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Dieses Thema hat 3 Antworten
und wurde 470 mal aufgerufen
 Hinduismus, Buddhismus und Taoismus
Tao-Ho Offline

Zennois


Beiträge: 5.365

28.11.2008 12:27
Zengeschichten Antworten

Das Bild, oder, wie ich begriff, was loslassen heißt

Tot. Du bist wirklich tot und ich muss dich begraben. Ich wasche deinen Körper,
ziehe dich an, und mir geht ein Gedanke nicht aus dem Kopf. Das ist das letzte
Mal wo ich Dich sehe, Meister, denn gleich kommen sie, legen dich in einen Sarg
und ich werde dich nie wieder sehen. Noch nie in meinem Leben ging es mir so
schlecht wie jetzt. Du wärst jetzt sicher enttäuscht, weil das nicht gerade das
ist, was du mir beigebracht hast. Gleich zu Anfang hast du zu mir gesagt: "Pucette,
wenn du von mir lernen willst, musst du zuerst loslassen." Schon damals hatte ich
Schwierigkeiten, mir die Ketten abzustreifen, die ich mir mit den Jahren von der
Gesellschaft habe auferlegen lassen. Nun ja, ich habe zumindest ein Bild von dir -
das, was du mir geschenkt hast, als ich es das erste Mal geschafft hatte, eine
volle Viertelstunde ganz ruhig zu sitzen, ohne herumzuzappeln und an meiner
Kleidung herumzuspielen. Ich werde mir endlich die Zeit nehmen und einen Rahmen
dafür machen. Es wird einen Ehrenplatz bekommen bei mir. Warum hatte ich nur ein
bisschen mehr als ein Jahr, um von Dir zu lernen? Das ist nicht fair; es ist nicht
genug!

So stand ich da, ganz in Gedanken versunken und bemerkte die Gestalt nicht, die sich
mir näherte. Ich erschrak, als ich ihren Atem in meinem Nacken spürte. Es war so, wie
wenn dieses Wesen meine Gedanken lesen konnte, denn es sprach zu mir: "Nein, drehe
Dich nicht um, Pucette. Arbeite nur ruhig weiter, ich werde Dir dabei zusehen und wir
werden uns ein bisschen unterhalten." Es gab mir einen Stich ins Herz. Wie konnte
dieses Ding mich Pucette nennen. Ich will nicht, dass mich jemals wieder ein Anderer
so nennt!
Es fragte mich: "Warum bist Du so zornig? Willst Du wirklich so schnell nach dem Tod
Deines Meisters den Weg verlassen, den er Dir mit Güte und Geduld gezeigt hat?" Jetzt
platzte mir der Kragen. "Was weißt Du schon von dem Weg, den mir der Meister gezeigt
hat?" schimpfte ich los. "Alles und nichts", antwortete mir das Wesen ruhig. BOAH,
wie sehr ich solche halbgaren Sätze hasse. Seit dem ich den Zen kennen gelernt habe,
habe ich sie bis zum Erbrechen ertragen müssen. Es ist doch so, dass sie, im Grunde
genommen, nichts aussagen. Man kommt mit einem Problem zum Meister und bekommt auf
sein Fragen nur Sätze, in denen es um Bäume, Flüsse und gottverdammte Vögel geht!
Na, das war nun auch egal. Resignierend ließ ich die Schultern hängen, als ich den
Fremden (ich nahm einfach an, dass Es männlich ist) leise lachen hörte. "Ich möchte
wirklich mal wissen, was so lustig ist?" fragte ich und der Fremde sagte zu mir: "Wenn
Du nur für einen Moment ruhig bist wirst Du selber darauf kommen, Pucette." O.K.",
dachte ich mir, "dann bin ich eben ruhig und schau mal, was du mir zu sagen hast,
Fremder." SEUFZ, schon wieder lachte der Fremde leise vor sich hin. Auf einmal begriff
ich. Nicht ich soll schweigen, sondern meine Gedanken. Nur, wenn ich mich vom Denken
befreie, kann ich die Ketten sprengen. Nur dann kann ich meinen Weg weitergehen. Wenn
ich diesen Weg weitergehe, ist das um so vieles wertvoller als ein Bild zu rahmen und
aufzuhängen. Nun machte auch der Satz, den mir mein Lehrer immer wieder gesagt hat,
Sinn. "Pucette, denke nicht immer so viel, mach lieber." Erst jetzt begreife ich diesen
Satz, dabei ist es wirklich so einfach. Die ganze Zeit habe ich es mir unnötig schwer
gemacht, weil ich immer alles zu 100 % gut machen wollte (100 % die ich bis Heute nie
erreicht habe).

Ich hielt es vor Neugier nicht mehr aus und musste mich umdrehen. Allein - ich war völlig
allein in der Halle. Das konnte nicht sein! Ich lief hinaus auf den Gang und sah: NICHTS.
Ich lächelte und ging zurück, um dich, meinen geliebten Meister, für den Sarg anzuziehen.
Nein, ich fühle keinen Schmerz mehr in mir. Da ist nur noch Ruhe, so wie ich sie noch nie
zuvor gespürt habe. Ich habe begriffen und lasse dich los...........

In liebevollen Gedenken an meinen ersten Meister.

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So wie die Lotosblume lieblich und unbefleckt aus dem Schlamm sich erhebt...
() Tao-Ho

Tao-Ho Offline

Zennois


Beiträge: 5.365

28.11.2008 12:39
#2 RE: Zengeschichten Antworten

Und noch eine, auch von mir:

Ansichtssache, oder es ist alles eine Frage der Sichtweise

An einem (nicht ganz so kühlen) Herbstmorgen beschloss mein Meister mit mir draussen
zu meditieren und Kinhin zu üben. Da ich eine ziemlich unruhige Nacht hinter mir hatte,
war ich ein wenig unkonzentriert und wohl auch verkrampft. Jedenfalls hängte der Roshi
noch ein paar einfache Atemübungen dran.

Als wir zum Ende der Übungen kamen, schaute er mich an und sagte: "Das Gras ist sehr
feucht heute Morgen." Ich schaute auf und wartete, was er mir sagen wollte. War ich
heute so schlecht gewesen? War er unzufrieden mit mir? Aber er sagte nichts mehr.

Als ich mich verabschiedete, hielt ich es vor Neugier nicht mehr aus. Ich wollte wissen,
was er damit gemeint hatte, dass das Gras sehr feucht war. Er sah mich an, lächelte
und sagte: "Ganz einfach, Pucette. Das Gras ist heute Morgen nicht trocken."

Erst viel später am Tag, ich wischte gerade meinen Küchenfussboden, wurde mir auf einen
Schlag der tiefere Sinn dieser zwei einfachen Sätze klar.

Ich hoffe sehr dass, eines Tages, das Gras für mich einfach nur feucht oder trocken
sein wird.

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() Tao-Ho

qilin Offline




Beiträge: 3.552

28.11.2008 13:51
#3 RE: Zengeschichten Antworten

Tao-Ho meinte, ich solle die Geschichte mit dem schwerhörigen Meister auch hier 'reinsetzen
- aber die steht schon hier.

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wie die Meinungen anderer Leute. [Mark Twain]

() qilin

Tao-Ho Offline

Zennois


Beiträge: 5.365

28.11.2008 15:01
#4 RE: Zengeschichten Antworten

Danke qilin. Ich muss immer wieder über diese Geschichte sehr lachen.

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() Tao-Ho

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