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Atheismus vs. Religionen  


Der substanzielle  Dialog 

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Dieses Thema hat 5 Antworten
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 Hinduismus, Buddhismus und Taoismus
Wu Offline




Beiträge: 416

27.02.2010 15:04
Kein Karma, keine Wiedergeburt antworten

Die Kausalität beunruhigt mich.

Auch dich?

Was soll das heißen ?

Nâgârjuna* und seine Freunde waren darüber auch beunruhigt, lange Zeit vor der Geburt von Werner Heisenberg, und sie hatten nicht die Quantentheorie von Max Planck, die ihnen einen Hinweis hätte geben können.

Aber der Buddhismus mißt der Kausalität große Bedeutung bei.

Das stimmt, doch der Buddha selbst mißbilligte das Aufstellen physikalischer und metaphysischer Theorien, und die großen Meister des Ch'an wollten überhaupt nichts davon wissen.

Soviel ich weiß, wird das neue Gesetz der Unbestimmtheitsrelation*, das an die Stelle des Kausalitätsgesetzes getreten ist, für den Bereich des Mikrokosmos generell akzeptiert. Muß dieses Gesetz nicht auch für den Makrokosmos gelten ?

Ich kann nicht einsehen, wie und warum das nicht so sein sollte. Größe ist eine sehr relative Sache.

Damit geht ein wesentliches und wichtiges Element der buddhistischen Lehre über Bord?

Ich weiß nur, daß es, soweit das Höchste Fahrzeug betroffen ist, keine wesentlichen Elemente der Lehre gibt und alles begriffliche Denken dort schon vor tausend Jahren über Bord ging.

Du nimmst es locker.


An Bord oder über Bord - welchen Unterschied macht es, ob die Erscheinungswelt (der Vorgang der Manifestation) durch ein Gesetz erklärt wird, das auf dem Begriff der Kausalität basiert, oder durch ein anderes, das auf dem Begriff der statistischen Wahrscheinlichkeit beruht?

Ursache-und-Wirkung scheinen unmittelbar auf der Hand zu liegen. Jeder kann sie in ihrem Wirken beobachten, und sie sind jahrhundertelang als offensichtlich akzeptiert worden.


Unbestimmtheit oder statistische Wahrscheinlichkeit ist auch einleuchtend, wenn man sich erst einmal an diese Vorstellung gewöhnt hat. Vielleicht steht sie mit metaphysischem Denken eher in Einklang als eine unerbittliche Kausalität, die Nâgârjuna und Chandrakirti* schlimme Kopfschmerzen bereitete, als sie herausfanden, daß dieses Gesetz einer strengen Untersuchung nicht standhielt.


Dann akzeptierst du also Unbestimmtheit?


Für wen in aller Welt hältst du mich eigentlich, daß ich es wagen könnte, die von gelehrten Physikern aufgestellten Gesetze zu akzeptieren oder abzulehnen?

Dennoch, diese Umwälzung hätte weitreichende Folgen, die, metaphysisch, sogar verheerend wären!


Wie könnte es von Wichtigkeit sein, welche Gesetze erfunden werden, um den Mechanismus der Manifestation zu erklären? Alle derartigen Gesetze sind gedankliche Konstrukte, jedes davon erfüllt genau denselben Zweck, und für jedes gilt gleichermaßen, daß es außerhalb der Erscheinungswelt weder existiert noch nicht existiert.

Dann kommt es also wirklich nicht darauf an?

Keine Form von Objektivierung hat irgendeine Spur von Eigennatur. Ob jemand am anderen Ende des Mikroskops Wellen oder Partikel, Zyklone oder Rühreier sieht - all dies sind Objekte. Was immer er zu sehen meint, ist letztlich das, was schaut; denn was könnte es sonst sein? Mir scheint, die Wissenschaft ist auf ihre eigene Weise zu diesem Schluß gelangt, denn inzwischen wissen sie, daß der Betrachter ein Faktor in jedem beliebigen ihrer Experimente ist.

Zweifellos, letzten Endes ist das so. Trotzdem ist es für den praktischen Aspekt der Metaphysik von Bedeutung, den Mechanismus der Manifestation zu begreifen.

Nun gut, also: Erforsche das Auftreten der Unbestimmtheit und warte ab, ob du nicht zu dem Schluß kommst, daß sie sehr wohl mit metaphysischem Denken übereinstimmt.

Welchen Aspekt dieses Denkens hast du da vor Augen ?

Einer sollte im Moment genügen, denn das Thema ist weit! Wenn es in der Kausalität schon keinen Platz für den (freien) Willen gibt, dann in der Unbestimmtheit natürlich erst recht nicht! Das wird dich recht weit fuhren - vielleicht weiter, als du in diesem Moment vermutest.

Selbst wenn dieses eine Beispiel ausreicht, bitte ich dich um weitere Erklärungen, um es zu stützen.

Jeder beliebige Faktor ist genug. Denn alle sind voneinander abhängig. Jedoch scheinen Ursache-und-Wirkung, auf Geschehnisse bezogen - da es keine davon betroffene Entität gibt -, dadurch eines wesentlichen Elements beraubt zu werden. Und die zahlenmäßige, wenn auch nicht qualifizierte Mehrheit der Buddhisten ist der Versuchung erlegen, ihre eingebildeten »Selbste« der Kausalität zu unterwerfen und so die Lehre ihres Meisters ad absurdum zu führen. Unbestimmtheit schließt dagegen jeden derartigen Kompromiß aus.


Da sich die Existenz einer Entität schwerlich der statistischen Wahrscheinlichkeit unterwerfen läßt!

Richtig: Sie zieht denjenigen, die versucht sind, an solchen Vorstellungen festzuhalten, den Boden unter den Füßen weg. Wenn Wille (der ebenfalls eine Entität voraussetzt) und Kausalität (die ohne Entität schlecht aussieht) beseitigt sind, gibt es wohl keine ernsthaften Schwierigkeiten, dein Denken an diese neue Vorstellung anzupassen. In der Tat gehe ich davon aus, daß du entdecken wirst, daß sie besser paßt, als es die Kausalität je tat.


Aber all die Lehren, die auf der Kausalität aufbauen ? Zum Beispiel karma und Wiedergeburt?


Nur Dogmen basieren auf Kausalität, und Dogmen sind von den Meistern des Höchsten Fahrzeugs verworfen worden, bevor die Wissenschaft je von Kausalität sprach. Sie sind ebenfalls seit tausend Jahren über Bord: unnötig, sie jetzt wieder herauszufischen!

Du bist unnachgiebig und kompromisslos!

Frage dich, ob Bodhidharma, Hui-neng oder Shen-hui kompromißbereit und nachgiebig gewesen wären oder es jemals waren. Verhältst du dich vielleicht nicht so, als würdest du immer noch von einem eingebildeten phänomenalen Zentrum aus schauen? Nichts, was wahr ist, kann von da aus gesehen werden! Als ich , denke daran, als ich bist du noumenal!"

Wei Wu Wei

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"I think human consciousness is a tragic misstep in evolution. We became too self-aware. Nature created an aspect of nature separate from itself, we are creatures that should not exist by natural law."

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Wu Offline




Beiträge: 416

27.02.2010 15:07
#2 RE: Kein Karma, keine Wiedergeburt antworten

Nisargadatta Maharaj (1897-1981) war ein Lehrer und Weiser der Advaita Tradition.

Nisargadatta Maharaj glaubte nicht an Wiedergeburt, trotz der Tatsache, daß die meisten Hindu-Schriften darin übereinstimmen, daß Wiedergeburt existiert. Was ist Deine Ansicht darüber?

Maharaj sagte immer, er spreche aus Gewißheit und Erfahrung. Was er äußerte, so machte er klar, stimme nicht immer mit den religiösen Schriften überein. Die Lehre von Maharaj akzeptierte das Konzept der Wiedergeburt nicht - und sie konnte es tatsächlich nicht akzeptieren. Von einem Körper kann man sagen, daß er »geboren« wurde und daß er »sterben« wird. Der Körper wird »geboren«, er wächst bis zum Erwachsensein, verändert sich bis ins hohe Alter, und »stirbt« schließlich - das heißt, der Körper stirbt und zerfällt unter der Erde oder wird verbrannt und zu Asche umgesetzt. Nach dem Tod löst sich der Körper vollständig und unwiederbringlich auf. Der Körper kann daher nicht wiedergeboren werden. Nach dem Tode vermischt sich der Atem mit der Luft, und die Empfindungsfähigkeit vereint sich mit dem universalen Bewußtsein.
Etwas, das nicht das Objektive ist, kann nur das Subjektive sein. Und das Subjektive kann nicht als subjektiv »existieren«, weil es formlos ist. Die einzige Existenzform ist die des Objektiven - und der Körper kann nicht wiedergeboren werden, nachdem er sich aufgelöst hat. Das Subjektive, oder genauer, das Nicht-Objektive, kann offensichtlich weder geboren werden noch sterben, ganz abgesehen vom Wiedergeborenwerden. Was könnte also überhaupt wiedergeboren werden?

Und was ist mit der »Seele« oder dem psychischen Körper - das was angeblich dem Karma unterworfen ist und deswegen in einem anderen Körper reinkarniert wird, um die Auswirkungen des Karmas zu erfüllen ?

Du beziehst Dich auf den Glauben an eine Anima, die angeblich die Geburt durchlebt, aber nie dem Tod unterliegt und von einem Körper zum anderen wechselt in der scheinbaren Abfolge der Zeit. Aber sicherlich muß solch eine Anima ein Objekt sein (das Nicht-Objektive ist eindeutig nicht an den Possen irgendeines Objektes interessiert), und ein Objekt kann nur ein Konzept sein und nichts anderes. Mit anderen Worten ist die Anima, als ein Objekt, nur ein Konzept; auf der anderen Seite ist jegliche Identifikation der Subjektivität mit einem phänomenalen Objekt als eine Wesenheit (und Wieder-Identifikation als eine Wesenheit bei Wiedergeburt!) lächerlich, weil Subjektivität nicht den leisesten Hauch von Objektivität besitzt und deswegen kein »Wesen« (als Wesenheit) hat.


Wie konnte der Begriff der Wiedergeburt überhaupt entstehen, wenn das Ganze so lächerlich ist?

Es ist die Identifikation mit einer vorgestellten, nicht vorhandenen, unabhängigen Wesenheit, von der angenommen wird, daß sie geboren wird, das Leben erfährt und stirbt. Die Identifikation gerät in den Prozeß der Kausalität, genannt Karma, und verursacht auch das Entstehen des Begriffes von Gebundenheit. Es ist immer die Vorstellung von einer Wesenheit, die irreführend ist — das Phänomen ist, wie sein Name beinhaltet, nur eine Erscheinung im Bewußtsein, die weder gebunden noch frei sein kann.

Sprach Maharaj nicht in verschiedenen Zusammenhängen von »Tausenden von Leben«?

Ja, das tat er, aber er bezog sich dabei eindeutig auf den Prozeß der Evolution. Maharaj wies oft auf das Traum-Spiel hin, das das Leben ist. In diesem zeitgebundenen Traum-Spiel, in dem empfindungsfähige Wesen jede Minute zu Tausenden erschaffen und zerstört werden, muß die Evolution offensichtlich die Grundlage für das Spiel von Nisarga (Leben) bilden. In der Blasenkammer des Atomphysikers befinden sich verschwindend winzige hoch-energetische »Elementarteilchen« (viele von ihnen haben eine Lebenszeit von weniger als einer millionstel Sekunde), die kollidieren und sich gegenseitig auslöschen oder neue Partikel erzeugen, die zum Entstehen einer neuen Kette von Ereignissen in der Manifestation führen. Ähnlich ist für jedes geborene Kind eine bestimmte Rolle vorgesehen, die es im Traum-Spiel zu spielen hat, so daß das Schauspiel in seinem unabänderlichen Verlauf fortschreiten kann. Das empfindungsfähige Wesen (das als bloße Erscheinung im Bewußtsein unmöglich die unabhängige Wahl der Handlung haben kann) wird erschaffen, um eine bestimmte Funktion zu erfüllen (ob nun als ein Hitler oder als ein Gandhi oder als unbedeutendes Individuum) - und nicht umgekehrt. Es ist nicht so, daß eine neue Funktion erschaffen wird, damit eine individuelle Seele oder Anima (oder was auch immer) bestraft oder belohnt wird für ihr Karma aus einem vergangenen Leben! Das vermutete Individuum ist in jedem Fall keine unabhängige, autonome Wesenheit - es erfüllt nur seine vorbestimmte Funktion, die den Weg bereitet für eine vorbestimmte Funktion eines anderen vermuteten Individuums in der Zukunft, gemäß der Bühnenanweisung des Traum-Spieles. Es muß notwendigerweise eine Kontinuität geben zwischen der Form, die stirbt, und der neuen Form, die geboren wird, weil die Evolution fortschreiten muß und die Natur nicht jedesmal ganz von vorne anfängt. Das ist ohne Zweifel der Grund, weshalb Mozart mit zwölf Jahren Musik komponieren und Jnaneshwar im Alter von sechzehn Jahren die Jnaneshwari hervorbringen konnte. Aber es besteht für ein konzeptuelles Individuum kein Grund, sich mit einer Serie von Leben in der zeitlichen Manifestation zu identifizieren.

Verkündete Buddha nicht die Wiedergeburt?

Nein, das tat er nicht. Buddha hat vielmehr gesagt: »Da es keine individuelle Seele gibt, gibt es keine Seelenwanderung; aber es gibt Taten und anschließende Auswirkungen der Taten. Die Taten werden getan, aber es gibt keinen Täter. Es gibt keine Wesenheit, die wandert, kein »Selbst« wird von einem Ort zum anderen übertragen; aber es gibt eine Stimme, die hier ertönt, und das Echo schallt zurück.« Könnte es je besser oder klarer gesagt werden?

Wenn man die Theorie über Wiedergeburt und Karma akzeptiert, dann taucht unweigerlich die Frage auf: » Welchem Karma war der erste Mensch unterworfen?«


Ganz genau. Alle Probleme entstehen nur dann, wenn die grundlegende Tatsache der phänomenalen Manifestation ignoriert wird: Die gesamte Manifestation ist einfach nur ein Konzept. Nichts wird erschaffen, nichts wird zerstört. Dies haben die Weisen seit undenklichen Zeiten gesagt. Und, in ihren reinsten Lehren wurde das Thema der Wiedergeburt von der Mehrzahl der Meister nicht einmal erwähnt.

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True Detective

Wu Offline




Beiträge: 416

27.02.2010 15:08
#3 RE: Kein Karma, keine Wiedergeburt antworten

„Frage: Wie kann man wissen, was nach dem Tod passiert?
Antwort: Frag einen, der gestorben ist.

Letzte Nacht habe ich geträumt, ich säße mit einem alten Freund im Restaurant beim Abendessen. Anschließend bestellten wir die Rechnung, aber bevor sie kam, wachte ich auf. Musste mein Freund jetzt meinen Anteil mitbezahlen?
Eine absurde Frage, wie jeder leicht einsehen wird. Das gilt auch für die Frage: „Was passiert nach meinem Tod?“ Die Frage verflüchtigt sich, wenn gesehen wird, dass ich eine Traumgestalt bin. Dann zeigt sich, dass es da keine „Ich-Person“ ist, die stirbt; und kein „Danach“, weil Zeit nur im geträumten Bewusstsein erzeugt wird; und schließlich kein „Tod“, denn Tod ist einfach das Erwachen vom Traum.
Wenn jemand da wäre, der beschließen könnte, sich keine Gedanken zu machen, würde ich sagen:“Mach dir keine Gedanken. Es geht schon in Ordnung.“
Das denkende Bewusstsein kann sich die eigene Auslöschung nicht vorstellen. Angesichts des scheinbaren Todes im Traum spinnt es Geschichten über seinen eigenen Fortbestand nach dem Tod. Diese Geschichten sind alle wie Versuche einer Antwort auf die Frage: „Wer begleicht im Restaurant die Rechnung des Träumers, der vor ihrem Eintreffen aufwacht?“ Etliche Geschichten dieser Art sind uns allen wohl bekannt. Die meisten drehen sich irgendwie um Belohnung für ein gutes Leben (was auch immer darunter verstanden werden mag) und Strafe für ein Leben voller Missetaten. Sie locken und schüchtern ein, versprechen uns spirituelle Reichtümer, um dann wieder mit Höllenqualen zu drohen.
Eigentlich gibt es Milliarden von Geschichten dieser Art, denn jede einzelne Traumgestalt hat ihre eigene, an die sie glaubt. Meine Vorstellung von Erlösung durch das Blut des Opferlamms sieht anders aus als deine. Deine Vorstellung von Wiedergeburt als Gott, Mensch, Tier, hungriger Geist oder Dämon wird sich von der des neben dir Meditierenden unterscheiden.
Es gibt aber auch ein paar durchgängige Themen in den Geschichten, die um den Tod gesponnen werden. Es gibt Regeln, die eingehalten werden müssen. Es gilt, sich in der rechten Weise zu bemühen. Es gibt schlechte Taten, die zu meiden, und gute Taten, die zu üben sind. Belohnung wartet, wenn man den Anweisungen des Pastors, Priesters, Lama, Guru, Yogi oder Swami folgt.
Als Zeuge für diese Regeln wird mal der Buddha, mal Jesus, mal Krishna angerufen. Es werden Strafen, gern auch Foltern angedroht, um dich zum Festhalten am rechten Weg zu ermuntern. In manchen besonders grausamen Geschichten, christlichen zum Beispiel, dauert die Bestrafung die ganze Ewigkeit. In etwas menschlicheren Geschichten, buddhistischen z.B., ist die Zeit der Strafen unvorstellbar lang, aber doch endlich. Und man muss nicht einmal ein ganzes Nonnenkloster ausradieren oder vollgedröhnt an wüsten Orgien teilnehmen, um sich ein seliges Jenseits zu verscherzen. Für manche genügt es, sonntags zum Tanz zu gehen.
Manche sind geistig so beschaffen, dass sie Gespenster, Kobolde, Erdgeister, Klabautermänner und dergleichen Spukgestalten erscheinen lassen können. Auch das macht dem Geist Hoffnung auf ein Weiterleben nach dem Tod.
Für viele Sucher handelt die überzeugendste und verlockendste dieser Geschichten über den Tod von Karma und Wiedergeburt. So etwas hört der Verstand mit seiner Vorliebe für Gerechtigkeit gern, denn nach dieser Geschichte ist alles irgendwie gerecht, und das lässt alles persönliche Leid erträglicher erscheinen.
Die Karma-Geschichte besagt, dass jedem einer Handlungen exakt ihrer Natur entsprechende Früchte tragen wird. Das kann aber unmöglich für dieses gegenwärtige Leben gelten, wo es ja den „Bösen“ oft so gut geht und viele „Unschuldige“ leiden müssen.
Deshalb kommt die Karma-Geschichte eigentlich nur zusammen mit der Wiedergeburtsgeschichte vor. Sie erklärt jede scheinbare Ungerechtigkeit und wischt sie vom Tisch, seien es Geburtsfehler, die von Despoten zusammengerafften Milliarden oder ein Stolpern beim Treppensturz und gebrochenem Bein. Der Verstand empfindet diese Geschichte als äußerst befriedigend. Wenn mich einer misshandelt und es ihm in diesem leben trotzdem gut geht, wird er in einem anderen zu leiden haben, wenn er nämlich als Kröte wiedergeboren wird. Wenn meine Selbstlosigkeit, Selbstverleugnung, Askese in diesem Leben kein entsprechender Lohn zuteil wird, dann winkt mir zumindest eine günstige Wiedergeburt. Vielleicht habe ich dann eine ungewöhnlich umfangreiche Aura, die mir Anhänger zuführt, denen ich dann beibringen kann, wie man Erleuchtung findet.
Die Idee von Karma und Wiedergeburt entspringt dem Glauben an ein vom Willen gelenktes handeln. Willentliches Handeln beinhaltet den Entschluss, etwas zu tun, das heisst die Ausübung des freien Willens. Wenn gesehen wird, dass da niemand ist, wird gleichzeitig klar, dass willentliches Handeln völlig unmöglich ist. Es gibt niemanden, der zu Entschlüssen, welcher Art auch immer, kommt. Ursache und Wirkung fallen weg, sobald gesehen wird, dass alles scheinbare Handeln einfach nur aus dem Nichts erscheint und keinerlei Willensausübung daran beteiligt ist.
Wer sich jedoch Erklärungen des persönlichen Leidens wünscht, die den Verstand zufrieden stellen, kann sich aus einem gewaltigen Vorrat religiöser Überzeugungen bedienen. Es gibt so viele Religionen, von ganz asketischen bis zu überaus prunkvollen, dass sicher für jeden Geschmack etwas dabei ist. Hier das härene Gewand und die Geißel, dort scharlachrote Gewänder und ein Schwelgen im Anblick goldener Statuen. Wir können uns von zölibatär lebenden Männern über ein ordentliches Sexualleben aufklären lassen oder uns auf ein Paradies freuen, von dem aus wir voller Genugtuung unten in der Hölle unsere Feinde schmoren sehen werden.
Dann gibt es auch weltliche Religionen wie den Sozialismus oder die Rettung des Planeten. Und schließlich lassen sich Säkulares und Spirituelles verbinden, und jeder kann sich seine eigene Religion zimmern: Transzendentale Politik, Psychotherapeutischer Buddhismus, Öko-Tantra.

Im Prinzip kann jede Religion unser Verlangen nach Sinn und Zweck befriedigen und Erklärungen für persönliche Leiden geben. Mit Freiheit hat das alles nichts zu tun.“

Richard Sylvester

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True Detective

Wu Offline




Beiträge: 416

27.02.2010 15:15
#4 RE: Kein Karma, keine Wiedergeburt antworten

"Es gibt
keine Geburt und keinen Tod
keine Fortdauer und kein Verlöschen
keine Einheit und keine Vielheit
kein Kommen und kein Gehen."

Nagarjuna

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True Detective

seneca Offline

religiöser Atheist


Beiträge: 641

16.07.2010 16:39
#5 RE: Kein Karma, keine Wiedergeburt antworten

guter thread, der leider eingeschlafen ist. Hier wird ziemlich überzeugend begründet, das die karmalehre aus einem übetriebenen kausalitätsgedanken heraus unsinnig ist. Muss das aber noch genau studieren.

Wu: Als ich , denke daran, als ich bist du noumenal!
Was heisst das? Ein Noumenon (im Gegensatz zum Phainomenon, Erscheinung) ist ein Gedankending, Idee, Begriff ohne Gegenstand. Uff, das ist doch vom alten Kant.

Wu:Alles, was du verstehst, verstehst du nur durch Konzepte über es.
- Ja, klar. Unsere Erkenntnis beruht auf zwei Pfeilern der Sinnlichkeit [Sinneserfahrungen] und dem Verstand.
Die Sinnlichkeit ist das Vermögen, Vorstellungen zu empfangen, und diese Vorstellungen sind Anschauungen.
Der Verstand ist das Vermögen, die Fähigkeit Vorstellungen selbsttätig hervorzubringen, und diese Vorstellungen sind (in Sprache gefasste) Begriffe (= Konzepte). Gedanken ohne Inhalt sind leer, Anschauungen ohne Begriffe sind blind (Kant).

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RELIGION IST HEILBAR! (Buch von J. Hochstrasser, Ex-Priester)
Denken ist eine Anstrengung; Glauben ein Komfort (Ludwig Marcuse).
Das Leben ist eine mißliche Sache; ich habe mir vorgesetzt, es damit hinzubringen, über dasselbe nachzudenken (Schopenhauer). - Ich würde nur an einen Gott glauben, der zu tanzen verstünde (Nietzsche, Zarathustra).

EinReisender Offline




Beiträge: 2

20.01.2018 17:41
#6 RE: Kein Karma, keine Wiedergeburt antworten

Hallo,
zugegeben, sehr interessant!
Es erscheint doch im Wsentlichen abstrakt genug, sodass Worte nicht genügen. Selbst sichtbares Bild erscheint nicht dazu in der Lage dieses Phänomen begreiflich zu machen. Aus diesem Grund ist es die Erfahrung als Subjekt, die das "Objektive" ersichtlich macht. Der Natürlichkeit der Existenz liegt es inne, die Möglichkeiten in alle Richtungen auszubreiten. Was existiert, existiert noch lange nicht. So wie das Nicht-Existente dennoch existiert.
So gibt es keine Verneinung in dem was besteht oder vergeht.

Entgegen der Meinungen (egal ob durch Erfahrung oder erdacht) sind die Möglichkeiten der Identität als Subjekt weiter zu begreifen, als allein die Identität als Individuum. So ist Identität flexibel im Erscheinen und begreift sich selbst als Repräsentation des Existierenden. Doch wenn Identität oder Entität nicht existiere, würde dieses nicht entwickelt werden.
Sowohl die Identität, als auch die Erscheinund an sich ist linear geprägt. Zu bestreiten das lineare, bedingte und damit die Kausalität würde absolut nicht existieren, wäre in meinen Augen fatal. Ebenso fatal wäre es, eben diese absolut zu verneinen. Ewigkeit bedingt alle erdenklichen Möglichkeiten und selbst, was im Gegenwärtigen nicht zu erfassen scheint. Dies inkludiert jegliche Möglichkeiten als gegeben.

Gruß,
Reisebegleiter

-- Alles ist, was nichts ist. Doch ist nichts, was ist. --

Gruß,
Reisebegleiter

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"Ich bin völlig anderer Meinung als Sie. Aber ich werde mein Leben dafür einsetzen,
dass Sie sie sagen dürfen!" (Voltaire)

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