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Dieses Thema hat 646 Antworten
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 Philosophie und Wissenschaft
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seneca Offline

religiöser Atheist


Beiträge: 669

18.03.2011 17:57
#126 RE: Basic philosophy: Idealismus und Realismus antworten

Mit dem Heisshunger eines 18-jahrigen warf ich* mich auf alle Systeme der Anthropologie, Psychologie etc. Ich häufte Tatsachen an, widmete mich den Theorien, versuchte Verallgemeinerungen, und aus dem Stegreif entstanden Hypothesen und eigene Systeme.

Nach und nach packte mich die Lust; ich vergas die Tragödien der Welt, Schopenhauersche Entsagung und auch meine eigene, grenzenlose Unzufriedenheit. Das Forschen um seiner selbst willen gefiel mir ebenso wie die Idee, welche eine noch grössere erzeugt... Methoden und Begriffe füllten mich, in der Welt sah ich nicht mehr die Widerspiegelung meines Schmerzes, sondern fühlte die Welt in mir denken. Einzige Wirklichkeit schien mir die Idee und, ihr vollkommener Ausdruck, die Philosophie. ...

Mein Geist, der rasend nach Weite und Fülle verlangte, suchte als einzige Nahrung die Universalbegriffe, die endlich seinen Hunger stillen könnten. Ich zog die Theorien den Beweisen vor, die Ideen den Erfahrungen, und nur zwei Tatsachen schienen mir genügend, um darauf ein System aufzubauen. Durch diesen gewaltigen Vorwärtsdrang mit dem Ziel mehr Wirklichkeit in wenigen Prinzipien zusammenzufassen, verfiel ich ganz von selbst und notwendigerweise dem Monismus. Nicht dem idealistischen M., den ich später kennenlernte, sondern einem Monismus, wie ihn mir die rohen Mechanisten inspirierten, denen ich damals folgte. Ich glaubte an eine einzige Substanz, die alle Weltexistenzen zusammenfasste....

Für mich war dieser Monismus**, dieser Glaube an die Tiefe und das Wesentliche der Einheit aller Dinge, nicht nur ein Wort, eine Phrase oder eine Formel. Ich fühlte und erlebte sie jeden Augenblick meines Lebens in mir wie Leidenschaft und Liebe. All die verschiedenen Dinge waren für mich wirklich nur ein einziges Ding. Die einzige Substanz, aus dem veränderlichen Ganzen herausgezogen, war nicht eine geistige Erfindung, sondern die Wirklichkeit selbst. Mich beflügelte ein ständiger geistiger Hochschwung: der Glaube, zu wissen, dass all diese so getrennten Gegenstände, so unterschiedlich abgesondert für die blinden Bestien, die mich umgaben, für mich allein ein und derselbe Gegenstand waren, der gleiche Anfang, der gleiche Stoff, tausendfach zerteilt und gefärbt zur Wahrnehmung durch unserer Sinne.

So gross war dieser Glaube (Monismus), dass ich sein Apostel wurde...
Der Autor bringt ein Beispiel gegenüber einem Kollegen mit einer Feder in einem Federhalter und dem Klang einer Glocke, das ein und dasselbe seien.
Und in diesem Augenblick fühlte, sah und berührte ich mit ganzer Seele jene göttliche Einheit und sah buchstäblich die widerstreitende Verwirrung des Verschiedenen zusammenströmen zum einzigen Ursprung einer einzigen Quelle, eines einzigen Augenblicks und sich in den einzigen Schlund eines pantheistischen Nirwanas ergiessen.
[als nächstes: Die Welt bin ich und weitere philos. Stationen dieses aussergewöhnlichen und leidenschaftlichen Denkers]

Quelle:
*Giovanni Papini (1881 - 1956), Ein erledigter Mensch (München 1962);
original: Uomo Finito (1912)

**Monismus (monos einzig) = Einheitslehre. Monisten nannte zuerst Christian Wolff diejenigen Philosophen, welche nur eine Art von Substanz (Grundbeschaffenheit) der Wirklichkeit) annehmen, also entweder alles auf den Stoff (Materialismus) oder auf den Geist (Spiritualismus, Idealismus), oder auf ein Etwas zurückzuführen, dessen Daseins- oder Erscheinungsweisen Stoff und Geist zugleich sei (Identitätsphilosophie).
Sein Gegensatz ist der Dualismus, der Stoff und Geist als zwei ihrem Wesen nach verschiedene Substanzen auffasst, die beide in Wechselwirkung oder Parallelität stehen.
Alle Theisten sind in dem Sinne Dualisten.
Heinrich Schmidt, Philosoph. Wörterbuch, 2.A. 1916 und 9. Aufl. 1934

__________________________________________________
RELIGION IST HEILBAR! (Buch von J. Hochstrasser, Ex-Priester)
Denken ist eine Anstrengung; Glauben ein Komfort (Ludwig Marcuse).
Das Leben ist eine mißliche Sache; ich habe mir vorgesetzt, es damit hinzubringen, über dasselbe nachzudenken (Schopenhauer). - Ich würde nur an einen Gott glauben, der zu tanzen verstünde (Nietzsche, Zarathustra).

seneca Offline

religiöser Atheist


Beiträge: 669

19.03.2011 17:51
#127 RE: Basic philosophy: Idealismus und Realismus antworten

Die Welt bin ich
Aber auch beim Monismus blieb ich nicht stehen. Ich war, sowie wie heute noch, flatterhaft und von Neugier getrieben. Die Gedanken stehen nicht still. Zum Begriff der Einheit (Monismus) vorgedrungen, stellte sich mir die ewig wiederkehrende Frage: Woraus, worin besteht diese Einheit? Welchen Namen trägt die unsichtbare, allgegenwärtige Substanz, die alles schafft und alles wirkt. Materie? Äther? Energie? Geist? Kraft? - Schopenhauer würde sagen: Es ist der Wille.

In mir hat sich in grossen Zügen das Drama der Philosophie wiederholt [Es gibt m.E. Erachtens 3 Entwicklungen im Menschen*]: Gegen die naturalistischen Behauptungen kehrten sich die rationalen Einwände. Aus dem Universum, aus Wasser und Feuer, aus Atomwirbeln wurde nach und nach die Welt der Vernunft, die vielfache Verkörperung von Ideen, die Kristallisation des göttlichen Wortes, der schillernde Strom der Ansichten und das Reich des sich offenbarenden Geistes. Die idealistische Lösung hielt mich in ihrem Bann: Esse est percipi [Sein ist wahrgenommen werden, Berkelei, auch schon in diesem thread behandelt]. Die unmittelbare Wirklichkeit ist die Empfindung. Die Empfindung ist das Werk [vgl. Konstruktivismus] der Seele, und darüber hinaus wissen wir nichts. Die einzige Bindung, der einzige Zeuge der Wirklichkeit ist dieses fortdauernde Entstehen und Neunentstehen von Zuständen und Tatsachen. Die Welt ist unsere Vorstellung. Mein Philosophipf war nicht Schopenhauer sondern Berkeley [auf den beruft sich aber Sch. als sein Vorgänger].

Gibt es etwas jenseits der Vorstellung? Ist das Bewusstsein ein auf das Wirkliche hin offenes Fenster oder ein System von trüben und [durch die Religion] bemalten Gläsern, die nur falsche Bilder und ungewisse Schatten der Wahrheit durchlassen [Platon Höhlengleichnis]? Und steht wirklich etwas hinter dem Bewusstsein oder nur das Nichts, wie hinter dem Leben? Ist es vlt. nur ein Widerspiegeln von sich selbst, Schale ohne Kern?

Diese Fragen, die sich der gesunde Mensch nicht stellt[!], die den Fachphilosophen schweigen lassen mit dem Ausweg von profunden Wörtern; mich erregten sie tief und zwangen mich zu einer ruhelosen Gehirnakrobatik, zu einer verzweifelten Jagd nach Argumenten, Sophismen und Ausflüchten. Sie machten mich atemlos unruhig, unermüdlich, als ob mein Leben davon abhinge. Jetzt, nach Jahren, erkenne ich die Harmlosigkeit und Plumpheit, mit der ich an die Problem und Lösungen herangegangen bin. Aber damals handelte sich um ernste Dinge, innere Vorgänge, die viel wichtiger waren, als eine erste Liebe. Dier Gedanke war das Leben, und von der Wahl einer Theorie hind die Richtigkeit (m)einer Existenz ab.

Papini beschreibt, wie er mit Kollegen, Freunden und Feinden leidenschaftlich diskutiert. -
Erkenntnistheorie, Wahrnehmung und Vorstellung, objektiv und subjektiv, Idealismus und Realismus, Kant und Stuart Mill, Gefühl und Vernunft, Platon und Locke, das ganze Arsenal der Theorie der Denker wurde hervorgeholt [man stellle sich vor, wie die Kollegen auf Italienisch debattierten]. Heiser und verstimmt kehrte man heim, ohne eine Gewissheit, ohne einen sicheren Punkt im Herzen [ausser die Leidenschaft für die Philosophie] und mit dem Zweifel im Herzen...

Aber der Idealismus hielt stand. Es schien mir die einzige logische These zu sein, die logisch blieb und nicht bei der gewohnten äusseren und inneren Gleichheit stehen blieb. Die Welt ist Vorstellung, ja gewiss. Aber ich weiss keine anderen Vorstellungen als die meinen [und nicht mal diese sind sicher]. Die der anderen sind mir unbekannt, wie die leblosen Phänomene. Der Geist der anderen existiert nur als Hypothese des meinigen. Die Welt ist also meine Vorstellung - die Welt ist meine Seele - Die Welt bin Ich!

Aus
Giovanni Papini: Uomo finito (1912)

*Die drei Entwicklungen sind m.E.:
Die Evolution vom Schwanzlurch an als Embryo im Mutterleib (Idee von Ernst Haeckel)
Die Entwicklung der Menschheit von der Steinzeit (magische, märchenhafte Vorstellungen) bis zum Menschen der Neuzeit, der nicht mehr an den Storch glaubt.
Die Entwicklung der Philosophie von den Anfängen bis mindestens Kant.

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Das Leben ist eine mißliche Sache; ich habe mir vorgesetzt, es damit hinzubringen, über dasselbe nachzudenken (Schopenhauer). - Ich würde nur an einen Gott glauben, der zu tanzen verstünde (Nietzsche, Zarathustra).

Meister Eckhart Offline



Beiträge: 85

23.03.2011 14:49
#128 RE: Basic philosophy: Idealismus und Realismus antworten

Zitat
Die Welt ist Vorstellung, ja gewiss. Aber ich weiss keine anderen Vorstellungen als die meinen [und nicht mal diese sind sicher]. Die der anderen sind mir unbekannt, wie die leblosen Phänomene. Der Geist der anderen existiert nur als Hypothese des meinigen. Die Welt ist also meine Vorstellung - die Welt ist meine Seele - Die Welt bin Ich!



Das was du schreibst ist genau meine Auffassung von der Welt.
Aber ich frage mich auch....wie Gysi eingewendet hat (der Jupiter existierte vor dem Leben/Bewusstsein)....Was ist wenn ich nicht mehr bin ?

1.) Ist das überhaupt möglich ? Vielleicht wechseln wir (ohne sich dessen Bewusst zu sein) ohne Unterbrechung, nach dem Tod, von einem Bewusstseinszustand in den Nächsten.

2.) Wenn der Tod nun wirklich der Tod aller Empindungen/Bewusstseinszustände ist. Was ist dann mit der Welt. Verschwindet die Welt/das Universum mit dem Verschwinden meiner Vorstellungen ? (Ich sage ja. Vielleicht treibt nach dem Erlöschen allen Lebens weiterhin ein Jupiter im Weltraum. Aber der Weltraum ist dann kein Weltraum mehr und der Jupiter kein Jupiter mehr. Wie kann etwas exisitieren wenn nichts das Existierende wahrnimmt ? Ok - der letzte Satz ist ein Widerspruch in sich, aber ihr wisst hoffentlich was ich meine).

Reisender Offline



Beiträge: 4.058

23.03.2011 15:28
#129 RE: Basic philosophy: Idealismus und Realismus antworten

Zitat von Meister Eckhart

Zitat
Die Welt ist Vorstellung, ja gewiss. Aber ich weiss keine anderen Vorstellungen als die meinen [und nicht mal diese sind sicher]. Die der anderen sind mir unbekannt, wie die leblosen Phänomene. Der Geist der anderen existiert nur als Hypothese des meinigen. Die Welt ist also meine Vorstellung - die Welt ist meine Seele - Die Welt bin Ich!



Das was du schreibst ist genau meine Auffassung von der Welt.
Aber ich frage mich auch....wie Gysi eingewendet hat (der Jupiter existierte vor dem Leben/Bewusstsein)....Was ist wenn ich nicht mehr bin ?

1.) Ist das überhaupt möglich ? Vielleicht wechseln wir (ohne sich dessen Bewusst zu sein) ohne Unterbrechung, nach dem Tod, von einem Bewusstseinszustand in den Nächsten.

2.) Wenn der Tod nun wirklich der Tod aller Empindungen/Bewusstseinszustände ist. Was ist dann mit der Welt. Verschwindet die Welt/das Universum mit dem Verschwinden meiner Vorstellungen ? (Ich sage ja. Vielleicht treibt nach dem Erlöschen allen Lebens weiterhin ein Jupiter im Weltraum. Aber der Weltraum ist dann kein Weltraum mehr und der Jupiter kein Jupiter mehr. Wie kann etwas exisitieren wenn nichts das Existierende wahrnimmt ? Ok - der letzte Satz ist ein Widerspruch in sich, aber ihr wisst hoffentlich was ich meine).




Die Existenz ist unser Bild von der Welt.
Die Existenz ist definiert durch vielerlei Eigenschaften, die der Existenz aber nicht inhärent
sind, sondern die sie durch die Projektion unseres Bewußtseins erhält.
Dieses Bewußtsein ist für Meister Echart der Gottesfunken im Seelengrund und die schöpferische Kraft des Menschen,
die von Augenblick zu Augenblick die Existenz entstehen läßt.
Was es auserhalb unseres Bewußtseins auch geben mag, wir können keinerlei Aussagen darüber machen,
noch dem "Ding an sich" irgendwelche Eigenschaften zuschreiben.

Meister Eckhart Offline



Beiträge: 85

23.03.2011 18:13
#130 RE: Basic philosophy: Idealismus und Realismus antworten

Zitat von Reisender
Die Existenz ist unser Bild von der Welt.
Die Existenz ist definiert durch vielerlei Eigenschaften, die der Existenz aber nicht inhärent
sind, sondern die sie durch die Projektion unseres Bewußtseins erhält.



Und wenn die Existenz (durch eintreten des Todes) nicht mehr mit Projektionen des Bewußtseins versorgt wird ? Existiert dann noch etwas ?

-> JA. Weil es ja noch andere bewußte Lebewesen gibt. Aber wenn alles Leben endet ? Existiert dann noch etwas....wie zB. der Jupiter ?
Kann man dann noch von Existenz sprechen ?

Meine Theorie dazu: Ohne ein Bewusstsein, IN DEM die Vorstellung eines Jupiters erscheint, ist er nicht existent. Er ist potentziell Existent, aber ohne ein wahrnehmendes Bewusstsein nicht "wirklich" Existent. Wirklich wird er erst wenn er in einem Bewusstsein erscheint (sei es auch als falsche Vorstellung).


Zitat von Reisender
Dieses Bewußtsein ist für Meister Eckart der Gottesfunken im Seelengrund und die schöpferische Kraft des Menschen,
die von Augenblick zu Augenblick die Existenz entstehen läßt.

Was es auserhalb unseres Bewußtseins auch geben mag, wir können keinerlei Aussagen darüber machen,
noch dem "Ding an sich" irgendwelche Eigenschaften zuschreiben.



Gibt es ein "außerhalb" des Bewusstsein ? -> Nein sage ich.

Reisender Offline



Beiträge: 4.058

24.03.2011 16:10
#131 RE: Basic philosophy: Idealismus und Realismus antworten

Zitat von Meister Eckhart

Zitat von Reisender
Die Existenz ist unser Bild von der Welt.
Die Existenz ist definiert durch vielerlei Eigenschaften, die der Existenz aber nicht inhärent
sind, sondern die sie durch die Projektion unseres Bewußtseins erhält.



Und wenn die Existenz (durch eintreten des Todes) nicht mehr mit Projektionen des Bewußtseins versorgt wird ? Existiert dann noch etwas ?

-> JA. Weil es ja noch andere bewußte Lebewesen gibt. Aber wenn alles Leben endet ? Existiert dann noch etwas....wie zB. der Jupiter ?
Kann man dann noch von Existenz sprechen ?

Meine Theorie dazu: Ohne ein Bewusstsein, IN DEM die Vorstellung eines Jupiters erscheint, ist er nicht existent. Er ist potentziell Existent, aber ohne ein wahrnehmendes Bewusstsein nicht "wirklich" Existent. Wirklich wird er erst wenn er in einem Bewusstsein erscheint (sei es auch als falsche Vorstellung).


Zitat von Reisender
Dieses Bewußtsein ist für Meister Eckart der Gottesfunken im Seelengrund und die schöpferische Kraft des Menschen,
die von Augenblick zu Augenblick die Existenz entstehen läßt.

Was es auserhalb unseres Bewußtseins auch geben mag, wir können keinerlei Aussagen darüber machen,
noch dem "Ding an sich" irgendwelche Eigenschaften zuschreiben.



Gibt es ein "außerhalb" des Bewusstsein ? -> Nein sage ich.





Nein sagst Du.
Das ist dann Advaita, die nicht-Dualität, diese uralte Philosophie, in der der Hinduismus wurzelt,
so wie der Christusmythos im Osirismythos wurzelt.

Gegenstände, Dinge, äußeres Sein
entstehen und vergehen im Bewußtsein.
Bist du achtsam darauf,
wird das Bewußtsein sich
in den Gegenständen enthüllen,
die dir zu gegebener Zeit,
sich selbst in Bewußtsein verwandeln.
Das du selbst und die Welt
EIN Bewußtsein sind-
diese Einsicht ist
das Wirklichwerden der Wahrheit.
Und das bist du selbst.

seneca Offline

religiöser Atheist


Beiträge: 669

25.03.2011 18:25
#132 RE: Basic philosophy: Idealismus und Realismus antworten

Was heisst Existenz, was das Existierende, das mit Bewusstsein versehene Existierende?

Hier könnte man auch Sein, Seiendes und Da-Sein sagen.

Zitat
Mit dem Tod, dem Aufhören der Empfindungen/Bewusstseinszustände (Vorstellungen) ver-schwindet die Welt/das Universum, subjektiv für dich, aber nicht objektiv.

Der Gasball, der soundsoviel grösser bzw. schwerer als die Erde ist, den wir mit den Namen des höchsten römischen Gottes Jupiter bezeichnen, und vlt. Assoziationen verbinden, wird nach deinem Tod und vtl. nach dem Aufhören der Menschheit immer noch da sein, und seine Kreise drehen.

Wir wechseln nach dem Tod nicht den Bewusstseinszustand. Ein solcher ist nur nötig, sinnvoll und möglich, wenn an ein organisches (materielles) Gebilde gebunden, um dieses zu steuern.
Der Jupiter hat und braucht kein Bewusstsein, die Gasmoleküle "wissen" von selbst, dass sie sich zusammeballen müssen, d.h. sie tun es einfach..

Die, genauer unsere Existenz ist unser Bild von der Welt. Das ist richtig!
Die Existenz ist definiert durch vielerlei Eigenschaften, die der Existenz (als solcher) aber nicht inhärent sind, sondern die sie durch die Projektion unseres Bewußtseins erhält.

Zitat:
Meine Theorie dazu: Ohne ein Bewusstsein, IN DEM die Vorstellung eines Jupiters erscheint, ist er nicht existent. Er ist potentziell Existent, aber ohne ein wahrnehmendes Bewusstsein nicht "wirklich" Existent. ???? Wirklich wird er erst wenn er in einem Bewusstsein erscheint (sei es auch als falsche Vorstellung).

Exkurs:
Existenz ist mal Dasein in seiner Tatsächlichkeit.
Dasein: das empirische (erfahrbare) Vorhandensein (Dass-Sein) einer Sache oder Per-son, im Gegensatz zum So-sein (Beschaffenheit, Was-Sein) und zum metaphysischen Sein. (Lexikon der Philosophie, begründet von Heinrich Schmidt)

Es gibt aber keine Sosein ohne Dasein und kein Dasein ohne Sosein, weshalb nebenbei Überlegungen über das Soundsosein von Gott sinnlos ist, weil es an seinem Dasein fehlt, wahrscheinlich. Selbst wenn es ihn gäbe, könnten wir keine Aussagen über ihn machen.

Bei Heidegger is Existenz "das Sein desjenigen Seienden, das offen steht für die Offenheit des Seins (vgl. wuwei), in der er steht, indem es (das Sein) sie (die Offenheit aussteht" UFF, das ist so ein unausstehlicher heideggerischer Satz. Auf jedenfall scheint die so verstandene Existenz, nur ein Mensch sein zu können, wobei H. von Dasein spricht. Die Existenz bezeichnet also nicht das da Seiende, d.h. die Welt/Universum.

Die Grundverfassung des menschlichen Daseins ist das In-der-Welt-Sein, wobei "Welt" die Werkwelt ist, die Welt der besorgbaren Dinge, die Gesamtheit des (heideggerischen) Zeug [das zuhandene Zeugs womit der Mensch werkelt], und wobei "sein" gleichbedeutend ist mit "sein bei", "wohnen bei", "vertraut sein".

Das ist alles ungeheuer banal, was da mit dem ganzen Gewicht des grossen Philosophen (Heidegger) vorgetragen wird. Ich habe die Lektüre von "Sein und Zeit" aufgegeben:

Das In-der-Welt-Sein ist ein Existenzial [analog den kantischen Kategorien, einfach auf den Menschen bezogen] des Daseins. Es ist ausserdem die Transzendenz (= Überstieg) des Daseins in diese Welt[?], also eine immanent bleibende Transzendenz [was ein Widerspruch ist]

Durch die Grundverfassung des Daseins wird die Entgegengesetztheit von Subjekt und Objekt aufgehoben, erst das theoretisch [vgl. theoria = Betrachtung] isolierte "Bewusstsein" wird zur nicht-ursprünglichen Quelle dieser Entgegensetzung. Diese Entdeckungen sind die bemerkenswertesten und folgenreichsten Leistungen der Existenzphilosophie überhaupt, heisst es im erw. Lexikon der Philosophie, StW. Existenzphilosophie.

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seneca Offline

religiöser Atheist


Beiträge: 669

15.04.2011 17:25
#133 RE: Basic philosophy: Idealismus und Realismus antworten

Habe heute antiquarisch eine suuuuper-Buch-Trouvaille gemacht:
Die Phänomenologie der Wahrnehmung (la phénomenologie de la perception 1945, deutsch von Rudolf Boehm) des franz. Star-Denkers
Maurice Merleau-Ponty (1908 -1961). Er war neben Jean-Paul Sartre der bekannteste Philosoph Frankreichs im 20. Jahrhundert. In seinem Werk hat er die unmittelbare Welterfahrung in den Mittelpunkt gestellt. Eine zentrale Rolle dabei spielt der "Leib" - zwischen Körper und Geist gelegen ist er für Merleau-Ponty ein Medium, das unsere Welt strukturiert und Orientierung bietet.
Mit seiner Phänomenologie hat sich Merleau-Ponty zwischen die klassischen Gegensätze seiner Zunft gesetzt. Ein paar der traditionellen Begriffspaare lauten: Leib und Seele, Empirismus [Erfahrung] und Idealismus, Subjekt und Objekt sowie Kultur und Natur. Merleau-Ponty war stets auf der Suche nach einer dritten Dimension, die zwischen diesen Begriffspaaren liegt.

"Phänomenologie" hat der 1859 geborene Philosoph Edmund Husserl seine Forschungsrichtung genannt. Sein Motto lautete: "Zurück zu den Sachen selbst".
Anders als etwa der deutsche Idealismus von Immanuel Kant hat Husserl die Welt der Er-scheinungen betrachtet. Und zwar so wie sie dem Menschen in der natürlichen Erfahrung gegeben sind - also noch bevor sie begrifflich gefasst werden.
Eine zentrale Rolle spielt dabei der Leib, der für Merleau-Ponty eine Verbindung von Seelischem bzw. Geistigem und Körperlichem ist.
Die philosophische Idee dahinter ist, dass es neben den Einzelsinnen, mit denen wir Licht, Geruch etc. aus der Umwelt wahrnehmen, noch einen Sinn gibt, der diese Einzelwahrnehmungen zusammensetzt.

Stephan Günzel von der Universität Potsdam: "Man hat dies früher den sechsten Sinn ge-nannt, und Merleau-Ponty setzt nun mit Husserl den Leib an diese Stelle. Und er betont, dass es sich nicht nur um eine innere Instanz handelt, sondern selber um ein Vorkommnis in der Welt. Ein anderes Wort, das Merleau-Ponty für den Leib geprägt hat, ist das Zur-Welt-Sein."

Wenn die Phänomenologie und insbesondere Merleau-Ponty vom Leib spricht, dann beziehen sie sich nicht auf den Körper als physikalisches Phänomen, wie er von den Naturwissenschaften untersucht wird. Er ist aber auch nicht das Subjekt der klassischen Philosophie. Der Leib ist vielmehr Medium und Mittel der Erfahrung von Welt schlechthin.

Die Philosophin Silvia Stoller von der Universität Wien: "Merleau-Ponty sieht den Leib als Mittel unserer Orientierung in der Welt. Er hat z.B. den Satz geprägt: 'Der Leib ist in der Welt, wie das Herz im Organismus.' Gemeint ist, dass der Leib ein Medium ist, sich in der Welt sinnhaft zu orientieren, als ein Mittel, das Leben in der Welt zu strukturieren und zu gestalten.

- Im ganzen Religionsdiskurs kommt der Leib eigentlich überhaupt nicht vor, ausser der Leib Jesu, wenn von der Kreuzigung die Rede ist. -

Aus der Vorrede des Buches von M-P selber:
Phänomenologie - Was ist das? Das ist Wesenserforschung: Alle Probleme, so lehrt die Phänomenologie wollen gelöst sein durch Wesensbestimmung, Bestimmung des Wesens der Wahrnehmung, des Bewusstseins.
Doch ebenso sehr ist Phänomenologie eine Philosophie, die alles Wesen zurückversetzt in die Existenz und ein Verstehen von Mensch und Welt in der „Faktizität“ fordert. Phänomenologie ist Transzendentalphilosophie, die die Thesen der natürlichen Einstellung, um sie zu verstehen, ausser Geltung setzt - und doch eine Philosophie, die lehrt, dass Welt vor aller Reflexion in unveräusserlicher Gegenwart „je schon da ist“, eine Philosophie, d die auf nichts anderes abzielt, als diesem naiven Weltbezug nachzugehen, um ihm endlich eine philosophische Satzung zu geben. Sie hat es abgesehen auf Philosophie als „strenge Wissenschaft“ - doch gleichwohl ist sie Besinnung auf Raum, Zeit und Welt des „Lebens“.

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seneca Offline

religiöser Atheist


Beiträge: 669

06.06.2011 20:53
#134 RE: Basic philosophy: Idealismus und Realismus antworten

Hegel und Kierkegaard
Die umfassende philosophische Totalisierung ist (war) der Hegelianismus (Weltgeist und so). Hier ist das Wissen zu seiner höchsten Dignität erhoben, denn es ist nicht mehr darauf eingeschränkt, das SEIN nur von aussen anzuzielen, es vereinigt sich mit ihm und löst es in sich selbst auf: der GEIST objektiviert, entfremdet und gewinnt sich unaufhörlich zurück, er verwirklichst sich durch seine eigene Geschichte.
Der Mensch veräusserlicht und verliert sich an die Dinge, aber alle Entfremdung wird durch das absolute Wissen des Philosophen überwunden. Demzufolge bilden unserer Zerrissenheit und die Widersprüche, die unser Unglück ausmachen, nur Momente, die auftreten, um [dialektisch] aufgehoben zu werden. Wien sind nicht nur Wissende, denn im Triumph des intellektuellen Selbstbewusstseins zeigt sich, auss wir auch „gewusst“ sind: das Wissen [der "Geist"] dringt durch uns hindurch und weist uns einen Platz an, bevor es uns auflöst, wir sind lebendig in die höchste Totalisierung einbezogen: daher absorbiert das System den reinen Gehalt tragischen Erlebens, zum Tode führenden Leidens wie eine relativ abstrakte Bestimmtheit, die ihre Vermittlung finden muss als Übergangsmoment, das zum "Absoluten" [für Schopenhauer eine nichtsagende Worthülse], dem allein wahrhafte Konkreten führt.

Entgegen dem hegelschen System ist Kierkegaard ein dezidierter Christ, der sich nicht in ein Gedanken-System zwängen lassen will und pausenlos die Unzurückführbarkeit und den unaufhebbaren Eigencharakter des [je persönlich] Erlebten gegen den Geist-Intellektualismus Hegels ins Feld führt. Ein Hegelianer hätte diese romantische und festgefahrene Bewusstsein dem schon schon als Moment aufgehobenen und seinen Grundzügen nach bekannten „unglücklichen Bewusstsein“ angleichen können.

Genau dieses objektive Wissen aber bestreitet Kierkegaard: für ihn ist alle Aufhebung des unglücklichen Bewusstseins nur verbal (Gerede). Der (real) existierende Mensch kann von einem Ideensystem nicht verschlungen werden; denn was immer man auch über das Leid sagen und denken mag, es entzieht sich doch dem Wissen genau in dem Masse, in dem es an sich und für sich erlitten wird und das Wissen es nicht abzuändern vermag. [Wir können über theologische und philosophische Fragen spekulieren, wenn es ans Lebendige geht, tragisch wird, wird es schal und hohl.]

„Der Philosoph baut einen Palast aus Ideen und bewohnt eine Hütte“. Natürlich will Kierkegaard als Christ die Religion verteidigen. Und Hegel wollte nicht, dass das Christentum „aufgehoben“ werden könne, gerade deswegen hat er es zum höchsten Moment der menschlichen Existenz gemacht.

Kierkegaard besteht im Gegensatz dazu mit allem Nachdruck auf der Transzendenz („das Hinübergehende“) des Göttlichen; er setzt Mensch und Gott in eine unendliche Entfernung voneinander; die Existenz des Allmächtigen kann nicht Gegenstand objektiven Wissens sein, sie ist das Ziel subjektiven Glaubens. Und dieser Glaube lässt sich in seiner Kraft und seiner ursprünglichen Positivität (Gegebenheit) niemals auf ein aufhebbares und klassifizierbares Moment, auf eine Erkenntnis reduzieren. Das hat ihn dazu geführt, der objektiven Allgemeinheit des Wesens die bare Subjektivität in ihrer jeweiligen Einmaligkeit, der friedlichen Vermittlung aller Realität die strenge und leidenschaftliche Unversöhnlichkeit des unmittelbaren Lebens und der wissenschaftlichen Einsicht den allem Skandal zum Trotz sich hartnäckig behauptenden Glauben entgegenzustellen. Er sucht überall Wege und Mittel, um der schrecklichen „Vermittlung“ (zwischen Glaube und Vernunft) zu entgehen; er entdeckt in sich selbst absolut unaufhebbare Gegensätze, Unbestimmtheiten und Doppeldeutigkeiten in Gestalt von Paradoxien, Unstetigkeiten etc. Hegel würde in all dieser Zerrissenheit nur entstehende und in Entwicklung befindliche Widersprüche sehen, aber das wirft ihm Kierkegaard gerade vor: Hegel sei, noch bevor er Bewusstsein davon erlangt habe, bereits entschlossen, alle diese Momente als verstümmelte (vlt. krankhafte) Vorstellungen zu erachten.

Und in der Tat, das subjektive Leben, rein als erlebtes, lässt sich überhaupt nicht zum Gegenstand einer Erkenntnis machen; es entzieht sich prinzipiell der Erkenntnis ebenso wie der Bezug des Gläubigen auf die Transzendenz (Gott) nicht durch die Form der Aufhebung zu begreifen ist. Diese Innerlichkeit, die sich aller philosophischen Bemühung gegenüber in ihrer Beschränktheit und in ihrer unendlichen Tiefe zu behaupten sucht, diese jenseits des sprachlichen Ausdrucks - als persönliches Wagnis jedes einzelnen gegenüber den anderen und Gott - liegende Subjektivität, genau das hat Kierkegaar EXISTENZ genannt.

Kierkegaard fühltsich von den Begriffen und von der Geschichte (in der sich der hegelsche Weltgeist verwirklichen soll) verfolgt; er wehrt sich seiner Haut: das ist die Reaktion der christlichen Romantik gegen die rationalistische Humanisierung (Vereinnahmung) des Glaubens.
Beide, Hegel und Kierkegaard haben recht. Man kann K.s Werk als blossen Subjektivismus abtun. …
Hegel hat recht: statt sich wie der dänische Ideologe an starren und armen Paradoxien zu stossen, die letztlich auf eine inhaltslose Subjektivität verweisen, zielt Hegel mit seinen Begriffe auf das eigentlich Konkrete(?) ab, und die Vermittlung (Dialektik) bedeutet dabei jeweils eine Bereicherung. Kierkegaard hat ebenfalls recht: der Schmerz, die Bedürftigkeit, die Leidenschaften, die menschliche Mühsal sind nackte, durch Erkenntnis weder überschreitbare noch abwandelbare Realitäten. Sicherlich kann sein religiöser Subjektivismus als Höhepunkt des Idealismus gelten, mit Bezug auf Hegel stellt er jedoch eine Hinwendung zum Realismus dar, weil er v.a. die Unzurückführbarkeit eines bestimmten Wirklichkeitsbereichs auf das Denken und den Primat (Vorrang) des Wirklichen mit allem Nachdruck hervorhebt.

Es gibt Psychologen, die bestimmte Entwicklungsvorgänge unseres Innenlebens als Resultat einer gegen sich selbst gerichteten Arbeit auffassen: in diesem Sinne ist die kierkegaardsche Existenz die ARBEIT unserer Innenlebens - überwundene und doch unaufhörlich sich erneuernde Widerstände, unentwegt neues Sichbemühen, überwundene Verzweiflung, vorläufiges Scheitern und fragwürdiges Siegen -, insofern diese Arbeit in direktem Gegensatz zu aller begrifflichen (Wort-)Erkenntnis steht.

Kierkegaard hat vlt. als erster gegen und zugleich nur dank Hegel die Inkommensurabilität von Wirklichkeit und Wissen festgestellt, und diese Inkommensurabilität vermag Ursprung eines fortschrittshemmenden Irrationalismus sein. Das ist eine der beiden möglichen Auffassungen des Werkes dieses Ideologen. Es lässt sich aber auch als der Tod des absoluten (hegelschen) Idealmus verstehen, denn die Ideen ändern die Menschen nicht, und es genügt nicht, die Beweggründe einer Leidenschaft zu erkennen, um sie aufzuheben (und abzulegen). Man muss sie durchleben, ihre andere Leidenschaften entgegensetzen, sie hartnäckig bekämpfen, kurz sich abarbeiten.

Aus: Jean Paul Sartre: Existenzialismus und Marxismus, rororo TB 1964

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seneca Offline

religiöser Atheist


Beiträge: 669

27.09.2011 12:59
#135 RE: Basic philosophy: Idealismus und Realismus antworten

Die Philosophie von José Ortega y Gasset (1883 - 1955)
Die "wahre" Philosophie ist einfach, tönt fast banal, ist sie aber nicht.

Die wichtigste Disziplin ist eigentlich die Metaphysik. Metaphysik ist ganz vereinfacht gesagt, eine Vorstellung der Wirklichkeit. Die M. schwankt zwischen Idealismus und Realismus.

Nach Ortega y Gasset (OyG) ist es weder dem Realismus noch dem Idealismus gelungen, die Wirklichkeit voll begreifen zu können. Descartes hat die ontologische (seinsmässige) Priorität des Ichs über die Dinge bejaht. Die Dinge sind nach ihm res cogitans (das Denken, Ideen) oder res extensa (ausgedehnte Dinge, Sachen). Er wisse aber nicht, was das Wesen der Dinge bedeute. Wir erkennen das „denkende Ding“ und das ausgedehnte Ding nur an ihren Attributen. Was ihr Ding-Sein ausmacht, ist uns unbekannt.
Hieraus folgt nach OyG, dass Descartes sich nicht die Frage vorlegt, was Wirklichkeit ist. Er nimmt vage Vorstellungen der philosoph. Tradition auf und begründet keine Metaphysik (was ist das Wesen der Wirklichkeit?).

Für OyG ist die Grundwirklichkeit, d.h. die Lebenswirklichkeit zentral. Diese liegt weder in den Dingen noch im Ich, sondern in einem Dritten, was nicht den Charakter Des Dinges hat. Er hat eine neue Vorstellung des Seins.
Sowohl Realismus wie Idealismus sind partielle Gesichtspunkte, Teilausschnitte. Beide Systeme sind gleichsam notwendige Irrtümer.
Das setzt die Entdeckung einer neuen Methode (eines neuen Ansatzes) voraus, der uns dazu befähigt, zur Grundwirklichkeit vorzudringen und sie zu begreifen. Die Philosophie ist ein Weg (zur Erkenntnis) der Wirklichkeit und beide Methoden und Wirklichkeit sind nicht voneinander zu trennen (wir müssen also im Buch des Lebens lesen). OyG nennt diese Methode die lebendige Vernunft. Das Philosophieren erhält vom menschlichen Leben seine Rechtfertigung und wird als Lebensfunktion betrachtet. OyG ist also eine Art Lebensphilosoph (wie andere) oder Existenzialist.

Kerngedanke für OyG ist, die Wirklichkeit selbst zu entdecken, ausserhalb dessen, was wir von ihr denken, also das Unabänderliche; das womit wir rechnen müssen und es oft unbewusst auch tun. Diese elementare Wirklichkeit, die jeder Deutung vorausgeht und wir, ob wir wollen oder nicht, ins Auge sehen müssen, nennt OyG die Grundwirklichkeit, zu welcher jede übrige Wirklichkeit in Bezug steht.

Was ist die Grundwirklichkeit? Die Dinge, die wir vorfinden, sind irgendwo ge-gründet. Sie sind aber nicht unabhängig von mir, denn ich treffe sie nicht allein an, sondern immer mit mir zusammen, ohne mein Ich (das ich immer mitdenke) weiss ich nichts von ihnen. [Die Wissenschaft lässt den Beobachter aussen vor].

Foglich sind die Dinge an sich und allein betrachtet Hypothesen, die vielleicht wahr sind, aber nichts mehr als eine Theorie, und daher das Gegenteil der Grundwirklichkeit. Auch das Ich des modernen idealistischen Denkens (S. Konstruktivismus) kann nicht die Grundwirklichkeit sein. Zwar finde ich immer (nur) meine jeweils eigene Wirklichkeit, während die Dinge meiner Umgebung ständig wechseln. Aber ich bin nie allein, sondern immer schon von den Dingen umgeben [tönt nach Heidegger]. Das Ich, das Denken als denkendes Ding, als res cogitans, als autonome Wirklichkeit ist nur eine ideologische Konstruktion, eine blosse Theorie, eben Idealismus. Mein Denken, ist nicht das Sein, wie ich es als Grundwirklichkeit finde. Also woraus besteht sie? OyG: Unser Leben selbst ist das Wirkliche, und dieses ist dynamisch, ein Prozess oder ein Drama etc.

Das sei keine neue Theorie sondern eine blosse Feststellung. Das Leben geht als nackte Wirklichkeit, jeder Theorie und Deutung voraus. Das erinnert mich an Sartre: Die Existenz geht der Essenz voraus. OyG definiert das an anderer Stelle so: Was wir tun (und wir müssen immer etwas tun) und was uns widerfährt (entgegen steht): Das Leben ist jeweils das meinige, jeweils das des einzelnen; das Leben so betrachtet ist die Grundwirklichkeit (das je-meinige Leben tönt sehr nach Heidegger, nur ist OyG viel verständlicher).

Die Wirklichkeit auf eine kurze Formel gebracht: Ich bin ich und meine Um-stände. [Diese Definition findet sich zuerst in den Meditaciones del Don Quijote 1914, also vor Heideggers "Sein und Zeit" 1925.] Das heisst: Jeder Mensch ist hier und jetzt in einer bestimmten Lage (z.B. wo ich das tippe), umgeben von Dingen, die ihn umschliessen, und die er, um leben zu können „handhaben“ muss (vgl. die Zuhandenheit von Heidegger). Jede/r steht also innerhalb des Lebens. Im Leben begegne ich den Dingen und mir selbst (als Akteur). Zuerst war also das Leben da (Existenz), vor mir und vor den Dingen (die erst durch mich für mich Bedeutung erlangen). Das Leben ist mir (ungefragt) gegeben, und sowohl das Ich als auch die Dinge sind seine Folgeerscheinungen, seine Aufbauelemente, von ihm abgeleitete Wirklichkeiten. Das heisst, alles ist im Leben ge-gründet. Das (mein) Leben selbst ist die Grundwirklichkeit. Ich und die Umstände besitzen nur dadurch Wirklichkeit, dass sie im Gegensatz zueinander und in funktioneller Abhängigkeit voneinander stehen. Die Dinge sind das Um-Stehende, die (ganze) Umgebung. Sie beziehen sich auf (m)ein Ich. Dieses ist nicht ein isoliertes/unabhängiges Wesen; es ist das, was den Dingen begegnet. Das Ich steht immer in einem bestimmten Um-Stand. Das Leben ist immer das „Ich“ und „die Dinge“ und "die Anderen", würde Sartre sagen.

Das ist aber nicht alles. OyG geht einen Schritt weiter. Das Leben ist mir nicht als fertige Tatsache gegeben, sondern ein „quehacer“ (span. was machen) - eine Be-schäftigung. Deswegen macht uns das Leben so viel zu schaffen. Leben heisst immer, es mit den Dingen zu tun zu haben. Es ist eine dynamische Wirklichkeit, ein Prozess. Es ist kein Zustand, sondern eine Tätigkeit.
Sartre würde sagen, wir sind zur Freiheit verdammt zu wählen, unser Leben zu gestalten, in die eine oder andere Richtung zu gehen, Schritt für Schritt.

Julian Marias: José Ortega y Gasset und die Idee der lebendigen Vernunft - Eine Einführung in seine Philosophie (Stuttgart 1952)

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Das Leben ist eine mißliche Sache; ich habe mir vorgesetzt, es damit hinzubringen, über dasselbe nachzudenken (Schopenhauer). - Ich würde nur an einen Gott glauben, der zu tanzen verstünde (Nietzsche, Zarathustra).

seneca Offline

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28.09.2011 08:15
#136 RE: Basic philosophy: Idealismus und Realismus antworten

Ortega y Gasset: Die Entdeckung der Subjektivität bei Descartes (1)
Zur entscheidenden Entdeckung des Bewusstseins*), der Subjektivität des Ichs kommt es erst bei Descartes. Diese bestand im wesentlichen darin, dass man herausfand, es gebe unter den Dingen, die im Universum existieren oder zu existieren vorgeben, etwas, das sich in seinem Seinsmodus [Seinsart] von den übrigen radikal unterscheidet, nämlich das Denken [die res cogitans „das denkende Ding“ im Gegensatz zum ausgedehnten „Ding“ (res extensa), also die gewöhnlichen Objekte].

Descartes methodischer Zweifel, der Entschluss, an allem zu zweifeln, was einen [anscheinend] verstehbaren Sinn hat [bis es bewiesen ist], war bei ihm nicht nur ein gelegentlicher Einfall, wie es seine ursprüngliche Formulierung besagt: Ich kann an allem zweifeln, ausser das ICH, was bekanntlich auch eine unsichere Sache ist. [das berühmte: Cogito ergo sum S. Nachtrag]. Der Entschluss zum universalen Zweifel ist nur die Kehrseite oder das Werkkzeug eines anderen positiven Entschlusses: nämlich als Inhalt der Wissenschaft nur das, was wir beweisen können, zuzulassen. Nun ist aber die Wissenschaft, Theorie (gr. theoria: 'Schau der Dinge') nichts anderes als sei Übertragung der Wirklichkeit in ein System [oder Modell] bewiesener Behauptungen. Der methodische Zweifel [das Infragestellen] ist nicht ein Abenteuer der Philosophie: er die eigentliche Philosophie. Ohne Bezweifeln gibt es kein Be-weisen, kein Wissen.

Der methodische Zweifel führte und führt noch heute noch zu der ungeheuren Entdeckung, dass es für das Erkennen kein grundsätzlicheres Datum [hier: lat. Gegebenheit] gibt, als das Denken selber. Von keiner anderen „Sache“ lässt sich behaupten, dass ich sie nur zu denken brauche, damit sie auch da sei. [Hier erweckt OyG den Anschein, das Denken sein eine Art Objekt, eben ein Ding; eigentlich ist es aber eine Tätigkeit, weshalb die folgende Ausführungen meines Erachtens nicht zum Nennwert, sondern „cum grano salis“ zu nehmen sind.]
Das Denken besitzt das Vorrecht, sich das Sein zu geben, es existiert für sich selber [hiert taucht das merkwürdige Für-sich-sein auf]. Bei allen anderen Dingen ist ihr Existieren [Dasein] und die Tatsache, dass ich sie denke [wohl eher: denkend wahrnehme] unterschieden, weshalb sie auch stets Problem (!) und nicht Datum [Gegebenes] sind. Jedoch meinem Denken [das also immer subjektiv ist!] genügt es um zu existieren, dass ich denke, dass ich es denke. Hier sind Denken und [dessen] Existieren ein und dasselbe. Die Wirklichkeit des Denkens besteht in nichts weiter, als dass ich mir Rechenschaft von ihm gebe. Das Sein [mein Sein] besteht hier im Sich-Rechenschaft-Geben von sich selber. Verständlicherweise ist radikales Datum [Grundgegebenheit] für das Wissen oder Erkennen etwas, das ausgesprochen im Von-sich-Wissen besteht.
- Das verstehen ich so, dass es ohne Wissen um sich selber, zeitliche und örtliche Orientierung in der Welt keine Erkenntnis gibt. Das ist eben die Subjektivitität (to be continued).
*) Text auszugsweise vereinfacht und kommentiert, so wie ich es verstehe, aus:
José Ortega y Gasset, Was ist Philosophie? - dtv TB 403 (2. A. 1968)
Vorträge, gehalten von OyG 1930 in einem Theater in Madrid

**Nachtrag
Cogito ergo sum: „Ich denke [bezweifle], daher existiere ich.“ Von Descartes formulierter Ursatz der neuzeitlichen Philosophie, an dessen Gültigkeit seiner Meinung nach nicht zu zweifeln sei: Man könne und müsse(!) sogar zunächst alles bezweifeln, was nicht bewiesen ist, bloss die Tatsache, dass man zweifelt und daher denkt und dadurch überhaupt „ist“ [existiert], könne sinnvollerweise nicht in Zweifel gezogen werden. Gegen Descartes Behauptung lässt sich einwenden, dass sich das „IST“ (sum – ich bin) lediglich auf die Tatsache des „Denkens“ [an sich] bezieht, also „denkend ist“ bedeutet, aber nicht ohne weiteres ontologisch [‚real existierend’] aufgefasst werden darf. Auch ist das „ICH“ schon im Grundurteil (cogito = ich denke) enthalten und daher die Ableitung des Folgerungsurteils bedeutungslos: Die Existenz eines substanzielle gedachten ICHs ist damit noch keineswegs erwiesen [es bleiben also noch viele Fragen offen].
Aus: Franz Austeda, Wörterbuch der Philosophie (Humboldt TB 43. 2.A. 1960)

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seneca Offline

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29.09.2011 14:02
#137 RE: Basic philosophy: Idealismus und Realismus antworten

Ortega y Gasset: Die Entdeckung der Subjektivität (2)

In den folgenden Ausführungen geht es umd die Behauptung, dass wir die Wirklichkeit nicht erkennen, wie sie (eigentlich) ist bzw. diese gar nicht existieren soll, wie die radikalen Konstruktivisten behaupten.

Ich halte mich weiter an den Text der Vorträge*), die José Ortega y Gasset 1930 in einem Theater in Madrid gehalten hat, da er dies nicht in der Universität tun durfte.
Gleich vorweg. Nach OyG leugnet die Philosophie nicht die Realität der äusseren Welt, in der wir uns befinden. Sie sagt lediglich, dass weder die Existenz noch die Nichtexistenz der umgebenden Welt evident [bewiesen] sei.

Eigentlich will OyG auf etwas anderes hinaus (Subjektivität), aber er beginnt mit dem cartesianischen Zweifel (Descartes). Entweder ist OyG ein brillanter Philosoph oder ein grosser Scharlatan, der eine Schau abzieht (oder beides?).

Er geht von den verschiendenen Arten der Dinge aus, die auch mental sein können. Es gibt Dinge, die es *vielleicht* gibt im Universum, ob wir sie kennen oder nicht; die Dinge von denen, wir *irrigerweise* glauben, es gebe sie, die es aber ihn Wahrheit nicht gibt; und Dinge, von denen wir *sicher sein* können, dass es sie gibt. Letztere gibt es im Universum [das ist einfach die äussere Welt] oder in unserer Erkenntnis. Die *Gewissheit*, die wir von den letztgenannten Dingen in der Welt haben können ist entweder direkt durch Anschauung oder durch Ableitung (Schlussfolgerung, vgl. Schopenhauers Satz vom Grund). Beispiel: Von Rauch schliessen wir auf ein Feuer, das wir nicht sehen. Oder bei Kerben in einem Baum war ein Mensch am Werk oder der Buchdrucker-Käfer, der so merkwürdige Zeichen macht. Ich vereinfach hier stark. Die Gewissheit über ein Ding geht hier auf die Existenz eines vorangehenden Gegenstandes zurück [in Wirklichkeit sind es aber immer nur Erscheinungen]. Es gibt also Dinge, deren Existenz wir weder beweisen können noch beweisen müssen, weil sie sich selber beweisen [ist doch bei allen erkennbaren Dingen so]. Das sind die gegen alle Kritik [Zweifel] gefeiten, bombensicheren’ Dinge, die Daten [Gegebenheiten] des Universums.
Es gibt nun aber anscheinend auch Wesen, die wir uns nur einbilden, z.B. Chimären, Zentauren, Greife, Einhörner (allg. Fabelwesen, oder 'Gott'). Sie existieren lediglich in unserer Phantasie, also im Innern (Psyche). Wir können aber auch in realen Dingen Phantasiedinge sehen, z.B. wenn Don Quijote gegen Riesen bzw. Windmühlen kämpft. Dem sagt man Wahn. Jahrtausende hindurch hat sich das Universum des Menschen aus Fabelwesen zusammengesetzt [man denke auch an die Sternbilder: Schlange, Leier etc.]. Diese Chimären [vom Menschen konstruierte Truggebilde, wobei auch 'Gott' genannt werden kann] waren das Realste, was es auf Erden gab. Nach ihnen richtete sich das menschliche Leben. Diese lassen sich aber unzweifelhaft bestreiten, weshalb sie als grundlegende Daten des Universums nicht in Frage kommen.

Nun sagen die Physiker, es gibt im Universum Kräfte [Schwerkraft], Atome, Elektronen [kleinste Teile der Materie, die noch kein Mensch gesehen hat]. Gibt es sie tatsächlich und ausser jedem Zweifel? Die Atome sind Gegenstände, deren Vorhandensein auch im Fall ihres tatsächlichen Existierens uns erst am Ende einer ganzen Theorie gewärtig [einsichtig] werden [Das gleiche lässt sich von 'Gott' sagen; er wird wenn überhaupt auch erst am Ende einer 'Geschichte' begreiflich, wenn überhaupt.] Damit die Existenz der Atome Wahrheit wird, muss erst die gesamte physikalische Theorie Wahrheit sein, was problematisch sei [Ok, bei den Atomen ist es eine Modellvorstellung, aber diese scheinen in sich gültig zu sein]. Philosophisch gesehen, meint OyG, sind die Atome ebenso wenig unzweifelhafte Existenzen wie die Chimären und deshalb nicht Daten des Universums.
Jetzt geht OyG auf die Dinge unserer Umgebung [des Alltags] los, die wir sehen und tasten können. Er bringt ein Dichterbild von einem Garten, aus dem er erst die Chimären entfernt hat, bildhaft gesprochen. Man kann den Garten kaufen, bepflanzen, durchschlendern etc. Und doch - wenn ich in diesem Garten bin und mich am Frühlingsgrün erfreue, so brauche ich nur die Augen zu schliessen, und [schwupp], der Garten versinkt ins Nichts. Unsere Augenlider haben ihn wie eine Guillotine radikal aus der Welt ausgemerzt, und beim Öffnen der Augen springt er wie ein transzendenter Tänzer vom Nichtsein ins Sein zurück [mit den Babies macht man das Guguseli-Spiel, bei dem Gegenstände verschwinden und wieder auftauchen]. Man könne auch im Garten sein und träumen vom Garten, oder in einen Drogenrausch sein. Der Garten und die Halluzination seien angeblich auf gleiche Weise "echt", behauptet OyG. Vielleicht ist die ganze umgebende Welt eine Halluzination [Die Welt als Traum, das kennen wir doch]. Nun ist aber das Merkmal des Traums oder der Halluzination, dass sie etwas *vorspiegeln*, was es in Wahrheit nicht gibt . Wer bürgt dafür, dass es sich mit der ‚normalen’ Wahrnehmung nicht ebenso verhält. Diese unterscheidet sich von der Halluzination nur insofern, dass sie beständiger ist und den Menschen so ziemlich gemeinsam. [Die Beständigkeit und die allgemeine Auffassung ist so ziemlich das Einzige was wir an Gewissheit haben.]

Aber das genügt nach OyG nicht. Der methodische Zweifel hat die Sicherheit der äusseren Welt zerfressen oder wie eine Sturmflut ins Nichtsein geschlungen [sehr poetisch]. Schlussfolgerung: Die Dinge, die Natur, die übrigen menschlichen Wesen, die gesamte äussere Welt haben kein evidentes Dasein, sind keine grundlegenden Daten, sind im Universum nicht unzweifelhaft vorhanden. Die Welt, die uns umgibt, die uns trägt und erhält, die uns vom Leben aus gesehen erhält, das alles stellt sich hinsichtlich seines Dasein als verdächtig, zumindest verdächtigenswert heraus [Ok, why not?].

Und weil dies so sei, könne die Philosophie nicht von der Tatsache des Vorhandenseins der äusseren Welt ausgehen – während doch unser Lebensglauben [besser: Lebensüberzeugung, ohne zu überlegen] von ihr ausgeht. Hier sei ein überragendes Beispiel dafür, in welchem Sinn Philosophieren soviel wie Nicht-Leben [ich würde sagen lebensfremd] ist. Philosophieren bedeutet, sich bewusst von den Glaubensüberzeugungen des Lebens loszumachen [besser die Grundüberzeugungen zu überprüfen]. Man dürfe dies nur tun zur Bildung einer Theorie [theoria wört. Anschauung der Dinge], um zu einer philosophischen Überzeugung, d.h zu einer intellektuellen Überzeugung zu gelangen. Und das sei ernsthaft zu betreiben, wobei Ernsthaftigkeit nicht Tiefsinn bedeute, sondern die Begriffe in Reih und Glied zu bringen [d.h. sauber zu denken; so weit so gut].

So stellt OyG auf jeden Fall Folgendes fest: Die Philosophie beginnt mit der Behauptung, dass die äussere Welt kein grundlegendes Datum [Gegebenheit] ist, dass ihre Existenz zweifelhaft ist. Aber die Philosophie leugne auch nicht die Realität der äusseren Welt, da auch dies, mit etwas Fragwürdigem anzufangen, bedeuten würde. Im Kern sagt die Philosophie, dass weder die Existenz noch die Nichtexistenz der umgebenden Welt evident seien. Die Philosophie ist aber verpflichtet, nicht von etwas, das vorausgesetzt wird, auszugehen, sondern allein von dem, *was sich selber setzt*, das heisst von dem, was sich unmittelbar [einem, d.h. subjektiv] aufdrängt. [Und damit ist das Denken, die cogitatio gemeint - dazu später mehr. Oder im Sinne der radikalen Konstruktivisten gesagt, wenn ich diese richtig verstehe: Die Welt existiert nur insofern, als ich sie subjektiv konstruiere, d.h. die Erscheinungen von den Dingen in meine innere Warhnehumg und Erkenntnis übersetze: Ohne Ich (Konstrukteur) keine Welt. OyG war also anscheinend, wie viele andere ein „Proto-Konstruktivist“.

Was ist Philosophie?, dtv TB403 2.A. 1968

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seneca Offline

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30.09.2011 14:12
#138 Woran glauben Atheisten? antworten

Atheistischer Glaube
Auch der Atheist glaubt an etwas - klar. Hier Glaube als Grundüberzeugungen des Welt- und Lebens(Menschen)-Verständnisses. Der Atheist denkt realitätsbezogen. Der religiöse Glaube glaubt gegen die Realität (Märchen und Mythen). Der atheistische Glaube glaubt auf der Basis der Realität (sprich Natur). Es geht nicht darüber hinaus (transzendiert nicht), was die weltliche Vernunft weiss. Die Vernunft kontrolliert den Glauben. Die Vernunft hebt den Glauben auf, wo sie als Vernunft nein sagt (also NON credo quia absurdum).

1. Atheistischer Glaube hat nichts zu tun mit einem Fürwahrhalten von Wissen. Dieses muss bewiesen werden (zumindest vernünftig nachvollziehbar sein), nicht geglaubt werden.
2. Hypothesen sind keine atheistischen Glaubensversuche. Eine Hypothese (These) ist zunächst eine unbewiesene Annahme aus realen Gesetzmässigkeiten oder Tatsachen mit dem Arbeitsziel, sie mit realen Beweisen zu verifizieren oder zu falsizfizieren (als wahr oder als falsch zu erweisen). Die Evolutionstheorie ist mehr als eine Hypothese sondern ein Denkmodell, dass durch viele einzelne Tatsachen belegt worden ist.
3. Atheistischer Glaube ersetzt Wissenslücken oder spezielles Nichtwissen nicht durch religiöse Surrogate (Pseudowissen), als mit irgendwelchen mit Gott begründetem Erkenntnisersatz. Gott und alles aus Gott begründete Wissen („Offenbarung“) ist kein Wissen sondern bleibt Unwissen. Der atheistische Glaube bleibt auf der Basis von Wissen. Er lässt das Nichtwissen offen (und kann damit leben) wo kein Wissen möglich ist.
Der Agnostiker drückt sich um eine Entscheidung. Mit dem Agnostiker verbindet der Atheist die erkenntniswissenschaftliche These, dass rationale (vernunftgemässe) Erkenntnis nicht letztgültig gesichert ist und es ein absolutes Wissen nicht gibt.
Im Gegensatz zum Agnostiker meint der Atheist, dass ausreichend gesicherte Basisdaten (Hinweise) bekannt sind, um insgesamt einen Entscheid für ein Leben ohne Gott (ohne An-nahme eines nicht erkennbaren Gottes) fällen zu können, ja zu müssen. Das Offenlassen der Gottesfrage durch den Agnostiker ist eine Ausrede (oder Faulheit im Denken) um sich nicht existenziell bekennen zu müssen. Er lässt ein Hintertürchen offen, um nötigenfalls auf den Theismus-Zug aufspringen zu können.

Der Atheist setzt sich auch ab vom allumfassenden Weltgefühl des Pantheisten. Mit diesem ist er der Meinung, dass es nur ein einziges Sein gibt, eine in sich geschlossene diesseitige Welt. In ihr ist der Mensch in seiner biologischen Beschaffenheit und allen seinen humanen Erscheinungsformen Teil eines Ganzen, gerade auch als Ausdruck eines ganzheitlichen immanenten Wirkprinzips (als Manifestation des unpersönlichen Willens, nach Schopenhauer).

Vom Pantheisten trennen den Atheisten den Hang um Mystifizieren des Ganzen, des Allumfassenden. Schon Goethe ist mit seinem Naturpathos immer wieder „erschreckend“ in eine vergöttlichte Allheit abgeglitten, die zeitweise weltabgehobener war als ein rein religiöses Bewusstsein (warum, ist doch nicht so schlimm, ein bisschen Natur-Mystik). Der Pantheismus habe mit seiner musischen Kontemplation (Betrachtung) einen Hang ins Irationale. [Schopenhauer schätzte die Musik als quasi-göttlich. Wenn es etwas Göttliches gibt, so ist es die Musik und die Kunst. Hier offenbart sich der Geist des Menschen, der aber nicht als jenseitig verstanden wird.]

Atheistischer Glaube hat drei Grundpositionen:
Erste Ebene Die Basis: Atheistischer Glaube ist die existenzielle Bereitschaft, die Tatsachenwelt für das eigene Leben voll anzuerkennen und sie zur Grundlage seines Lebens zu machen. Tod ist Tod (es gibt keine jenseitiges "Leben"). Seine Existenz ausschliesslich innerhalb der Tatsachen zu akzeptieren, heisst, sich ihnen nicht zu entziehen (ihnen zu entfliehen), sondern mit ihnen bewusst umzugehen. Leben in jeder Form bleibt innerhalb der Bedingungen der Erde (Atheismus ist in diesem Sinne ein Materialismus).

Zweite Ebene - Die Existenz: Auf der Basis der Tatsachen konzipiert der Atheist die Konturen seiner Existenz, die Grundlinien seines zu lebenden Lebens. Dieser Existenzbezug ist der innere Kern des atheistischen Glaubens, gleichsam die Verfassung seiner persönlichen Autonomie. Des Mensch setzt sich selbst die Prinzipien und Werte und dessen Sinngebung in Selbstverantwortung und Selbstbestimmung (auf der Grundlage des Humanismus). Er trägt die Konsequenzen seiner Entscheidungen. Der Mensch ist zur Freiheit (Entscheidung) verurteilt (Sartre).

Dritte Ebene - Metavision: Atheistischer Glaube ist zugleich das Gesamtkonzept (Grundverständnis) der vorgegeben Tatsachenwelt und der selbstbestimmten Existenzverfassung (er muss sein Leben gestalten, Ortega y Gasset). In letzter Stufe ist atheistischer Glaube eine Gesamtbetrachtung im Sinne aristotelischer Metaphysik (wird von Schulz zu wenig begründet). Nachdem Aristoteles seine Beschreibung der Natur (mit seinem damaligen beschränkten Kenntnisstand) entwickelt hatte, entwarf er „nach der Natur“ (gr. meta / nach Physis / Natur), aufgrund und infolge der Natur ein übergeordnetes (oder zu Grunde liegendes) Konzept (oder Prinzip) des Seins, gleichsam von unten einen Überbau aus rein immanenter Perspektive (das mit der Immanenz stimmt; das andere kann ich nicht nachvollziehen, da zu wenig begründet). - Die "Metavision" ist Gegenstand dieses threads.

Der atheistische Glaube ist somit eine Lebensphilosophie - ohne Gott: Er basiert als erste Stufe auf der Natur als die alleinige Voraussetzung allen Lebens (der Atheismus ist somit ein Naturalismus). Er definiert auf der zweiten Stufe die Dimensionen der Existenz in ihren Notwendigkeiten (Ursache und Wirkung, Satz vom Grund) und ihren Möglichkeiten (actus und potentia). Er definiert auf der dritten Stufe eine Metavision - nicht jenseits der Natur, sondern infolge (gemäss) der Natur als Philosophie des menschlichen Lebens und der Welt (wie Schopenhauer sagen würde). Philosophie ist z.B. nach Schopenhauer die richtige Erkenntnis der Welt, des Menschen, der Natur.

Paul Schulz (ehem. Pfarrer)
Atheistischer Glaube - Eine Lebensphilosophie ohne Gott, Wiesbaden 2008

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seneca Offline

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01.10.2011 11:59
#139 Der Ursprung des Bösen antworten

Der Ursprung des Bösen: Das Böse war schon immer da.
Nach Augustinus hat das Böse keine selbständiges "Sein": Das Böse ist einfach die Abwesenheit des Guten. So weit so gut.

Das Schlechte oder das Übel (lat. malum, Mz. mala) wäre eigentlich der bessere Begriff. Das "Böse" ist metaphysisch aufgeladen. Mit ihm ist die Idee eines Urhebers (Teufel) verknüpft.

Das Böse (wie auch das "Gute") ist eine Hypostasierung, die Schaffung eines abstrakten Begriffs, eine Verdinglichung einer Idee. Auch Descartes res cogitans (das Denken) ist eine Hypostasierung. Die Verabsolutierung des Gutes ist der Grundfehler von Platon, meint Nietzsche.

Exkurs: Hypostase* (gr. Unterlage, Substanz) heisst Substanzialisierung, Verdinglichung einer Eigenschaft, eines Begriffes, eines Abstraktums oder blossen Gedankens: Hypostase ist, eine Vorstellung als wahres Ding aus sich heraus setzen, woraus eingebildetes Wissen und dogmatisches Blendwerk entsteht. Die bedeutendste Hypostase für das angeblich allerrealste Wesen (ens realissimum) ist "Gott"
Bei den Kirchenvätern werden unter Hypostasen die Erscheinungsformen oder Seinsweisen (Gottes) die Dreieinigkeit Vater, Sohn, hl. Geist verstanden verstanden.

Platon leitet das Böse aus der blossen, rohen, niedrigen (angebl. unbelebten) Materie ab, woraus die niedrige Einschätzung, des Natürlichen, Irdischen, Materiellen, Sinnlichen, Körperlichen, "Fleischlichen", Nackten folgte, gegenüber dem "Geistigen", "Himmlischen", den "Ideen". Nur die Ideen (von den Dingen, wozu auch Abstrakta) gehören, sind wahr, haben wahre "Substanz". Dieser grundlegende, im Christentum enthaltene Dualismus hat das ganze Abendland vergiftet, würde Nieztsche sagen (bitte mich nicht auf Zitate behaften; entwickle einfach ein paar Gedanken). Der Gedanke (platonischer Dualismus, S. auch Gnosis) durchdringt bis heute unsere Kultur und unser Denken. Man muss sich davon befreien.

Die Welt, Natur ist weder gut noch böse. Eigentlich ist nur der Mensch böse, wenn er böse Taten begeht. Ein krasses Beispiel sind die Verbrechen von Breivik. Natürlich hält die Welt, das Leben Übel bereit, wenn wir als hinfällige Wesen krank werden und Naturkatastrophen und Unglücke passieren.

Für Luther waren Krankheit und Tod noch die direkte Folge des Sündenfalls. Dass der Tod eine natürliche Notwendigkeit des Lebens ist, erkannte er nicht.

Die Tatsache des Bösen ist für das menschliche Denken einer der kräftigsten Anstösse, über den Sinn des Lenbens etc. (Theodizeefrage) nachzudenken*. Religiöse Anschauungen, die auf einen harmonischen (gerechten) Ausgleich aller widerstrebenden Kräfte in der Welt gerichtet sind, erscheint das Böse im Willen Gottes liegend (zumindest lässt er es zu), um das Gute zu fördern (bzw. im Jenseits zu vergelten) - So im kath. Christentum, bei Goethe und bei Leibniz). - Bedeutsam in diesem Zusammehang ist die Idee des Gerichts über die Verstorbenen. Man stelle sich vor, wenn der Tote bewusstlos in der Erde ruht, bis zur Auferstehung, wenn die Posaunen erschallen, so tritt der Mensch mit dem Eintritt des Todes unmittelbar vor das Gericht. Daran glaubt konsequent heute wohl kaum jemand mehr.

In Haltungen zur Welt, die in Tragik und Heroismus Sinn suchen, ist das Böse eine unumstössliche Wirklichkeit, die dem Menschen entweder zum Versagen oder zur Überwindung gesetzt sind (augustin. Christentum). Für den Existenzialismus ist es wichtig, ob der Mensch in Grenzsituation versagt oder besteht.

Ich wende mich nicht gegen die Ethik (Sittenlehre). Habe früher bei der Ethik (Moralisiererei) oft die Nase gerümpft. Dabei ist sie eigentlich der wichtigste Zweig der Philosophie. Das andere ist oft nur Spekulation. Die Ethik sucht nach der Antwort auf die praktische Frage, was sollen wir tun (und was unterlassen)? Die Ethik ist entweder kollektiv (sozial) oder individuell. Je nach Menschen- oder Gottesbild wird die Ethik verschieden begründet.

Heinrich Schmidt "Philosophisches Wörterbuch" 9.A. Leipzig 1934
oft aber nicht immer deutlicher und besser als die von Schischkoff bearbeitete Version "Lexikon der Philosophie" 19.A. 1974

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seneca Offline

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19.04.2012 18:46
#140 Nikolaj Berdjajew 1874-1948 antworten

Bin schon vor einiger Zeit auf Berdjajew gestossen, ein eigenwilliger religiöser Philosoph. Es sind wenig gute Bücher von ihm greifbar, umso grösser das Glück, wenn man ein antiquarisches Buch findet. Es gibt einen Fan von B. mit einer Site im Net.

Hier ein paar persönliche Statements von Berdjajew, die mir aus dem Herzen sprechen:

Von einem bestimmten Lebensjahr an bin ich in die Welt der Erkenntnis eingetreten, in die Welt der Philosophie, und noch heute lebe ich in dieser Welt...

Ich habe das Leben als Kampf für die [geistige] Freiheit aufgefasst. Ich habe meinen Studienplan selber zusammengestellt. Niemals hat man mich zum Studium der Philosophie angehalten, das ergab sich von innen heraus. Keiner Schule vermochte ich mich je anzuschliessen. Mein Leben lang war ich ein Lernender, ein Lernender bin ich auch jetzt. Doch handelt es sich dabei um freie Teilnahme am Wissen der Welt, zu dem ich selbst mein Verhältnis bestimme. ...

Mein inneres religiöses Leben nahm unter Qualen Gestalt an. Momente ungetrübter Freude waren relativ selten. Nicht nur blieb das Element des Tragischen in mir unbewältigt, ich erlebte Tragik auch stets als ein vorwiegend religiöses Phänomen. - Ich würde es als existenzialistisch bezeichnen.
Ich meine, mein qualvoller religiöser Weg hing nicht bloss mit meinen inneren Widersprüchen zusammen, sondern ebenso sehr mit meiner geschärften Sensibilität für das Böse und mit dem Übermass meiner Freiheitsliebe. Immer litt ich unter einem Defizit an religiöser Wärme an der Wärme religiöser Körperlichkeit [oder Unkörperlichkeit, sprich übermass an Intellektualität]. ...

Stets hatt eich eine grosse Sensibilität für alle möglichen Tendenzen und Systeme des Denkens, besonders aber für die totalitären, eine Befähigung, mich in sie einzuleben.
So vermochte ich mich mit besonderer Einfühlung in das Tolstojanertum, in den Buddhismus, das Kantianertum, den Marxismus, das Nietzscheanertum, das Steinerianertum (Anthroposophie], den Thomismus [Thomas v. Aquin], die deutsche Mystik [Meister Eckhart et al.], die religiöse russ.] Orthodoxie, die Existenzphilosophie einzuarbeiten, konnte mich aber mit nichts davon identifizieren, bin ich selbst geblieben.

Ich selber habe auch den Islam studiert und den Hinduismus und sonstige religiöse Lehren. Ich denke, wir müssen uns selber bleiben und können von überall übernehmen, was wir brauchen können, was stimmt für uns.

Aus: "Selbsterkenntnisse Selbsterkenntnisse" in
Nikolaj Berdjajew: Fortschritt Wandel Wiederkehr, Arche Zürich 1978

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Der Kapitän Offline



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25.04.2012 21:47
#141 RE: Nikolaj Berdjajew 1874-1948 antworten

Ich will dieses Thema mal wieder beleben. Ich hoffe die ursprünglichen Diskutanten haben noch einmal Lust mit mir als Interessierten und Anfänger der Erkenntnistheorie ein Wortgefecht zu eröffnen.

Mich würden die aktuellen, zentralen Argumente für und gegen den Realismus, sowie den Idealismus sehr interessieren. Ich selbst habe mich da noch nicht positioniert. Ich habe eine Zusammenfassung der Kritik der reinen Vernunft gelesen und habe allergrößten Respekt vor Kants soliden Gedankengebäude. Denken wir wirklich in Begriffen und sind unserem Sinnesapparat die Anschauungsformen Raum und Zeit immanent ohne das die Realität so beschaffen ist? Spekulieren muss man hier zwar, aber mir gefällt es immer nicht so gut, wenn nur geraten wird! Gibt es klare Argumente dafür oder dagegen?

Würde mich auf eine Antwort freuen!

Grüße, el capitano

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"Was passiert mit einer Wahrheit, der eine Wirklichkeit abhanden kommt, auf die sie sich beziehen könnte?" Julian Rödel

seneca Offline

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12.05.2012 13:16
#142 Realität und Wirklichkeit antworten

Realität (von lat. res sg./pl. Sache/n, Ding/e), auch als Wirklichkeitkeit bezeichnet. Wirklichkeit - alle anderen europ. Sprachen gehen auf die lat. Wurzel realitas zurück ist also alles, was wirkt. Realität hat gewöhnlich die Bedeutung 'objektive' Realität, d.h. ist für alle gleich erkennbar. Die subjektive Realität ist gedanklich, auch als Idealität bezeichnet (von Idee = Bild). Die Realität erfahren wir durch Anschauung und Erfahrung. Soweit so gut.

Wirklichkeit im Sinne der Metaphysik [im 1. Sinne(?) - Metaphysik hat hier nichts mit übernatürlich zu tun, sondern beschäftigt sich mit den Grundbedingungen der Erkenntnis] ist das Sein desjenigen Seienden, das das Prädikat (prae-dicere = das, was von einem Objekt ausgesagt wird oder ausgesagt werden kann] "wirklich" trägt, als das Wirklichksein eines Seienden. Der Ausdruck Wirklichkeit wurde von Meister Eckhart geprägt als Übersetzung des lat. actualitas (Wirksamkeit).

Im Deutschen enthält der Begriff Wirklichkeit einen 2. Sinn, während Wirklichkeit bei den "Alten" (Römern und Griechen) mit Wahrharheit, im Franz. und Engl. mit Relität identisch ist, wonach ein 3. Sinn unterschieden wird. Im Deutschen unterscheidet sich die Wahrheit von der Wirklichkeit dadurch, dass sie an die Evidenz (Anschaulichkeit), nicht an das Wirken gebunden ist. Die Realität unterscheidet sich von der Wirklichkeit dadurch, dass sie das Mögliche (Potentialität) enthält. Wirklichkeit steht im philos. Sprachgebrauch sowohl im Gegensatz zum Scheinbaren (= Unwahren) als auch zum bloss Möglichen.
Im Neuthomismus werden die Ausdrücke Wirklichkeit und Möglichkeit auch für Akt und Potenz (s. Aristoteles) gebraucht.
Übrigens: Der actus purus = reine wirkende Wirklichkeit, reine stofflose Wirksamkeit ist Gott (nach Thomas von Aquin). Alles, was Gott sein kann, ist er auch wirklich, es gibt für ihn keine blosse Möglichkeit) - Ich halte das für unverständlich.

Der grosse Skeptiker Kant spricht im Zusammenhang mit der Wirklichkeit von Postulat (von postulare = fordern). Hier: Forderung, sachlich bzw. denkerisch notwendige Annahme, die eines strengen Beweises entbehrt, aber aufgrund von Tatsachen oder aus systematischen oder praktischen Erwägungen gesetzt und als glaubhaft angenommen werden muss bzw. kann. - Hier muss ich unterbrechen. Zurück zu Heinrich Schmidt, philos. Wörterbuch (1934), das ich zitiert habe (und besser finde), nebst dem späteren Lexikon der Philosophie (1974), das ich ebenfalls zitiert habe.

Wirklich ist etwas, wenn es nicht bloss gedacht wird, sondern auch in anderen Ich-Komplexen (= Menschen) eine Wirkung hervorbringt, die als "Empfindung" mit (etwa) denselben ojektiven Wortsymbolen bezeichnet wird (Begriff sind also Zeichen). Wirklich oder Wirklichkeit ist, was mit den materiellen Bedingungen der Erfahrung (der Empfindung) zusammenhängt. Das Wirkliche ist unmittelbar durch empirische Anschauung gegeben (Kant). - to be continued.

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Denken ist eine Anstrengung; Glauben ein Komfort (Ludwig Marcuse).
Das Leben ist eine mißliche Sache; ich habe mir vorgesetzt, es damit hinzubringen, über dasselbe nachzudenken (Schopenhauer). - Ich würde nur an einen Gott glauben, der zu tanzen verstünde (Nietzsche, Zarathustra).

seneca Offline

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15.05.2012 17:20
#143 Wirklichkeit und Natur antworten

Nochmals zur Wirklichkeit (das was wirkt; was alle erkennen können, das „Wahre“ und nicht das Scheinbare, Eingebildete, Halluzinierte)
Wirklichkeit ist das, was mit den materiellen Bedingungen des Wahrnehmens / Empfindens aber auch des Daseins/der Existenz zusammenhängt. Wirklichkeit ist der Inbegriff des Wirklichen.

Die (wahre) Erkenntnis dieser Wirklichkeit erstrebt die Ontologie (Lehre vom Sein). Hans Driesch (1867 - 1941, urspr. Häckel-Schüler, aber dann ziemlich verstiegen) nennt seine Metaphysik Wirklichkeitslehre.

Es gibt grob gesagt die innere (subjektive) und die äussere (objektive) Wirklichkeit, was auch wieder Probleme gibt, da wir die Welt (die Dinge an sich) eigentlich nicht erkennen können. Die Natur-Wissenschaften tun aber trotzdem, als ob es so sei und fahren eigentlich ganz gut damit. Der Anspruch der Philosophie, genauer der Metaphysik die Grundlage aller Wissenschaft zu sein, wurde erschüttert. Es gibt aber immer wieder Versuche, die Metaphysik neu zu beleben, auch von Atheisten.

Wirklichkeit ist für das Subjekt die Erlebniswirklichkeit; das unserer Wahrnehmung anschaulich Gegebene. Es gibt nur ein beobachtendes Subjekt (für mich) und das heisst „Ich“; und nur eine beobachtbare Welt, das ist die unmittelbar anschauliche. Diese selbst beobachtet aber nicht ihrerseits wieder die physikalische Welt (oder die Reize, die sie auslöst), sondern sie steht zu dieser in einem rein sachlich beschreibbaren Abhängigkeitsverhältnis, auf Grund dessen sie vom Subjekt als Hinweis darauf genommen werden kann. Hierbei verwertet der Beobachter bestimmte Merkmale der anschaulichen Welt als Hinweise auf bestimmte Eigenschaften des physikalisch Wirklichen, aber er kann sich in ihrer Wahl und Deutung vergreifen. d.h. irren.
Die Wirklichkeit wird von den Materialisten (oder Atheisten, was wie der Name sagt, etwas Negatives oder Abwesendes bedeutet), Welt, Kosmos etc. gleichgesetzt oder mit Natur. Die Natur ist das Erzeugende (natura naturans) oder das Sein überhaupt. „Sie ist alles“ (Goethe, der zumindest zeitweise Pantheist war). Der Begriff „Natur“ ist sehr vielschichtig. Lat. natura ,griech. physis kommt von phyein, entstehen, geboren werden, wie auch lat. nasci, von daher eben Natur.

http://www.philosophie-woerterbuch.de/startseite/ Sieh natura naturans - natura naturata

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seneca Offline

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06.06.2012 17:38
#144 Schopenhauers Religionsphilosophie antworten

Schopenhauer ist klar Atheist wenngleich sein Werk von einem ethisch-religiösen Klima durchzogen ist. Ihn beschäftigen Ort und Funktion der Religionen. Er hat sich u.a. kritisch zum Islam geäussert.
Religionen können (wenn überhaupt) nur als Mythos und Allegorie ernst genommen werden. Sie sind nicht sensu proprio (im eigentlichen Sinn) wahr, sondern nur sensu allegorico.

Er kennt die Religionskritik seiner Zeit. Er unterscheidet Religion von der Philosophie Diese orientiert sich an abstrakten, des Stoffs der Vorstellung entäusserten Begriffen. Daher ihre Pflicht, die Wahrheit ohne Umschweife, rein und ungetrübt auszusprechen. Mythisches Rankenwerk (der Religion), das zur gesicherten Wahrheit nichts beiträgt, ist abzustreifen. „Einen von einem Irrtum befreiten“, heisst nicht, ihm etwas nehmen, sondern geben: denn die Erkenntnis, dass etwas falsch sei, ist eben eine Wahrheit.
Schopenhauer ist aber kein Feind der Religion. Sie befriedigt das metaphysische Bedürfnis des vorwissenschaftlichen Bedürfnisses. Religion ist Metaphysik für das Volk (Schopenhauer hat eine eigene Metaphysik) : Dämonen und Götter jeder Art sind „Hypostasen“ (Personifizierungen), mittels welcher die Gläubigen jeder Farbe und Sekte sich das Metaphysische, das hinter der Natur Liegende, ihr Dasein und Bestand Erteilende und daher sie Beherrschende fasslich machen. Zum intellektuellen (Einsicht, Sinngebung) kommt das moralisch heilsame Moment der Religion. Schopenhauer meint, die Moral müsse durch die Religion begründet werden. Darin liegt ihr Wert Recht und Ethik brauchen aber die Religion nicht, sondern den Humanismus, die Einsicht in die Natur des Menschen als animal politicum (meine ich).
Immer wieder äussert sich Schopenhauer religionskritsch: Alle Priester sind Nutzniesser des metaphysischen Bedürfnisses der Völker, das wesentlich dem Faktum des Todes ent-springt. Der Anfang der Theologie ist die Furcht. Wenn die Menschen glücklich und furchtlos wären, käme es nie zu einer solchen.
Die Philosophie sei dagegen zweckfreies Besinnen. Die Rätselhaftigkeit des Daseins ist der stärkste Anstoss zur Metaphysik.
Die Religion ist oft dunkel und undurchdringlich und das Dogma muss zuweilen mit einer ausreichenden Moral verknüpft sein. Vor allem aber muss sie unerschöpflichen Trost im Leiden und im Tod mit sich bringen, was Sch. als positiv anerkennt.
Alle Religion befriedigt das metaphysische Bedürfnis der Menschen nur in verzerrter Form. Nur die Philosophie ist frei von Bilder-Verehrung, dem offenen oder versteckten Merkmal des Theismus: Ob man sich ein Idol (Bild) macht aus Holz, Stein oder Metall oder es zusammensetzt aus abstrakten Begriffen (z.B. das "Absolute", das ist gegen Hegel gerichtet), ist einerlei. Es bleibt Idolatrie (Götzenverehrung), sobald man ein persönliches Wesen vor sich hat, dem man opfert, das man anruft, dem man dankt. Es ist auch im Grunde nicht so verschieden, ob man seine Schafe oder seine Neigungen opfert (Askese). Schopenhauer lehrt einen strengen Atheismus, von dem der Schatten Gottes noch nicht gewichen sei (Nietzsche). Die grossen Themen der Religion sind für Schopenhauer mit der Einsicht in ihre wissenschaftlich-philosophische Unhaltbarkeit noch nicht erledigt. Deshalb spricht er sich nicht eindeutig gegen die Religion aus. Das Entweder-Oder aut catechismus aut materialismus ist ihm zu öde. Jenseits Glaubensdogmatik und flacher Freidenkerei (krudem Atheismus) gibt es eine dritten Möglichkeit, mit Religion (dem religiösen Bedürfnis) umzugehen: seine eigene Metaphysik, obwohl Metaphysik im wissenschaftlichen Gewand eigentlich unmöglich ist, wie Kant nachgewiesen hat.
… Nun heisst es, die Metaphysik von Schopenhauer darzustellen, was Alfred Schmidt m.E. sehr gut tut, auf den ich mich bei diesem Text stützte. Zur Metaphysik, wie Schopenhauer sie definiert, videte meinen Post Nr. 105 in diesem thread.

Alfred Schmidt: Die Wahrheit im Gewande der Lüge [nach einem Diktum von Sch.]
Schopenhauers Religionsphilosophie, Serie Piper 639

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Das Leben ist eine mißliche Sache; ich habe mir vorgesetzt, es damit hinzubringen, über dasselbe nachzudenken (Schopenhauer). - Ich würde nur an einen Gott glauben, der zu tanzen verstünde (Nietzsche, Zarathustra).

Narr Offline



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06.06.2012 21:03
#145 RE: Nikolaj Berdjajew 1874-1948 antworten

Zitat von Der Kapitän
... Erkenntnistheorie ...Argumente für und gegen den Realismus, sowie den Idealismus sehr interessieren. ...



Imo sind die meisten dieser Ansätze veraltet - zumindest in Teilen. Eine Erkenntnistheorie die heutzutage nicht die Ergebnisse der (Verhaltens)Biologie, der Evolutionstheorie und der Hirnforschung mit einbezieht oder gar negiert bleibt Geschwafel.

seneca Offline

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07.06.2012 17:45
#146 Schopenhauer Religionsphilosophie 2 antworten

Idealismus und Realismus sind in jedem Menschen in unterschiedlichem Masse gemischt und können auch variieren. Es ist sehr erstaunlich, was für metaphysische Vorstellungen manche Atheisten haben. Es geht nicht um Wissenschaftstheorie (at Narr), sondern um Philosophie (Metaphysik). Und da ist ein Schopenhauer zeitlos. Übrigens war Schopenhauer naturwissenschaftlich sehr interessiert und auf der Höhe seiner Zeit.

Unter Religionsphilosophie versteht Schopenhauer kritisch jedes philosophische System, dessen Urheber darauf bedacht ist, seine Resultate in Einklang zu bringen mit der Glaubenslehre einer positiven (gegebenen) Religion.

Religionsphilosophie in diesem Sinn betreibt Schopenhauer nicht: Jede Vermengung oder Fusion des unabhängigen, begründenden (Selbst-)Denkens mit Autorität und übernatürlicher Offenbarung ist Schopenhauer verhasst. Eine philosophische Religion oder eine religiöse Philosophie (à la Hegel oder Schelling) ist für ihn unannehmbar. Er äussert sich gegenüber erlebter Religiosität ebenso distanziert wie gegenüber aller Theologie, welche blossen Glauben in unausgewiesene Begriffe übersetzt, deren stets apologetische [rechtfertigende] Absicht er verwirft.

Mystik dagegen lässt er gelten, wo sie den Punkt erreicht, wo alle Erkenntnis notwendig aufhört. Mystik ist für Schopenhauer Einkehr des Menschen in den Grund des eigenen Selbst (das er u.a. als Ding an sich ansieht; dazu weiter hinten), das Bewusstsein der Identität des eigenen Wesens mit dem aller Dinge.

Frei und unbefangen denkt Schopenhauer nach über den Ursprung, das Wesen und die kulturhistorische Rolle der Religion (deren Verdienste er anerkennt). Das aufklärerische Denken ist ihm bekannt. Die asiatischen (Buddhismus, Brahmismus), jüdischen, christlichen Überlieferungen sind ihm gegenwärtig. Auch mit dem Koran hat er sich befasst. Allerdings stehen seine Überlegungen zur Religion nur im Zusammenhang mit seinem philosophischen System, das aus einer Erkenntnislehre (angelehnt an Kant), einer Metaphysik (oder Naturphilosophie), einer Ästethik (Kunst, Musik) und einer Ethik (Mitleid als Grundlage) ist.

Schopenhauer ist mit seiner Lehre vom unpersönlichen ziellosen Willen in der belebten und unbelebten Natur v.a. Metaphysiker. Im Gegensatz zur nachkantischen Spekulation (Hegel, Schelling) geht er nicht von "höchsten Begriffen" aus wie Sein, Wesen, Substanz, Unendliches, Idee oder Absolutes. Begriffen wie diesen lässt sich nie mehr entnehmen als aus der ihnen zugrunde liegenden Anschauung (sie bieten also keine höhere Erkenntnis, machen nur auf eine Art besoffen).

Sämtliche wirklich tragfähigen, diskutablen Begriffe - auch und gerade solche der Metaphysik - beruhen nach Schopenhauer auf empirischer (erfahrungsmässiger) Anschauung. Diese ist Urerkenntnis, Quelle und alleiniges Regulativ unseres Wissens. [Mit einem Begriff wie Gott, dem eine Art Person unterlegt wird, lässt sich nichts anfangen]. Gemeint ist damit aber nicht nur die äussere, sinnlich vermittelte Erfahrung, sondern v.a. die innere, die den Schlüssel zum Verständnis der äusseren liefert (damit übersteigt Sch. m.E. eine Grenze). - Geht aber, wovon Schopenhauer überzeugt ist, auch die Metaphysik aus empirischen Quellen hervor, so büsst sie den Anspruch auf apodiktische Gewissheit ein und wird Interpretation des Ganzen der anschaulich gegebenen Welt. - Philosophie ist v.a. Interpretation der Wirklichkeit.
Wie kann nun ein der Erfahrung stammendes Wissen metaphyssich sein? - Das kommt im nächsten Post.

Quelle: Alfred Schmidt über Schopenhauers Religionsphilosophie, Serie Piper TB Nr. 639

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seneca Offline

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08.06.2012 18:09
#147 Schopenhauers Metaphysik antworten

Wie soll nun ein aus der Erfahrung stammendes Wissen metaphysisch sein, d.h. über seine Grundlage hinausführen? Von Kant, seinem neben Platon (und Berkeley) gewichtigsten Gewährsmann, hat Schopenhauer gelernt, dass die Erfahrung überhaupt aus zwei Elementen, nämlich den Erkenntnisformen (Raum, Zeit, Kategorien) und dem WESEN AN SICH der Dinge erwächst; und dass sogar beides sich darin gegeneinander abgrenzen lassen, nämlich das als A PRIORI uns Bewusste (Raum und Zeit) und das A POSTERIORI (nachträglich) Hinzugekkommene.

So lässt sich wenigstens im Allgemeinen angeben, was in der gegebenen Erfahrung, welche (für uns) zunächst blosse Erscheinung ist, der durch den Intellekt bedingten FORM dieser Erscheinung angehört, und was, nach desse Abziehung (Abstraktion), dem Ding an sich übrig bleibt. Und wenngleich Keiner durch die Hülle der Anschauungsformen hindurch, das Ding an sich erkennen kann; so trägt andererseits doch Jeder dieses in sich (im Kern der Persönlichkeit), ja, ist es selbst. Daher muss es ihm im Selbstbewusstseyn, wenn auch noch bedingterweise, doch irgendwie zugänglich seyn. Die Brücke also, auf welcher die (schopenhauersche) Metaphysik über die Erfahrung hinausgelangt, ist eben jene Zerlegung der Erfahrung in Erscheinung und Ding an sich. Denn sie erhält die Nachweisung eines von der Erscheinung verschiedenen Kernes derselben. Dieser kann zwar nich als ens extramundanum [ausser weltliches Sein oder Wesen], für sich betrachtet werden, sondern wird immer nur in seinen Beziehungen zur Erscheinung selbst erkannt. Allein die Auslegung dieser, in Bezeug auf jenen ihren inneren Kern, kann uns Aufschlüsse über sie ertheilen, welche sonst nichts ins Bewusstsein kommen. (Nur) In diesem Sinne also geht die Metaphysik über die Natur hinaus, zu dem in oder hinter ihr Verborgenen, es jedoch immer nur als das in ihr Erscheinende, nicht aber unabhängig von aller Erscheinung betrachtet, sie bleibt daher immanent und wird nicht nicht transcendent.

Auch wenn sich Schopenhauer immer wieder auf die Metaphysik von Kant beruft und auf dessen Terminologie, so geht er doch über diesen hinaus.
Apriorische Prinzipien der Erkenntnis haben Gültigkeit nur für die Erfahrung, können diese diese mithin "nicht überfliegen". Aber Schopenhauergeht über Kant hinaus, als er eine aposteriorische Metaphysik erwägt (in Betracht zieht): Das Ganze der Erfahrung gleicht einer Geheimschrift (Code, welchen Schopenhauer meint entschlüsselt zu haben), und die Philosophie der Entzifferung derselben, deren Richtigkeit sich durch den überall hervortretenden (erkannten) Zusammenhang bewährt. Wenn diese Ganze nur tief genug gefasst wird, so muss es aus sich selbst gedeutet werden, ausgelegt werden können. Da er das Wesen des Weltganzen stets nur in seiner Bezüglichkeit zur erscheinenden Welt thematisiert, weiss sich Schopenhauer auf Kantischem Boden: Seine Metaphysik beachtet die kritizistisch (von Kant) nachgewiesenen Grenzen menschlicher Erkenntnis. Sie ist keine "Wissenschaft aus blossen (inhaltsleeren) Begriffen", sondern insofern eine (empirische) "Erfahrungswissenschaft", als sie nicht "einzelne Erfahrungen, sondern das Ganze und Allgemeine als Erfahrung" zu verstehen bemüht ist.

Schopenhauer hält an Kants Lehre fest, dass die von uns erfahrene Welt "blosse Erscheinung" ist, fügt aber dem hinzu, "dass sie gerade als Erscheinung die Manifestation (Objektivation) Desjenigen ist, was erscheint und nennt es "das Ding an sich". Dieses muss seinen Charakter (seine Form?) in der Erfahrungswelt ausdrücken, muss aus dessen Stoff, nicht bloss aus der Form der Erfahrung erschliessbar sein. Das Metaphysische ist deshalb für Schopenhauer nichts Nebulöses, sondern die "wahre Auslegung" des Sinnes und Gehaltes der physichen Welt selber.

Quelle: Alfred Schmidt über Schopenhauers Religionsphilosophie (SP 639)

Zum merkwürdigen Ding an sich in uns, den Menschen selber, eine Stelle aus Hermann Hesse, wo der auf der Flucht befindliche Protagonist Klein mit seiner neuen Geliebten nach dem Kasinobesuch scherzt ... Schwimmen auf der schillernden Oberfläche des Lebens. War das alles wahr, alles echt? Er selbst lachte ja auch, war auch vergnügt, warb um Freude und Liebe aus heiteren Augen und doch sass einer ihn ihm, der an das alles nicht glaubte, der dem allen (Treiben) mit Misstrauen und Hohn zusah. War das bei anderen Menschen anders? Ach man wusste ja so verzweifelt wenig von den Menschen. - Man lernt und findet alles Mögliche heraus. - ......
Aber das Ding in uns, die geheime Feder, die allein dem Leben den Sinn gibt; das Ding in uns, dass allein lebt; das allein fähig ist, Lust und Weh zu empfinden, Glück zu begehren, Glück zu erleben - das war unbekannt; von dem wusste man nichts, gar nichts, und wenn es krank wurde, so gab es keine Heilung. War es nicht wahnsinnig?

Es ist davon auszugehen, dass Hesse Schopenhauer kannte, wie André Gide und viele andere Autoren, die von Schopenhauer beeinflusst wurden.

aus Hermann Hesse, Klingsors letzter Sommer, rororo TB 13153

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seneca Offline

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09.06.2012 10:50
#148 RE: Schopenhauers Metaphysik 2 antworten

Bevor ich zu Schopenhauers Religionskritik zurückkehre, muss/will ich seine Metaphysik fertig behandeln. Es gibt viele gute Darstellungen, aber die von Alfred Schmidt (Serie Piper 639) halte ich für ungeheuer dicht und sehr gut verständlich, so gut es eben geht.

Metaphysik ist nach Schopenhauer ein Wissen, geschöpft aus der wirklichen Empirie (Erfahrung der Wirklichkeit) und dem Aufschluss, den das reflektierende Bewusstsein über sie liefert. Philosophie hat die Geheimschrift der Welt zu dechiffrieren und den Code in verständliche Worte zu übersetzen. - Das bedeutet aber, wir können den Code nicht 1:1 verstehen, sondern er bleibt Interpration (seneca).

Die philosophische Dechiffrierung geschieht durch ein gleichmässiges Licht über alle Erscheinungen ohne eine Zutat von aussen. Die Bewährung aus sich selbst heraus ist das Kennzeichen ihrer Echtheit, meint Schopenhauer. Er sieht einen Vorzug seiner Lehre darin, das er alle ihre Wahrheiten unabhängig voneinander durch Betrachtung der realen Welt entdeckt und im nachhinein festgestellt hat, dass sie miteinander verträglich sind. Arm und langweilig fallen Philosophien aus, deren Sätze auseinander und letzlich aus einem obersten Satz ableitbar sein sollen. Wer die Welt aus letzten Gründen, aus einem Urwesen, Absolutum oder dergleichen glaubt, hervorzaubern zu können, treibt ein närrisches Spiel. Schopenhauer betont immer wieder, seine Metaphysik sei in Gegenwart der angeschauten Wirklichkeit durchdacht worden, und hütet sich, dieser abstrakte Begriffe zu verordnen [die ein Scheinwissen vorgaukeln].

Philosophie ist eine vollständige Wiederholung, gleichsam Abspiegelung der Welt im erkennendne Bewusstsein [Er lehnt aber den "griechischen" Grundirrtum ab, es sei in allen Naturwesen etwas der Erkenntnis und dem Intellekt des Menschen Analoges (Logos, Weltvernunft) nachzuweisen]. - Das vollendete System, wie es Schopenhauer vorschwebt, ist ein artistisches Ganzes, das - im höheren Sinn naiv - völlige Objektivität der Darstellung erreicht. Philosophie ist v.a. Weltweisheit: ein ruhiger Blick auf das Ganze. In diesem Sinne ist Schopenhauer quasi hinduistisch.

Jetzt kommt das berühmte Gleichnis Schopenhauer der Welt als einer eoberflächlich erkalteten Kugel, welche um eine leuchtende kreist, auf der ein Schimmelüberzug lebende und erkennende Wesen erzeugt hat. - Schopenhauer unterwirft die als ein schlechthin Gegebenes, Reales sich darstellende Welt einer erkenntniskritischen Btrachtung. Entgegen dem hartnäckigen Schein kennen wir keine Sonne und keine Erde, sondern nur das Auge, das eine Sonne sieht und eine Hand, die feste Körper fühlt. Die empirische Wissenschaft, das praktische Leben können die gegenständliche Welt als eine vom erkennenden Subjekt unabhängig existierende Wirklichkeit ansehen. - Der Beobachter wird also immer aussen vor gelassen.

Für den Philosophen dagegen ist dieser naive Realismus unberechtigt; für ihn besteht die einzige verlässliche Grundtatsache darin, dass die Welt, was immer ihr Wesen sei, für das individuelle Bewusstsein immer nur als dessen Vorstellung gegeben ist. Unhaltbar sei deshalb die Annahme, die Objekte draussen gelangen über die Sinnesdaten in unseren Kopf, wo sie abbildhaft noch einmal vorhanden seien. Schopenhauer bestreitet entschieden, dass Subjektives und Objektives ein Kontinuum (Zusammenhängendes) bilden: Das unmittelbar Bewusste ist abgegrenzt durch die Haut bzw. durch die äussersten Enden der vom Cerebralsystem ausgehsenden Nerven. Darüber hinaus liegt eine Welt, vor der wir keine andere Kunde (Kenntnis) haben als durch Bilder im Kopf. Begreifbar wird das, mit ihrer Gegebenheitsweise für uns gesetzte, Dasein einer fest umrissenen Welt nur so, dass wir den Prozess erfassen, durch den sie als "Gehirnphänomen" zustande kommt. Schopenhauer fragt: Was ist Erkenntnis? Seine Antwort lautet: Sie ist zunächst und wesentlich Vorstellung. - Was ist Vorstellung? Ein komplizierter physiologischer Vorgang im Gehirne eine Thieres, dessen Resultat das Bewusstseyn eines Bildess eben daselbst ist. - Schopenhauer ist also mit der Betonung der gehirnphysiologischen Vorgänge ungeheuer modern. Er ist mit Kant, der Ahnvater des Konstruktivismus. Hierzu ein Gleichnis: Wir alle sind quasi in einem fahrenden U-Boot eingeschlossen und sehen die Welt nicht direkt sondern nur durch das Sehrohr.

Ojektives als letzter Erklärungsgrund, wie es der Materialismus dogmatisch voraussetzt, ist gar nicht möglich, alles räumlich Ausgedehnte, Wirkende und Materielle ist ein nur höchst mittelbar Gegebenes, demnach (für uns) nur relativ Vorhandenes, denn es ist durchgegangen durch die Maschinerie und Fabrikation des Gehirns und also eingegangen in deren Formen: Zeit Raum und Kausalität [Schopenhauer hat Kants 12 Kategorien auf eine, den Satz vom Grund, reduziert], vermöge (kraft) welcher allererst es (das Gegebene) sich (uns) darstellt als ausgedeht im Raum und wirkend in der Zeit. Dies nennt Schopenhauer die "idealistische Grundansicht" seiner Philosophie. Nicht die seienden Dinge, sondern die (unsere) Empfindungen sind das unhinterschreitbare Primäre, wir können sie nicht als Wirkungen einer transsubjektiven Ursache betrachten.

Da alles Empfinden innerhalb unseres Organismus (Leibes) statfindet, kann es nichts darüber mitteilen, was jenseits der Haut läge, also ausserhalb der Subjektivität. Objekte sind jeweils solche "für mich". - Ich setzte mich wie auch immer in Bezug zu ihnen, so wie ich mich un-bewusst in der Welt befinde. Schopenhauer ist damit m.E. auch ferner Ahnvater des Existenzialismus.

Nochmals nach Schmidt: Die Objekte (für uns) entspringen dem Erkenntnisprozess. Unser an Hirnfunktionen gebundender Intellekt fabriziert, schematisiert (kategorisiert) aus dem Rohstoff der Empfindungen die leuchtende, tönende, widerständige, Gesetzen gehorchende Welt. Wir er-kennen diese lediglich als "Erscheinung", d.h. unter den subjekteigenen (im Subjekt liegenden) Formen von Raum, Zeit und Kausalität. Die Welt ist mit anderen Worten kein Absoluten [von uns als erkennende Subjekte Losgelöstes]. Zu dieser Einsicht seien nach Schopenhauer bereits die alten Hindus gekommen: Die Welt ist bedeckt vom "Schleier der Maja", welche im Sonnenglanz dem Wanderer von Ferne Wasser vorgaukelt oder in einem hingeworfenen Strick eine Schlange erblicken lässt. - Schopenhauer ist deshalb aber kein Weltverächter. - Im nächsten Post geht es um die Frage, was ist die Welt an sich, unabhängig vom sich diese vorstellenden Subjekt. Sie kann nicht bloss Vorgestelltes sein, denn sie ist ja für alle wie auch immer vorhanden.

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seneca Offline

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12.06.2012 14:43
#149 Schopenhauers Metaphysik 3: Der WILLE 1 antworten

Schopenhauer möchte es nicht, wie die Konstruktivisten mit der Welt der Vorstellungen beruhen lassen. Er fragt: Was ist die Welt (das Ding) an sich, d.h. unabhängig von der Vorstellung des erkennenden Subjekts? Das angeschaute Objekt kann sich keinesfalls darin erschöpfen, Bewusstseinsinhalt, ein Ideales zu sein. Ansonsten würde die Welt blosses subjektives Phantasma, eben ein Konstrukt sein. Sie ist aber etwas höchst Reales, auch wenn sich dieses uns nur in den idealen Formen von Raum, Zeit und Kausalität darbieten kann.
Auch wir sind nebst erkennendem Subjekt als Körper (Leib), Gegenstand der Erkenntnis und damit ihren Formen unterworfen.

Nebenst den Regeln (Gesetzen) der Naturwissenschaft, die in Raum und Zeit sicher eintreten, sucht Schopenhauer das innere Wesen aller Erscheinungen, die sich in den Naturgesetzen sich ausdrückende eine Naturkraft, über welche die Naturgesetze keine Auskunft geben. Diese sind nur Modalitäten (Erscheinungsformen) der einen Grundkraft.

Anhand der für die Welt geltenden Kausalität kann nicht zum Ding an sich vorgestossen werden. Es steht uns aber ein Weg offen, dass Wesen der Dinge von innen zu erschliessen. - Schopenhauer begründet dies wie folgt: Wir stehen der objektiven Welt nicht bloss als reines leibfreies Subjekt der Erkenntnis gegenüber (auch wenn in der Wissenschaft immer tut also ob), sondern gehören ihr mit Haut und Haaren an: als Individuen. Sosehr nur individuelles Erkennen der bedingende Träger der ganzen Welt als Vorstellung ist, so ist doch zugleich festzuhalten, dass ebendieses Erkennen "vermittelt ist durch einen Leib, dessen Affektionen dem Verstand der Ausgangspunkt der Anschauung jener Welt (an sich) sind."

Dem rein erkennenden Subjekt ist sein Leib eine Vorstellung wie jede andere, ein Objekt unter Objekten. Die Bewegungen, die Aktionen desselben sind ihm insoweit nicht anders, als wie die Veränderungen aller anderen anschaulichen Objekte bekannt.

Was sie darüber hinaus (eigentlich) bedeuten, als dass sie naturgesetzlich bedingt sind, bleibt ihm fremd und unverständlich. Das muss aber nicht so bleiben. Das Wort des Rätsels heisst nach Schopenhauer WILLE. Dieses gibt ihm den Schlüssel zu seiner eigenen Erscheinung, offenbart ihm die Bedeutung, zeigt ihm das innere Getriebe seines Wesens, seines Tuns, seiner Bewegungen, aber auch der Welt, der belebten als auch der unbelebten (s. spter).

Nochmals: Dem Subjekt des Erkennens, welches durch seine Identität mit dem Leib als Individuum auftritt, ist dieser Leib auf zwei ganz verschiedene Weise gegeben: einmal als Vorstellung in verständlicher Anschauung, als Objekt unter Objekten und deren Gesetzen unterworfen; sondann aber auch auf eine ganz andere Weise, nämlich als jenes Jedem unmittelbar Bekannte, welches das Wort "Wille" bezeichnet. Dabei ist nicht nur der bewusste Wille gemeint, wie immer zu erwähnen ist.

Die Betonung und Würdigung des Leibes, des Körpers, der bei der Erkenntnis, überhaupt allen Vorgängen immer mitspielt, ist ein grosses Verdienst Schopenhauers.

Schopenhauers Wille ist dunkel, irrational, unpersönlich, metaphysisch (wird vertieft). Es ist nicht nur das bewusste Wollen sondern v.a. auch das unbewusste Streben aller Lebewesen, weshalb der Ausdruck Drang treffender wäre.

Der Mensch kann seiner selbst unmittelbar als wollendes Wesen inne (bewusst) werden. Er kann sein Wollen als ein äusserliches in der Sphäre des Vorstellens auftretendes Ereignis zugleich von Innen verstehen. Der agierende Leib ist nichts Anderes als der objektivierte, d.h. in die Anschauung getretene Akt des Willens. Jede (sinnlich erfahrene) Einwirkung auf den Leib erreicht zugleich den Willen: Sie heisst Schmerz, wenn sie dem Willen zuwider; Wohlbehagen oder Wohllust, wenn sie ihm gemäss ist. Hier muss noch eine weitere bedeutende Empfindung nach Schopenhauer erwähnt werden: die Langeweile.

Obwohl wir die Erkenntnis (eher Intuition), die wir von dem in uns wirkenden Willen haben, eine schlechthin unmittelbare ist, lässt sie sich vom Leib nicht trennen (weil diese Erkenntnis durch den Leib geschieht). Erkennbar ist der WILLE nicht als (alles durchwirkende) Totalität und Einheit (als die er gem. Schopenhauer ist) sondern nur in seinen einzelnen Akten in Raum und Zeit , welche die Form der Erscheinung unsers Leibes, wie jedes Objekts ist: Daher ist der Leib Bedingung der Erkenntnis [Erkenntnis kann nicht von einer Leib-Vorstellung getrennt werden, diese wird immer mitgedacht]. Schopenhauer nennt die Einsicht, dass der Leib und Wille identisch sind die philosophische Weisheit par excellence [also die herausragendste, bedeutendste Weisheit]. Damit outet sich Schopenhauer in gewisser Weise als Sensualist und Materialist.

Mit dem Leib habe ich Anteil an der Welt, zu der ich gehöre. Wenn ich mir meines Leibes in spezieller Weise bewusst bin, so erkenne ich den in mir wirkenden Willen, wie gesagt nicht der bewusste Wille sondern den gewissermassen den Weltwillen (der Ausdruck ist hier nicht von Schopenhauer sondern von mir).

Die erwähnte doppelte Erkenntnis, die wir vom Wesen und Wirken unseres Willens haben, erlaubt Schopenhauer zufolge einen zweiten weitreichende Schlussfolgerung in seiner Metaphysik. Wir können die Erkenntnis vom Willen als Schlüssel zum Wesen jeder Erscheinung in der Natur (Welt) gebrauchen und alle Objekte, die nicht wie unser Leib auf doppelte Weise (quasi als Objekt und unmittelbar) sondern allein als Vorstellung unserem Bewusstsein gegeben sind, eben nach Analogie des Leibes beurteilten und daher annehmen, wenn man die konkrete Vorstellung mal beiseite setzt (abstrahiert) und das noch übrig Bleibende, seinem inneren Wesen nach, dasselbe sein muss, was wir an uns bzw. in uns WILLEN nennen.

Indem also der Mensch seiner unmittelbar als ein wollendes (in der Welt befindliches) Wesen inne (in einer speziellen Art bewusst) wird, erschliesst sich ihm der metaphysische Sachverhalt, das sein Wille Teil jener Ur- oder Naturkraft natura naturans [die wirkende, schaffende Natur nach Spinoza, womit gesagt ist, dass es keines äusseren agens-Antreibers bedarf, wie auch D'Holbach sagt] ist, die das Innerste alles Seienden ausmacht. - Schopenhauer ist trotz seiner idealistschen Willens-Metaphysik ganz klar atheistisch (Dazu später mehr).

Musste hier Alfred Schmidt, obwohl seine Darstellung sehr gut ist , verdeutlichen und präzisieren, da z.T. missverständlich :)

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Das Leben ist eine mißliche Sache; ich habe mir vorgesetzt, es damit hinzubringen, über dasselbe nachzudenken (Schopenhauer). - Ich würde nur an einen Gott glauben, der zu tanzen verstünde (Nietzsche, Zarathustra).

seneca Offline

religiöser Atheist


Beiträge: 669

13.06.2012 15:36
#150 Schopenhauers Metaphysik 4: Der WILLE 2 antworten

Schopenhauer: Welche andere Art von Realität sollten wir der aussermenschlichen Körperwelt beilegen? Ausser dem WILLEN (den wir durch den Leib erfahren) und der Vorstellung ist uns nichts bekannt oder denkbar.
Soll die Körperwelt noch etwas mehr sein als bloss unsere Vorstellung (mentales Konstrukt), so kommen wir nicht umhin, ihr "an sich und ihrem innersten Wesen nach" zuzusprechen, was wir in uns selbst unmittelbar als WILLEN finden.

Das ist die hier etwas knappe Herleitung der merkwürdigen Gleichsetzung von Ding an sich mit dem schopenhauerschen Willen.
Das Ding an sich, das Kant als Unbekanntes, Unerkennbares stehen lässt, wird von Schopenhauer als Wille bestimmt, der sich im Stufengang der erscheinenden Natur mit zunehmender Deutlichkeit wiederspiegelt [was er in den Einzelphänomenen zu erkennen glaubt] und sich doch von jener unterscheidet: Der Wille ist ebenso einheitlich wie in polare Gegensätze entzweit, unerschöflich und unveränderlich, ausserhalb von Raum und Zeit, grund- und zwecklos.
Er stellt sich dar [ist aber nicht mit ihnen gleichzusetzen] in den allgemeinsten, allgegenwärtigsten Naturkräften, in der Schwere, im Magnetismus, in der Elektrizität (im Wachstum der Kristalle), natürich v.a. im pflanzlichen und tiersichen Bereich, schliesslich im Menschen, dessen Intellekt (und Glaube) sekundär und gewöhnlich ihm (dem Willen) dienstbar, immerhin auszusprechen vermag, "was es sei, das er will, dass es nämlich nichts Anderes sei als diese Welt, das Leben, gerade so wie es dasteht". Der Wille ist blinder unaufhaltsamer Drang, unersättliche Seinsgier - Wille zum Leben.

Die anschaulichste Beispiel für das Wirken des Schopenhauerschen Willens im Menschen ist die zuweilen in sehr irrationaler (bizarrer) Form auftretende Sexualität. Schopenhauer hat ja eine "Metaphysik des Geschlechtstriebs" verfasst. Das verdeutlicht, dass der Verstand, der Intellekt aufgepfropft ist auf dem Willen, der urtümlicher und stärker ist.

Die Zuversicht, dass "Natur zuletzt sich doch ergründe" (Goethe) teilt Schopenhauer mit den Vertretern der nachkantischen, sonst von ihm so verachteten idealistischen Spekulation (insbesondere Schelling, dem er näher ist, als ihm lieb ist). Auch Schopenhauer behauptet im Gegensatz zu seiner phänomenalistischen Erkenntnislehre, die (grundsätzliche) Erkennbarkeit des Dinges an sich (eben des Willens). Dessen Wesen soll dem Inhalt der erscheinenden Welt (dem Wirken), nicht den apriorischen Formen der Erkenntnis entnommen werden [also durch Erkennen der rein phänomenalen Erscheinungen]. Für Schopenhauer gibt es aber im Gegensatz zu Hegel, keinen spekulativen, in der Einheit dialektischer Methode begründeten "Übergang" von der erscheinenden zur wesenhaft bestimmten Welt. wohl ist die Welt als Wille ohne die Welt als Vorstellung undenkbar und umgekehrt. Beide sind insofern identisch, als der Wille den eigentlichen "Stoff" (die Substanz) des Vorgestellten bildet. Erkannt werden diese Aspekte der einen Welt auf grundverschiedene Weisen. Streng diskursiver (schrittweise vorgehender) Erkenntnis der vorgestellten Welt steht ein intuitives alogischs Erkennen, des sie durchherrschenden Willens unvermittelt gegenüber. Damit begründet Schopenhauer das Irrationale, das Absurde.
Das Rätsel der Aussenwelt entschleiert sich Schopenhauer durch Rekurs (Rückgang) auf die - irrational interpretierte - Innenwelt. Das Gesetz der Kausalität, dem die Aussenwelt gehorcht, ist uns in der Motivation, der unser emotionales Leben untersteht, weit unmittelbarer gegeben.
Metaphysik kann daher (nur aber immerhin) das Verhandene deuten und erklären, das Wesen der Welt, welches in concreto d.h. als Gefühl Jedem verständlich sich ausspricht, zur deutlichen (intellektuellen) Erkenntnis der Vernunft bringen.

- Schopenhauer Metaphysik ist also, obwohl vom grundlegenden Zusammenhang aller Erscheinungen durchdrungen, prinzipiell atheistisch. Es gibt nicht eine liebe Sonne, die am Himmel lacht, sondern ein riesiger glühender Gasball, der jede Sekunde ungeheure Energien ins All hinausschleudert.

Ich stütze mich nach wie vor auf Alfred Schmidt, Serie Piper 639

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