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Religionsforum
Atheismus vs. Religionen  

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Dieses Thema hat 6 Antworten
und wurde 458 mal aufgerufen
 Lagerhalle
89 ( Gast )
Beiträge:

03.08.2007 21:55
Mystische Postkarten antworten

Hallo,
Das Folgende ist von Michel Onfray geschrieben und ich habe dem nichts hinzu zufügen, außer, das ich gern an all diesen Orten gewesen wäre......es ist die Sicht eines Atheisten auf Gott..
(es ist etwas lang, deshalb gleich hier im Lager....)

Mystische Postkarten

"Gott habe ich in meinem Leben oft gesehen. In der mauretanischen Wüste beispielsweise, wo der Mond die Nacht in violetten und blauen Farben malt, in den kühlen lybischen Moscheen von Bengasi und Tripolis oder auf der Reise nach Kyrene, der Heimat von Aristippos. In einem der Gottheit Gamesh geweihten Heiligtum auf der Insel Mauritius, unweit von Port-Louis (die beeindruckende Götterfigur wird mit einem Elefantenrüssel dargestellt), oder mit einer Kippa auf dem Kopf in der Synagoge des venezianischen Ghettos. Im Chor von Moskaus orthodoxen Kirchen oder am offenen sarg vor der Klosterpforte von Nowodewitschi, während die Angehörigen, Freunde und die schweren Goldschmuck tragenden und Weihrauchduft verbreitenden Popen mit ihren wunderbaren Stimmen im Inneren der Kirche beteten. In Sevilla vor der Macarena, in Gegenwart von weineneden Frauen und Männern, denen die Ekstase im Gesicht geschrieben stand. Im Dom San gennaro der zu Füßen des Vulkans erbauten Stadt Neapel, wo das Blut des neapolitanischen Schutzheiligen sich zu bestimmten Zeiten wieder verflüssigen soll. Im Kapuzinerkloster von Palermo beim Anblick von achttausend menschlichen Skeletten - die Überreste dieser Christen waren in prächtige Kleider gehüllt. In Tiflis in Georgien, wo die Gläubigen unter mit Votivtaschentüchern behängten Bäumen sitzen und den Passanteneinladen, mit ihnen das eben noch blutige, im Wasser kochende Lammfleisch zu teilen. Auf dem Petersplatz, als ich wieder einmal die Sixtinische Kapelle besuchen wollte; es war ein Ostersonntag (woran ich damals überhaupt nicht gedacht hatte), Johannes Paul II. sang unverständliche Vokale in ein Mikrophon und stellte auf einer Riesenlainwand seine eingesunkene Mitra zur Schau.
Anderswo sah ich Gott auch in anderen Formen: Im eisigen Wasser der Arktis entdeckte ich einen Lachs, der auf seiner Wanderung von einem Schamanen gefangen worden war (man sah immer noch die Spuren des Fangnetzes) und im feierlichen Ritus wieder dem Kosmos, dem er entnommen worden war, zurückgegeben wurde. In einer Hinterküche in Havanna zwischen einem gekreuzigten, geräucherten Aguti, Meteorsteinen, Muschelschalen und eienm Priester der Santeria-Religion. In einem abgelegenen Voodoo-Tempel auf Haiti, in den Wandmalereien zu Ehren der Voodoo-Geister, in den mit roter Flüssigkeit besprenkelten Schalen und dem strengen Geruch von Kräutern und abkochungen, der über allem lag. Im Tempel der zoroastrischen Feueranbeter von Surachany, unweit der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku. Oder in den Zengärten von Kyoto, in jenen exzellenten Ubungen für Anhänger der negativen Theologie.
Ich sah auch tote oder fossile Götter und völlig zeitlose Gottheiten: In Lascaux war ich fasziniert von den Höhlenmalerein; die Höhle ist der Bauch der Welt, in dem die seele unter den ungeheuren Schichten der Zeit erhebt. Die mehrere dutzend Meter tiefen königlichen Grabkammern von Luxor werden von hundsköpfigen Menschen, Skarabäen und rätselhaften Katzen bewacht. Oder im römischen Tempel des Stiertöters Mithras, dessen Sekt die Welt sicherlich grundlegend verändert hätte, wenn ihr ein Förderer wie Konstantin zur Verfügung gestanden hätte. Ebenso in Athen auf den Spuren, die zur Akropolis hinaufführen; ich steuerte den Parthenon an und war gefangen vom genius loci: zu meinen Füßen der Ort, an dem sich Sokrates mit Platon traf....
Nirgendwo begegnete ich jenen mit Verachtung, die an Geister glaubten, an die unsterbliche Seele, an den Atem der Götter, an die Wirkung von Gebeten, Ritualen oder Beschwörungsformeln, an die Wunder von heiligen Blutampullen, an die Tränen der Jungfrau, an die Wiederauferstehung eines gekreuzigten Mannes, an die schamanischen Kräfte, an den Nutzen, der von einem gekreuzigten Tier ausgeht, an die transzendente Wirkung des ägyptischen Nitrats, an Gebetsmühlen oder an...den ontologischen Schakal. Nirgendwo. Doch überall habe ich festgestellt, dass die Menschen sehr gerne fabulieren, um der Wirklichkeit nicht ins Auge sehen zu müssen. Die Erfindung von irgendwelchen himmlischen Paradiesen wäre halb so schlimm, bezahlte man dafür nicht einen so hohen Preis: das Vergessen der Wirklichkeit, und damit die schuldhafte Vernachlässigung der einzigen realen Welt. Dort, wo der Glaube die Immanenz - d.h. einen selbst - missachtet, da verwöhnt die Atheologie mit der Erde, die ja eine andere Bezeichnung für das Leben selbst ist."

Michel Onfray 'Wir brauchen keinen Gott'

qilin Offline




Beiträge: 3.552

04.08.2007 06:12
#2 RE: Mystische Postkarten antworten

Hallo 89,

der Mann versteht was von der Materie - erinnert mich etwas an meinen alten Lehrer Prof. Hungerleider,
der immer wieder von sich sagte, er sei ein jüdisch-christlich-islamisch-buddhistischer Taoist mit starken
hinduistischen Tendenzen... und als ich einmal bei der Ankündigung eines Retreats schrieb, ich wäre im
Gegensatz zu ihm nichts von alledem, und auch kein Atheist oder Agnostiker, da antwortete er mir, das sei
ein Missverständnis - wir würden das völlig gleich sehen...

___________________________
Nichts bedarf so sehr der Reform
wie die Meinungen anderer Leute. [Mark Twain]

() qilin

89 ( Gast )
Beiträge:

04.08.2007 14:24
#3 RE: Mystische Postkarten antworten

In Antwort auf:
der Mann versteht was von der Materie

Naja, eigentlich ist er schon ein ziemlich militanter Atheist mit radikalen Ansichten.
Im Jahr 2002 hat er in Caen in der Normandie die > Université Populaire < gegründet. Eine philosophische Universität, zu der jedermann Zutritt hat und deren Vorlesungen in jedem Jahr von tausenden besucht werden.

qilin Offline




Beiträge: 3.552

06.08.2007 14:59
#4 RE: Mystische Postkarten antworten

Naja, zumindest theoretisch kann ja auch ein ziemlich militanter Atheist mit radikalen Ansichten was von der Materie verstehen...

___________________________
Nichts bedarf so sehr der Reform
wie die Meinungen anderer Leute. [Mark Twain]

() qilin

89 ( Gast )
Beiträge:

06.08.2007 21:15
#5 RE: Mystische Postkarten antworten

Das tut er, glaub' mir, das tut er...!

Trollinger ( gelöscht )
Beiträge:

17.09.2010 09:21
#6 RE: Mystische Postkarten antworten

Ich mag lieber reale Postkarten ....

Eulenspiegel Offline

Atheist

Beiträge: 1.634

17.09.2010 20:19
#7 RE: Mystische Postkarten antworten

Hallo Trollinger
Mir scheint, Du hast Dich mit Deinem Lieblingswein in den Keller verkrochen und
stöberst dort nun in den "prähistorischen" Archiven des Forums.
Na dann viel Spaß!
Grüsse
Till

 Sprung  
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