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Dieses Thema hat 646 Antworten
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 Philosophie und Wissenschaft
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Lukrez Offline




Beiträge: 5.551

04.09.2010 15:40
#101 RE: Basic philosophy: Idealismus und Realismus antworten

Zitat
Einspruch!
Die Begriffe "Raum" und "Zeit" existieren erst durch den Menschen, aber das wofür
diese Begriffe stehen, das was durch sie "begriffen" werden soll, daß existiert schon
weit länger, nämlich der reale Raum und die reale Zeit.

Dann hast du mich nicht richtig verstanden!
Raum und Zeit sind keine bloßen Begriffe, auch keine Dinge an sich, sondern menschliche Anschauungsformen.
Dass etwas ist, auch wenn der Mensch es nicht denkt, steht für mich außer Zweifel.
(Ich gehe sogar weiter und behaupte, dass dieses unbedingt ewig und ungeschaffen sein muss! Ich habe mich hier im Forum ja immer gegen die Auffassung gewehrt, Raum und Zeit seien mit dem Urknall entstanden.)
Aber WAS es für den Menschen ist, kommt eben erst durch das menschliche Denken zustande.
Wieso überhaupt Raum und Zeit trennen? Sind es nicht Seiten ein und derselben Medaille?
Kann es beispielsweise einen Stuhl oder Tisch geben ohne die menschliche Vorstellungskraft?
Definitiv nein! Es wäre zwar tatsächlich auch dann etwas vorhanden, aber mit der Vorstellung Stuhl oder Tisch hätte es absolut nichts zu tun!
Gibt es denn die Zeit überhaupt?
Wir brauchen sie, um überhaupt kausal denken zu können - aber an und für sich gibt es nur zeitlose Gegenwart.
Und genau aus dieser zeitlosen Gegenwart leite ich eben auch den Ewigkeitsanspruch ab.

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Wenn du es nicht wagst, den Sinnen zu trauen, stürzen die Pfeiler des Lebens ein.
De nihilo nihil. Aus Nichts wird nichts.
Zu soviel Unheil hat schon die Religion die Menschen verleitet.
(Lukrez)

seneca Offline

religiöser Atheist


Beiträge: 669

06.09.2010 20:53
#102 RE: Basic philosophy: Idealismus und Realismus antworten

Raum und Zeit sind keine Dinge, auch nicht Dinge an sich, sondern menschliche Grund-Anschauungsformen. Soweit klar, das ist einer der wichtigsten Lehren des alten Kants. Aber sie existieren trotzdem irgendwie, ausserhalb von uns. Dann heissen sie einfach real (oder absolut?). Was heisst "ungeschaffen" (geschaffen verweist auf ein Schöpfer)? Meinst du eine formlose, prima materia?

Was ist der reale Raum und die reale Zeit? Man spricht noch von der absoluten Zeit. Läuft die vom Urknall an?
Unbedingt ewig, das sind eben so gross tönende, nichts sagende Ausdrücke der Katheder-Philosophie des 19 Jh., die Schopenhauer so gehasst hat.

Raum und Zeit seien mit dem Urknall entstanden, wogegen Lukrez sich wendet. Möglich, ich weiss es nicht. Ich denke, wir können uns einen Zustand ohne Raum und Zeit gar nicht vorstellen. Daher sind solche Spekulation müssig. Der Raum, angenommen ohne irgend etwas drin, ist nicht Nichts, sondern er kann eben Dinge aufnehmen. Ein solches Objekt ist auch unser Körper. Wir können uns ohne Körper, genauer ohne Sinne nicht vorstellen und auch nicht an einem raumlosen Ort.

Raum und Zeit gehören irgendwie zusammen, das finde ich auch. Ohne Bewegung von Gegenständen, Objekte im Raum, gäbe es keine Zeit. Bewegung ist der zentrale Begriff (schon bei dem von dir geschmähten Aristoteles): Alles ist in Bewegung: die Atome, unser Herz. Zeit entsteht durch Bewegung oder diese ist konstitutiv für die Zeit. Zeit kommt von den Gezeiten des Meeres und diese durch die Umdrehung des Mondes. Zeit ist kein Ding sondern eine Veränderung eines Zustandes.

Ein Stuhl, ein Tisch ersteht erst in der menschlichen Vorstellungskraft, wo sein Wesen (Sein) erkannt wird (S. Berlinger). Oder wie Berkeley sagte: Esse est percipi. Sein (des Stuhls etc.) ist wahrgenommen werden. Ansonsten wäre ein Stuhl einfach eine bestimmte Anhäufung/Anordnung von Atomen.

Es ist richtig, es gibt nur die zeitlose Gegenwart des Augenblicks, Vergangenes ist nicht mehr und zukünftiges noch nicht. Das mit dem Ewigkeitsanspruch verstehe ich nicht, das müsstest du mir erklären.

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RELIGION IST HEILBAR! (Buch von J. Hochstrasser, Ex-Priester)
Denken ist eine Anstrengung; Glauben ein Komfort (Ludwig Marcuse).
Das Leben ist eine mißliche Sache; ich habe mir vorgesetzt, es damit hinzubringen, über dasselbe nachzudenken (Schopenhauer). - Ich würde nur an einen Gott glauben, der zu tanzen verstünde (Nietzsche, Zarathustra).

radiogucker Offline

Rustikaler


Beiträge: 2.379

06.09.2010 21:15
#103 RE: Basic philosophy: Idealismus und Realismus antworten

Lesch über Raum und Zeit: guckst du hier


"Erst kommt das Fressen, dann die Moral." (B.Brecht)
"Der Weg der leider ziemlich zahlreichen proletarischen Hakenkreuzler geht über die Kommunisten, die in Wirklichkeit nur rotlackierte Doppelausgaben der Nationalsozialisten sind. Beiden ist gemeinsam der Hass gegen die Demokratie und die Vorliebe für Gewalt." (Kurt Schumacher, SPD)

Lukrez Offline




Beiträge: 5.551

06.09.2010 21:33
#104 RE: Basic philosophy: Idealismus und Realismus antworten

Zitat
Es ist richtig, es gibt nur die zeitlose Gegenwart des Augenblicks, Vergangenes ist nicht mehr und zukünftiges noch nicht. Das mit dem Ewigkeitsanspruch verstehe ich nicht, das müsstest du mir erklären.

Die Zeit ist unsere Anschauung.
(sie ermöglicht uns kausale Zusammenhänge)
Vergangenes und zukünftiges existieren ja durchaus - aber nicht in unserer direkten Anschauung!
Wir sind da durch unsere Vergangenheit, also tragen wir sie in uns - genauso auch unsere Zukunft.
Das absolute Ding an sich ist unvergänglich, ungeschaffen und trägt das, was wir Vergangnheit oder Zukunft nennen, immer schon in sich.
Da ja von der rein hypothetischen Erstursache abgesehen alles andere eine Ursache haben muss, ist natürlich auch die Zukunft immer schon enthalten.
Meine Behauptung ist lediglich, dass es überhaupt keine Erstursache gibt - wenn es diese nicht gibt, so kann es auch keine Endursache geben!

Zitat
Lesch über Raum und Zeit: guckst du hier

Er erklärt das über Einstein und Newton - und das ist nicht der Weisheit letzter Schluss...

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(Lukrez)

seneca Offline

religiöser Atheist


Beiträge: 669

13.09.2010 18:06
#105 RE: Basic philosophy: Idealismus und Realismus antworten

Was ist Metaphysik?
Siehe, was Schopenhauer dazu sagte, im Post von 11.9.2010
Warum halten die Menschen der Kirche die Stange??? (2)

Metaphysik* ist das über die Natur hinausgehende, das hinter ihr oder das ihr zugrunde Liegende nicht (direkt) Erfahrbare.
Die Metaphysik versucht das "wahre" oder "innerste" Wesen (Sein), das An-sich der Welt, der Dinge zur erkennen, sei es auf Grund von Erfahrungen (abgeleitet aus Erscheinungen, Realismus), sei es völlig aus "reiner Vernunft" (mit dem Denken allein. Idealismus).
Fast alle Philosophen vor Kant mit Ausnahme der Skeptiker und Empiristen waren Metaphysiker in diesem Sinn; sie wollten "vermittelst der Metaphysik über die Gegenstände möglicher Erfahrung hinausgehen, um womöglich das zu erkennen, was schlechterdings kein (auch nicht abgeleitet) kein Gegenstand der Erfahrung sein kann", insbesondere den "Urgrund aller Dinge", [die prima causa], "Gott". Kant zeigte, dass eine solche "Wissenschaft" als Wissenschaft unmöglich ist [nur als Spekulation]. Kant bestimmte die Metaphysik neu als Transzendental-Philosophie, als die Wissenschaft, welche die Vernunft nach ihren Elementen und obersten Maximen betrachtet, ohne aber diese als gegenständliche (objektive) Wirklichkeiten zu betrachten, wie es die alte dogmatische Metaphysik getan hatte. Kants. M. sei auf die Lösung der drei Probleme: Gott, Freiheit und Unsterblichkeit gerichtet, und diene als spekulative Metaphysik mehr dazu, Irrtümer abzuhalten, als die Erkenntnis zu erweitern. Sie sei als solche die Wissenschaft von den Grenzen der menschlichen Vernunft.
Entgegen Kant erhob sich die Metaphysik im 19 Jh. zu ungezügelter Spekulation (Fichte, Schelling, Hegel).

*) Nach Dr. Heinrich Schmidt (Schüler v. Haeckel), philos. Wörterbuch, Jena 1916
in Wikipedia wird die (Geschichte der) Metaphysik viel ausführlicher und komplizierter behandelt.

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seneca Offline

religiöser Atheist


Beiträge: 669

15.09.2010 17:29
#106 RE: Basic philosophy: Idealismus und Realismus antworten

Die Metaphysik des Schönen ist nach Schopenhauer nicht Aesthetik (im urspr. Sinne nach Kant Lehre von der Sinneserkenntnis), auch keine Regeln der Technik der einzelnen Künste.
Schopi: Hier ist unsere Betrachtung nicht auf das Praktische gerichtet, d.h. in Form von Anweisungen zum Tun oder Ausüben, sondern wir philosophieren überall, d.h. verhalten uns rein theoretisch (theoria = Betrachtung).

Aesthetik verhält sich zur Metaphysik des Schönen, wie Physik zur Metaphysik der Natur.
Aesthetik lehrt die Wege, auf welchen die Wirkung des Schönen erreicht wird, gibt den Künsten Regeln, nach welchen sie das Schöne hervorbringen sollen.

Metaphysik des Schönen aber untersucht das innere Wesen des (als schön erkannten) Schönen, sowohl in Hinsicht auf das Subjekt, welches die Empfindung des Schönen hat, als im Objekt, welches sie veranlasst.
Frage: Was ist das Schöne an sich, d.h. was geht in uns vor, wenn uns das Schöne anrührt und erfreut. Oder welches ist das Ziel aller Künste, der Zweck der Kunst überhaupt.

Diese ganze Betrachtung des Schönen aber, nehmen wir nicht müssig vor, nich so ex nunc [ab jetzt], weil es uns eben gefällt, sondern diese Betrachtung ist ein notwendiger Teil des Ganzen der Philosophie, ist ein Mittelglied zwischen der abgehandelten Metaphysik der Natur und der folgenden Metaphysik der Sitten. [Ende Schopi, aus nachgelassene Schriften].

Die Kraft, die uns treibt, das Schöne zu erstreben oder hinter dem Schönen überhaupt wirkt, ist der Eros: Liebe, Zeugungstrieb, auch im schöpferischen Tun ganz allgemein. In der Philosophie ist Eros Sinnbild der reinen Freundschaft und begeisterte Liebe zum Wahren (Eros der Erkenntnis), Schönen und Guten. Nietzsche: Das Christentum gab dem Eros Gift zu trinken; er starb zwar nicht daran, aber entartete, zum Laster". - Möge der Eros der Erkentnis uns hold sein.

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seneca Offline

religiöser Atheist


Beiträge: 669

17.09.2010 17:24
#107 RE: Basic philosophy: Idealismus und Realismus antworten

Behauptungsphilosophie*)
Weder in der Philosophie noch in der Kunst geht es um Beweis oder Meinung, sondern um Setzung und Behauptung - die ohne Gewissheit auskommen muss. Behauptungsphilosophie ist Philosophie des Ungewissen. Sie überschreitet die Modalitäten herkömmlichnen Denkens, wie Reflexion, Begründung, Kritik und Argument. ...
Es geht darum, als Subjekt im Ungewissen eine Wahrheit zu berühren und dieser Berührung eine Form zu geben: Sprache.
[Wenn ich etwas behaupte, dann wisst ihr wieso]

Das philosophische Leben ist kein Erkenntnisleben, weil es auf Wahrheit statt auf Wissen bezogen bleibt. Es geht nicht darum zu wissen, sondern die Grenze des Wissbaren zu erfahren. Diese Erfahrung verlangt und impliziert Wissen ohne Erkenntnisgewissheit. ...
Während das Wissen als ein Besitz des Subjekts beschrieben werden kann, ist Wahrheit per definitionem unbesitzbar. Das Subjekt in der Eigentumslosigkeit ist unvertraut.

Das Wahrheitssubjekt ist weder Gewissheits- noch Erkenntnissubjekt, sondern Subjekt der Grenze und selbst eine Grenze [Scheidung] indem es an die Grenze des Tatsachenuniversums rührt. Die Berührung dieser Grenze kann nicht erkenntnistheoretisch heissen. Philosophie ist nicht Erkenntnistheorie sondern eine Lebensform. die die Grenze der Erkenntnismöglichkeit ohne Sicherung in einer Art höherer Erkenntnis beschriebt. Philosophie recht ins Jenseits [Meta] ders Erkennbaren und ist deshalb mehr als blosse Feststellung von Erkenntnisfähigkeit. ...
...
Das Subjekt der Philosophie mag suchendes Subjekt sein, aber es weiss nicht, was es sucht. Das Suchen ist nicht die Wahrheit der Philosophie, weil eine Wahrheitsberührung zu machen bedeutet, mit dem Suchen aufzuhören. Aufhören zu suchen [was nur vorübergehend ist] heisst nicht, sich in einer Gewissheit anzuschliessen [anzuschliessen, z.B. Religion]. Es bedeutet, die Sinnlosigkeit eines solchen Versuchs der Selbsteinschliessung einzusehen. Diese Einsicht ... wird zum Gegenstand einer Behauptung, die über den Tatsachengründen schwebt. Zur Behauptungsphilosophie gehört die Schwebe. Das Subjekt der Behauptung ... hält zur Natürlichkeit der nackten Tatsachen wir zur Übernatürlichkeit blosser Ideen Kontak, es bewohnt eine dritte Dimension.

Das ist die Dimension der Grenze, der Ununterscheidbarkeit der Grenze und ihres Jenseits, Zone der Unbestimmtheit, des Schreckens, der Hoffnung, des Werdens, der Traurigkeit, des Glücks ...
[Da habe es die Kollegen von der theistischen Fraktion leichter]

An der Grenze der Welt, an diesem Weltrand, erfährt das Subjekt sich selbst als Grenze: Diese ist ein möglicher Name für seine Subjektivität. Deshalb kann es ein Subjekt ohne Subjektivität heissen, weil die Grenze den substanzialen Begriff von Subjektivität für das singuläre Subjekt immer neu verschliesst. Subjekt ist, was sich dieser Verschliessung öffnet.
Es ist ekstatisches [herausstehendes] Subjekt einer primordialen Geöffnetheit, Subjekt dieser ontologischen Nacktheit und Armut, nichts als Subjekt der Leeree, der Unbestimmtheit und Wesenlosigkeit. Diese Subjekt taucht im Denken des 20. Jh. als Subjekt des Unzuhause [wohl eher Unbehaustheit, Heidegger), aus Subjekt des Unaussprechbaren und des Wunders (Wittgenstein), als Subjekt des Aussen (Blanchot), als Subjekt der Freiheit und des Nichts (Sartre), als Subjekt des ontologischen Mangels und des Realen (Lacan), als Subjekt des Chaos und des Werdens (Deleuze / Guattari), als Subjekt der Desubjektivierung und Selbstsorge (Foucault), als Subjekt des Anderen (Lévinas), als Subjekt der différance (Derrida) und als Subjekt des Universellen oder der Wahrheit (Badiou) auf [der Autor hats v.a. mit den Franzosen]. - Es ist ein Subjekt, dessen Subjektivität mit der Dimension des Nicht-Subjektiven zusammen zu fallen scheint: Subjekt ohne Subjektivität.
[- Alles klar ??? Uff, der Bursche (Steinweg), ist Jg. 1971 - weiss nicht, ob ich das Buch weiter lese, es hat aber noch ein paar coole Zitate]

*) nach Marcus Steinweg, Behauptungsphilosophie (Merve, Berlin 2006)

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seneca Offline

religiöser Atheist


Beiträge: 669

22.09.2010 14:57
#108 Schopenhauers 150. Todestag 21.9.2010 antworten

Am Morgen des 21. September 1860 ist Arthur Schopenhauer, nachdem er seinen gewohnten Kaffee getrunken hatte, zweiundsiebzigjährig gestorben, sitzend auf seinem Sofa. – Die Gesichtszüge verrieten offenbar nichts von einem Todeskampf.

Schopenhauer brachte mehr als einmal seine erwartungsvolle Überzeugung zum Ausdruck, dass der «Augenblick des Sterbens» – man darf wohl einschränkend hinzufügen: wenn er denn glückt – jener Moment sein werde, in welchem dem Dahinscheidenden aufgehe, was es mit dem Leben und dem Tod auf sich habe. Der Sterbende werde dessen inne, dass die Welt, die er verlässt, und die individuelle Hülle, die ihm abgestreift wird, Täuschung und Schein [maya], jedenfalls nicht die wirkliche Wirklichkeit gewesen seien.
[Da ist seine Erwartung wohl zu hoch]
Schopenhauer verwebt platonische und kantische Schussfäden mit Kettfäden aus östlichen Weisheitslehren (samt Reinkarnationsgedanke - ein bisschen) sowie der christlichen Mystik, um eine ebenso metaphysische wie «gottlose» Weltanschauung zu formulieren: Wahrlich wirklich, unvergänglich und ungeworden sei der grund- und sinnlose Wille zum Leben, der – als «Ding an sich» – alle und alles durchwalte und miteinander verbinde; in diesen grundlosen Grund der Welt sinke jedes Individuum mit dem Tod zurück. Das «Unzerstörbare» im Menschen wäre demnach keine Seele und schon gar keine je individuell einzigartige, es wäre aber auch keine Materie, sondern ein allgemeiner, subjekt- und bewusstloser Existenzdrang, eine geheimnisvoll wabernde Wesenheit [wie zB das EINE von Plotin] mithin, die über allem, in allem und durch alles Leben hindurch herrscht.

Der Augenblick der letzten Erkenntnis, so stellt sich der Schopenhauer-Leser mit einiger Mühe vor, ist ein flüchtiger. Und er birgt ein nicht ganz leicht zu bewältigendes Pensum für den Dahingehenden. Das verrät sich schon darin, dass Schopenhauer den Moment einerseits als das «Erwachen» aus einem Traum beschreibt, andererseits als Beginn des [ewigen] «Todesschlafs» [aus dem es kein Erwachen gibt]. Vollends zu einer Prüfung des nur mehr flackernden Bewusstseins wird er aber, wenn, wie Schopenhauer auch andeutet, in ihm sich jene Wendung ereignen soll, in der der rastlose metaphysische Wille zum Leben zur Ruhe komme und sich gar selbst aufhebe.

Freilich ist das Kapitel Selbstverneinung des Willens in Schopenhauers Philosophie, die nur auf der Oberfläche ihrer wunderbar flüssigen Sprache hell glänzt, ein besonders dunkles [Schopenhauer war alles andere als ein Kostverächter]. Reichte ein einziger gewendeter Wille, um den metaphysischen Gesamtwillen zum Selbstverzicht zu bewegen? Ist das, was nach einer «gänzlichen Aufhebung des Willens übrig bleibt», nur für uns oder aber an sich «Nichts»? Wir wissen es nicht; wir wissen nicht einmal, ob Schopenhauer es zu wissen glaubte – und ob er tatsächlich der radikale Dissident der abendländischen Philosophie war, der dem «Sein» die Gefolgschaft aufkündigte und dem «Nichts» huldigte. Vielleicht ging mit ihm auch nur die buchhalterische Krämerseele – eine Mitgift väterlicherseits – durch, so dass er glaubte, den Wert des Lebens im Ganzen irgendwie bilanzieren zu müssen.
[Trotz krit. Einwänden, die man immer bringen kann - Schopenhauer ist und bleibt einer der grossartigsten Philosophen deutscher Sprache wenn nicht der Menschheit überhaupt]

Originalartikel von U.J. Wenzel in der NZZ vom 21.10.2010
http://www.nzz.ch/nachrichten/kultur/akt..._1.7628860.html

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seneca Offline

religiöser Atheist


Beiträge: 669

02.10.2010 10:54
#109 RE: Basic philosophy: Idealismus und Realismus antworten

Was ist Existenzialismus?

Eine Philosophie? Das ist umstritten. Eine Kunstform? schon eher. Eine Lebensform? Alle Existenzialisten habe ihre Philosophie gelebt.
Philosophie: Man muss die fundamentale Enthüllung in einem Buch finden.
Philosophy is giving argument; philosophy is thinking about anything,
Existentialism is fundamental experience

Vorlesung* von Prof. Hubert Dreyfus**:
"O.k.
Erstens: wesentlich ist eine enthüllende Erfahrung; zweitens existenzielle Denker glauben, ein persönliches Verstehen von sich selber und der Welt zu verkörpern (to embody) und zu durchdringen (pervasive). Und der Hintergrund all ihrer Erfahrung. welche nie explizit in einem System oder eine Satz von Lehrsätzen repräsentiert werden können, welche ausdrücken, was sie glauben oder beschreiben, was sie erfahren haben. Das Äquivalent (Beispiel: männlich oder weiblich zu sein in einer Kultur oder Gesellschaft. Es ist so eingebaut, wie die Leute leben, gehen, kleiden, anderen Menschen in die Augen schauen etc. Es [das Gender-Zeug] ist so durchdringend, umfassend verkörpert, dass man sich nicht klar werden kann. ...

Man kann es nicht wirklich artikulieren, ausdrücken, wenn man es nicht selber erfahren hat, und das ist ein Aspekt weshalb diese existenziellen [existencial, dt. eher existenzialistischen] Autoren nicht versuchen, Philosophie zu treiben. Sie können uns die Welt beschreiben, ohne zu sagen, dass sie an dieses und jenes glauben. Das, was sie glauben, ist nicht so wichtig, es geht darum zu verstehen, was z.B. männlich oder weiblich sein bedeutet. Es geht tiefer, sie wollen es nicht erklären, sondern zeigen. Kierkegaard hat eine ganze Theorie davon, welche indirekte Kommunikation heisst. Er schreibt meistens nicht im eigenen Namen sondern z.B. unter Johannes de Silentio („Furcht und Zittern“). Als solcher schreibt er was er wirklich fühlt.
Kirgegaards Erfahrung ist die romantische Liebe, die Totale Hingabe eines Kerls für seine Prinzessin. Das kommt von den Ritterromanen.
Und Dostojewski hat auch eine anscheinend ... Erfahrung. Er nenne sie agape, caritas, christliche Liebe für den Nächsten. Das geniale, was er daraus macht, ist die gesamte menschliche Erfahrung aufzuzeigen.
Und Nietzsche hat eine spezielle Erfahrung, wofür er einen eigenen Namen hat. Er erfährt den "Tod Gottes" [behauptet es nicht nur]. Er beansprucht der erste zu sein, der den Tod des westlichen Gottes erkannt hat und alles was daraus folgt.

Die Idee, was diese Leute sagen wollen ist so nahe bei ihnen, so durchdringend und verkörpert, dass sie es nicht einfach schildern können.
Yates schrieb in einem letzten Brief: Der Mensch kann Wahrheit verkörpern, aber nicht wissen. Das haben diese Leute gemeinsam in dem was sie schreiben.
Er glaubt nicht, direkt und explizit zu erklären, und zu zeigen, wie die Welt aussieht für einen, der eine solche überwältigende Erfahrung hat, wie er.

Fragen bis dahin?

O.k, warum nicht einen üblichen Existenzialisten wie Sartre lesen. „Saart“ [sagt Dreyfus] ist der letzte einer ganzen Reihe von existenziellen Denkern. In einer gewissen Weise ist er der am meisten abweichende (derivative) und der am wenigsten radikale. Sarte passt irgendwie nicht in die Liste [der Existenzialisten] und wir werden ihn nicht lesen - ich werde es nicht sagen warum.

Da ist Pascal, er ist der erste Existenzialist, eine Generation nach Descartes, er ist total gegen Descartes, DER Philosoph der Philosophen nach Plato. Es gibt wahrscheinlich keinen wichtigeren im Westen für das Verständnis, was wir sind [als Descartes]. Pascal ist anti-Descartes. Dieser steht für eine Betrachtung aus einem losgelösten körperlosen theoretischen Standpunkt, und Pascal sagt, dass man so nichts Wichtiges über menschlichen Wesen herausfinden könne. Er sagte merkwürdige Dinge: Wir haben nie eine Erfahrung von Gott, Gott ist immer verborgen, und deshalb müsse man an Gott glauben durch eine Art Sprung [a kind of leap]. Diese Dinge wurden sehr einflussreich für Dostojewski und Kierkegaard. Pascal sagt etwas sehr existenzialistisches: unsere Natur zugänglich machen (customize our nature), d.h. es gibt keine menschliche Natur (Wesen), wir geben uns die Natur, welche durch die Kultur entstanden ist. Also das ist Pascal und auf seinen Schultern steht Kierkegaard. Er kritisiert v.a. den losgelösten Betrachtungsstandpunkt und ist anti-Hegel.

Existenzialisten sind immer gegen irgendwelche Philosophen, ohne das können sie nicht wirklich philosophisch existenzialistisch denken, ohne diese Gegenposition. Und nach Kierkegaard aber selbständig ... sucht .... sorry, da ist noch ein anderer: Ja, da ist Nietzsche: 1886 - wer ist sein grosser Gegnger, gegen den er schreibt? Wagner ist nicht sein philosophischer Gegner, das war so ein Zank. Es gibt keinen - er ist gegen alle! -Ich denke Socrates ist irgendwie sein grösster Gegner, der hat die Philosophie degeneriert; der hat die griechische Kultur unterminiert und ruiniert und all das. [Nietzsche ist ein grosser Vorsokratiker-Fan].

Nach diesem ist Heidegger, über den ich mehrere Kurse gebe [Dreyfus hat auch mehrer Bücher über Heidegger publiziert], weil er derjenige ist, der aus Kierkegaard und Nietzsche eine Art philosophisches System gemacht hat. Er tut es so in einer philosophische Sprache, aber es ist anti-Philosophie, aber viel mehr in einer philosophischen Form. Heideggers Buch ist von 1927 "Sein und Zeit" und dann endlich Sartre. Er war als Kriegsgefangener in Deutschland und schrieb 1947 "Das Sein und das Nichts".

Ich komme zurück auf die Frage: Er sagte nichts wirklich neues, was aber kein Grund ist ihn [Sartre] nicht zu lesen. Er bringt grosse Beispiele. Sein grosses Problem ist,...

Da ist noch einer Camus [Dreyfus sagt „Kamuu“]. Wieviele haben Camus gelesen, den "Fremden" [létranger]? Manche denken, er ist ein Existenzialist. Wie viele haben „die Pest“ gelesen oder „The Fall“[?]. Aber Camus ist kein Existenzialist, auch wenn man euch was anderes gesagt hat. Ok, es kommt darauf an, wie man es sagt.

Aber Camus sagt selber, er ist keiner und ich denke, er hat recht. Camus sagt von sich, er ist ein Heide (pagan). Ich denke, alle Existenzialisten stehen in der judäo-christlichen Traditon. Ich erklär das gleich später. Aber sie glauben an einen Gott, der das höchste Wesen ist, der .... sorry ich sagte das nicht richtig. - Nein, die Existenzialisten glauben das nicht. Sie stehen in Opposition zu einer Kultur, deren fundamentaler Glaube der Glaube an ein höchstes Wesen ist, dass alles einsehbar macht, das die moralischen Gesetze gibt. Das man wegen dem höchsten Wesen herausfindet, was zu tun ist, was Sinn macht, und es keine Widersprüche gibt. Die Kultur lebte danach lange Zeit. Aber Camus ...

Das ist, was man das "Absolute" nennt, die absolute Quelle der Bedeutung. Man kann darauf zählen, es macht Sinn für die Welt und unser Leben. Camus verneint absolut, dass es so ein Wesen gibt. Er ist definitiv gegen die ganze judäo-christliche Tradition. Er denkt, das zu überwinden (to overcome); einfach aufzugeben, ein Absolutes zu suchen. Man reduziere die Ansprüche, warum sollen wir denken, dass es so eine Art Antwort gibt. Wir brauchen sie nicht. Können wir nicht einfach die kleinen Dinge schätzen, wie Camus, am Strand liegen von Algier, die Welt zu schätzen wie sie ist, selbst wenn es ans Sterben geht? Das ist gut so. Das ist eine Art vor-christliche Einstellung. (pre christian attitude), wie ein Heide. Aber unsere Kultur würde süchtig nach dem Absoluten („Gott“). Nietzsche würde sagen, wir sind Absolutheits-Junkies. Wir sind gewohnt alles im Hinblick auf ein höchstes Wesen zu verstehen. ...
Das mit dem höchsten Wesen hat etwas mit dem philosophischen Gepäck von Plato zu tun. ...

Auszug aus der gesprochenen Vorlesung von Hubert Dreyfus, Professor in Berkeley
übersetzt von seneca
**) http://socrates.berkeley.edu/~hdreyfus/
*) http://webcast.berkeley.edu/course_detai...esid=1906978306

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seneca Offline

religiöser Atheist


Beiträge: 669

07.10.2010 10:21
#110 RE: Basic philosophy: Idealismus und Realismus antworten

Noch ein Nachtrag zu Kierkegaard, den ich gefunden habe.

Der dänische Philosoph und Theologe Sören Kierkegaard gilt als Begründer des Existenzialismus. Hegels auf die Entfaltung des "Weltgeistes" bezogene These, dass die Wahrheit ein [geschichtlicher] Prozess sei, wandte Kierkegaard auf die individualpsychologische Situation des Einzelnen an. Wahrheit und Glaube könne der Mensch niemals besitzen, sondern bestenfalls momenthaft erfahren. So sei die menschliche Existenz gekennzeichnet durch ein Wechselspiel von Glauben und Verzweiflung. Nur das Aushalten dieser Zerrissenheit biete dem Menschen die Möglichkeit, zu erfahren, dass das Zeitlose in der Zeit enthalten sei und deshalb jederzeit der Sprung aus der Verzweiflung in den Glauben möglich sei. Kierkegaard bekannte sich zu den Idealen des Christentums, kritisierte aber vehement dessen reale Erscheinungsformen [als hohl, falsch und verlogen].
http://www.psp-tao.de/zitate/autor/Soeren_Kierkegaard/200

Der paradoxe "Sprung in den Glauben" ist jederzeit und immer wieder möglich, selbst für Atheisten. Es ist ja nicht so, dass die sog. Gläubigen, den Glauben ein- und für allemal gewonnen hätten. Deshalb ist der Unterschied zwischen Gläubigen und Ungläubigen nicht so wichtig und die Auseinandersetzung darüber oft ein Scheingefecht.

Auch wenn man den christlichen Glauben nicht teilt, ist Kierkegaard sehr interessant.
Lesenswert sind die 5 A4-Seiten:
Kierkegaard und die Existenzphilosophie
von Otto Friedrich Bollnow
http://www.otto-friedrich-bollnow.de/doc/Kierkegaard.pdf
wenn ich die nächsten 2 Wochen nichts poste liegt es daran, dass ich in den Ferien bin.

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seneca Offline

religiöser Atheist


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07.01.2011 12:53
#111 RE: Basic philosophy: Idealismus und Realismus antworten

Von den neueren Philosophien ist die Metaphysik des 17. Jh. am interessantesten, viel interessanter als gnostische Spekulationen a la Thuletempel etc. Diese Philosophen haben sich von der Antikenverehrung der Renaissance gelöst und waren durchaus eigenständig. Als komplettester Vertreter ist Descartes anzusehen. Er hat sich bei seiner Naturerkenntnis bereit von der metaphysischen Bindung an den jenseitigen Gott, nicht aber in der Metaphysik, die natürlich auch spekulativ ist. Im folgenden ca. 2 A4 Seiten zusammengefasster Text (Quelle S. am Ende).

Die Philosophie war für Descartes v.a. die Art und Weise, seine EXISTENZ unabhängig von den Menschen in der leidenschaftlich erstrebten Überlegenheit des Wissens und Wollens zu halten. Seine Hauptwerke sind die „Regeln zur Leitung des Geistes“ (Regulae) und der „Discours de la methode“.

Die Philosophie Descartes beginnt mit dem Zweifel. Schon Sokrates hat einen inneren Halt der Persönlichkeit und die Selbstmächtigkeit der Vernunft gefunden, indem er die geläufige Meinung seiner Umgebung nicht glaubte sondern nach ihrer Richtigkeit fragte. Die Bereitschaft nur das gelten zu lassen, was der immer erneuten Prüfung standhält, das aber auch in seiner Wirklichkeit hinzunehmen, mach den Menschen durch Vernunft frei von den Dingen und unabhängig im Geschehen.

Die Methode des Denkens selbst entspringt bei Descartes dem Zweifel. In den „Regeln“ ist bereist sein Ziel, vor jeder Diskussion oder Erforschung der Dinge grundsätzlich nach Möglichkeit und Grenzen des menschlichen Erkennens zu fragen. In dieser Frage erkennt er, dass nur Intuition und Deduktion uns wirkliche Gewissheit geben können.
Die aus dem Zweifel entstandene Methode aufs Zweifeln selber angewandt und über das Zweifeln zur Gewissheit fortgeführt ergibt den Gedankengang der "Meditationen", Descartes Grundlegung der Philosophie.

„Gelerntes Wissen und sinnliche Erfahrung haben mich oft getäuscht. Ich gebe sie also von vornherein preis. Trotzdem scheint noch vieles übrig zu bleiben, z.B. der unbestimmte Begriff der EXISTENZ. Allein es gibt kein allgemeingültiges Kriterium, Traum und Wachen zu unterscheiden. Was ich als existent erlebe, kann auch geträumt sein, wie ich schon oft erfahren habe. Auch die Existenzurteile sind zweifelhaft, ich bin noch nicht auf dem Grund des Zweifelns.“

Unbetroffen von der Unterscheidung zwischen Traum und Wachen ist nur die Mathematik: 2 + 3 = 5 ist immer war, ob ich das träume oder wach erlebe. Das ist erst zweifelhaft, wenn ich na der Methode frage: Rechnen ist eine Ableiten, Deduzieren, Zählen. Beim Zählen bis 4 muss man die Reihe 1,2… behalten.

Nun könnte es nach Descartes sein, dass ein falscher trugvoller Gott als Schöpfer (genius malignus) mich so gebildet hat, dass ich mir der Verstand in der Zeit habituell verwirren muss, wenn ich ableite, deduziere …

Ich kann nicht wissen, ob das der Fall ist oder nicht. Deshalb ist jetzt alles fraglich: Tradition, Sinneswahrnehmung, Existenz, Deduktion. Es scheint, dass nichts vor dem Zweifel bestand hat. Ich bin auch der Güte Gottes von vornherein jedenfalls NICHT sicher. Dies ist für Descartes deshalb so wesentlich entscheidend [und nicht nur ein Spiel - Descartes ist kein verkappter Atheist, auch wenn er dem Atheismus den Weg gebahnt hat], weil er sich klar darüber ist, dass die menschliche Existenz abhängig ist von Gott, der sie geschaffen hat.

An dieser Stelle äussersten Zweifels beginnt die Überwindung des Zweifels. Descartes und mit ihm Jeder, der seine einsamen „Meditationen“ im Denken nachvollzieht, sieht, ein, dass er doch wenigstens SEIN muss, während er zweifelt: COGITO ERGO SUM; ich denke (selbst zweifelnd), also bin ICH [und das ist das Einzige, was ich sicher habe]. Auch wenn ich nur träume, phantasiere, selbst mich noch so sehr täusche, wenn ich Einbildungen oder Wahnvorstellungen habe, bin doch immer [nur] ICH, der dies alles hat. Dies also die erste synthetische, auf einmal einsichtige, nicht schlussfolgernde unbezweifelbare Wahrheit im Sinne der Intuition der „Regulae“. Diesen Punkt meines Selbst-Bewusstseins und meiner inneren Freiheit können alle Zweifel, Leiden, Verkehrungen meiner Natur, das widrigste Geschick, selbst Geisteskrankheit oder ein trügender Gott nicht antasten. Er ist der innere Ort der Unerschütterlichkeit, den schon die Stoiker in der Antike als Ideal vor Augen hatten. Von diesem Punkt aus kann weitere Wahrheit gewonnen werden.

In der Selbstgewissheit des Denkens liegt die unbezweifelbar Gewissheit des gesamten Gedanken- und Vorstellungsreichs ALS SOLCHEN, und nur dies. Das SELBST ist der existenzielle Grund jedes Gedankens, jeder Meinung als Meinung. Descartes nennt es daher RES COGITANS, wobei res (lat. Ding, Sachen) soviel wie substantia ist, eine Wirklichkeit, die zu ihrem Dasein, keiner anderen bedarf. Die Selbständigkeit der Existenz ist das formale Kriterium für Substanzialität.
Allerdings ist das nicht voll haltbar: Nur dem Gedachten, Gemeinten (Phantasiertes, Vorgestelltes, Wahrgenommenes) gegenüber ist das ICH, das ego cogito, Substanz in diesem Sinn. Es findet sich nämlich unter den Ideen eine, die eine ausgezeichnete Stellung einnimmt: die Idee von Gott, als dem vollkommensten Wesen [ich sage dem SEIN]. Diese Idee ist zunächst nur Gedanke nicht Wirklichkeit. Aber beim Nachdenken wird mir (Descartes) zweierlei klar: Im vollkommensten Wesen muss auch Wirklichkeit schon dem Begriff nach liegen, denn ohne Sein wäre es nicht vollkommen [dieses anselmische Argument verhält aber nicht, wie Kant nachgewiesen hat]. - Und zweitens: Als Idee des vollkommensten Wesens kann diese Idee nicht aus mir stammen, ihr Grund kann nicht das ego cogito als res cogitans, als Wirklichkeit, Substanz der Vorstellung sein. Das ego, das denkende Ich, ist, wie ich im Zweifel gesehen habe [zwar das Einzige, was ich habe] aber sehr unvollkommen. Das Unvollkommene als Grund, als selbständige Substanz, kann nicht das Vollkommene als Idee oder Meinung erzeugen.
Nachdem ich also zuerst im Sinn der Methode mittels der Intuition den Satz „cogito ergo sum“ als Wahrheit gewonnen habe, gewinne ich jetzt durch Deduktion, Ableitung daraus die zweite unbezweifelbare Wahrheit: Die Einsicht in die notwendige Existenz Gottes. Der Sache nach hat diese zweite Wahrheit den Vorrang vor der nur für uns zuerst gewonnen ersten des cogito. Denn: ich BIN zwar, auch wenn ich zweifelnd denke. Aber denkend bin ich bloss im Augenblick meiner selbst als Dasein gewiss. Alles war über die zeitliche Präsenz hinausgeht, die Dauer, das Bestehen, des identischen ICH als solchen, ist vom Zweifel antastbar. Die RES cogitans ist daher nur eine endliche, begrenzte Substanz in der Zeit, Grund und Wirklichkeit gegenüber den jeweiligen Gedanken.

Grund, Substanz des Ich, auch letztlich des ego cogito ist nach Descartes Gott als das vollkommenste Wesen. In der Zeit bin ich mir der Abhängigkeit von Gott, dem Schöpfer be-wusst, weil mich der Zweifel bedroht. Gott allein ist daher unbedingte Substanz, substantia infinita, Wirklichkeit, die zur Existenz schlechthin keiner anderen Substanz bedarf [Nach Spinoza gibt es nur eine einzige Substanz: Gott] Die res cogitans, das denkende Ich, ist nur substantia finita, von Gott abhängiger Grund der Ideen. In dem an zweiter Stelle genannten „Gottesbeweis“, den man einen Beweis ex contingentiae animae meae, aus der Bedrohtheit und Abhängigkeit meiner denkenden Seele nennen könnte, trägt der Mensch die Spur seines Schöpfers unmittelbar an sich und wird sich dessen bewusst.

*aus: Prof. Dr. Kurt Schilling: Geschichte der Philosophie IV - von der Renaissance bis Kant, Sammlung Göschen Bd. 394/394a , Berlin 1954

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seneca Offline

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09.02.2011 19:36
#112 RE: Basic philosophy: Idealismus und Realismus antworten

Für die einen ist alles nur materiell, es gibt nur Materie, für die anderen ist alles Geist: Die Materie gibt es eigentlich nicht, das ist nur Einbildung. Alles existiert nur kraft Gottes oder im Denken Gottes, sagt Berkeley gemäss Bruno Corti, weshalb ich Berkeley verachtete. Das ist aber falsch verstanden. Lehne mich im folgenden an Schilling an mit eigenen Reminiszenzen (Quelle a.E.)

Den irische Bischof und Philosoph George Berkeley (1685 -1753), der letzte der grossen kralssichen Philosophen (Schilling), den Schopenhauer gelobt hat. Er hat zwar komische Teerkuren vertreten war aber ein sehr frischer unabhängiger Denker.
Seine Hauptthese klingt merkwürdig. Er ist mir ihr fast immer - auch von Kant - gänzlich missverstanden worden: esse est percipi (passiv von percipere), Sein ist, bedeutet wahrgenommen werden (von wem? Von Gott oder irgendwem?).
Die These ist zunächst gegen Locke, gegen den Begriffsrealismus gerichtet. Bei ihm fand sich als Rudiment (Rest) die Substanz, Materie als der unbekannte Träger der bekannten, wahrgenommenen Eigenschaften der Dinge. Diese Substanz (die Spinoza mit Gott gleichsetzt) hält Bischof Berkeley für ein gefährliches Hirngespinst. Denn die Annahme der Substanz (von lat. sub stans, das darunter Stehende) verleitet uns nämlich zum Atheismus, denn sie führt das lebendig und unmittelbare Gesehene, Gehörte, Gerochene, sinnlich Vernommene auf etwas Totes und Materielles zurück, auf Ausdehnung (Raumerfüllung), Kraft, Atome. Sein grundlegender Denkfehler ist nach Holbach, die Materie als tot anzunehmen, was sie nicht ist. Sie hat die Fähigkeit (Potenz), schon von Anfang an, Leben hervorzubringen. Die Atome sind immer in Bewegung und haben Energie. Diese Kraft ist der Materie immanent. - Bei Leibniz steht als Wesenskern die lebendig-göttliche Monade als Sein. Aber die Monadenlehre (eine Art esoterische Atomlehre) kannte Berkeley nicht.

Ebenso Phantasmen sind nach Berkeley die Allgemeinbegriffe und die Worte der Sprache. Sie haben keine Realität; das hatten wir schon im MA mit den Nominalisten und Realisten, wobei letztere keine solchen waren, weil sie die Allgemeinbegriffe als real annahmen. Es gibt kein Dreieck überhaupt, sondern einzelne spitz- oder stumpfwinklige Dreiecke. Es gibt keinen Baum überhaupt [als Idee sondern nur gew. Pflanzen, die aufgrund best. Merkmale als Baum bezeichnet werden], sondern nur den einzelnen hier (Buche) und dort (Tanne). „Sein ist Wahrgenommen werden“ bedeutet zunächst einfach, dass es keine Substanz HINTER den Dingen und keine Allgemeinbegriffe (als Realität) ÜBER den Dingen, als die Dinge entwertende Realität (die angeblich höher seien) gibt - sondern nur die Dinge selbst. Dies mal gegen alle Weltverächter, und konstruktivistischen Zweifler.

Die Dinge selber, die Welt, kann nur die wahrgenommene Welt sein. Nur in der Wahrneh-mung ist uns die Welt unmittelbar, aber auch unverstellt und rein offenbart. Die Wahrnehmung ist also der Stoff des Bewusstseins. Das Bewusstsein, das unmittelbar sinnliche Bewusstsein, ist, wen wir es genau nehmen, die Offenbarung der Welt, und nichts anderes. (Schopenhauer sagt im ersten Satz seines Hauptwerks: Die Welt ist meine Vorstellung). Es wäre überhaupt undenkbar und widersprüchlich, sich ein Sein ausdenken zu wollen, das nicht irgendwann mal wahrnehmbar ist, also mit Bezug auf diesen vergangenen, gegenwärtigen oder zukünftigen Augenblick seines Wahrgenommenwerdens. - Wir können nur natürliche Dinge wahrnehmen und "übersinnliche Wahrnehmung" ist somit ein Unsinn in sich.

Wegen dieser zeitlichen Dimension SIND die Dinge sehr wohl, auch wenn ich oder irgend-wer gerade nicht hinschaut. Aber man kann auch dann nur mit Sinn von Ihnen sprechen, nach ihnen fragen, sie bezweifeln oder bejahen, beurteilen und bestimmen, wenn sie wahrgenommen werden, wobei die Möglichkeit des wahrgenommen Werdens genügt. Berkeley sagt: „Das Wichtigste, was ich tue oder zu tun mir vornehme, besteht darin, den Nebel oder den Schleier der Worte wegzuziehen (er ist also gegen den Wortaberglauben). Der hat Unwissenheit und Verwirrung nach sich gezogen. Der hat die Scholastiker und Mathematiker, die Juristen und Theologen ruiniert“. Das ist gerade das Gegenteil des Perzeptionsillusionismus, den man Berkeley immer wieder unterstellt hat. Es ist nichts anderes als ein Rückgang auf die wahre Weise des Vernehmens der Welt. [Wie man auf das falsche Verständnis von Berkeley kam, kann ich im Moment nicht nachvollziehen.]

Das wahre Sein der Welt ist uns als sinnliche Wahrnehmung offenbart. Alles, was es neben dem Sein noch gibt, hat Wirklichkeit nur in Bezug auf die Wahrnehmung. Als etwas Selbständiges, als Sein verstanden, wäre es Hirngespinst, Phantasma, Gespenst, Betrug, Täuschung. - Juhu, die Welt ist gut und keine Täuschung eines übelwollenden Gottes (Thomas von Aquin).

Trotzdem gibt es noch etwas neben der Wahrnehmung oder über sie hinaus, und dieses ist auch sinnvoll und berechtigt IN BEZUG auf die Wahrnehmung (als Hilfsmittel). Was über die Wahrnehmung hinausgeht (soweit sie ‚natürlich‘ nicht selber wahrgenommen sind und wahrgenommen werden müssen) sind die ZEICHEN. Als Zeichen für die Dinge und also zum Zweck der Zusammenfassung (Allgemeinbegriffe) und Sonderung (Unterscheidungsmerkmale), des menschlichen, praktischen, auch technischen Umgangs (techné = Geschicklichkeit) Umgangs mit den Dingen sind die Zeichen wertvoll. …

Zeichen sind so gut wie die Worte der Sprache und ihre grammatischen Abwandlungen wie die Zahlen und Operatoren der Mathematik. Sie dienen dazu, das SEIN der Welt und aller Dinge zu erklären, aber auch dazu, uns über das Wahrngenommene gegenseitig zu ver-ständigen. …
Somit sind die Zeichen als Zeichen zwar in der Tat oft für Vieles gültig, besitzen die Allgemeinheit, die dem wahrgenommenen Sein nie zukommt.

Die Zeichen sind konventionell … Nur deshalb kann ich sehr Vieles als Tisch bezeichnen aufgrund bestimmter Merkmale (Zeichen).
Berkeley glaubt sich mit seiner Zeichentheorie in Übereinstimmung mit der neuzeitl. Physik seiner Zeit. Er ist es in Wahrheit nicht mit der Physik von Kopernikus und Kepbler bis Leibniz und Newton, die im RECHNEN die Schöpfungsgedanken Gottes nachzudenken glaubt. Aber er ist es mit der aufgeklärten Physik und mit der Physik des 19. und 20. Jh., die in ihren Theorien nur experimentell nachprüfbare einfachste menschliche Beschreibungen der Phänomene“ erblickt und keinen weiteren (höheren) Sinn als den der Lebensbewältigung (Technik) des Menschen.

Wie es Tische gibt, mit allen möglichen Merkmalen, aber doch als Tische erkennbar sind, so dass der Begriff, das Zeichen „Tisch“ passt ist „Gott“ auch ein Zeichen, eine Chiffre, für ein vorgestelltes Etwas verschiedener Menschen, hier ein Wesen, mit allen Merkmalen (v.a. Bewusstsein und Willen), die wir ihm zuschreiben, aber in übersteigerter Form, wobei wir diese Eigenschaft aus uns selber (Vorstellung und Phantasie) nehmen.

Für Berkeley ist die ganze Technik eine auf Zeichengebrauch beruhende menschliche Schöpfung, mit der ich die Dinge beherrschen und dem menschlichen Gebrauch unterwerfen kann. - Vor der Beherrschung kommt aber das Verstehen, wie die Welt, die Dinge funktionieren. Dafür dienen die Zeichen. GOTT ist auch so ein Zeichen, ein X das in die Gleichung einführen, um sie zum Stimmen zu bringen.

Am Schluss stellt Berkeley das Zeichensystem in Frage: Man könne von der Zeichenformel nach der in ihr liegenden Anwendungsregel wieder zu den Dingen zurückkehren. Aber dies zeige, dass die Zeichen für die Erkenntnis der Welt gar keine Bedeutung haben (was für die Welt an sich stimmen mag). Sie sind Menschenwerk, dienen der Menschlichen Beherr-schung der Welt, nicht ihrer Erkenntnis (wie schon gesagt). - Dabei müsste man Erkenntnis definieren: Verstehen, wie etwas wirklich ist; das wahre Wesen erkennen, die Idee. Am Schluss landen wir wieder bei Platon. Whitehead sagte, alle Philosophie sind Anmerkungen zu Platon. Aber Kant bringt uns immer wieder auf den Boden mit: Es gibt keine Kenntnis ausser der Erfahrung.

Oder ganz kurz: Die Zeichen dienen dazu, zu erkennen, wie die Welt, die Dinge, funktionieren, aber nicht zu erkennen, was sie sind. Das führt wieder zur Metaphysik (S. den sep. Post in diesem thread).

* Prof. Dr. Kurt Schilling: Geschichte der Philosophie IV - von der Renaissance bis Kant, Berlin 1954

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seneca Offline

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11.02.2011 15:52
#113 RE: Basic philosophy: Idealismus und Realismus antworten

Berkeley 2
Ich möchte noch George Berkeley fertig behandeln, und hoffe es interessiert jemanden, wobei ich auf spezielle Thesen zur Mathe nicht eingehe. Es zeigt sich, dass die Vorurteile gegen Berkeley, dass er den Vorrang des Geistes predigt, nicht unberechtigt sind.

Es ist für Berkeley wesentlich, dass ihm seine Wahrnehmungslehre genau so wenig wie Descartes seine Methode des Zweifelns der Gewinnung sicheren Wissens eine neutrale selbständige Erkennt-nistheorie ist, sondern der neue Ansatz für eine alte Metaphysik.
Ausser den Vorstellungen als dem wahren Sein der Welt und dem Zeichensystem des Wissens gibt es noch etwas, das nicht Ding oder Zeichen ist, und nicht direkt wahrgenommen werden kann, also überhaupt nicht gegenständliches Sein wird. Es ist „das wahrnehmende aktive Wesen selber“, Verstand, Geist, Seele, ICH. Durch diese Worte werden nach Berkeley nicht Vorstellungen sondern etwas von diesen Verschiedenes bezeichnet (was man bezweifeln kann; auch das Ich wird vorgestellt, ist keine feste Grösse). Er fragte sich, ob das Ich nicht bloss ein „Bündel von Vorstellungen“ ist, entschied sich dann aber für Descartes res cogitans, die bei diesem unvorstellbare metaphysische Ich-Einheit (deren Vorhandenheit trotz aller Unvollkommenheit nicht bezweifelt werden kann) als letztlich einzig fester Bezugspunkt aller Vorstellungen und auch als Zurechnungspunkt für die moralisch-religiöse Verantwortlichkeit in der Zeit (Unsterblichkeit der Seele und ewiges Gericht)

Hier muss ich (se) vorausschicken, dass für Berkeley wie für Descartes GOTT das Gewisseste ist, was es gibt, neben dem denkenden Ich (oder Ding, res cogitans), der Rest kann ja alles bezweifelt werden. Um diese Gewissheit, als willentlicher Entscheid, herum baut Berkeley seine Philosophie, wobei er im Alter von seinem Perzeptionismus (esse est percipi) abweicht und mehr zum Mystiker wird.
Das Ich ist für Berkeley in seiner Substanzialität, seinem Sein nach (eben nicht Substanz, also weniger res cogitans) sondern AKTIVITÄT, also nicht percipi, vorgestellt WERDEN, sondern der aktive Teil. - Das könnte ich noch unterschreiben. Das ich existiert aktuell nur, wenn das Bewusstsein aktiv ist, wie ein geigeschalteter Radioempfänger. Das Sender-Empfänger-Modell ist vom verstorbenen LSD-Entdecket Hofmann.

Dafür sei aber wie bei Descartes (nebst der res extensa = substantia finita und der res cogitans) eine dritte Substanz, die substantia infinita (unendliche S.) erforderlich. Ist das Ich nämlich Aktivitätso kann wohl die Setzung der Zeichen und ihrer Verknüpfung, also das Wissen der Welt aus ihm stammen, aber nicht das Sein als percipi, als Wahgenommenwerden. In der Wahrnehmung sind wir vom Gegebenen (vom Sender) abhängig. Da das Gegebene nicht eine tote Materie, Atome, Kräfte oder dgl. sein kann (das ist es ja gar nicht, wer behauptet das?), wie aus der Unwirklichkeit der Allgemeinbegriffe hervorgeht (quatsch, die haben nur Zeichenfunktion), so bleibe nur Gott übrig, der uns die Wahrnehmung direkt eingebe. - Die sinnliche Wahrnehmung, die er so toll beschrieben hat, ist für Berkeley das ungetrübte Vernehmen der Sprache Gottes. Nur deshalb hat es diesen Vorrang in seiner Philosophie. Die Annahme einer Materie als selbständiges Ding (ohne Würdigung seines Hervorbringers) wäre Undankbarkeit gegen Gott, Verfälschung seines Werkes. Selbst die Sprache ist Menschenwerk, das (als Schleier) vor der Schöpfung Gottes steht (Schilling ist zu wenig ausführlich bei seiner Erklärung). Gott hat uns geschaffen, und die Welt (das Unversum) für uns, für unser Auge, Ohr, für unsere Nase und unseren Gaumen, damit wir sie wahrnehmen (Juhu, ist das toll). Vergeblich suchen wir Rat in den Schriften gelehrter Männer und verfolgen die dunklen Spuren des Altertums (das gilt aber auch für Bibel und Koran). Wir brauchen nur den Vorhang von Worten wegzuziehen, um klar und rein den Erkenntnisbaum zu erblicken (Die Welt ist schön!). Berkeley ist widersprüchlich. Wir können auf die Sprache als Zeichensystem zum Verständnis und um uns mitzuteilen, nicht verzichten.

Das Schauen der Dinge in Gott (als dem Schöpfer) ist für Berkeley kein intellektuelles (amor Die intellectualis) sondern ein sinnliches. Aus der Schönheit der Welt erschliesst sich die Grösse Gottes (man sieht zuweilen so Tafeln, wo Gott gelobt wird für die Schönheit der Berge). Für Leibniz und Kepler ist es hingegen die mathematische Regelmässigkeit der Himmelsbahnen, die Harmonie des Kosmos (vgl. Pythagoras). Das Sein der Welt ist wohl eindeutig als percipi bestimmt, da hat Berkeley recht, das Sein des menschlichen Geistes und Gottes (im Einklang mit Heidegger) ebenso eindeutig negativ nicht als Vorgestellwerden. Dieses Sein der Geister ist vielmehr in der endlichen wie in der unendlichen Form (Gott) Aktivität, sogar Wille (vgl. Schopenhauer). Aber was ist Aktivität und wie wird sie gewusst? Die philosoph. Herleitung von Gott, das Allergewisseste, ist bei Berkeley nicht mehr so klar, wie bei Descartes, der von der Hinfälligkeit und Abhängigkeit der Seele ausgeht (S. meinen post zu Descartes).
In Wahrheit sei Gott die erschlossene metaphysische Ursache der Vorstellungen (oder des Bewusstseins überhaupt). Das ist zwar als Glaube eindeutig, als Methode im Rahmen des berkeleyschen Systems und seiner Polemik gegen die Materie bedenklich. Die Vorstellung von Gott sei nur „inward fee-ling“, inneres Bewusstsein nach dem Bild der menschlichen Aktivität (sagt er selber richtig). Aber was ist inward feeling? Dies ist alles nicht mehr so geklärt wie bei Descartes. …. Ich denke, am Schluss haben alle ir-gendwie recht.

Quelle: Schilling, Philosophie (s. vorherigen post)

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11.02.2011 16:11
#114 RE: Basic philosophy: Idealismus und Realismus antworten

Für Meister Eckart geht der Mensch schwanger mit Gott.
Und diesen Gottesfunken im Seelengrund gilt es zur Geburt zu bringen.
Für Eckart ist diese Geburt der eigentliche Beginn des Menschseins.
Während der Gottesfunken bei Albertus Magnus noch die erkennende Kraft in uns ist, wird er bei Eckart
zum schöpferischen Vermögen, das von Augenblick zu Augenblick eine begrifflich strukturierte Welt voller
Licht und Farben, voller Klänge und Gerüche um uns erstehen läßt, die es ohne die schöpferische Kraft des
Bewußtseins nicht gäbe.
Und so sagt er folgerichtig:
Das NUN, in dem ich zu euch spreche,
und das NUN, in dem Gott die Welt erschuf,
ist alles das gleiche NUN.

seneca Offline

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26.02.2011 17:30
#115 Die existenzielle Hölle des Lukrez antworten

Der Thread Hölle im Islam-Forum bringt mit zu diesem Post:

Der röm. Dichter, Philosoph Titus Lucretius Carus (ca. 100 - 50 v.Chr.) hat ein grosses Lehrgedicht hinterlassen „de natura rerum (über die Natur der Dinge), das einen Kommentar zum Denken Epikurs darstellt, den er hoch verehrte. Man trifft hier eine ausserordentlich moderne, jedoch sehr wenig verbreitete Konzeption der Hölle, welche auf eine intellektuelle Elite beschränkt blieb, die man bis ins 20 Jh. findet (S. unten).

Die von einem pessimistischen Humanismus tief geprägten Überlegungen Lukrez zeigen einen Mann, der sich der Einsamkeit des denkenden Wesens bewusst ist: Es gibt nichts vom Jenseits zu erwarten, das die Furch der Imagination der Dichter darstellt. Der Tod ist das einzige Ende; er ist vollständig und endgültig. Eine übernatürliche Hölle muss man keineswegs befürchten: "Man muss mit Macht die Sorge vor dem Acheron (Fluss der Unterwelt) hinwegstossen; jene, welche von Grund auf das Leben der Menschen trübt und alles mit Todesfarbe schwärzt ...". Die Höllenmythen sind Schöpfungen der Religionen, die eine unberechtigte Furcht aufrechterhalten.

Aber es gibt eine wirkliche Hölle, eine ganz reale, und das ist die mit der Existenz an sich verbundene Angst. Zu Leben bedeutet Furcht zu haben: Furcht vor dem Tod, vor dem Leid, vor der Krankheit, vor der Strafe, vor den Göttern, vor den Gewissensqualen. Dies Furcht vor wirklichen oder vorgestellten Übeln ist vom Leben nicht zu trennen; sie ist vielmehr mit dem Wunsch zu leben verbunden, und diese unaufhörliche Spannung zwischen der Bestätigung des Ichs und seinen Sorgen, das ist die existenzielle Angst, das ist die Hölle: "Jeder versucht, vor sich selbst zu fliehen (vor der Einsamkeit, vor der Langeweile, dem Überdruss, der Angst), offensichtlich ohne es zu können, doch bleibt er an sich selbst gefesselt, ob er will oder nicht, und beginnt sich zu hassen." Das Ende ist der Tod: Angeblich beging Lukrez mit 55 Jahren Selbstmord, nachdem er nach Einnahme eines Liebestranks wahnsinnig geworden sei.

Es gibt keinen Himmel und die Hölle ist auf Erden, sagen die Existenzialisten des 20 Jh., nach der Hölle von Verdun, von Stalingrad, von Auschwitz, den Killing Fields etc.
Kierkegaard entdeckt die Hölle im quälenden Dilemma an der Basis der menschlichen Existenz: sich den anderen öffnen und dabei sich selbst absterben oder in einem verstümmelnden Egoismus einschliessen: Nietzsche möchte all diese existenzialistischen Höllen durch ein verzweifeltes Mittel überwinden, durch die begeisterte Bejahung (amor fati) und sich selbst einreden, sie entspräche seinem Willen ...

Die Hölle liegt an der Wurzel der menschlichen Befindlichkeit (condition humaine) und des Lebens in der Gesellschaft.

Alles spielt sich in der Tat in den Beziehungen zwischen dem ich und den anderen ab (die Hölle sind die anderen, Sartre).

Quelle:
Georges Minois: Hölle - Kleine Kulturgeschichte der Unterwelt
(L’histoire d’enfér, 1994) Herder spektrum 2000

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seneca Offline

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01.03.2011 14:09
#116 RE: Die existenzielle Hölle des Lukrez antworten

Über die Wirklichkeit (die uns umgebende Welt), ihre Existenz und ihre (richtige) Wahrnehmung (Erkenntnis) haben sich Philosophen zu allen Zeiten Gedanken gemacht. Existiert die Wirklichkeit überhaupt oder ist sie nicht nur Einbildung? Die Welt ist (für mich) jedenfalls so, wie ich sie mir vorstelle. Ich kann nicht erkennen, wie sie objektiv (wirklich) ist. So sehe ich nur ein bestimmtes Spektrum Licht. Beim Erkennen der Umwelt wende wir die Kategorien (Erkenntnisraster) an, es findet ständig ein Abgleich mit den bestehenden inneren Vorstellungen statt.

In der Auseinandersetzung fehlt das ICH, das ein fragiler Komplex ist und der Erkenntnis vorausgeht. Es gibt ursprünglich nur eine Substanz: Das Ich (sagt Fichte). Dinge ausser uns stelen wir uns dadurch vor, dass das Ich eine Realität in sich aufhebt und diese aufgehobene Realität in ein Nicht-Ich setzt. Auch das Nicht-Ich ist eine Tathandlung des Ichs, wie diese selber.

Das Ich ist für Fichte der Inbegriff von Geist, Wille, Sittlichkeit, Glaube. Das Nicht-Ich ist der Inbegriff des gegen die Trägheit ringenden Willens der Menschen.
Hierbei ich dann später auf Feuerbach kommen).

Nochmals: Es gibt ursprünglich nur eine absolute Tätigkeit, das Ich. Dinge ausser uns stellen wir und dadurch vor, dass das Ich eine Realität in sich aufhebt, d.h. ausser sich setzt und diese aufgehobene Realität in ein Nicht-Ich setzt, das auch eine Tathandlung des Ichs ist.
(Heinrich Schmidt, Philosoph. Wörterbuch 9. Aufl. 1936; Lexikon der Philosophie, begründet von H. Schmidt, 1974)

Die Welt (Wirklichkeit) existiert auch ausserhalb und ohne uns, aber für uns selber ist die Welt unsere Vorstellung (Schopenhauer). Deshalb ist die Sicht der radikalen Konstruktivisten abzulehnen.

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seneca Offline

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02.03.2011 16:53
#117 RE: Die existenzielle Hölle des Lukrez antworten

Zitat Meister Eckart im thread "huldigt mir..."

Ich bin nicht der Meinung, dass Existenz unabhängig ohne jegliche Art von Wahrnehmung möglich ist.
Mit Wahrnehmung schließe ich auch pflanzliche und tierische Wahrnehmung ein.

Aber wenn es ein Universum ohne jede Spur von bewusstem Leben geben würde. Von so einem Universum würde ich nicht behaupten dass es existiert.
Es existiert höchstens als Theorie in meiner Vorstellungskraft. Aber selbst dafür braucht es ein bewusstes Wesen welches Theorien (vom leblosen Universum) entwickeln kann.

Ohne mindestens einer Quelle Bewusstsein (Ohne Subjekt) kein Objekt.



Also ich meine, die Wirklichkeit gibt es, weil sie wirkt. In der deutschen Sprache gibt es wunderbar passende Ausdrücke, wie Wirklichkeit, die es in den anderen Sprachen nicht gibt, diese sprechen nur von Realität (réalité usw.).

Existenz, ek-sistere, das heraus stehen in die Wirklichkeit gibt es nur beim bewussten Menschen. Die "Wahrnehmung" von Tieren und Pflanzen ist ein Reagieren auf Umwelt-Reize. Ich meine, Fichte gibt mit der Konzeption des ICHs eine recht gute Lösung für die Probleme des (bezweifelten) Vorhandensein der Welt, des Universums.

Dass es ohne Ich subjektiv (für mich selber) das Universum nicht gibt, das ist klar und unbestritten. Wie sieht es aber objektiv aus? Was kann man objektiv sagen? Wir können uns ein Universum, ohne das wir uns gedanklich irgendwo in diesem positionieren gar nicht vorstellen. Das Ich ist immer beteiligt. Das Universum existiert auch ohne, dass es jemand gedacht hat oder denkt. Dieses Denken (Geist) ist nur eine Projektion des Menschen. Das Universum ist auch nicht "tot", sondern ständig in Bewegung und von immanenten Kräften erfüllt. Es braucht keinen gedachten "Beweger". Die Materie und die Kräfte sind so wie sind. Ihre erkennbaren Natur-Gesetze können nicht auf einen "Geist" (plandendes Denken) oder eine Vernuft (logos, "Wort") zurückgeführt werden, auch sie sind immanent. Alles andere ist Spekulation wie die Religion.

Hier kann man wieder einmal auf Raum und Zeit zurückgreifen. Gemäss Kant sind das keine Dinge, sondern die Grundanschauungsformen des erkennenden Ich, welche die Erkenntnis der Dinge voraussetzen. Objektiv existieren Zeit und Raum nach Kant nicht, obwohl mir nicht ganz klar ist, ob er das immer so strikt meinte.

Für mich ist klar, dass es Zeit eigentlich nicht gibt ohne denkendes Subjekt, für das es ein Vorher und ein Nachher gibt und das die Verbindung macht. Objektiv gibt es immer nur den Augenblick. Die Zukunft ist noch nicht da und die Vergangenheit gibt es unwiederbringlich nicht mehr. Daher sind Fantasien wie Zeitmaschinen unmöglich.

Mit dem Raum ist es schon schwieriger. Ich kann mir kaum vorstellen, dass es ihn objektiv eigentlich nicht geben soll und er nur als Grundanschauungsform im Subjekt liegt (man muss aufpassen mit den Begriffen), da da es Objekte gibt, die eine Ausdehnung haben, d.h. Raum einnehmen. Für Descartes war die res extensa, die ausgedehnten Dinge eine unumstössliche Gewissheit.

Nach Kant, so wie ich ihn verstehen, ist für die Objekte der Raum apriori mitgedachte Voraussetzung, eben Grundanschauungsform des Ich, das sich selber gedanklich immer irgendwo im Raum positioniert und sich keinen unendlichen Raum vorstellen kann, denn jenseits jeder gedachten Begrenzung eines Raumes muss es weiter gehen. Diese Überlegungen heissen aber nicht, dass es den Raum objektiv nicht gibt.

Man sagt sodann, dass Raum und Zeit notwendig zusamme hängen und nur gedanklich (abstrakt) separat betrachtet werden können. Was vorhin für die Zeit gesagt wurde, gilt auch für den Raum und umgekehrt. Mmmh, muss noch weiter denken ...

Jedenfalls kann gesagt werden, dass ohne Bewegung (von Objekten) weder Zeit noch Raum vorgestellt werden können. Die Bewegung ist die Ortsveränderung im Raum, was bekanntlich Zeit benötigt.

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seneca Offline

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04.03.2011 10:35
#118 Monismus oder Dualismus antworten

Zitat
- > Nichts -> Was ist Nichts ? Ich kann mir "Nichts" nicht mal vorstellen. Ich kann mir die Unendlichkeit vorstellen oder zumindest erahnen....aber nichts ?.....nicht mal ansatzweise.
Zitat
Ein Nichts kann es nicht geben, schon alleine Luft als Nichts besteht aus vielen Gasen.


Klar Luft ist nichts Nichts. Gase sind Moleküle/Atome.
Es ist höchst schwierig einen Raum (Gefäss) völlig frei von Luft zu bekommen, ein Vakuum zu erzeugen.

Ich war mal in einem nat.wiss. Museum, da hatte es verschieden grosse Ziegelsteinstapel am Boden und man wurde gefragt, welcher Stapel dem Gewicht der Luft im Raum entspreche: Es war der grösste Haufe von ca. einem halbem Kubikmeter!

Ja, ein Nichts kann man sich eigentlich nicht vorstellen, höchstens den leeren Raum, aber auch der ist nicht Nichts.

Uff, "das Sein und das Nichts" von Sartre harrt noch der Lektüre durch mich wie so vieles anderes.

Zitat
"man" setzt einen Denker und ein Subjekt vorraus. Und solange Subjektivität vorhanden ist, ist natürlich auch das Universum vorhanden nach meinem Verständnis. Damit hab ich kein Problem.
Ich nehme an du wolltest eigentlich formulieren:" auch wenn nichts im Universum denkt, ist es da!".

Ja, man ist sprachlich ein unpers. Subjekt. Es wird auch für "wir" verwendet, im franz.

Ja, auch wenn nichts denkt im Universum innerhalb und ausserhalb (letzteres ist gänzlich unmöglich), ist es da: die Planeten, die Galaxien.
Das Denken ist eine Erfindung der Evolution für organisch gebauten Wesen: Es geht um Erkennen der Umwelt, der Zusammenhänge und das richtige Reagieren darauf.

Das Unversum braucht kein Denken und keinen Denker. Die Kräfte, die Gesetze sind der Materie immament. Die Materie ist auch nicht "tot". Letztlich gibte es nur Kräfte der Anziehung und Abstossung zwischen den Atomen.

Entweder akzeptiert man diese Natur-Philosophie und ist Monist (i.S. von Haeckel) oder man ist Dualist, indem man nebst der Materie eine wie auch immer geartete geistige Welt, ein Jenseits, einen platon. Ideenhimmel, eine übergeordnete oder alles durchwirkende Weltvernunft (Logos der Stoiker), eine KRAFT, ein SEIN, einen unpersönlichen Uhrmacher-Gott (Deismus) oder einen persönlichen Gott (Theismus) annimmt, dem man über-menschliche Züge zuschreibt.
Die Versuchung des Dualismus ist immer da, da interessanter, aber letzteres (Theismus) erscheint mir zu läppisch.

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RELIGION IST HEILBAR! (Buch von J. Hochstrasser, Ex-Priester)
Denken ist eine Anstrengung; Glauben ein Komfort (Ludwig Marcuse).
Das Leben ist eine mißliche Sache; ich habe mir vorgesetzt, es damit hinzubringen, über dasselbe nachzudenken (Schopenhauer). - Ich würde nur an einen Gott glauben, der zu tanzen verstünde (Nietzsche, Zarathustra).

seneca Offline

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07.03.2011 19:07
#119 RE: Monismus oder Dualismus antworten

Die Frage nach dem Ich erscheint mir fast spannender wie die Frage nach "Gott"

Frage:

Was meint Fichte mit "Das Ich setzt sich selbst"?

Meint er damit den ersten Schrei des Neugeborenen oder meint er eher den ersten bewussten Willensakt im Leben - oder gar etwas, was mit jedem Willensakt im Leben ununterbrochen erneuert wird?

Und wenn dann dieses "Ich eine Realität in sich aufhebt und diese aufgehobene Realität in ein Nicht-Ich setzt" - meint er dann mit "Realität aufheben" sie ungültig machen (als Teil seines Selbst, damit sie das Nicht-Ich bilden kann) - oder meint er "aufheben" wie etwas am Boden Liegendes aufheben (um es handhaben zu können)?

Du siehst, es ist mir ziemlich schleierhaft, und Wikipedia ließ mich dabei im Stich. Bitte scheue Dich nicht, es mir zu erklären, als wäre ich ein Zwölfjähriger - je klarer, um so lieber.

Ok, wenn man es wie einem 12-jährigen erklären kann, hat man es verstanden.
Ich bin aber auch nur eine Dilettant (kommt von delectare, sich erfreuen) und ringe um das Verständnis. Die Frage kann man (ich) nicht ein für allemal beantworten.

Ich müsste neben meinen div. philos. Wörterbüchern das Internet konsultieren. Das kannst du auch tun. Wikipedia ist nicht der Weisheit letzter Schluss. Oft ist ein anderer lexikalischer Artikel oder ein pdf-Aufsatz von einem gründlichen Kenner der Materie viel besser. Das Wörterbuch von Eisler ist auch noch sehr gut. Der schöpft aus dem Vollen. Sie Ich - Fichte, Schelling, Hegel http://www.textlog.de/7563.html

Der lexikalische Artikel von Rudolf Eisler hat es in sich. Da findest du sicher eine Aussage, welche stimmt für dich, dein Ich.

Aufheben hat verschiedene Bedeutungen, wie du schreibst. Die Realität im Ich aufheben, heisst (denke ich), sie in das Ich zu integrieren. Dieses Ich wird damit zum Bestandteil der Realität und dies wird vom Ich abgetrennt. Das Nicht-Ich gesetzt.
Die Person (ich, oder Selbst) setzt sich eben selbst. Das Wunder des Bewusstseins "Ich bin ich, in eine Person mit einem Willen etc."! Dieses wirkliche Bewusstsein und das Staunen daraüber ist mit ca. 3-4 Jahren!

Das Ich, Subjekt ist gleichzeitig ein Objekt, indem man sich als Person sieht.

Eine solche Setzung, aus dem Ich heraus, ist. m.E. "Gott". Er existiert in den ICHs der Menschen. Gott ist nach Jung ein Komplex von Vorstellungen und Gefühlen. Deren Ursprung ist im Ich.

Werde evtl. auf ein paar Kernsätze von Eisler kommentierend eingehen.

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Lichtbringer Offline

glaubnix


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07.03.2011 22:22
#120 RE: Basic philosophy: Idealismus und Realismus antworten

Zitat von Reisender
Für Meister Eckart geht der Mensch schwanger mit Gott.
Und diesen Gottesfunken im Seelengrund gilt es zur Geburt zu bringen.
Für Eckart ist diese Geburt der eigentliche Beginn des Menschseins.
Während der Gottesfunken bei Albertus Magnus noch die erkennende Kraft in uns ist, wird er bei Eckart
zum schöpferischen Vermögen, das von Augenblick zu Augenblick eine begrifflich strukturierte Welt voller
Licht und Farben, voller Klänge und Gerüche um uns erstehen läßt, die es ohne die schöpferische Kraft des
Bewußtseins nicht gäbe.
Und so sagt er folgerichtig:
Das NUN, in dem ich zu euch spreche,
und das NUN, in dem Gott die Welt erschuf,
ist alles das gleiche NUN.


Der Mensch geht Schwanger mit Gott, verstehe darunter das in jedem denkenden Gehirn ein allgegenwärtiger Gott herumgeistert. Selbst Atheisten haben den Gott im Gehirn und versuchen den Virus (Gott) bei jedem Auftauchen mit dem Antivirus – Programm vergeblich dauerhaft zu löschen.

Fakt ist es gibt Wesen die Uns überlegen sind, sicherlich gibt es ein noch überlegeneres Wesen „manche nennen es Gott“, das sogar von der höheren Kultur verehrt oder hochgeachtet wird. Auch bei mir spuckt ab und an ein Gottgedanke im Kopf rum, aber es ist sinnlos sich darüber Gedanken zu machen, vermutlich verschwendet das übernatürliche Wesen auch keinen Gedanken an Uns Besser Leben und Leben lassen!

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Religion ist das, was die Armen davon abhält, die Reichen umzubringen.
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seneca Offline

religiöser Atheist


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09.03.2011 10:27
#121 RE: Basic philosophy: Idealismus und Realismus antworten

Zitat

Ich könnte mir allenfalls vorstellen - sogar ganz gut -, dass wir alle eine Art im Gesamten verbundenes Wesen bilden, und jeder von uns sei ein Netzknoten darin. Aber dann imaginiere nicht ich die Welt, sondern ich habe mein zillionstel Anteil daran.


Ja, ich denke, wir sind Kraft- oder Wirkungspunkte in einem Netzwerk, eingebunden in ein System. Den Systemgedanken muss ich noch vertiefen.

Wir sind "Monaden", physische und zugleich psychische Wirklichkeitselemente (Giordano Bruno). Der eigentliche Begründer der Monadenlehre ist jedoch Leibniz. Goethe verwendete den Begriff Monas im Sinne einer lebendigen, beseelten Individualität.

Ich habe mich zuweilen gefragt, was die (meine) unverwechselbare Individualität ausmacht und bin zum Schluss gekommen, dass es letztlich wahrscheinlich nur Zeit und Ort meiner Geburt, meines Lebens allgemein ausmacht. Denn ich weiss nicht, ob ich als Denker, Charakter so einzigartig und originell bin, wie ich dies gerne sein möchte. Ok, nur ich und meine Geschwister haben genau die Vorfahrenreihe, die wir haben. Es gibt viele Faktoren, welche die Individualität ausmachen (Erbe, Umwelteinflüsse, Ideen).

Leibniz nennt die Monaden die einfachen, unausgedehnten Substanzen. Von den Atomen Demokrits unterscheiden sie sich dadurch, dass sie metaphysische, als nicht ausgedehnte ["geistige"] Punkte sind und ihre tätigen Kräfte in Vorstellungen bestehen, welche die Verschiedenheit der Monaden ausmachen. - Die Monaden sind also quasi der Stoff der Vorstellungen.

Ansonsten ist die Monadologie eine Art esoterische Atomlehre:
Gott ist die Urmonade, alle andern Monaden sind ihre Ausstrahlungen [vgl. die Emanationslehre von Plotin; alles kehr wieder in anderer Form.]

Was uns als Körper erscheint, ist in Wahrheit ein Aggregat (Ansammlung) von vielen Monaden (also doch eine Art Atome). Auch die Seele, jede Seele, ist eine Monade. Es ist ziemlich wirr das ganze: Pflanzenseele (schlafende Monade), Tierseele (Gedächtnis und Empfindungen). ...

Der Vorstellungsverlauf in einer jeden Monade beruht auf immanenter Kausalität, also etwas was wirkt. Die Monaden haben keine Fenster!?! Ihre Beziehungen, Bewegungen, Verbindungen, Abstossung, beruhen allein auf mechanischer Kausalität. Dann müssten Kräfte nachweisbar sein, aber alles ist rein spekulativ.

Die Seele kann also nicht auf den Leib wirken (sic!) und Gott, die Urmonade, greift nicht stets aufs neue in den Naturverlauf ein. Gott hat vielmehr von Anfang an Leib und Seele und überhaupt alle Substanzen so geschaffen, dass, indem jede dem Gesetz ihrer inneren Entwicklung mit voller Selbständigkeit folgt [vgl. die Entelechie des Aristoteles], und sie zugleich mit allen andernen in jedem Augenblick in genauer Übereinstimmung steht [vgl. den Okkasionalismus von Nicolas Malebranche]. Die Seele hat z.B. also aus sich selbst heraus in demselben Aufgenblick eine schmerzhafte Empfindung, wenn der Körper geschlagen wird (gutes Beispiel für den Okkasionalismus = Gelegenheitsursache).
Quelle: Schmidt, Philosophisches Wörterbuch 2.A. Kröner 1916).

Zu solch unsinnigen Spekulationen kommt man zwangsläufig, wenn man eine spirituelle, nicht an den Körper gebundene Seele annimmt. Die Monaden sind quasi die Seelenpunkte der Welt, was rein spekulativ ist. Durch die Einführung der Monaden wird nichts an Erkenntnis gewonnen.

Übrigens: Quanten, Quantenfeld sind gleichsam die Monaden des 20./21. Jahrhunderts. Sie sind das Einfallstor für Esoterik aller Art.

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seneca Offline

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09.03.2011 10:45
#122 RE: Basic philosophy: Idealismus und Realismus antworten

Zitat glaubnix
Der Mensch geht Schwanger mit Gott, verstehe darunter das in jedem denkenden Gehirn ein allgegenwärtiger Gott herumgeistert. Selbst Atheisten haben den Gott im Gehirn und versuchen den Virus (Gott) bei jedem Auftauchen mit dem Antivirus – Programm vergeblich dauerhaft zu löschen.

Fakt ist es gibt Wesen die Uns überlegen sind, sicherlich gibt es ein noch überlegeneres Wesen „manche nennen es Gott“, das sogar von der höheren Kultur verehrt oder hochgeachtet wird. Auch bei mir spuckt ab und an ein Gottgedanke im Kopf rum, aber es ist sinnlos sich darüber Gedanken zu machen, vermutlich verschwendet das übernatürliche Wesen auch keinen Gedanken an Uns Besser Leben und Leben lassen!


Der Mensch, nicht alle aber viele, haben gewissermassen die "Gottesmonade" im Kopf, welche ja ein unausgedehnter Punkt sein soll.

Atheisten versuchen nicht den Gottes-Virus mit dem Antivirus-Programm dauerhaft zu löschen, das kann man nicht, wenn man ihn hat, sondern ihn zu erkennen und richtig damit umzugehen.

Fakt ist, es gibt Wesen, die uns überlegen sind. Was für Wesen meist du? Ja, es gibt Menschen, die gescheiter sind als ich, besser aussehen, erfolgreicher sind etc. Aber sonst Wesen mit einem Wissen und Willen gibt es nicht. Das ist tatsächlich ein Gedankenspuk, ein Virus im Kopf.

Wesen mit Wissen und Willen, die einen Platz, einen Ort haben im Raum; ein Ziel haben, der Selbsterhaltung, evlt. der Reproduktion, kurzum Bewusstsein von sich und der Welt, also ein ICH haben, können nur organisch gebaute Wesen sein. Nur solche können leben und auch sterben. Ein Stein hat kein Bewusstsein, er braucht auch keines, die "Erde" oder der Mond haben auch kein Bewusstsein. Und ein Bewusstsein ohne organisch gebauten Körper gibt es nicht, kann es nicht geben. Für ein Bewusstsein (software) braucht es einen Körper (hardware).

Wenn man dies einmal gründlich bedacht hat, ist man von viel Verwirrung befreit. Mir hat D'Holbach "System der Natur" dabei stark geholfen.

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Lichtbringer Offline

glaubnix


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10.03.2011 01:45
#123 RE: Basic philosophy: Idealismus und Realismus antworten

Mit höheren Wesen meinte ich höherentwickelte Kulturen im Universum. Ein Wesen kann auch körperlos sein, reiner Geist (göttlicher Natur) wie er auch im Menschen vorhanden ist, die wenigsten Menschen werden die göttliche Natur erfahren, da die tierische Natur Ego bzw. Ich Wahn z.B. selbstsüchtiges Begehren, bei weitem überwiegt, somit ergeben die göttliche und die tierische Natur zus. die menschliche Natur.

Gott = Ur Monade, ist das so zu verstehen, dass er der Zentralrechner (große Geist) ist, wo am Erleben der Träger Anteil (Informationen) oder Seinen Spaß hat

Von der Sache her ist das Gehirn eine Art Biologischer PC, durch Info und Erkennen wird er immer Leistungsfähiger oder auch nicht, kommt auf die Qualität und auf die Zellenmasse an.

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seneca Offline

religiöser Atheist


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10.03.2011 17:22
#124 RE: Basic philosophy: Idealismus und Realismus antworten

Gott = Ur Monade, ist das so zu verstehen, dass er der Zentralrechner (große Geist) ist, wo am Erleben der Träger Anteil (Informationen) oder Seinen Spaß hat

Von der Sache her ist das Gehirn eine Art Biologischer PC, durch Info und Erkennen wird er immer Leistungsfähiger oder auch nicht, kommt auf die Qualität und auf die Zellenmasse an.


Ur-Monade (Gott): Monaden sind ja angeblich ausdehnunglos, ohne Fenster(?), und sie sollen auch nicht wirken (dann wären sie ein nichts). Dann hat sie, die Ur-Monade auch keinen Ort im Raum. Weiss daher nicht, wie und wo sie sein soll. Eine "geistige Wolke" die herumwabert (oder Matrix) kann sie auch nicht sein. Die Seelen-Monaden in den Menschen seien aber die Ausstrahlungen der Ur-Monade. So ist das Konzept in etwa. Da kann man ohne Monaden spekulieren, die Seelenfunken stammen vom göttlichen Ur-Feuer. Denn nach Heraklit ist das Feuer das Ur-Prinzip. Ja, so passt das einigermassen zusammen. Wir wissen ja, dass im Erdinnern noch Reste vom Ur-Feuer sind; die Erde war einst ein glühender Gasball. Daher ist das Feuer göttlich und heilig, ist doch logisch, oder? Das glauben die Zaratosht (Zarathustra) Anhänger, die es heute noch in Persien gibt, die das Feuer verehren. Ja, und das ewige heilige Herdfeuer bei den Römern? Und warum zündet man in feierlichen Momenten eine Kerze an? Das sind doch offensichtlich Reste vom unbewussten Zarathustra-Kult, oder? Da könnte man auch noch auf Nietzsches Zarathustra zurückgreifen, der mit dem persischen eigentlich eigentlich nichts zu tun hat, und das etwas vermischen. Immerhin hat man schon ein schönes Buch mit toller Sprache, die schön besoffen machen kann.

So kann man sich mit etwas Phantasie und Rückgriff auf frühere oder andere Vorstellungen eine Religion basteln und einfach mal etwas behaupten. Es gibt keine Behauptung, die noch nicht dagewesen ist, und mag sie noch so abstrus sein.

Ok, dass Gehirn ist wie ein PC, der sich selber steuert. Jetzt könnte man noch fragen, was ist Erkennen, was ist Info eigentlich. Die Übereinstimmung oder Abweichung eines äusseren Sachverhalts mit meinen Vorstellungen nach gewissen Kriterien, die mir nützlich sind oder die ich als angenehm, als schön empfinde.

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seneca Offline

religiöser Atheist


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14.03.2011 13:21
#125 RE: Basic philosophy: Idealismus und Realismus antworten

Kierkegaard ist von der Existenz Gottes fest überzeugt und kennt seltsamerweise kaum jene bohrenden Vernunft-Zweifel, die den modernen Menschen so viel zu schaffen machen. Er ist von der Gewissheit Gottes so stark durchdrungen, dass er sogar jeden Versuch, Gottes Dasein zu beweisen, als lächerlich empfand. Wenn Gott da sei, dann brauche er nicht bewiesen zu werden, und wenn er nicht da sei, so könne er (recte dies?) nicht beweisen werden. Mit diesem Argument ist für ihn das Problem erledigt?
Vielleicht doch nicht ganz, wie es [er] scheinen möchte. Verräterischerweise meinte Kierkegaard doch einmal, der „Gedanke an Gott sei der anstrengendste von allen Gedanken“. Etwas von der unendlichen inneren Mühe, welch ihm der Gedanke an Gott tatsächlich doch bereitet hat, spürt man durch alle seine Ausführungen hindurch [dass der Mensch allein steht vor Gott und so].
Kierkegaard selbst hat sich nie in eine Erörterung über die Gottesvorstellung eingelassen, da sie dem Menschen verschlossen ist. Aber er hat sich unablässig [zwanghaft] mit dem Verhältnis des Menschen zu Gott beschäftigt und in tiefster Religiösität stets versucht, sein ganzes Leben von seinem Gottesverhältnis aus zu leben.
Deswegen vermochte er auch in echt protestantischer Weise den Einzelnen so überaus eindringlich „vor Gott“ zu stellen, indem er ihm immer wieder zuruft: Da hast es wesentlich mit dir selbst vor Gott zu tun und musst darnach trachten, vor Gott durchsichtig zu werden.
Nur aus einem solch ungeheuren Ernstnehmen der Wirklichkeit Gottes konnte jenes über-deutliche Gefühl für die qualitative Verschiedenheit von Gott und Mensch hervorgehen [Gott ist der ganz Andere], das den Kierkegaardschen Christen von höchster Ehrfurcht durchschauern lässt.
„Gott und Mensch sind zwei Qualitäten, zwischen denen ein unendlicher Unterschied be-steht. Jede Lehre, die diesen Unterschied übersieht [und vom lieben Gott faselt], ist menschlich gesprochen verrückt, göttlich beurteilt Gotteslästerung.
Wahrscheinlich sah sich Kierkegaard genötigt, gegenüber der spekulativen Religionsphilosophie [die er hasste], die von einer Identität zwischen Gott und Mensch ausging [meint er Feuerbach?], den Qualitätsunterschied stärker zu betonen, als er es sonst getan hätte. Aber er hat die Qualitätsverschiedenheit von „Gott als dem ganz anderen“ doch nie bis zur völligen Trennung gesteigert, sondern die tiefste christliche Wahrheit immer festgehalten, dass Gott „Liebe“ ist [also doch wieder der "liebe Gott"]. Aus der Gegensätzlichkeit dieser beiden Wahrheiten [Gott ist der andere oder ist Liebe] ist das dramatische Spannungsverhältnis erwachsen, dass dem Leben des Kierkegaardschen Christen [sc. von ihm selber] das ungewöhnliche Gefälle gab.
- Kierkegaard hasst die pietistischen Frömmler (Freikirchler) ebenso sie die selbstzufrieden sog. orthodoxen Christen (sprich Pfarrer). Eigentlich sah er nur sich selber als der wahre, ernsthafte Christ.

Die andere Voraussetzung [nebst dem Gottesverhältnis] ist für Kierkegaard die seelische Not, in der der Mensch sich befindet. „Nimm das geängstigte Gewissen fort, so kannst du auch die Kirchen schliessen …“ [K. ist ja DER Angstphilosoph schlechthin].

Text aus:
Walter Nigg: Religiöse Denker, Kierkegaard / Dostojewski / Nietzsche / Van Gogh (Zürich 1948) - ein sehr bemerkenswertes Buch!

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dass Sie sie sagen dürfen!" (Voltaire)

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