleichen Situation wie jemand der sagt "Ich liebe Kinder, also bin ich paedophil", ohne zur Kenntnis zu nehmen, daß dieses Wort bereits eine andere Konnotation hat. Unangenehme Missverständnisse sind in beiden Fällen vorprogrammiert...
[aus einem anderen Forum kopiert]

Später habe ich in einer Arbeit über hinduistischen Fundamentalismus eine Kurzformel gefunden, die IMHO das zentrale Problem des Fundamentalismus anspricht:

Zitat von Marty/Appleby
Der Fundamentalismus ist … eine religiöse Weise des Daseins, die sich als Strategie manifestiert, vermöge derer Gläubige versuchen, ihre unverwechselbare Identität als Volk oder Gruppe zu bewahren, wenn sie sich als im Belagerungszustand befindlich ansehen. In dem Gefühl der Bedrohtheit dieser Identität suchen Fundamentalisten ihre Identität durch eine selektive Wiederbelebung von Doktrinen, Glaubensvorstellungen und Praktiken aus einer intakten, heiligen Vergangenheit zu befestigen. ('Fundamentalisms Comprehended', Chicago 1995)

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() qilin

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