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Dieses Thema hat 589 Antworten
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 Philosophie und Wissenschaft
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seneca Offline

religiöser Atheist


Beiträge: 621

01.03.2018 09:50
#526 Der Monismus - die materialistische Metaphysik antworten

Vorbemerkung: Metaphysik befasst sich hier nicht mit übernatürlichen Dingen, sondern ist Ontologie, Lehre / Theorie vom Sein, d.h. Letztbegründung des Seins, der Welt.
Ich bin im Antiquariat wieder einmal auf ein interessantes Büchlein gestossen*), wo u.a. die Philosophie von Ernst Haeckel vorgestellt wird, der mir schon vorher bekannt war.

Ernst Haeckel (1834-1919) war Zoologie-Professor (und äusserst populärer Philosoph) und grosser Anhänger und Verbreiter der Lehre Darwins in Deutschland. So vertrat er die interessante (aber anscheinend wissenschaftlich nicht ganz haltbare) Vorstellung, dass der Mensch vom Embryostadium bis zur Geburt die ganze Evolution vom Einzeller über das Fisch- und Lurchstadium etc. durchmache. Hier ist die Theorie zu ergänzen, dass der Mensch von der Kindheit an die ganze kulturelle Entwicklung der Menschheit vom homo soundso bis zum modernen Menschen durchmacht.

Haeckel machte mit dem Buch “Die Welträtsel” (erste Auflage 1899 mit 300’000 Expl.) Furore, wo er seine materialistische Weltanschauung vertrat. Seine materialistische Metaphysik nannte Haeckel MONISMUS. Dies im Gegensatz zur dualistischen Weltanschauung des christlichen Theismus. Der Dualismus [“Zweiheit”] zerlegt das Universum (gedanklich) in zwei ganz verschiedene “Substanzen”: die materielle Welt und den “immateriellen Gott”, der ihr als [angeblicher] "Schöpfer, Erhalter und Regierer gegenüber stehen bzw. übergeordnet sein soll. Der Dualismus geht zurück auf Platons “Ideenhimmel”: Die realen Gegenstände auf der Welt sind nur unvollkommene Exemplare der jeweiligen Ideen. Zu erwähnen ist auch der Dualismus von Descartes: die res extensa (das ausgedehnte Ding) und die res cogitans (das denkende Ding, der “Geist”). Descartes gilt mit seinem (subjektiven) Zweifel an allem, ausser dass er es ist, der zweifelt (“cogito ergo sum”), als Begründer der modernen Philosophie. Für ihn war “Gott” als philosophische Kategorie noch eine Selbstverständlichkeit; der “Same des Atheismus” war aber schon gesät.

Schon der deutsch-französische materialistische Philosoph Dietrich “Thiry” (Baron) D’Holbach (1723-1789) bekämpfte den Dualismus (Materie - Geist bzw. Gott) aufs schärfste und lehrte im Buch “System der Natur”, dass die Materie, die keineswegs “tot” sondern “bewegt” sei, die Potenz/Möglichkeit in sich selbst besitze, alle Erscheinungen der Natur selber hervor zu bringen und zu entwickeln. Es gibt und braucht kein ausser- oder überweltliches geistiges Agens (“Antreibendes”). Die Materie (von lat. mater = Mutter) ist in ständiger Bewegung (vgl. die Bewegung der Atome oder den Herzschlag im Menschen). Auch ein scheinbar ruhender Stein drückt mit gleichbleibender Kraft auf die Erde (quasi eine statische Bewegung). Für am philosophischen Atheismus Interessiert ist es wichtig, den Monismus völlig zu verstehen.

Der Monismus erkennt im Universum nur eine einzige “Substanz”, die Gott und Natur zugleich ist, schreibt J. Hessen, auf dessen Darstellung ich mich stütze. Das ist missverständlich, denn “Gott” ist gar keine Kategorie: Die Welt oder die Natur ist keine Person, sondern die Gesamtheit der Erscheinungen, als Ausdruck des (unpersönlichen überall wirkenden) Willens, sagt Schopenhauer, für den Gott auch kein Thema war. Die Erfindung eines überweltlichen, absoluten (losgelösten) Gottes, mit dem notwendig immer die falsche Vorstellung einer Person mit Wissen und Willen verbunden ist (die der Mensch aus sich selber nimmt), durch die spätantike Philosophie nach dem Vorbild des israelitischen Stammesgottes ist bei genauer Überlegung etwas völlig Fremdes und Abstruses für die Natur-Philosophie. Der Mensch ist von der Natur und in der Natur und kann sich trotz aller metaphysischen Spekulation über die Natur nicht erheben (D’Holbach).

Körper und Geist (oder Materie und Energie) seien für den Monismus nach Haeckel untrennbar verbunden. Häckel löst das “Substanzproblem”, indem er sich auf die zwei naturwissenschaftlich richtigen Gesetze bezieht: das chemische von der Erhaltung des Stoffes und das physikalische von der Erhaltung der Kraft (Energie), d.h. weder Materie noch Energie verschwinden ins Nichts; jedes Atom bleibt erhalten. Indem er den Geist mit der Energie gleichsetzt, macht Häckel eine falsche Analogie (Zugeständnis an den Dualismus), denn Energie und Materie sind im Endeffekt das Gleiche, wie allgemein bekannt ist. Aber Häckel wusste noch nichts von der Einsteinschen Formel E = m*c².

Mit seiner Analogie Stoff (Materie) und Kraft bzw. Körper und Geist beruft sich Haeckel nicht ganz richtig auf Spinoza, für den alles “Gott” ist - wie Hessen zu Recht kritisiert - indem er (Haeckel) überschwänglich ausruft: Wir halten fest an der monistischen Auffassung von Spinoza: Die Materie als die unendliche ausgedehnte Substanz, und der Geist (bzw. die Energie nach Haeckel), als die empfindende oder denkende Substanz (hier spukt ihm die kartesische “res cogitans” im Kopf herum), sind die beiden Attribute oder Grundeigenschaften des “allumfassenden göttlichen Weltwesens”, der universalen Substanz. - Jeder kann diese universale Substanz (metaphysisch) bezeichnen, wie er will (da braucht es keinen Theismus): C.G. Jung spricht vom unus mundus (eine Welt), Giordano Bruno von der Weltseele. Damit ist meiner Meinung nach aber kein personales Wesen gemeint. In diesem Sinne lehne ich auch die Gaia-Hypothese ab.

“Geist”, mit dem ich mich schon oft beschäftigt habe, ist gemäss meiner Überzeugung keine “Substanz”, sondern sinnvolle/nützliche Information für organisch gebaute, also lebendige, Wesen. Ein Stein braucht keine Information. Im eigentlichen Sinn ist Geist nichts anders als Denken. Ich werde das bei der Behandlung von Max Scheler näher ausführen.

Trotz dieses Überschwangs in der metaphysischen Formulierung ist Haeckel ein Vertreter des materialistischen Monismus oder kurz Materialismus, wie Hessen richtig feststellt.

Mit dem von Haeckel aufgestellten Monismus fallen auch die drei philosophischen Zentraldogmen nach Kant: Gott, Freiheit und Unsterblichkeit dahin. Für die moderne Wissenschaft ist der Gottesbegriff [den ich als verfehlt ablehne, weil damit immer die Projektion eines menschenähnlichen Wesens verbunden ist] nur dann noch haltbar, wenn man in “Gott” die letzte unerkennbare Ursache aller Dinge erblickt, den unbewussten hypothetischen Urgrund der Substanz. Gott ist für Haeckel nicht als eine kosmische Potenz, deren Annahme noch dazu eine rein hypothetische [spekulatives Wunschdenken] ist.

Ebenso negativ ist Haeckels Stellung zur Idee der Willensfreiheit [hier kommt nach Kant zur Ontologie plötzlich eine ethische Kategorie dazu], welche für ihn nicht haltbar ist. D’Holbach und Schopenhauer verneinen die Willensfreiheit ebenfalls. Dies weil: Der Mensch wird ständig bewegt von bewussten oder unbewussten Motiven. Der Verbrecher kann sich nicht auf die fehlende Willensfreiheit berufen; auch die Angst vor Strafe ist eine Motiv. Der Mensch ist übrigens auch nicht frei, sich für oder gegen “Gott” zu entscheiden, wie die Evangelikalen meinen.

Die Unsterblichkeit der Seele [eine Wahn- oder Wunschvorstellung] lehnt Haeckel radikal ab: “Die Seele ist durch die grossartigen Fortschritte der modernen Biologie (insbes. der Gehirnforschung, was heute noch mehr gilt) als Inbegriff einer Summe von Gehirnfunktionen erkannt worden. Die Tätigkeit des Gehirns erlischt mit dem Tode, und es erscheint vollkommen absurd, trotzdem eine persönliche Unsterblichkeit der Seele annehmen zu wollen. - Als metaphysisches Zugeständnis kann man m.E. einen “immateriellen Seelenfunken” bejahen, die sich mit dem Tod mit der “All-Seele” vereinigt. Damit will ich sagen, das man das Feld der Metaphysik nicht den Mono-Theisten mit ihrem Geschwurbel von "Gott" überlassen soll. Es gibt auch eine atheistische Metaphysik. Der grosse Fehler, den Hessen übrigens macht, ist, dass er unbesehen Geist mit “Gott” gleich setzt; das ist unredlich.

All diese (seine) Thesen betrachtet Haeckel als “objektiv anerkannte Ergebnisse der modernen Wissenschaften”. Damit bekunde er aber einen völligen Mangel an philosophischer Bildung, schreibt J. Hessen, denn die Wissenschaft (im Sinne der empirischen Forschung) könne niemals über Weltanschauungsfragen irgendetwas ‘ausmachen’, und es sei einfach unsinnig, hier von Ergebnissen moderner Wissenschaft zu reden. Was Hessen da schreibt, ist unsinnig. Die Wissenschaft (z.B. Rotation der Planeten, Evolutionslehre, Satz von der Erhaltung der Materie/Energie) hat ständig die Weltanschauung und damit die Philosophie in höchstem Masse beeinflusst.

Zur philosophischen Bildung von Ernst Haeckel und seinem Umfeld verweise ich auf Heinrich Schmidt (1874-1935), Schullehrer, Dr. phil. (promoviert in Zürich), Privatsekretär und Nachlassverwalter von Ernst Haeckel, Begründer eines philosophisches Wörterbuchs, erste Auflage 1912) mit vielen weiteren Auflagen, seit 1948 weiter geführt von Georgi Schischkoff. Aktuell ist die vollständig neu von Martin Getzmann bearbeitete 23. Auflage von 2009. Für den philosophisch interessierten Laien sind auch die älteren Auflagen hilfreich und interessant.

Quelle:
Johannes Hessen: Die Philosophie des 20. Jahrhunderts (1951)
Anmerkung: Man kann auch von den Gegnern eines Philosophen viel Wissenswertes über diesen erfahren. So wissen wir nur von Irenäus von Lyon (contra haereses), was für verschiedene “Irrlehren” im Mittelalter verbreitet wurden.

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Ich würde nur an einen Gott glauben, der zu tanzen verstünde
(Nietzsche, Zarathustra).

seneca Offline

religiöser Atheist


Beiträge: 621

02.03.2018 11:24
#527 Dualismus: Die Verdoppelung der Welt antworten

Das Hauptroblem mit dem Dualismus ist, dass hier unsauber gedacht wird und argumentiert wird, wie die Darstellung des Haeckelschen Monismus durch Johannes Hessen zeigt (vorheriger Post), indem er der Materie / Gott (eine quasi-Person) gegenübergestellt wird (was schon ein Unsinn ist), aber meistens ein oder “der Geist” (eine quasi-Substanz) gemeint ist. Oder das Durcheinander, die Verwirrung zwischen "Gott" und "Geist" wird absichtlich gemacht.
Diese Problem mal gründlich durchgedacht zu haben, ist für den philosophischen Atheismus wichtig. Das wurde aber bisher verunmöglicht aus falschem Respekt vor der Religion und die Unterdrückung der entsprechenden philosophischen Schriften.

Wie kam es zu dieser Geist- Gottesvorstellung? Darüber gibt das Kapitel über die "natürliche Theologie" im "System der Natur" von D'Holbach Auskunft.
Auszugehen ist vom Menschen, der die Gottes-bzw. Geistvorstellung entwickelt hat.
Ich habe die uralt Übersetzung (vom franz. Original auf Deutsch) vom Internet etwas bearbeitet.

Der Mensch ist [im Grunde] ein durch und durch materielles Wesen. Er kann nur von dem einige Begriffe [Verständnis] haben, als was, gleich ihm, selbst materiell ist, d.h. was auf seine Sinnes-Organe wirken kann, oder wenigstens Beschaffenheiten besitzt, die mit den seinigen in einem Verhältnis stehen. - Er erkennt nur das in der Natur, was in seinem Wesen eine Entsprechung hat. Nach Kant gibt es keine Erkenntnis jenseits der (sinnlichen) Erfahrung, und alle Erfahrung stammt aus der materiellen Welt.
[Nach Schopenhauer ist der Mensch zwar ein animal metaphysicum, das heisst aber nur, dass er einen Hunger nach Metaphysik, Religion (Metaphysik für das Volk) etc. hat. Das ist auch die Ursache, dass er Gottes-Vorstellungen entwickelt hat.]

Notwendigerweise legt der Mensch (seinem ausgedachten) Gott materielle Eigenschaften bei, obgleich die Unmöglichkeit, diesen Gott auf irgend einer Seite zu er-fassen, Ursache gewesen ist, dass er denselben als “geistig”, und von der Natur oder materiellen Welt verschieden (eben geistig, d.h. flüchtig und nicht fassbar) zu denken versucht hat.

Man muss entweder gleichgültig sein, ob man selber versteht (was man glaubt), oder man muss materielle Vorstellungen von einem Gott hegen, welchen man (in der Vorstellung) zum Schöpfer, Erhalter [und Herrscher] und einzige Bewegungsursache der [angeblich toten] Materie macht. Vergeblich mag der menschliche Geist all seine Kräfte aufbieten; nie wird er begreifen können, dass materielle Wirkungen von einer immateriellen Ursache herstammen, oder das diese Ursache mit materiellen Wesen im Verhältnis stehen können soll.
- Das ganze Gelaber vom "Gott der Philosophen" als Erstursache oder Urheber des Urknalls (welche Theorie die Theisten freut) ist eine Scheinerkenntnis und eine unbewiesene Behauptung für das eigene Gemüt. Wir können uns in Wahrheit gar nicht vorstellen, was der Urknall war, wenn überhaupt einer stattgefunden hat. -

Und eben hierin [in der "geistigen Natur Gottes"] liegt der Grund, durch welchen die Menschen sich in der Notwendigkeit sahen, ihrem Gott moralische Eigenschaften anzudichten, wobei sie vergessen, dass ein solches, bloss geistiges Wesen weder ihre (leibliche) Organisation, noch ihre Begriffe (von der Welt), noch ihre Denk- und Handlungsweise, und mithin nichts von dem haben kann, was sie Vernunft, Weisheit, Güte, Zorn, Gerechtigkeit usw. nennen. Genau genommen setzen die moralischen Eigenschaften, welche man der Gottheit beilegt, dieselben als materiell voraus, und die abstraktesten theologischen Begriffe gründen auf nichts anderem als einem Anthropomorphismus (“Menschengestaltheit”]. - Das schrieb D'Holbach schon vor über 250 Jahren.

Die Theologen können, trotz all ihren Spitzfindigkeiten sich nicht anders helfen: Gleich uns allen Menschen kennen sie nur Materie und haben keinen wirklichen Begriff von einem "reinen Geist" [der Gott sein soll]. Wenn sie vom göttlichen Verstand, göttlicher Weisheit und göttlichen Absichten sprechen, so sind dies durchaus menschliche Beziehungen, welche sie der Gottheit andichten, und ohne sich Gedanken zu machen, einem Wesen aufdrängen, das, seiner (angeblichen) Beschaffenheit nach, derselben gar nicht fähig ist [und auch gar nicht nötig hat]. In der Tat, wie kann man einem [angeblich vollkommenen] Wesen, das nichts bedarf, sondern sich selbst genug ist, dessen Entwürfe eben so geschwind ausgeführt sein müssten, als sie entstanden sind, Willensregungen, Leidenschaften und Begierden [z.B. nach Lobpreisung durch die Menschen] beilegen.

Seneca: Die anthropomorphe Gottesvorstellung ist ein unauflösbarer Widerspruch (eine Aporie) in sich.
Ein solcher [über allem stehende] Gott, den man uns schildert, kann keine menschlichen Beschaffenheiten haben, denn diese sind jederzeit die Folge unserer besonderen (leiblichen) Organisation, unserer Bedürfnisse, unserer Einrichtung, und beziehen sich auf die menschliche Gesellschaft, in der wir leben. - Der Mensch ist bekanntlich ein gesellschaftliches Wesen (zoon politikon).

Die Theologen bemühen sich vergeblich, die moralischen Eigenschaften, welche sie ihrem Gott beilegen, [ins Unermessliche] zu vergrössern, in Gedanken zu übertreiben, und durch Verfeinerung [Sublimation] immer vollkommener zu machen. Vergeblich sagen sie uns, jene (ihm beigelegten) Eigenschaften wären bei Gott ganz anders beschaffen, sie wären unendlich, vollkommen etc. Indem sie sich dieser Sprache bedienen, verstehen sie selber nicht, was sie sagen. Sie können dies nur insofern begreifen, als sie mit denjenigen Eigenschaften, die sie selbst fühlen, Ähnlichkeit haben (eben Anthropomorphismus).
- Alles, was wir über Gott denken und sagen, nehmen wir aus unserer Person. Gott ist eine menschliche Projektion.

Nicht zufrieden mit einer physischen Kraft und einer wirkenden Natur, mit einer alles hervorzubringen fähigen Materie, wollen sie derselben ihr ursprünglich innewohnenden Energie rauben [ihr absprechen], um damit einen neuen [erfundenen] "Geist" auszuschmücken, wobei sie gezwungen sind, diesen (gedanklich) zu einem quasi-materiellen [personalen] Wesen umzuschaffen, um ihn verständlich zu machen.

Die menschliche Seele ist das Muster, nach welchem sie die “Weltseele” oder die geheime Macht, welche die Welt in Bewegung setzen soll [sc. "Gott"], erdacht/erdichtet haben. Nachdem sie das Wesen des Menschen verdoppelt haben (Leib - Seele), verdoppeln sie auch die Natur [Welt - Geist], und denken sich dieselbe durch eine Verstandeskraft [Logos der Stoiker] bewegt. In der Unmöglichkeit, jenen angeblichen Urheber der Bewegungen der Welt [“erster Beweger”, Aristotele] ebenso wie die Kraft, welche sie in willkürlicher Weise von ihrem eigenen Körper unterschieden haben, näher zu kennen, haben sie daraus einen "Geist", d.h. eine “unbekannte Substanz” gemacht. Weil es ihnen von einem solchen "Geist" an Begriffen [Verständnis] fehlt, so schlossen sie daraus, dass diese “geistige Substanz” viel edler sei, als die Materie [Materie ist minderwertig; "Geist" höherwertig, s. auch die spätantike Leibfeindlichkeit], welche sie EINFACHHEIT zu nennen beliebt haben, die aber nichts Anderes ist als die Wirkung ihrer metaphysischen Abstraktionen [sprich Spekulation]. Und diese “geistige Substanz” soll immun sein gegen Auflösung, Trennung und alle anderen Veränderungen, welchen die (menschlichen) Körper unleugbar unterworfen sind.
- Wie gesagt, ist diese anthropomorphe Gottesvorstellung bzw. Geist-Vorstellung (die Vermischung zeigt schon die Unklarheit im Denken) eine unauflösbarer Widerspruch.

Seneca: Was die “antiken Heiden” mit Quellen, einzelnen Bäumen oder Bergen gemacht haben, indem sie in diesen einen Gott oder eine Göttin bzw. Geist am Wirken sahen, haben die christlichen Theologen mit der ganzen Welt, dem Kosmos gemacht, indem sie den jüdischen Stammesgott der Bibel zum angeblichen Weltenurheber und -herrscher aufgebläht haben.

Quelle
Dietrich D’Holbach (Pseudonym Mirabaud) “Systeme de la nature” (1770)
"Vom natürlichen Begriff der Theologie" (6. Kap.)

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Gysi Offline

Atheist


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02.03.2018 13:30
#528 Dualismus: Die Verdoppelung der Welt antworten

Zitat von Seneca
Nicht zufrieden mit einer physischen Kraft und einer wirkenden Natur, mit einer alles hervorzubringen fähigen Materie, wollen sie derselben ihr ursprünglich innewohnenden Energie rauben [ihr absprechen], um damit einen neuen [erfundenen] "Geist" auszuschmücken, wobei sie gezwungen sind, diesen (gedanklich) zu einem quasi-materiellen [personalen] Wesen umzuschaffen, um ihn verständlich zu machen.

Warum war denn der Mensch mit einer "bloßen Natur" als Schöpfer aller Dinge nicht zufrieden? Das hat nmM was mit seiner eigenen Produktionserfahrung zu tun: Der Mensch plant und schafft! Er betätigt seinen schöpferischen Geist, und so machte er den Faustkeil, die Speere, den flauschigen Wintermantel aus Mammutfell. Bald schon musste er sich die Frage gestellt haben: Und wer erschuf UNS? Seine schmale Produktionserfahrung extrapolierte er auf die große Meta-Bühne - so erschuf er den (geistigen) Schöpfergott! Das Große schafft das Kleinere. Von der Evolution direkt vor seiner Nase - die uns das Gegenteil zeigt: nämlich, dass das Kleine das Größere schafft - wusste er noch nichts. Aber diese - "aus Unwissenheit geborene" (Bertrand Russell) - Gottesidee hält die Menschheit immer noch gefangen - so atavistisch sie auch ist.

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"Ich bin vom Glauben zum Wissen konvertiert!" (Hamed Abdel-Samad)

Reklov Offline




Beiträge: 4.045

03.03.2018 12:01
#529 RE: Dualismus: Die Verdoppelung der Welt antworten

Zitat
Von der Evolution direkt vor seiner Nase - die uns das Gegenteil zeigt: nämlich, dass das Kleine das Größere schafft - wusste er noch nichts. Aber diese - "aus Unwissenheit geborene" (Bertrand Russell) - Gottesidee hält die Menschheit immer noch gefangen - so atavistisch sie auch ist.

Gysi,

... also das ist nun, sowohl gedanklich wie auch sachlich, noch unvollständig, denn - man darf die Unwissenheit unserer Vorfahren über die Evolution nicht gleich voreilig zum Negieren des "Gottesgedankens" verwenden wollen! -

Aus dem Kleinen entwickelten sich (ich meine, nach "programmartig vorgegebenen Gesetzen/Infos") die Schritte vom Kleinen ins Große hinein. Aber - auch das ist nur die halbe Wahrheit, denn bekanntlich haben sich auch manche Lebensformen (im Tier- und Pflanzenreich) vom Großen ins Kleine zurückentwickelt. Wie mir der Vortrag eines Ornithologen in unserem Naturkundemuseum einst vermittelte, sind z.B. alle Vogelarten, bis hinunter zum kleinen Spatz, verkleinerte Ausgaben ihrer einstigen Vorfahren, den großen Flugsauriern. Eine Beamer-Prjektion ließ dies am fast indentischen Skelettaufbau von Flugsaurier und kleinem "Piepmatz" deutlich werden. Das Evolutionsprogramm, welches auch auf entsprechende Umweltreize reagiert, ließ auf der Hornhaut des Flugsauriers nach und nach ein "Federkleid" (zunächst nur wenige haarige Büschel) entstehen und machte so die Spezies der Vögel immer unabhängiger von stark wechselnden Temperaturverhältnissen, gab ihnen damit einen weiteren Pluspunkt zum Überleben.

Bertrand Russell würde ich entgegnen:
Eine Gottesidee kann den Menschen ja nicht nur "gefangen" halten - sondern ihn auf der anderen Seite vom Starren auf sich und die Materie befreien, ihn also über seine hier beobachtbare kurze Lebensstrecke hinaustragen, ihn zu weitertragenden Gedankenwegen führen.
B. Russel hat mit seiner Sicht auf die Religionen nicht nur die "Sinnfrage" vollkommen ausgeklammert, sondern behauptete auch, dass das Christentum hauptsächlich auf die Angst setze. Dem könnte man entgegnen, dass die "Macher des Christentums" diese schändliche Praxis gerne und oft ausübten. Diese "Angst" mag aber auch einem guten Zweck gedient haben, indem sie so manch verbrecherisches Vorhaben durch das Einschalten des sog. "schlechten Gewissens" lähmen konnte.

B.Russells Vorwurf, das Christentum sei sexualfeindlich, stellt sich nun unter der Oberfläche auch etwas anders dar, weiß man z.B. doch um die bürgerlichen "Badehäuser", die in vielen mittelalterlichen Städten rege besucht wurden, sowie um die lebenslustigen Vorkommnisse in manchen Männer- und Frauenklöstern, bis hinauf zum Vatikan.
B.Russells Frage, ob denn das Christentum nützliche Beiträge zur Zivilisation beigetragen habe, kann man schon mit einigen Beispielen des Fleißes und der gewissenhaften Verantwortung für das Gemeinwohl belegen - und das nicht nur im puritanischen Sinn.

B.Russell meinte auch, dass viele strenggläubige Menschen so reden, als wäre es die Aufgabe der Skeptiker, überkommene Dogmen zu widerlegen, und nicht die der Dogmatiker, sie zu beweisen, was natürlich ein Fehler sei. - Aus seiner Sicht mag dies gelten, aber man kann dem auch leicht entgegnen, dass ein Dogma allein, nun niemals die volle und ganze Wahrheit über "Gott" beinhaltet, sondern höchstens als ein "Startsignal/Aufforderung" zum Nachdenken über sich und die Welt aufgefasst werden kann.

B.Russells Aussage, dass, wer ein Philosoph werden will, sich nicht vor Absurditäten fürchten darf, gefällt mir gut, denn das Nachdenken über Gott (weniger über die versch. Dogmen) ist hier als Aufforderung zum Aufbruch in das Land der freien Gedanken zu verstehen. - Die Theosophie oder die Religionsphilosophie versuchen sich an dieser schwierigen Aufgabe. Auch war zu lesen, dass der Vatikan jedes Jahr ein Symposion in seinen Gärten veranstaltet, bei dem führende Wissenschaftler über die neuesten Erkenntnisse aus ihren versch. Fachgebieten berichten können.

Gruß von Reklov

Gysi Offline

Atheist


Beiträge: 16.612

03.03.2018 14:05
#530 RE: Dualismus: Die Verdoppelung der Welt antworten

Zitat von Reklov
... also das ist nun, sowohl gedanklich wie auch sachlich, noch unvollständig, denn - man darf die Unwissenheit unserer Vorfahren über die Evolution nicht gleich voreilig zum Negieren des "Gottesgedankens" verwenden wollen!

Wie ist denn deiner Meinung nach der Gottesgedanke in die Menschenwelt gekommen?

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Reklov Offline




Beiträge: 4.045

03.03.2018 22:22
#531 RE: Dualismus: Die Verdoppelung der Welt antworten

Zitat
Wie ist denn deiner Meinung nach der Gottesgedanke in die Menschenwelt gekommen?

Gysi,

... dazu könnte man mehrere Ansätze formulieren. Ich will dazu nur 2 Möglichkeiten anbieten:

1.) Der "homo faber", welcher mit einfachsten Werkzeugen etwas "herzustellen/zu schaffen" begann, muss sich wohl früher oder später zurecht gefragt haben, wer denn wohl in "geschaffen" haben könnte.

2.) Als der Mensch nach und nach aus der Stufe des Tierbewusstsein heraustrat und sich den Erscheinungen der Welt immer bewusster gegenüber sah, stellte er unschwer fest, dass sie alle nicht sein "Werk" waren. - Die sich dann daraus entwickelnden Schamanen und Priesterkasten verbreiteten nun erfolgreich ihre versch. Glaubenssätze, nutzten die Unwissenheit der ratlosen Massen für ihre Vorteile aus. Manchmal, wenn sich jedoch neue Gottesgedanken durchsetzen konnten, wurde ihnen dies schnell zum Verhängnis.

Bis heute hat das zunehmende Wissen über die Zusammenhänge im materiellen Bereich zwar manche darin geschulten Menschen zu großartigen techn. Leistungen/Lösungen angespornt, dafür ist aber das Wissen um die sog. spirituellen Bereiche regelrecht verkümmert. Stattdessen hat sich die Mehrzahl der Erdenbürger lieber dem Götzen Mammon verschrieben, nur um an den Scheinfreuden der überall angebotenen schnelllebigen Konsumgüter in vollen Zügen teilnehmen zu können.
Wo das wohl hinführen soll/kann?

Gruß von Reklov

seneca Offline

religiöser Atheist


Beiträge: 621

03.03.2018 23:25
#532 RE: Dualismus: Die Verdoppelung der Welt antworten

Zitat von Gysi im Beitrag #528
Warum war denn der Mensch mit einer "bloßen Natur" als Schöpfer aller Dinge nicht zufrieden? Das hat nmM was mit seiner eigenen Produktionserfahrung zu tun: Der Mensch plant und schafft! Er betätigt seinen schöpferischen Geist, und so machte er den Faustkeil, die Speere, den flauschigen Wintermantel aus Mammutfell. Bald schon musste er sich die Frage gestellt haben: Und wer erschuf UNS? Seine schmale Produktionserfahrung extrapolierte er auf die große Meta-Bühne - so erschuf er den (geistigen) Schöpfergott! Das Große schafft das Kleinere. Von der Evolution direkt vor seiner Nase - die uns das Gegenteil zeigt: nämlich, dass das Kleine das Größere schafft - wusste er noch nichts. Aber diese - "aus Unwissenheit geborene" (Bertrand Russell) - Gottesidee hält die Menschheit immer noch gefangen - so atavistisch sie auch ist.

Die "blosse Natur" als "Schöpfer aller Dinger", diese quasi philosophische Vorstellung ist überhaupt viel später erfolgt. Die Menschen hatten keine Begriff von der Natur als Ganzheit. Die Welt mit all ihren Dingen, Pflanzen Tieren etc, in der sie sich befanden, war für sie teils rätselhaft, teils bedrohliche, aber an sich selbstverständlich gegeben. Sie sahen in irgendwelchen Tieren Kräfte am Werk, z.B. die "Seele" des Mammuts, das sie gefahrvoll jagdenund mit magischen Praktiken beeinflussen wollen; das ist anzunehmen (s. die Höhlenzeichnungen). Magie und Zauberei (Schamanismus), also gewissermassen die lebenspraktische Religionsausübung war viel wichtiger.
Abends am Lagerfeuer dachten sie sich Geschichten aus über die Entstehung der Welt und der Menschen (s. Schöpfungsmythen der Urvölker). Die alten Ägypter hatten eine ganze Reihe Schöpfungsgötter für Himmel, Erde, Wind, Feuchtigkeit. Diese Dinge wurden in der Vorstellung personalisiert. Mit dem homo faber ("Handwerker-Mensch") gebe ich dir recht. Der Mensch schliesst von sich auf Götter-Wesen als Urheber gewisser Phänomene(z.B. Blitze). Angesichts der komplizierten Welt mit all ihren Kräften und Gefahren und der «Komplexbeladenheit» des Menschen selber ist die Vorstellung eines einzigen (angeblich) allmächtigen Hochgottes etwas der Natur der Menschen völlig entgegen Gesetztes. Für die «zivilisierten Missionare war der biblischen Gott mit dem merkwürdigen Blutopfer in Form seines gekreuzigten Sohnes höherwertig als die Religion der «Wilden». Diese konnten z.T. mit den christlichen Vorstellungen nichts anfangen.

Zitat von Reklov im Beitrag #529
Bertrand Russell würde ich entgegnen:
Eine Gottesidee kann den Menschen ja nicht nur "gefangen" halten - sondern ihn auf der anderen Seite vom Starren auf sich und die Materie befreien, ihn also über seine hier beobachtbare kurze Lebensstrecke hinaustragen, ihn zu weitertragenden Gedankenwegen führen.

Solche Spekulation bereiten ein Wohlgefühl (z.B. der Gedanke an einen "lieben Gott", den man den Kindern erzählt), aber man muss nicht jeden Unsinn glauben. Die Theisten müssen sich gefallen lassen, dass ihre Argumente geprüft werden.

Zitat von Reklov im Beitrag #529
B. Russel hat mit seiner Sicht auf die Religionen nicht nur die "Sinnfrage" vollkommen ausgeklammert, sondern behauptete auch, dass das Christentum hauptsächlich auf die Angst setze. Dem könnte man entgegnen, dass die "Macher des Christentums" diese schändliche Praxis gerne und oft ausübten. Diese "Angst" mag aber auch einem guten Zweck gedient haben, indem sie so manch verbrecherisches Vorhaben durch das Einschalten des sog. "schlechten Gewissens" lähmen konnte.

Religion, v.a. das Christum, ist nicht nur Sinnstiftung sondern v.a. auch Angstbewältigung. Lebensangst ist ein Existenziale (Heidegger), d.h. notwendigerweise mit dem Leben verbunden. Das Christentum gibt eine Erklärung für diese existierende Angst (Sündhaftigkeit, Ferne von Gott) und bietet gleichzeitig das Heilmittel im Glauben an einen Erlöser an, der die ganze Welt (nicht nur die Menschen) angeblich gerettet hat. Die theologischen Behauptungen sind megalomanisch (grössenwahnsinnig). Zum Teil wurde die Angst durch Hinweis auf die Höllenstrafe verstärkt. Dieser Unfug wird heute nicht mehr praktiziert.

Zitat von Reklov im Beitrag #529
B.Russells Vorwurf, das Christentum sei sexualfeindlich, stellt sich nun unter der Oberfläche auch etwas anders dar, weiß man z.B. doch um die bürgerlichen "Badehäuser", die in vielen mittelalterlichen Städten rege besucht wurden, sowie um die lebenslustigen Vorkommnisse in manchen Männer- und Frauenklöstern, bis hinauf zum Vatikan.

Solche zeitweiligen, vereinzelten Eskapaden, wie in den Badehäusern und Frauen-Häusern im Mittelalter und in der frühen Neuzeit ändern nichts daran, dass das Christentum mit der Betonung des Jenseits als die eigentliche, bessere Welt, grundsätzlich leibfeindlich ist: "Materie ist niedrig, 'Geist' ist rein und vollkommen", das gehört heute noch unterschwellig zum Grunddogma des Christentums seit der Spätantike.

Zitat von Reklov im Beitrag #529
B.Russells Frage, ob denn das Christentum nützliche Beiträge zur Zivilisation beigetragen habe, kann man schon mit einigen Beispielen des Fleißes und der gewissenhaften Verantwortung für das Gemeinwohl belegen - und das nicht nur im puritanischen Sinn.

Es geht hier nicht um die kulturellen und wirtschaftlichen Errungenschaften des Christentums bzw. des Calvinismus. Diese sind unbestritten, ändern aber an der (meiner) Religionskritik am Mono-Theismus in Form des Christentums nichts. Beim Islam ist alles noch viel schlimmer.

Zitat von Reklov im Beitrag #529
B.Russell meinte auch, dass viele strenggläubige Menschen so reden, als wäre es die Aufgabe der Skeptiker, überkommene Dogmen zu widerlegen, und nicht die der Dogmatiker, sie zu beweisen, was natürlich ein Fehler sei. - Aus seiner Sicht mag dies gelten, aber man kann dem auch leicht entgegnen, dass ein Dogma allein, nun niemals die volle und ganze Wahrheit über "Gott" beinhaltet, sondern höchstens als ein "Startsignal/Aufforderung" zum Nachdenken über sich und die Welt aufgefasst werden kann.

Es liegt an den Dogmatiker, ihre Behauptungen zu beweisen oder zumindest nachvollziehbar zu begründen. Dann können sie kritisiert werden.

Zitat von Reklov im Beitrag #529
B.Russells Aussage, dass, wer ein Philosoph werden will, sich nicht vor Absurditäten fürchten darf, gefällt mir gut, denn das Nachdenken über Gott (weniger über die versch. Dogmen) ist hier als Aufforderung zum Aufbruch in das Land der freien Gedanken zu verstehen. - Die Theosophie oder die Religionsphilosophie versuchen sich an dieser schwierigen Aufgabe. Auch war zu lesen, dass der Vatikan jedes Jahr ein Symposion in seinen Gärten veranstaltet, bei dem führende Wissenschaftler über die neuesten Erkenntnisse aus ihren versch. Fachgebieten berichten können.


Man muss das Absurde ansehen und darüber nachdenken; es ist aber nicht zu loben. Tertullian soll gesagt, «credo quia absurdum», ich glaube, (gerade) weil es absurd ist. Aber das ist kein überzeugendes Argument für den betreffenden Glauben. Die Theosophie von Madame Blavatsky ist Spekulation in höchstem Masse, wobei sie alles Mögliche u.a. altägyptische Vorstellungen darin verwurstete. Die Theosophie kann man nicht mit Religionsphilosophie vergleichen. Diese ist etwas ganz anderes. Religionsphilosophie - das, was ich seit Jahren versuche - macht sich Gedanken über die Ursprünge, Gründe und das Wesen der Religionen und des Menschen durch Vergleich der verschiedenen Religionen (Betrachtung ihrer Dogmen) und ihrer Geschichte (Veränderung in der Zeit).
Wissenschaft: Dass man im Vatikan höchst erfreut ist über die Urknall-Fiktion ist klar, bestätigt der Urknall doch die Vorstellung einer creatio ex nihilo.

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RELIGION IST HEILBAR! - Denken ist eine Anstrengung; Glauben ein Komfort (Ludwig Marcuse).
Ich würde nur an einen Gott glauben, der zu tanzen verstünde
(Nietzsche, Zarathustra).

Gysi Offline

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04.03.2018 09:16
#533 Dualismus: Die Verdoppelung der Welt antworten

Zitat von Reklov
1.) Der "homo faber", welcher mit einfachsten Werkzeugen etwas "herzustellen/zu schaffen" begann, muss sich wohl früher oder später zurecht gefragt haben, wer denn wohl in "geschaffen" haben könnte.

Ja, und so sehe ich es doch auch! Der Mensch extrapolierte seine (schmalen) Produktionserfahrungen auf die große Meta-Bühne! => Der menschliche Geist schaffte den Faustkeil. Und der göttliche Geist - uns! So denkst du auch, und dir kommt nicht in den Sinn, dass diese Denkart eine Änderung der Parameter erfahren konnte? (Evolution)

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Reklov Offline




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04.03.2018 10:50
#534 RE: Dualismus: Die Verdoppelung der Welt antworten

Zitat
Der menschliche Geist schaffte den Faustkeil. Und der göttliche Geist - uns! So denkst du auch, und dir kommt nicht in den Sinn, dass diese Denkart eine Änderung der Parameter erfahren konnte? (Evolution)

Gysi,

... ganz so "neandertalmäßig" sollte man sich Schöpfungsbilder nun auch nicht ausmalen wollen! - Es bleibt z.B. auch vorstellbar, dass der "göttliche Geist" lediglich die Naturgesetze, den Raum und die kleinsten Materiebausteine "schuf", um dann bei deren Entwicklung, dem Spiel der Kräfte und den durch Naturgesetze geregelten kosmischen Abläufen einfach nur "zuzuschauen". (?) - Es bleiben aber noch andere "Denkmodelle", die man in Sprache kleiden könnte. Tatsache ist: Über solche Dinge weiß der Mensch allerdings NICHTS. Wäre dem nicht so, gäbe es auch keine Religionen und Philosophien, denn es würde ja alles klar ersichtlich vor uns ausgebreitet sein.

Gruß von Reklov

Reklov Offline




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04.03.2018 11:27
#535 RE: Dualismus: Die Verdoppelung der Welt antworten

Zitat
Solche Spekulation bereiten ein Wohlgefühl (z.B. der Gedanke an einen "lieben Gott", den man den Kindern erzählt), aber man muss nicht jeden Unsinn glauben. Die Theisten müssen sich gefallen lassen, dass ihre Argumente geprüft werden.

seneca,

... erstens ist der "liebe Gott" nicht immer lieb, denn in seinem Reich herrschen auch unerbittliche Konsequenzen, die wir auch als zu lernende Lektionen deuten könnten! - Zweitens wurde/wird ja auch in den Büchern der versch. Wissenschaften Unsinn verzapft und die "Predigten" der Fachleute werden vorbehaltlos von den Medien an das große Publikum weitergegeben, als ob niemand verstehen will, wenn Wissenschaftler ihre Berechnungen/Beobachtungen nicht selten nur vorsichtig als Theorie bezeichnen.

Zitat
Lebensangst ist ein Existenziale (Heidegger), d.h. notwendigerweise mit dem Leben verbunden. Das Christentum gibt eine Erklärung für diese existierende Angst (Sündhaftigkeit, Ferne von Gott) und bietet gleichzeitig das Heilmittel im Glauben an einen Erlöser an, der die ganze Welt (nicht nur die Menschen) angeblich gerettet hat.

Jesus durchschaute die Ängste seiner Zeitgenossen und die Bibel zitiert ihn so: "In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden". (Joh 16,33; LUT) Der "Rettergedanke" bezieht sich auf die seelische Vereinsamung und Verlorenheit des Menschen. Er ist auch in der heutigen Zeit nicht aus der Welt, denn hohlköpfige Ersatzbefriedigungen, auch das Anhaften an Süchten und verfehlten Zielsetzungen sind nur ein trauriger Ausschnitt, des menschlichen Makels, der sich auch über Bilder seines Elends zeigt.

Zitat
"Materie ist niedrig, 'Geist' ist rein und vollkommen", das gehört heute noch unterschwellig zum Grunddogma des Christentums seit der Spätantike.

Man muss solche Aussagen auch in ihrem Zeitrahmen betrachten. Materie ist zumindest kurzlebig/vergänglich, auch an Krankheiten, Triebe und Aggressionen gebunden. Der Geist ist rein und deswegen fängt jede schlechte Handlung ja auch mit unreinen Gedanken in einem unreinen Menschen an. Diesen "reine Geist" muss sich jeder Mensch aber erst hart erarbeiten. Dass dies nicht oft gelingt, sieht man ja leicht an den verlogenen Zuständen in unseren Gesellschaften. Dieses würde ich nun eher als "größenwahnsinnig" bezeichnen wollen, als die Worte Jesu, welche uns durch die Bibel u.U. nur bruchstückhaft überliefert wurden. Was die "Macher" der Kirchenkonzerne daraus fabrizierten, steht noch mal auf einem anderen Blatt!

Zitat
Es liegt an den Dogmatiker, ihre Behauptungen zu beweisen oder zumindest nachvollziehbar zu begründen. Dann können sie kritisiert werden.

Solches sollte dann aber auch für manche Behauptung sog. wissenschaftlicher Fachkreise gelten, die mit all ihren Theorien und Vermutungen, welche sie aus Beobachtungen und Messergebnissen ziehen, vor das große Publikum treten.

>> Das Wort Theosophie (von griech. θεοσοφία für „Göttliche Weisheit“) ist eine Sammelbezeichnung für mystisch-religiöse und spekulativ-naturphilosophische Denkansätze, die die Welt pantheistisch als Entwicklung Gottes auffassen, alles Wissen direkt auf Gott beziehen und in dieser Verbindung Gott oder das Göttliche auf einem Weg intuitiver Schauung unmittelbar zu erfahren trachten. Theosophische Züge finden sich unter anderem in den mystischen Lehren von Jakob Böhme, Friedrich Christoph Oetinger, Paracelsus, Emanuel Swedenborg und Louis Claude de Saint-Martin, der jüdischen Kabbala und der russischen Religionsphilosophie.

Davon ist die unter dem Namen Theosophie begründete Geheimlehre der Okkultistin Helena Petrovna Blavatsky (1831–1891) zu unterscheiden, die sich auf Inhalte indischer Religiosität und Spiritualität bezieht und den Anspruch erhebt, einen gemeinsamen wahren Kern in allen Religionen aufzeigen zu können. << (Quelle: Internet)

Gruß von Reklov

Gysi Offline

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04.03.2018 11:56
#536  Dualismus: Die Verdoppelung der Welt antworten

Zitat von Reklov
... ganz so "neandertalmäßig" sollte man sich Schöpfungsbilder nun auch nicht ausmalen wollen!

Du sollst ja auch nicht malen, wie du die Bilder haben möchtest, sondern naheliegend ableiten. Schön nach Ockhams Rasiermesser, wenn's und weil es nicht besser geht. Und das tust du mit dem "homo faber" (wie seneca) ja auch! Aber das eigentlich Ausreichende reicht dir nicht... Zu "neandertal"mäßig, zu unfein... Da muss unbedingt der Gottesgeist rein... Nein, muss er nicht! Der Menschengeist ist zum Gottesgeist extrapoliert worden! Aber diesem Gottesgeist muss etwas unterstellt werden, was der Menschengeist nicht hat: Ursachenlosigkeit! Woher kommt Gott? Diese Frage kannst du nicht beantworten. Damit hat die Extrapolation auch ihren logischen Bruch!

Zitat
Tatsache ist: Über solche Dinge weiß der Mensch allerdings NICHTS.

Mehr als vor 4.000 Jahren.

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Reklov Offline




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05.03.2018 12:16
#537 RE: Dualismus: Die Verdoppelung der Welt antworten

Zitat
Der Menschengeist ist zum Gottesgeist extrapoliert worden! Aber diesem Gottesgeist muss etwas unterstellt werden, was der Menschengeist nicht hat: Ursachenlosigkeit! Woher kommt Gott? Diese Frage kannst du nicht beantworten. Damit hat die Extrapolation auch ihren logischen Bruch!

Gysi,

... so zu denken, betrachte ich persönlich als einen Fehler, denn für mich ist der Menschengeist mehr ein Abglanz des allumfassenden Geistes. Wäre dem nicht so, bräuchten wir ja auch nicht suchen und forschen, sondern hätten alles Wissen bereits klar ausgebreitet vor uns liegen.
Die Frage, woher Gott kommt, vermag keiner zu beantworten - dem Gläubigen genügt es jedoch, dass Gott ist.

Rückschlüsse, wie man sie aus der Extrapolation zu machen pflegt (z.B. in der Mathematik), sind bei der Gottesfrage nicht möglich, da wir hier überhaupt keine Vergleichswerte zur Verfügung haben. So versagt denn auch jeder Versuch einer Hochrechnung beim Nachdenken über den Begriff "Gott".
Dies kann aber, sowohl beim Gläubigen, wie beim Atheisten, entweder Desinteresse, Ablehnung oder gar Aggressionen auslösen.

>> Der kritische Geist des Menschen vertraut in erster Linie lieber den Versuchen, den Erfahrungen, wie auch den wissenschaftlichen Formeln und Theorien, die auf der Basis solcher Erfahrungen entwickelt und durch sie bestätigt wurden. Es gibt aber keine Vernunftgarantie, dass dies auch für Glaubensfragen anzuwenden wäre. Dank des wissenschaftlichen Erfolges, lassen wir unser Denken größtenteils von ihm beherrschen. Wir setzen also gerne und optimistisch auf die Verlässlichkeit der Mathematik, vergessen dabei aber gerne, dass ihre Logik die Bedeutung, das Wesen der sprachlichen Logik nicht einfach ungültig/unbedeutend machen kann.
Schon in der historischen Rekonstruktion menschlichen Wissens stoßen wir auf eine bisher lächerlich kurze Zeitstrecke, zieht man hierzu vergleichend kosmische Maßstäbe heran.
Auf der Suche nach Argumenten für oder gegen "Gott" halten sich viele lieber an das, was sie vernünftigerweise für Wissen oder wohlbegründete Annahmen halten und sehen nicht ein, warum sie nicht ihr Maß und Vertrauen auf dieses generelle Prinzip setzen sollten.

R.Descartes meinte zu Recht, dieses generelle Prinzip sei in zwei unterschiedlichen Hinsichten auf eine Idee oder geistige Vorstellung anzuwenden. Hinsichtlich dieser Vorstellung als eines Ereignisses lässt sich fragen, was sie hervorgebracht hat oder wie es zu ihr kam. Es lässt sich aber auch fragen, woher sich ihr INHALT herleitet. Eine zufriedenstellende Erklärung muss beiden Aspekten genügen.
Um nun den Ihalt einer Idee zu erklären, verwendet Descartes den Begriff der "objektiven" Realität einer Idee, die aus der "formalen" Realität dessen, von dem sie die Idee ist, stammen soll.
Damit generalisiert er nur eine Annahme, die in all unseren gewöhnlichen Wahrnehmungen enthalten ist:
Normalerweise gehen wir fast selbstverständlich davon aus, dass es in der Außenwelt Dinge gibt, die wenigstens annähernd so beschaffen sind, wie unsere Wahrnehmungen sie darstellen, und das unsere Wahrnehmungen in ihrer besonderen Art auf sie ursächlich zurückgehen. Und wie Descartes räumen wir ein, dass es nicht gewiss oder noch nicht einmal vernünftig ist anzunehmen, alle Teile unserer geistigen Inhalte gingen in dieser Weise auf entsprechende äußere Wirklichkeiten zurück.
R.Descartes legte folgenden Gedankengang zugrunde:
"Ich besitze von Gott den ungewöhnlichen Begriff von einem unendlich mächtigen, unendlich vollkommenen Wesen, das das gesamte Universum erschaffen hat und im Dasein erhält."
(Quelle: J.L. Mackie)

Dazu füge ich an: Wer nun meint, R.Descartes als einen Mann aus vergangenen Zeiten sehen/beurteilen zu müssen, mag gerne andere persönliche Theorien zu seinem persönlichen Dasein innerhalb des kosmischen Seins entwickeln. Wenn er nun gar beginnt, diese schriftlich zu formulieren, wird er, früher oder später, auf die bekannten Grenzen menschlichen Denkvermögens stoßen.

Gruß von Reklov

Gysi Offline

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05.03.2018 13:49
#538 Dualismus: Die Verdoppelung der Welt antworten

Zitat von Reklov
.. so zu denken, betrachte ich persönlich als einen Fehler, denn für mich ist der Menschengeist mehr ein Abglanz des allumfassenden Geistes.

Und wieder die selbe atavistische Schlussfolgerung aus der Geburtenphase der Religionen => Nur das Große schafft das Kleine! Es ist aber umgekehrt! Denn: Wer hat das Große erschaffen? Du stetzt beharrlich Gott als zwingend und wahr voraus, ohne ihn erklären zu können! Das kann ein Menschengeist ja auch nicht, dazu ist Gott zu groß! Aber ist er deswegen umso wahrer? Das ist doch absurd gedacht! Unlogisch, das Gegenteil von logisch, verknotet, logisch inkonsequent. Da hilft es auch nicht, der "Transzendenz" (die niemand sieht und kennt) eine eigene Logik anzudichten.

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Reklov Offline




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10.03.2018 12:53
#539 RE: Dualismus: Die Verdoppelung der Welt antworten

Zitat
Du stetzt beharrlich Gott als zwingend und wahr voraus, ohne ihn erklären zu können! Das kann ein Menschengeist ja auch nicht, dazu ist Gott zu groß! Aber ist er deswegen umso wahrer? Das ist doch absurd gedacht! Unlogisch, das Gegenteil von logisch, verknotet, logisch inkonsequent. Da hilft es auch nicht, der "Transzendenz" (die niemand sieht und kennt) eine eigene Logik anzudichten.

Gysi,

... abgesehen davon, dass die Wortformel "Gott" hier im Forum nie zufriedenstellend decodiert werden konnte, ist es schon mal nicht richtig, dass die Entwicklung immer vom Kleinen ins Große geht - denn - sie kann während der Evolutionsstrecke, auch wieder (wie z.B. in der Vogelwelt) ins Kleine zurückstreben. - Abgesehen davon braucht es aber (nach menschlicher Erfahrung!) für jede Entwicklung zunächst mal ein Konzept oder eine Art Programm. Die Frage ist nun, ob denn Atome sich solche Programme selber schreiben oder Naturgesetze aufstellen konnten/können, um somit manches kosmische Chaos zu einer Ordnung zu formen/gruppieren? -
Ich meine: NEIN.

Übrigens sollte man geistig Großes von körperlich Großem noch mal trennen. Man sieht ja, wie viele Informationen bereits in einem einzigen winzigen männlichen Samenfaden verpackt sind.

Gruß von Reklov

Gysi Offline

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10.03.2018 13:07
#540 Dualismus: Die Verdoppelung der Welt antworten

Zitat von Reklov
... abgesehen davon, dass die Wortformel "Gott" hier im Forum nie zufriedenstellend decodiert werden konnte, ist es schon mal nicht richtig, dass die Entwicklung immer vom Kleinen ins Große geht - denn - sie kann während der Evolutionsstrecke, auch wieder (wie z.B. in der Vogelwelt) ins Kleine zurückstreben.

Ja, gemäß den Entwicklungsbedingungen! Aber die Generallinie ist vom Einzeller zum Menschen! Die Evolution zeigt, dass kein Demiurg die Pflanzen und Tiere schaffte. Das ist doch wohl ein völlig anderes Schöpfungskonzept als das, das wir Menschen aus unsereren ersten Produktionserfahrungen heraus auf die große Metabühne extrapolierten! Du greifst da bestimmte Entwicklungsphasen raus - das ist spitzfindig und ablenkend vom Generellen. Du SIEHST, wie die große Schöpfungslinie ist. Aber du ignorierst sie, und beharrst auf die Denkleistungen unserer Altvorderen vor (mehr als) 4.000 Jahren, die z.B. die Evolution nicht erkannten!

Zitat
Die Frage ist nun, ob denn Atome sich solche Programme selber schreiben oder Naturgesetze aufstellen konnten/können, um somit manches kosmische Chaos zu einer Ordnung zu formen/gruppieren? -
Ich meine: NEIN.

Daher meinst du, dass ein Demiurg die Programme geschrieben haben muss. So wie die Informatiker die Computerprogramme schreiben. Ist es lauter - so wie damals - unsere Produktionserfahrungen auf die große Meta-Bühne zu kopieren? Und beharrlich die Frage ausklammern, woher denn dieser (doch verblüffend menschengleiche) Gott kommt? Ich meine: NEIN!

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Reklov Offline




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11.03.2018 11:59
#541 RE: Dualismus: Die Verdoppelung der Welt antworten

Zitat
Die Evolution zeigt, dass kein Demiurg die Pflanzen und Tiere schaffte. Das ist doch wohl ein völlig anderes Schöpfungskonzept als das, das wir Menschen aus unsereren ersten Produktionserfahrungen heraus auf die große Metabühne extrapolierten!

Gysi,

... die Produktionstechniken eines so gedachten "Demiurgen" sind uns allen (auch Dir!) völlig unbekannt! - Unsere Kenntnisse darüber ähneln einem Neandertaler, von dem man verlangt, er solle mal das Herstellungsverfahren eines smartphones genau beschreiben.

Zitat
Du SIEHST, wie die große Schöpfungslinie ist. Aber du ignorierst sie, und beharrst auf die Denkleistungen unserer Altvorderen vor (mehr als) 4.000 Jahren, die z.B. die Evolution nicht erkannten!

Ich ignoriere die Evolution keinesfalls, sehe aber auch, dass sie lediglich den uns bekannten/zugänglichen Entwicklungsweg des Lebens aufzeigt - und nicht mehr. Unter einer "Schöpfungslinie" darf man aber nicht nur die Geschichte unseres Planeten verstehen, sondern müsste in der Lage sein, - über Zeit- und Raumgrenzen hinweg - das Ganze, das uns umgreift, zu übersehen. Davon aber sind wir alle noch sehr weit entfernt und stehen mit unserem Detailwissen nun auch nicht viel schlauer da, als die Altvorderen vor mehr als 4000 Jahren.
Wenn Du dies mal verinnerlichst, stehst Du den heutigen wissenschaftlichen "Vermessungen der Welt" auch anders gegenüber.

Gruß von Reklov

Gysi Offline

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11.03.2018 16:07
#542 Dualismus: Die Verdoppelung der Welt antworten

Zitat von Reklov
... die Produktionstechniken eines so gedachten "Demiurgen" sind uns allen (auch Dir!) völlig unbekannt!

Mir ist gar nicht bekannt, dass es einen solchen Demiurgen überhaupt gibt! Mir scheint es aber naheliegend zu sein, dass die Schöpfergläubigen ihr Schöpferkonzept an Prämissen festhalten, die es vor 4.000 Jahren gab. Aber mit der Evolutionstheorie gibt es ein anderes, ein überzeugenderes!

Zitat
sondern müsste in der Lage sein, - über Zeit- und Raumgrenzen hinweg - das Ganze, das uns umgreift, zu übersehen.

"Umgreift" ist eines meiner Hassworte aus der Philosophie! Sowas Aufgeblasenes und Nichtssagendes!

Zitat
Davon aber sind wir alle noch sehr weit entfernt und stehen mit unserem Detailwissen nun auch nicht viel schlauer da, als die Altvorderen vor mehr als 4000 Jahren.

Oh doch. Du auch, eigentlich. Aber du willst es nicht! Die Aufklärung hat uns vom Gottglauben weg in die Physik und die Biologie gebracht. Sie ist der gewaltigste Umbruch in der abendländischen Philosophiegeschichte. Und der ist für dich - NICHTS?

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Reklov Offline




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11.03.2018 17:13
#543 RE: Dualismus: Die Verdoppelung der Welt antworten

Zitat
Mir ist gar nicht bekannt, dass es einen solchen Demiurgen überhaupt gibt!

Gysi,

... uns Menschen ist noch vieles "nicht bekannt" - auch ein Forum-Leiter Gysi darf dies akzeptieren.

Zitat
Mir scheint es aber naheliegend zu sein, dass die Schöpfergläubigen ihr Schöpferkonzept an Prämissen festhalten, die es vor 4.000 Jahren gab.

Nicht alles, was das sog. "alte Wissen" hervorbrachte, ist überholt.
Beispiel: Das drehbar befestigte Rad, also „unendlich“ drehbar um eine Achse, konnte mit Steinwerkzeugen angefertigt werden. Als Erste wendeten anscheinend im 5. Jahrtausend v. Chr. Töpfer am Indus dieses Prinzip bei der Keramikherstellung als Töpferscheiben an.
Hinweise auf die Anwendung als Wagenrad finden sich zuerst nur in mittelbaren Darstellungen, wie z. B. Einritzungen auf einem Gefäß der Trichterbecherkultur in Bronocice bei Powiat Pińczowski (Polen). Als weiterer indirekter Nachweis gilt eine Fahrspur aus der Mitte des 4. Jahrtausends v. Chr. in einem Hünenbett bei Flintbek (Kreis Rendsburg-Eckernförde). (Quelle: Internet)

Zitat
Aber mit der Evolutionstheorie gibt es ein anderes, ein überzeugenderes!

Die Evolutionstheorie ist lediglich eine Theorie über die Abstammung/Verzweigung der Arten und kann den Gottesgedanken weder bestätigen, noch leugnen!

Zitat
"Umgreift" ist eines meiner Hassworte aus der Philosophie! Sowas Aufgeblasenes und Nichtssagendes!

Erstens sollte man nichts hassen (schon gar kein Wort!) und zweitens ist der Begriff keinesfalls "aufgeblasen", denn wir alle werden ja von etwas umgriffen: Von vielen Wirkursachen im Kosmos, einer uns entgegengebrachten Liebe, einer Idee, einer Leidenschaft etc.
Sicher, man könnte auch "ergriffen" sagen, wenn dies Deinen Hass schmälern kann. Die Bedeutung wäre dann aber schon eine etwas andere. "Umgriffen" werden wir stets dann, wenn es gegen unseren Willen, unsere Einsicht oder unseren Einfluss geschieht.

Zitat
Oh doch. Du auch, eigentlich. Aber du willst es nicht! Die Aufklärung hat uns vom Gottglauben weg in die Physik und die Biologie gebracht. Sie ist der gewaltigste Umbruch in der abendländischen Philosophiegeschichte. Und der ist für dich - NICHTS?

Sprichst Du jetzt plötzlich für alle (?), auch für diejenigen, die den Gottesgedanken, trotz Physik und Biologie, nicht abgelegt haben? Dass man materielle Substanzen untersuchen, ihre Regularien erkennen kann, bestätigt lediglich, was schon SPINOZA sagte: >> Je mehr Realität oder Sein jedes Ding hat, desto mehr Attribute kommen ihm zu. <<

Beweis: >> Denn ein Attribut ist das, was der Verstand an der Substanz als zu ihrem Wesen gehörig erkennt, folglich muss es durch sich begriffen werden. <<

Meine Ansicht dazu: Durch Untersuchungen an Substanzen kann man keinerlei Rückschlüsse auf die Existenz oder Nichtexistenz eines so gedachten "Höheren Wesens" schließen. Vertreter der versch. Meinungen/Weltdeutungen müssen sich also weiterhin in Toleranz üben.

Gruß von Reklov

Gysi Offline

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11.03.2018 17:42
#544 Dualismus: Die Verdoppelung der Welt antworten

Zitat von Reklov
Nicht alles, was das sog. "alte Wissen" hervorbrachte, ist überholt.
Beispiel: Das drehbar befestigte Rad,

Du lenkst ab mit entkontextualisierten Erkenntnissen! Nur, um deinen Gott zu retten! Da gibt es nichts zu retten! Nur für deine Phantasie...

Zitat
Die Evolutionstheorie ist lediglich eine Theorie über die Abstammung/Verzweigung der Arten und kann den Gottesgedanken weder bestätigen, noch leugnen!

Das ist richtig - an sich, in sich. Aber wenn man davon ausgeht, aus was für Erfahrungen die (relativ) frühen Menschen ihre Gott- und Götter-Ideen herausholten, dann ist die Evolutionstheorie ein Erkenntniszugewinn, der die Schöpfungsphilosophie der Religionen exakt auf den Kopf stellt!

Zitat
Erstens sollte man nichts hassen (schon gar kein Wort!)

Ich liebe und ich hasse! Wer sich den Hass verbietet, kommt auch leicht dahin, sich die Liebe (und die Eigenliebe) zu verbieten.

Zitat
Durch Untersuchungen an Substanzen kann man keinerlei Rückschlüsse auf die Existenz oder Nichtexistenz eines so gedachten "Höheren Wesens" schließen. Vertreter der versch. Meinungen/Weltdeutungen müssen sich also weiterhin in Toleranz üben.

Richtig. Daher ist deine Gottesfixierung ja auch dummes Zeug! Du kannst die Ursachenkette soweit zurückverfolgen - per Empirie und dann mit immer mehr (naheliegender) Spekulation - aber deine Gottesfixierung hat nichts mit klarem Denken zu tun, sondern eher mit Manie... So nach dem Motto: Es MUSS so sein, es KANN NICHT anders sein, darum IST ES auch so - und es wird von mir höchstpersönlich aufgedeckt werden... Dieser Hoffnungsweg ist in deinen Synapsen festgetackert. Anders kann ich mir deine Widerspenstigkeit und deine Erkenntnisresistenz über die Jahre in unseren Diskussionen nicht erklären...

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seneca Offline

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29.03.2018 22:34
#545 Theologierprofessor Kehl: «Nein, ich glaube nicht an ein Jenseits» antworten

Theologierprofessor Kehl: «Nein, ich glaube nicht an ein Jenseits»

Der Theologe Othmar Kehl hat sich intensiv mit dem Leben nach dem Tod beschäftigt. Es gebe viele Möglichkeiten, [symbolisch] weiterzuleben, sagt er.

Lesenswerter Artikel von Michael Meier im Tagesanzeiger 29.03.2018 (Link am Ende),
mit dem sich intensiv zu beschäftigen sich lohnt. Deshalb hier im Volltext, mit Anmerkungen.

Gespräch mit dem Theologen Othmar Kehl

Vorbemerkung Othmar Kehl ist ein international bekannter Theologe. Er war von 1977 bis 2002 Professor für alttestamentliche Exegese und biblische Umwelt an der katholisch-theologischen Fakultät Freiburg. Seine weltweite Kongress- und Lehrtätigkeit hat ihn berühmt gemacht. Seine Werke zur Erforschung der Bildwelt des Alten Orients haben teils ein neues Verständnis alttestamentlicher Texte ermöglicht. 2005 hat der Bruder des verstorbenen Diogenes-Verlegers Daniel Keel vom Bundesrat den Marcel-Benoist-Preis erhalten, den grossen schweizerischen Wissenschaftspreis.

Frage: Ostern steht vor der Tür. Sie sind im Dezember 80 geworden, Sie leiden an Parkinson. Wie gehen Sie mit der Endlichkeit um?
Antwort: Der Tod hat, wie fast alles, zwei Seiten. Negativ hat man keinen Anteil mehr an den freundlichen und schönen Seiten des Lebens. Positiv ist man die vielen täglichen ärgerlichen Dinge los. Vor allem ist man nicht mehr mit all den Gräueln konfrontiert, die Tag für Tag auf unserem Planeten geschehen.

Glauben Sie, im Jenseits Ihre Lieben wiederzusehen?
So interessant das wäre, meinen Eltern oder meinem 2011 verstorbenen Bruder Daniel Keel noch die eine oder andere Frage stellen zu können, ich glaube es nicht. Sie sind mir aber jetzt und hier häufig nah. Mein Vater ist mir nach seinem Tod sogar eher präsenter als zu Lebzeiten. Ich höre seine Bemerkungen und Kommentare zu wichtigen Fragen. Zu ihren Lebzeiten hat meine Mutter dominiert. Seit ihrem Tod ist sie etwas in den Hintergrund getreten. Ein Gedanke, der mich in letzter Zeit fasziniert, ist der, dass wir alle Ahnen haben, die bis zu den Primaten und weiter zurückreichen. Diese Ahnengalerie würde ich gern einmal sehen. Sie würde mit ihren Dimensionen veranschaulichen, einen wie kleinen Platz wir einnehmen.
[Wirklich ein interessanter Gedanke: Da es keine spontane Urzeugung irgendwo im Zeitablauf gibt gibt, müssen wir annehmen, dass unsere Ahnenreihe bis zu den Anfängen der Evolution zurückreichend denken können.]

Es ist ja sehr jüdisch, zu glauben, dass man in der Generationenfolge, in den Nachkommen, weiterlebt. Die frühen Israeliten kannten kein Leben nach dem Tod.
Beim alttestamentlichen Autor Jesus Sirach heisst es: Wir sind wie Blätter an einem Baum, jedes Jahr bildet er neue Blätter, und die alten fallen ab. Und für den Prediger Kohelet sind Mensch wie Tier aus Staub entstanden, und beide kehren zu Staub zurück. Es gibt keinen Unterschied zwischen Mensch und Tier. Diese Bilder gefallen mir.

Senca: Das ist die in diesem thread schon mehrmals erwähnte seit alters her zitierte (D’Holbach) „atheistische“ Stelle in Prediger (Salomo) 3,19. Der Mensch stirbt wie das Vieh und hat diesem nichts voraus. Er hat wie dieses den gleichen Atem (Lebenshauch, Lebensgeist). Wer weiss, wessen Lebensgeist nach oben geht und welcher nach unten. Es gibt nichts besseres, als dass der Mensch sich freut an seinen Werken; das ist sein Teil. Denn wer will ihn dahin bringen, dass er Einsicht in das gewinnt, was nach ihm [seinem Tod] sein wird?
Seneca: Man kann bei bibleserver.com alle Versionen und Übersetzungen dieser Stelle anklicken und vergleichen. Es stimmen alle Versionen dahin überein: Der Mensch hat nach dem Alten Testament keine unsterbliche Seele. Diese Idee wurde von den Ägyptern übernommen, um den gewaltsamen oder frühen Tod junger Menschen theologisch zu begründen d.h. zu rechtfertigen (s. die Erklärung von Keel unten). Die Idee einer unsterblichen Seele, d.h. eines quasi göttlichen Wesenskerns im Menschen, ist nach neuzeitlichem Verständnis das Pendant zur Idee eines personalen (allmächtigen etc.) Gottes. Das war für die alten Israeliten nicht der Fall. Es wäre ihnen auch nie in den Sinn gekommen, die Existenz ihres Stammesgottes (wie auch der anderen, heidnischen Götter) in Frage zu stellen. Das war eben der "Gott der Heerscharen", der das Schlachtenglück bringen sollte. Wurde man besiegt, so hatte man zu wenig geopfert oder die Gebote zu wenig gehalten. Alle antiken Kulturen hatten ihren Kriegsgott (Ares, Mars) oder Kriegsgöttin. Die Stadtgöttin Athene trägt Schild und Speer.

Sie glauben nicht an ein Jenseits?
Nein, eigentlich nicht, obwohl ich ein Gedicht von Hans Sahl sehr gerne mag: «Ich gehe langsam aus der Zeit heraus in eine Zukunft jenseits aller Sterne, und was ich war und bin und immer bleiben werde, geht mit mir ohne Ungeduld und Eile, als wär ich nie gewesen oder kaum.» Ich denke, ich werde im Tod in die Natur zurückkehren, wie bei Jesus Sirach, als absterbendes Blatt vom Baum fallen, von dem ich ein Teil bin. Das ist ja heute ein weit verbreiteter Gedanke, wenn man seine Asche unter einem Baum verstreut haben will.

So werden Sie Ihrem Beruf als Alttestamentler gerecht: Der jüdische Glaube ist diesseitig und existenziell orientiert.
Ich empfinde in der Tat sehr jüdisch und fühle mich den ersten tausend Jahren des Alten Testaments sehr verbunden. Im alten Judentum waren die Israeliten Bergler, Nomaden und Kleinbauern. Das Leben war stark von der Natur abhängig. Bei Hungersnöten mussten sie auswandern. Ihr karges, bodenständiges Leben erlaubte es ihnen nicht, wie die alten Ägypter spekulative Luftschlösser über das Leben nach dem Tod zu bauen.

Sie vergleichen sich mit den israelitischen Bauern?
Ich bin in Einsiedeln aufgewachsen und darum mit Kleinbauern und ihrem harten Leben vertraut. Ich war mit ihnen im Militär. Wenn sie am Morgen den «Blick» lasen, sagten sie: Was lügen die heute wieder? Sie haben gelesen, aber letztlich haben sie nicht viel geglaubt. Auch nicht in religiösen Belangen. [Seneca: es gibt viel mehr verborgene "Ungläubige", als man denkt. Diese hängen ihren Atheismus nicht an die grosse Glocke. Im Islam müssen sie den Mund halten.]

Bringt einem der nahende Tod nicht doch dazu, ein Jenseits zu erhoffen?
Mich nicht. Am liebsten schlafe ich, das ist für mich das Schönste. Schlafen ist wie eine Einübung in den ewigen Schlaf. Der Schlaf ist des Todes Bruder. Ich hatte letzthin das Gefühl, ins Nirwana einzugehen, im Nichts aufzugehen. Das war ein Glückszustand.
Seneca: Wenn doch das Aufgehen im Nichts, was der Buddhismus anstrebt, ein Glückszustand ist, wieso braucht man da eine Auferstehung zum "ewigen Leben". Die Er-Kenntnis der buddhistischen Idee mit dem Nirwana mit ca. 15 Jahren hat mich von der christlichen Wahnidee eines "ewigen Lebens" befreit, ohne dass ich Buddhist geworden bin. Die Wahn-Idee der Wiedergeburt lehne ich übrigens ab. Diese entspringt entweder einem Wunschdenken oder einer dummen Rechtfertigung, wenn z.B. ein Mensch schwer behindert auf die Welt kommt.

Im berühmten altvorderasiatischen Epos sucht Gilgamesch vergeblich nach dem ewigen Leben. Dafür lebt er in seinen Heldentaten weiter. Othmar Keel wird in seinen Büchern und wissenschaftlichen Thesen weiterleben. Ein Trost für Sie?
Das ist sicher ein gewisser Trost. Es gibt ausser der Auferstehung verschiedene Möglichkeiten weiterzuleben – durch den Ruf, den man sich schafft, der aber nicht sehr lange dauert. Zweitens gibt es Kinder und Enkel, in denen man weiteleben kann. Es ist für mich wichtig, meine vier Enkelkinder aufwachsen zu sehen; sie sind sehr oft bei uns.

Und Ostern als Auferstehung von den Toten ist für Sie ein Symbol oder völlig sinnentleert?
Nein, Ostern ist ein Symbol dafür, dass das Gute, was Menschen tun, weiterlebt. Die Geschichten um den Auferstandenen im Neuen Testament sind ja ziemlich vage, Traumerlebnissen ähnlich, die sich einem Wunschdenken verdanken. Mich erinnern sie an die Begegnungen nach dem Tod mit meinem Vater oder Bruder, als mich das Gefühl überkam, sie zu hören oder beim Spazieren zu sehen.

Ab dem 2. Jahrhundert vor Christus haben sich auch die Juden zu einem Jenseits bekannt.
Es waren die Makkabäer, die bei ihrem Aufstand 167 vor Christus die Wende brachten. Es ging damals um den Märtyrertod junger Männer und um Gottes Gerechtigkeit. Starb einer alt und lebenssatt mit Kindern und Enkeln, war das kein Problem. Starb hingegen jemand wegen seiner Treue zur Thora jung und ohne Nachkommen, widersprach das der Gerechtigkeit Gottes. Darum musste es für diese Märtyrer ein Jenseits geben.
[Seneca: Im Jenseits wird dann ein Ausgleich geschaffen für das Elend im diesseitigen Erdenleben. Mit solchen Tröstungen hat man die Menschen jahrhunderte lang für dumm verkauft.

Wer hat sie dazu inspiriert?
Das jenseitsgläubige Judentum hat viel von den Ägyptern übernommen. Etwa das Totengericht. Die alte reiche ägyptische Kultur war ja die erste, die über das Jenseits spekulierte, ein strukturiertes Jenseits schuf. Im berühmten ägyptischen Totenbuch geht es wesentlich um die Bewältigung des Todes und die Erlangung eines glücklichen Jenseits.

Und das Christentum?
Zur Zeit Jesu wurde eifrig über die Auferstehung gestritten. Auch das Christentum übernahm über die Pharisäer vieles von den alten Ägyptern, etwa das Totengericht. Die Ägypter haben dieses rituell und magisch bewältigt. Im Totenbuch gibt es das negative Sündenbekenntnis, wo der Tote sagt: Ich habe diese und jene Tat nicht gemacht. Da hat man dem Toten einen Skarabäus auf das Herz gelegt , der bewirkte, dass das Herz nichts gegen seinen Besitzer aussagt [also ein List]. Auch im Christentum, vor allem im katholischen, hat man ja das Ethische unterlaufen – durch den Ablasshandel, mit dem man sich von den Sünden freikaufte. [Seneca: So wurde der Petersdom gebaut, v.a. mit dem Geld der Deutschen. Luther hat dagegen aufbegehrt; der Rest ist bekannt. Bei aller Religion und Philosophie: Es gibt immer auch eine wirtschaftliche Seite.]

Judentum wie Christentum sind also mehr von den Ägyptern beeinflusst als von der griechisch-platonischen Idee einer unsterblichen Seele?
Die Unsterblichkeit der Seele ist eine ganz und gar philosophische Idee. Im existenziell [d.h. lebenspraktisch] orientierten Judentum ist es schlicht nicht vorstellbar, dass sich im Tod der Körper von der Seele trennt. Im Judentum starb man mit dem Körper. Neurologen sagen heute noch: Wenn das Hirn tot ist, ist auch die «Seele» tot. Im 2. Makkabäerbuch werden dann die Märtyrer auferweckt, die anderen bleiben tot. Niemand wusste, wie das funktioniert; es wird immer als Mysterium [ein Geheimnis, sprich Märchen] geschildert. Auch bei Paulus ist das so.

Seneca: Das ist die berühmte Stelle im Korintherbrief, Verse 12-14: Aber nun frage ich euch: Wenn wir predigen, dass Christus von den Toten auferstanden ist, wie können einige von euch da behaupten, es gäbe keine Auferstehung der Toten? [Es gab schon damals Zweifler]13 Wenn es nämlich keine Auferstehung der Toten gibt, dann ist auch Christus nicht auferstanden. 14 Und wenn Christus nicht auferstanden ist, dann war unser Predigen wertlos, und auch euer Vertrauen auf Gott ist vergeblich. „Gibt es keine Auferstehung der Toten, so ist auch Christus nicht auferstanden. Ist aber Christus nicht auferstanden, so ist unsre Predigt vergeblich, so ist auch euer Glaube vergeblich (1. Korinther 13, 14).
Mehr als die Hälfte der Christen glaubt nicht an die Auferstehung, an eine Auferstehung im Fleisch schon gar nicht!Man google zu diesem Thema. Da das Dogma der Auferstehung von den Toten von Jesus und Verstorbenen zentral ist für das Christentum (es steht ja im Glaubensbekenntnis), hat das Christentum ein gewaltiges Problem, das (wie die Frage nach dem Teufel) unter den Tisch gekehrt wird. Das Versprechen einer Auferstehung von den Toten ist die allergrösste Anmassung. Das Dogma (nicht anzuzweifelnde Glaubenssätze) geht ja noch weiter, wenn man es durchdenkt: Mit dem Tod ruht der Mensch eine lange Zeit unbewusst im Grab, um es mal sozusagen. Wenn dann Christus dereinst wieder gekommen ist, "um zu richten die Lebenden und die Toten", stehen die Toten auf, bzw. werden auferweckt, um von Jesus abgeurteilt werden zum ewigen Leben im Himmel oder zur ewigen Verdammnis in der Hölle, genauer gesagt kommen nur 144'000 in den Himmel und die übrigen leben fröhlich ewig auf der Erde, wo das Lamm neben dem Löwen liegt (die Zeugen Jehovas, Bibelforscher, haben ja das aus der Offenbarung heraus gelesen, und das kann man so heraus lesen. Also, da man unbewusst im Grab ruht, tritt man nach dem Tod unmittelbar vor den Schöpfer, wie es so schön heisst, oder vor Christus, der ja mit Gott identisch sein soll. - Das das alles ziemlich absurd ist, brauche ich nicht zu erklären. Aber das soll ja ein Vorzug sein. Tertullian schrieb ja: Credo quia absurdum est: Ich glaube, (gerade) weil es absurd ist. Der Glaube soll ja bewirken, dass es so ist. Je stärker der Glaube ist, um so eher trifft das Gewünschte (z.B. der Endsieg) ein. Und wer nicht daran glaubt oder nicht das Richtige glaubt, ist des Todes. Aber so funktioniert es nicht (s. Endsieg).

Die Auferstehung als Geheimnis?
Die Auferstehung ist eine leib-seelische Angelegenheit, die sich ebenfalls an die Makkabäer anlehnt. Besser man spricht von Auferweckung, weil sie von Gott her geschieht. Diese bleibt aber im Neuen Testament ein Geheimnis, und bei Paulus hängt der ganze christliche Glaube am Auferstehungsglauben, ohne den alles leer und hohl ist. Ich halte das für eine Anmassung, wenn man meint, man müsse ewig leben. Das ist, wie wenn man meint, Gott kümmere sich um einen. Wenn man das Universum in seiner unermesslichen Grösse sieht – wie soll sich da Gott um den Einzelnen kümmern? Das scheint mir eine eitle Haltung zu sein: Man nimmt sich zu wichtig

Dann beten Sie auch nicht?
Doch, trotz meines Agnostizismus bete ich jeden Tag. Unser Ich besteht ja stets aus mehreren Schichten, die nie ein kohärentes Ganzes bilden. Gewohnheiten bestimmen einen guten Teil unseres täglichen Lebens. Wenn ich Gott sage, meine ich das Schicksal oder die Natur.

Seneca: Ja, und in einer Schicht unseres Ichs befindet sich "Gott" oder die Vorstellung von Gott. Auch Atheisten haben wenigsten zuweilen oder "gewohnheitsmässig" eine diffuse Vorstellung von Gott, die sich mit der Vorstellung eines Vaters bzw. des eigenen Vaters verbindet. Meine These: Gott ist ein hinaus gesetzter Teil des Ichs. Alles, was wir über Gott denken und sagen, nehmen wir aus unserer Person (D'Holbach) , und kommt nicht von irgendeiner ausserirdischen Sphäre, welche uns das eingepflanzt hat. Die Vorstellung eines einzigen Gottes ist ein Mem, ein Produkt 2000 jähriger Kultur. Viel "natürlicher" wäre nämlich die Vorstellung mehrerer Götter oder Göttinnen. Oder radikaler gesagt: "Gott" ist wie ein Virus, z.B. ein Herpes-Virus, mit dem man mal in der Kindheit angesteckt wurde. Manche Menschen wurden nie angesteckt. Vielleicht sind sie immun. Für die ist "Gott" kein Thema und kein Problem. Das sind die wahren Atheisten. Bei den Betroffenen bricht das Virus von Zeit zu Zeit, vielleicht nach Jahren, wieder aus. Man weiss gar nicht genau, weshalb, und man kriegt eine Verhärtung und dann ein Blase an der Lippe, wenn man nicht rechtzeitig mit einer Antivirencreme behandelt.
Beim Theologen Kehl ist das Gottes-Virus trotz des Parkinson-Stress' nicht (wieder) ausgebrochen.

Und für Menschen in Not beten Sie nicht?
Nein. Aber ich bin in Gedanken bei ihnen, zurzeit bei einem schwer krebskranken Freund.

Sie haben sich ein Leben lang mit Jenseitsvorstellungen befasst, ohne sich damit zu identifizieren. Also nur rein wissenschaftlich [theologisch]?
Ich identifiziere mich mit Vorstellungen, die kein Leben nach dem Tod kennen. Ich finde das intellektuell redlicher. Man kann natürlich spekulieren. Auch das grosse Rätsel [ontologisches Problem], dass etwas ist und nicht nichts, beschäftigt mich sehr. Es braucht grosse Bescheidenheit, zuzugeben, dass man nicht weiss, was und warum etwas ist. Dazu wird man als Wissenschaftler [Theologe oder Philosoph] gezwungen. Es führt zu einer «déformation professionelle», wenn man ein Leben lang wissenschaftlich geforscht hat und dabei immer gezwungen war, intellektuell redlich zu bleiben.

Ihre Theologen-Kollegen werden Ihnen Verrat vorwerfen.
Die sagen natürlich: Wie kann der nur!

Von der Kirche als Heilsanstalt haben Sie sich verabschiedet?
Ich war lange genug intensiv Teil der Kirche. Meiner Frau, die schon lange nicht mehr in die Kirche geht, pflegte ich zu sagen, man solle einer sterbenden Mutter [sc. die Kirche] nicht untreu werden, sondern sie begleiten, solange sie lebe. Jetzt aber habe ich mich pensioniert vom Dienst, in die Kirche zu gehen – es war ein Prozess.

Der schon während Ihrer Lehrtätigkeit angefangen hat?
Es hat ja niemand kontrolliert, ob ich zur Kirche ging. Ich war ja nicht Priester. Ich war weltweit einer der ersten Laienprofessoren an einer katholischen Fakultät.

Dann wünschen Sie auch keine kirchliche Beerdigung?
Wie meine Abdankungsfeier gestaltet wird, überlasse ich meinen Kindern und meiner Frau, wenn sie mich überlebt. Mein Wunsch ist, dass Musik eine Hauptrolle spielt. Meinen Körper habe ich schriftlich der Medizin zur Verfügung gestellt. Sie kann nehmen, was sie will, und damit machen, was sie will.


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Gysi Offline

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30.03.2018 11:49
#546 RE: Theologierprofessor Kehl: «Nein, ich glaube nicht an ein Jenseits» antworten

Zitat von Seneca
Beim alttestamentlichen Autor Jesus Sirach heisst es: Wir sind wie Blätter an einem Baum, jedes Jahr bildet er neue Blätter, und die alten fallen ab.

Eben. Wir sind die Blätter, wir sind der Baum. Da wiederholt sich was (die "ewige Wiederkehr" der Stoiker und Nietzsches). Alles eine Frage der Perspektive. "I'm only learning to tell the threes from wood" (John Lennon).

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seneca Offline

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16.05.2018 15:44
#547 Der "Geist" bei Max Scheler antworten

MAX SCHELER (1874-1928) ist wie alle guten Philosophen v.a. Anthropologe (Was oder wie ist der Mensch?) Sein Hauptwerk "Die Stellung des Menschen im Kosmos", sein Eingebettetsein in die Totalität der Welt. Scheler ist ein äussert interessanter Philosoph, vgl. das Buch von Graham Mc Aleer "On the eternal in Man" (über Scheler).

Übersicht von Hessen über die biopsychische Welt nach Max Scheler. Psyche wird oft mit "Geist" gleichgesetzt, hier aber deutlich unterschieden. Die folgenden drei Stufen der "Seele" hat schon Aristoteles verkündet: Zur Erinnerung: Seele nach Aristoteles ist das form- oder gestaltgebende Prinzip eines organischen und damit sterblichen Wesens. Demzufolge gibt es keine unsterbliche Seele. Die Unsterblichkeit der Seele wurde trotz aller Verehrung für Aristoteles erst durch Thomas von Aquin "nachgewiesen".

Die unterste Stufe des Psychischen und damit des Vitalen (vita = Leben) bildet der bewusstlose (besser unbewusste) DRANG, ein blosses Hinz-zu (z.B. zum Licht) oder Von-weg, was das pflanzliche Leben ausmacht (vgl. Schopenhauer's WILLE, der alle drei Seins-Stufen durchwirkt). Hessen spricht von GEFÜHLsdrang, was logisch nicht sauber ist. Wir wissen nicht, ob Pflanzen Gefühle haben.

Die zweite Form des Psychischen ist der INSTINKT. Er bedeutet eine arteigene (bei Tieren) Spezialisierung des Gefühlsdrangs. Mein Beispiel: Das Schnuppern der Hunde an jeder Ecke.

Aus dem instinktiven Verhalten geht als dritte Urform des psychischen Lebens hervor das gewohnheitsmässige Verhalten (aus Erfahrung) oder das assoziative Gedächtnis (vgl. pawlowscher Reflex). Das fehlt den Pflanzen.

Die vierte Form des Psychischen ist die praktische Intelligenz. Sie unterscheidet sich vom assoziativen Gedächtnis dadurch, dass hier ein sinnvolles Verhalten neuen Situationen gegenüber vorliegt, dass ausserdem plötzlich und zeitlich vor neuen Probierversuchen und unabhängig von der Zahl der vorhergehenden Versuche erfolgt. Die prakt. Int. müssen wir auch einigen Tierarten zuschreiben.

Die wichtige Frage ist nun: Besteht, wenn dem Tier Intelligenz zukommt, überhaupt noch mehr als ein gradueller Unterscheid zwischen Mensch und Tier? Besteht dann noch ein WESENS-Unterschied? Das wird von Scheler entschieden bejaht. Jetzt wird es eigentlch metaphysisch: Geist-Philosophie.

Das Prinzip, welches das Wesen des Menschen konstituiert (ihn zu dem macht, was er ist), das man nicht auf die natürliche Lebensevolution zurückführen kann, sondern (auf) das, wenn auf etwas, nur auf den obersten (oder untersten?) Grund der Dinge selbst zurückfällt, auf denselben Grund, auf dessen Teilmanifestation auch das "Leben" (selbst) ist. - Man merkt, worauf der Theist Hessen hinauswill). Dieses Prinzip heisst "GEIST".

Was ist nun der GEIST? Ein geistiges Wesen (sc. der Mensch) unterscheidet sich von einem animalischen v.a. dadurch, dass er nicht mehr (nur) trieb- und umweltgebunden (gesteuert), sondern umweltfrei (?) und weltoffen ist. Ein solches Wesen hat "Welt". Es vermag sich der Umwelt gegenüber zu stellen, zu vergegenständlichen, aus der Umwelt eine Gegenstandswelt zu machen (vgl. Fichte: Das Ich setzt sich selber ... gegenüber der Welt), und das So-Sein dieser Gegenstände im Akt der "Wesensschau" oder der "Ideierung" (Idee = Abbild) zu erfassen (Die Welt ist meine Vorstellung - Schopenhauer).

Das erste Wesensmerkmal des Geistes ist somit das Gegenstandsbewusstsein (wobei das Ich auch als Gegenstand gesehen wird). Mit ihm hängt das zweite zusammen: Das Selbstbewusstsein. Das Tier hat wohl Bewusstsein, im Unterschied zur Pflanze, aber es hat kein Selbstbewusstsein, wie schon Leibniz gesehen hat. Es besitzt sich nicht, ist seiner nicht mächtig und deshalb auch seiner nicht bewusst (Tiere machen meines Wissens nicht Selbstmord).
Dagegen vermag der Mensch nicht bloss seine direkte Umwelt in die Dimension des Welt.Seins zu erweitern, sondern auch seine eigene Psyche und ihre Inhalte gegenständlich zu machen (sich zu vergegenwärtigen).
Was der Geist aber nicht vermag, ist, sich selbst zum Gegenstand zu machen. Damit stossen wir auf das dritten Wesensmerkmal: der Geist ist das einzige Sein, das selbst gegenstandsunfähig ist; er ist reine und pure Aktualität (darunter verstehe ich Tätigkeit), er hat sein Sein nur im freien Vollzug seiner Akte. Das tönt jetzt gar hochgestochen: Einfach gesagt ist der "Geist" das Vermögen (Fähigkeit) des Menschen, reflektiert, zu denken, v.a. auch über sich selber.

Weitere Fragen: Ist dieser Geist aktiv oder nur passiv? Ist er individuell oder kollektiv? Gibt es eine Geistsubstanz? Ist der Geist überpersönlich? Gibt es einen Weltgeist? So kommen wir schnell zur Frage nach der (unsterblichen) Seele, die ja immateriell also geistig sein soll, und zur höchsten "Seelen-Substanz (Gott). Das folgt dann in einem Post über Leibniz. Mit Scheler bin ich aber noch nicht fertig. Ich muss noch die Kritik von Hessen und meine am Schelerschen Geist-Begriff kurz darstellen. Wie sich schon in früheren Posts zeigte, ist der Geist-Begriff sehr uneinheitlich.

Quelle:
Johannes Hessen: Die Philosophie des 20. Jahrhunderts - Ein Rundblick auf die Kräfte und Ströumngen, die unser geistiges Weltbild und umgestalten (können) - Rottenburg 1951

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Reklov Offline




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16.05.2018 19:18
#548 RE: Dualismus: Die Verdoppelung der Welt antworten

Zitat
Das ist richtig - an sich, in sich. Aber wenn man davon ausgeht, aus was für Erfahrungen die (relativ) frühen Menschen ihre Gott- und Götter-Ideen herausholten, dann ist die Evolutionstheorie ein Erkenntniszugewinn, der die Schöpfungsphilosophie der Religionen exakt auf den Kopf stellt!

Gysi,

... Religionen stellen versch. Schöpfungsgeschichten vor, damit aber noch keine "Schöpfungsphilosophie". Philosophie ist in anderen "Räumen" zu Hause. Mit ihr kann man Schöpfungsgeschichten sprachkritisch hinterfragen.

Zitat
Ich liebe und ich hasse! Wer sich den Hass verbietet, kommt auch leicht dahin, sich die Liebe (und die Eigenliebe) zu verbieten.

Hass gebiert nur Wut und Zerstörung. Liebe (auch Eigenliebe) wohnen nicht mit ihm in einem Haus. Man kann also auch lieben, ohne zu hassen, wenn man denn zu trennenden Einsichten fähig ist.

Zitat
Richtig. Daher ist deine Gottesfixierung ja auch dummes Zeug! Du kannst die Ursachenkette soweit zurückverfolgen - per Empirie und dann mit immer mehr (naheliegender) Spekulation - aber deine Gottesfixierung hat nichts mit klarem Denken zu tun, sondern eher mit Manie... So Dieser Hoffnungsweg ist in deinen Synapsen festgetackert. Anders kann ich mir deine Widerspenstigkeit und deine Erkenntnisresistenz über die Jahre in unseren Diskussionen nicht erklären...


Die Ursachenketten hören für uns schon recht bald auf, so dass man daraus keinerlei Bestimmungen ableiten kann."Dummes Zeug" könnte auf der anderen Seite auch Dein zur Schau getragener Atheismus, begleitet von ziemlich ideenloser Gottesleugnung sein. - Hier bist Du auf Deine Weise "fixiert".

Zitat
nach dem Motto: Es MUSS so sein, es KANN NICHT anders sein, darum IST ES auch so - und es wird von mir höchstpersönlich aufgedeckt werden...

"Höchstpersönlich" kann ich Erdenwurm schon mal garnichts "aufdecken". Auch solche Formulierungen von Dir verraten Dogobertsche Kurzsichtigkeit. - Glaube an ein Dogma kann hier und da leicht zur Fixierung werden, der Gedanke an ein "Höchstes Wesen" entstammt aber einer Gemütsentscheidung im seelischen Bereich - also dort, wo Naturwissenschaften keine gewichtige Stimme haben. Solch eine Entscheidung wächst mit der Lebenserfahrung und den damit verbundenen "Zeichen am Wegesrand", kann aber auch während der Strecke ins Gegenteil umkippen, weil kein Band mit "oben" geknüpft werden konnte. Auch solche Gründe haben ihre, oft dramatischen Ursachen.

Zitat
Anders kann ich mir deine Widerspenstigkeit und deine Erkenntnisresistenz über die Jahre in unseren Diskussionen nicht erklären...

Zunächst mal wärest Du schon einen Schritt weiter, wäre es Deinem Bewusstsein möglich, zu erkennen, dass Spiritualität nichts mit Widerspenstigkeit zu tun hat und bereits deswegen aus dem Gleis springt, weil atheistische Vorstellungen mit ihren ebenfalls unzureichenden Argumenten die Wahrheit für sich reservieren und ihre Weltsicht an die erste Stelle rücken möchten.

Gruß von Reklov

Gysi Offline

Atheist


Beiträge: 16.612

16.05.2018 20:50
#549 Dualismus: Die Verdoppelung der Welt antworten

Zitat von Reklov
Hass gebiert nur Wut und Zerstörung. Liebe (auch Eigenliebe) wohnen nicht mit ihm in einem Haus.

Wie die Menschen zu dir sind - das gestaltet die Gefühle! Die Gefühle leiten dein Tun. Nicht alles, was du erlebst, ist optimal, gut, liebend und groß. Ist nun mal so. Und wenn du die Enttäuschungen, den Schmerz, die Verachtung und den Hass erfolgreich unterdrückst, hast du ALLE Gefühlswahrnehmungen an dir verkrüppelt! (Die VERDRÄNGUNG führt dann dein inneres Haus.) Der Satz von Jesus, seine Mitmenschen "lieben zu sollen wie sich selbst", ist gut gemeint, aber nicht zu realisieren. Die Bibel ist nun mal kein gutes Psychologie-Buch. Und Jesus war nicht Sigmund Freud...

Sicher: Wer notorisch hasst, verharrt im Hass. Denn der hat die URSACHE seines Hasses nicht gefunden. Du musst diesem Hass den richtigen Weg zu seiner Entstehung weisen. EINSICHT in Irrläufer löst Irrläufe auf. Aber es ist fatal, die Unterdrückung von Hass, Wut und Aggression herzustellen! So wird der Hass nicht negiert, sondern potenziert! Oder er kippt in die Depression.

Zitat
Man kann also auch lieben, ohne zu hassen, wenn man denn zu trennenden Einsichten fähig ist.

Du redest ganz schön verschmalzt (in deinem allgemeinen Duktus der Von-sich-selbst-Eingenommenheit und Arroganz) und irgendwie... liebesunerfahren. Also (damit keine Missverständnisse aufkommen...) => realgefühlsunerfahren. Die symbiotische Beziehung von Liebe und Hass blendest du aus.

Wer seinen Hass unterdrückt, stürzt in eine anhaltende Unzufriedenheit und Leere, bis in die Depression. Mancher Außenstehende mag damit zufrieden sein, wenn sich ein Mensch zu einem dauertrauernden und um GOTTES HILFE bettelnden Wurm niedergerungen hat. Hauptsache, er ist nicht böse und aggressiv... Aber Gott wird ihm nicht helfen. NUR DAS REAL GELEBTE (und aus der Verdrängung enthobene) PAKET ALLER GEFÜHLE! Du kannst deinen Gefühlshaushalt nicht in Einzelteile zerhacken. Damit tötest du ihn nur.

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seneca Offline

religiöser Atheist


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17.05.2018 16:01
#550 Der "Geist" bei Max Scheler II antworten

Es gibt etliche gute, informative Seiten über Max Scheler im Netzt. Ich beende hier das Kapitel über Scheler, gestützt auf das Buch von Johannes Hessen.

Das menschliche Wesen (kurz: der Mensch) weist nach Scheler eine DUALITÄT auf, und zwar nicht die herkömmliche von Leib und "Seele", sondern von Leben und Geist. Körper (Leib) und Seele gehören für Scheler auf die Seite des Lebens, sind also untrennbar. Körper und Seele sind nur zwei Aspekte ein- und derselben Realität: Original Scheler: "Ein und dasselbe Leben ist es, das in seinem (subjektiven) Innesein (Gewahrwerden, Bewusstsein) psychische, in seinem (objektiven) Sein für Andere leibliche Formgestaltung besitzt." - Dieser Monismus (Einheit von Leib und Seele) ist mir schon mal sympatisch.

Der "Geist" ist dem Leben überlegen, insofern er zu ihm "Nein" sagen kann (immer nach Scheler).
"Der Mensch ist das Lebewesen, das sich zu seinem Leben, das es heftig durchschauert(?) prinzipiell (der Möglichkeit nach) asketisch - d.h. die eigenen Triebimpulse unterdrückend und verdrängend; ihnen Nahrung durch Wahrnehmungsbilder und Vorstellungen (Tagträumen) versagend - verhalten kann! Mit dem Tier verglichen, das immer 'Ja' sagt zum Wirklichsein, auch da noch, wo es verabscheut und flieht, ist der Mensch der 'Nein-Sagen-Könner', der 'Asket des Lebens', der ewige 'Protestant' gegen alle blosse Wirklichkeit."

Aber nicht bloss "Herrscher des Lebens" ist der Geist, er ist zugleich von ihm abhängig. Zwar nicht sein Sein, wie Freud fälschlich meint, wohl aber seine KRAFT und ENERGIE; die verdankt er seiner/der VITALSPHÄRE (also dem Drang oder Willen zum Leben). Die in den verdrängten Trieben schlummernde Energie kann und soll er für geistige Zwecke und Zeile benützen. Das ist die bekannte Sublimation nach Freud. Der Geist als solcher ist ohnmächtig, besitzt selber keinerlei Kraft und Energie. Der "Geist" ist nach Scheler nur ein passives Vermögen.

Gerade darin liege der Fehler der klassisch-griechischen Theorie des Menschen, dass sie dem Geist als solchem Macht (Kraft) zuschreibt. Die klassische Theorie krankt überall und immer an demselben Irrtum. Richtig ist nach Scheler: Geist und Idee besitzen keine ursprüngliche Macht. Seneca: Das ist ein Schlag gegen den platonischen Idealismus. Konsequent zu Ende gedacht ist der nach Scheler passive Geist bloss ein mentales Werkzeug.

So wesenschverschieden dem (von Scheler) Gesagten zufolge Geist und Leben sind, so sind doch beide Prinzipien im Menschen aufeinander angewiesen: Der Geist ideiert das Leben (er macht sich vom Leben, von der Welt eine Vorstellung). Das Leben allein aber vermag es, den Geist, von seiner einfachsten Aktregung an bis zur Leistung eines Werkes, dem wir geistigen Sinngehalt zuschreiben, in Tätigkeit zu setzen und zu verwirklichen.

Schopenhauer sagt etwas anderes. Nach ihm ist der Geist, das Vermögen der Selbstreflektion, das Denkens überhaupt, eine Hervorbringung des alles durchwirkenden (metaphysischen) blinden Willens, oder genauer gesagt, des Dranges. Weiter unten mehr dazu.

Der Theist Hessen schätzt an Schelers Anthropologie (oder Philosophie) die Lehre vom Geist als das Wertvollste. Der Geist wird als etwas durchaus Selbständiges, als eine ursprüngliche Potenz des menschlichen Wesens angesetz (was ein Widerspruch zur Ohnmacht des Geistes ist). Dies im Gegensatz zum Naturalismus (sprich Materialismus bzw. Atheismus). Dieses Vermögen stehe zu den üblichen Kräfen des menschlichen Wesens nicht in Kampf und Feindschaft, sondern der Ergänzung, im Gegensatz zur biozentrischen Auffassung (Lebensphilosophie, Vitalismus).

Hessen stört sich an der von Scheler anerkannten Intelligenz des Tieres (es gebe da andere Forschungsergebnisse) und v.a. an der Gleichsetzung von Leben und Seele bzw. an der Entgegensetzung von Geist und Seele/Leib, welche die Einheit des menschlichen Innenlebens gefährde. Die Forschung hat die Intelligenz gewisser Tiere bestätigt, das ist unbestreitbar. Damit zeigt sich u.a., dass die Naturwissenschaft die Philosophie in hohem Mass beeinflusst, was Hessen im Kapitel über Häckel bestritten hat. Mangels naturwissenschaftl. Kenntnis erzählt z.B. Leibniz viel Unsinn.

Unhaltbar an Schelers Anthropoliogie ist nach Hessen v.a. die These von der Ohnmacht des Geistes (an sich). Eine wesentliche Funktion des Geistes komme bei Scheler zu kurz: der WILLE (Schopenhauer lässt grüssen). Der Geist werde zu einseitig als schauender bestimmt. Er erscheint als Vermögen der "contemplatio" (Betrachtung), nicht der "actio" (Handlung). Der Geist also solcher ist nach Scheler ohnmächtig; alle Kraft und Energie bezieht er aus der Triebsphäre. In dieser These liege eine starke Entwertung des Geistes, die eine bedenkliche Annäherung and die naturalistische (sprich atheistische) Anthropologie bedeute. Scheler ist also Hessen nicht ganz geheuer.

Seneca:
Lässt man die hier überbetonte Freudsche Sublimationslehre ausser Acht, welche eigentlich v.a. negativ ist (Energie für den Geist aus der Triebunterdrückung), so ist die Schelersche Lehre eine (für mich erfreuliche) Annäherung an die Schopenhauersche Willensmetaphysik. Richtig ist: Der Geist ist nicht eine Potenz (Kraftquelle) für sich, sondern ein Vermögen, eine Fähigkeit, die man mehr oder weniger oder überhaupt nicht hat. Die eigentliche Kraftquelle (der Motor, der Antreiber) ist der Eros/Sexus oder die Libido (nach Jung die allgemeine Lebenslust, die nicht nur sexueller Natur ist). Der "Geist" wird dafür eingesetzt, um die Freude (durch aktive Tätigkeit etc.) am Leben zu erlangen und zu erhalten.

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