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Religionsforum
Atheismus vs. Religionen  


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Für (echten) Säkularismus und freie Religionskritik!

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Dieses Thema hat 132 Antworten
und wurde 4.239 mal aufgerufen
 Atheismus/Agnostizismus
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Jürgen Offline




Beiträge: 114

19.04.2016 13:49
Wann geht eine Religion unter? Antworten

Anhänger einer bestimmten Religion gehen davon aus, dass diese ewig bestehen wird - dem ist natürlich nicht so. Altes Ägypten? Altes Babylon? Altes Persien? Griechen? Römer? Kelten? Germanen? Sie hatten machtvolle Glaubenssysteme - allesamt sie sind, bis auf geringe Reste, untergegangen. Diese Tatsache wird die Frage auf, welche Faktoren den Untergang, das Verschwinden einer Religion bewirken: Erlahmt eines Tages die Anziehungskraft? Sind es weltliche Faktoren? Spielt die geistige Entwicklung der Menschheit einer Rolle? Ich vermute, dass jede Religion so etwas wie ein Verfallsdatum besitzt; unklar ist allerdings, wovon dieses abhängt.

Reisender Offline



Beiträge: 4.058

19.04.2016 13:55
#2 RE: Wann geht eine Religion unter? Antworten

Zitat von Jürgen im Beitrag #1
Anhänger einer bestimmten Religion gehen davon aus, dass diese ewig bestehen wird - dem ist natürlich nicht so. Altes Ägypten? Altes Babylon? Altes Persien? Griechen? Römer? Kelten? Germanen? Sie hatten machtvolle Glaubenssysteme - allesamt sie sind, bis auf geringe Reste, untergegangen. Diese Tatsache wird die Frage auf, welche Faktoren den Untergang, das Verschwinden einer Religion bewirken: Erlahmt eines Tages die Anziehungskraft? Sind es weltliche Faktoren? Spielt die geistige Entwicklung der Menschheit einer Rolle? Ich vermute, dass jede Religion so etwas wie ein Verfallsdatum besitzt; unklar ist allerdings, wovon dieses abhängt.


Die unter gegangenen Religionen wurden einfach durch andere ersetzt, die mehr politische Macht aufbauen konnten.
Das Christentum in Europa, und der Islam im arabischen und indischen Raum.

Gysi Offline

Atheist


Beiträge: 17.321

19.04.2016 14:07
#3  Wann geht eine Religion unter? Antworten

Ich kann mir nicht vorstellen, dass das Christentum oder der Islam einfach durch eine neue Religion ersetzt werden. Die Bedingungen heute sind doch andere als damals bei den Ägyptern oder den Wickingern. Aber es war wohl stets so gewesen, dass Staatenführer die Änderungen durchsetzten. Die Revolution kam immer von oben, von unten kam sie noch nie. Religion ist ein Leitungsinstrument für Menschen, die diese Leitung brauchen und offenbar willig annehmen. Demokratisch Strukturierte brauchen kein neues Leitungsangebot von oben, sie wollen selber leiten! Ich tippe darauf, dass zum Ende dieses Jahrhunderts alle heutigen Weltreligionen deutlich, sehr deutlich an Macht verloren haben werden. Die Geschichte der Religionen wird zu Ende gehen, wie die Geschichte der Despotien ja auch schon zum Großteil untergegangen ist.

Aber als Historiker, Jürgen, wirst du dazu vielleicht Näheres zu erzählen haben.

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"Ich bin vom Glauben zum Wissen konvertiert!" (Hamed Abdel-Samad)

Reisender Offline



Beiträge: 4.058

19.04.2016 14:31
#4 RE: Wann geht eine Religion unter? Antworten

Ich würde mir keinerlei Prognose über den Gang der Entwicklung zutrauen, weder bei den Religionen
noch bei den Benzinpreisen, denn erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt.
DAs einzig Sichere aber ist der Wandel, nur wohin ist fraglich.

Reklov Offline




Beiträge: 4.991

19.04.2016 15:09
#5 RE: Wann geht eine Religion unter? Antworten

Zitat
Ich vermute, dass jede Religion so etwas wie ein Verfallsdatum besitzt; unklar ist allerdings, wovon dieses abhängt.

Jürgen,

man darf vermuten, dass es von der Erkenntnis-Stufe des Menschen abhängt. Der im Vulkan vermutete "Gott" verschwand, sobald die Zusammenhänge eines Vulkanausbruches erkannt waren. - Die "Götter" der z.Z. vorherrschenden Religionen haben aber diese aber nicht in der materiellen, sondern in der rein geistigen Ebene angesiedelt. Hier wird es schon schwieriger mit der Erkenntnis, denn zum Gucken oder Anfassen ist nun nichts mehr da! Der christliche Gott wird z.B. als notwendig gedacht!
Das neue Bewusstseinszeitalter wird durch neue Erkenntnisse in der Physik stimuliert. In der Tat befassen sich immer mehr Physiker mit Fragestellungen, die den Geist und das Bewusstsein zum Gegenstand physikalischer Grundlagenforschung machen. Hier kommt neben der Biophysik auch der Quantenphysik und insbesondere der Physik der Elementarteilchen und deren Wechselwirkungen eine besondere Bedeutung zu.

Wir stehen also noch immer vor einem großen, mit einem Tuch verhängten Ölgemälde, von dessen Bildfläche wir gerade mal die unterste Ecke aufdecken konnten.
Je mehr wir das verdeckende Tuch vom kosmischen Gemälde wegziehen können, desto mehr religiöse Lehren können von uns in historischen Schubladen aufbewahrt werden. Eine der vielen Fragen, welche hierzu bereits auftaucht, ist, ob wir denn je in der Lage sein werden, unseren biologischen Heimatplaneten überhaupt zu verlassen, denn die unermesslichen kosmischen Entfernungen lassen sich mit den derzeitigen Raketenantrieben nicht überbrücken. Ohne solche Reisen sind aber auch keine neuen "direkten" Erfahrungen möglich. Ob allerdings Erfahrungen auf materiellen Ebenen auch automatisch die geistigen Ebenen in uns erreichen oder verändern können, muss abgewartet werden. - Spannend bleibt die ganze Sache auf jeden Fall.

Gruß von Reklov

Reklov Offline




Beiträge: 4.991

19.04.2016 15:19
#6 RE: Wann geht eine Religion unter? Antworten

Zitat
Demokratisch Strukturierte brauchen kein neues Leitungsangebot von oben, sie wollen selber leiten! Ich tippe darauf, dass zum Ende dieses Jahrhunderts alle heutigen Weltreligionen deutlich, sehr deutlich an Macht verloren haben werden. Die Geschichte der Religionen wird zu Ende gehen, wie die Geschichte der Despotien ja auch schon zum Großteil untergegangen ist.

Gysi,

... die Geschichte der Despotien ist noch lange nicht untergegangen, solange die Geldströme von Wenigen kontrolliert werden! Diese neuen, sich vor uns uns verbergenden Häupter tragen allerdings keine Kronen mehr, sondern Maßanzüge. - Dein Tipp ist deswegen nur so bedeutsam, wie es eine einzelne Meinung eben sein kann.

Gruß von Reklov

Gysi Offline

Atheist


Beiträge: 17.321

19.04.2016 15:27
#7 Wann geht eine Religion unter? Antworten

Zitat von Reklov
.. die Geschichte der Despotien ist noch lange nicht untergegangen, solange die Geldströme von Wenigen kontrolliert werden!

Du weißt, wie ich das meine. Schmeiße die Wickinger, Pharaonen und die Moderne nicht in einen Topf, etwas Relativierung ist schon vonnöten. Aber ansonsten hast du natürlich Recht. Jedoch auch diese Geschichte des Kapitalismus wird sich immer mehr zugunsten einer wirklichen Demokratie niederbeugen. An meiner Beobachtung einer Korrelation zwischen Despotien und Religionen ändert das übrigens nichts.

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"Ich bin vom Glauben zum Wissen konvertiert!" (Hamed Abdel-Samad)

Reklov Offline




Beiträge: 4.991

19.04.2016 15:39
#8 RE: Wann geht eine Religion unter? Antworten

Zitat
Anhänger einer bestimmten Religion gehen davon aus, dass diese ewig bestehen wird - dem ist natürlich nicht so. Altes Ägypten? Altes Babylon? Altes Persien? Griechen? Römer? Kelten? Germanen? Sie hatten machtvolle Glaubenssysteme - allesamt sie sind, bis auf geringe Reste, untergegangen.

Jürgen,
... die alten Götter leben immer noch unter uns, nur haben sie neue Gewänder angezogen! In den Namen deutscher Wochentage bleiben sie sprachlich lebendig: Montag (Mondtag), Donnerstag (Donnergott Thor), Freitag (Erdgöttin Freyja) und Sonntag (Sonnengott) erinnern immer noch an die antiken Götzenkulte und leben so aktiv in allen deutschen Terminkalendern weiter.
Der altägyptische monotheistische Gedanke, der sich seinerzeit als Verehrung des alleinigen Sonnengottes durchsetzte, ist vermutlich von den Juden in veränderter Weise übernommen worden und lebt bis heute munter in den 3 abrahamitischen Religionen weiter. Wie lange noch, muss abgewartet werden.

Gruß von Reklov

Reisender Offline



Beiträge: 4.058

19.04.2016 15:43
#9 RE: Wann geht eine Religion unter? Antworten

Je mehr wir zweifelsfrei wissen, desto weniger wird Religion eine Rolle spielen, so sehe ich das.
Einen Haken bei dieser Geschichte freilich gibt es; bei jeder Frage die wir zweifelsfrei klären,
tauchen immer mehrere neue Fragen auf. Und so lange nicht alle Fragen, bis zur letzten, zweifelsfrei
geklärt sind, wird Religion wohl eine Rolle spielen.
Doch was machen wir mit unsere Zeit, wenn es keine Fragen mehr gibt die es zu lösen gilt, wenn wir alles wissen,
was es überhaupt zu wissen gibt, oder ist das Illusion???
Wenn das Illusion ist, dann ist auch ein Sein ohne Religion Illusion.

Reklov Offline




Beiträge: 4.991

19.04.2016 15:59
#10 RE: Wann geht eine Religion unter? Antworten

Zitat
Jedoch auch diese Geschichte des Kapitalismus wird sich immer mehr zugunsten einer wirklichen Demokratie niederbeugen.

Gysi,

... das sehe ich anders, denn die Geschichte der Menschheit bestand seit jeher aus Klassenkämpfen - wie es K. Marx seinerzeit richtig notierte.
Einer der Gründe ist, dass die Rücksichtslosen stets clevere Wege fanden, die Massen zunächst in bedrängte Notsituationen zu bringen, damit sie im Hamsterrad weiter rennen, dann auszubeuten und - wenn es gar nicht mehr anders ging - sie an Kriegsfronten nach ihren "Marschplänen" zu verheizen.

Heute leben zwar viele Europäer in finanziell behaglichen Situationen, zahlen aber dafür den hohen Preis eines "entfremdeten" Lebens, denn nicht jeder hat das Glück, mit seinen angeborenen Talenten (diese machen ja sein eigentliches Wesen aus) auch noch Geld zu verdienen. -
Die psychosomatischen Leiden/Krankheiten verstärken sich deswegen ständig und füllen so die Sprechstundenzimmer der Ärzte! Manche versuchen diese Entfremdung mit einem "erfüllenden" Hobby abzumildern, was sich ja an den riesigen Umsätzen der Freizeit/Hobby-Industrie ablesen lässt.

Gruß von Reklov

Gysi Offline

Atheist


Beiträge: 17.321

19.04.2016 16:19
#11 Wann geht eine Religion unter? Antworten

Zitat von Reklov
.. das sehe ich anders, denn die Geschichte der Menschheit bestand seit jeher aus Klassenkämpfen - wie es K. Marx seinerzeit richtig notierte.

Gut. Aber das ist ein anderes Thema. Mal wieder... Korrelieren Despotien und Religionen miteinander, ja oder nein? Oder irgendwas dazwischen?

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"Ich bin vom Glauben zum Wissen konvertiert!" (Hamed Abdel-Samad)

Perquestavolta Offline



Beiträge: 4.313

19.04.2016 20:47
#12 RE: Wann geht eine Religion unter? Antworten

Zitat von Gysi im Beitrag #11

Zitat von Reklov
.. das sehe ich anders, denn die Geschichte der Menschheit bestand seit jeher aus Klassenkämpfen - wie es K. Marx seinerzeit richtig notierte.
Gut. Aber das ist ein anderes Thema. Mal wieder... Korrelieren Despotien und Religionen miteinander, ja oder nein? Oder irgendwas dazwischen?


Um es philosophisch zu beantworten:

Ja dem ist so! Da zwischen Despoten und Religion eine Zweckgemeinschaft der Gegensätzlichkeit besteht. Wenn die einen dem Volk ans Fleisch und ans Leder gehen, betet dieses um so mehr um den Beistand der Götter. Da der Glaube an die Götter sehr dem menschlichen Verstand zusetzt, ist das für die Despoten ein zusätzlicher Vorteil, der wiederum den Göttern mehr Seelen bringt.

Wer glaubt der muss auch zweifeln können.
Wer im Glauben nicht zweifelt, ist entweder ein Kind oder ein Idiot.






Perquestavolta Offline



Beiträge: 4.313

19.04.2016 21:01
#13 RE: Wann geht eine Religion unter? Antworten

Religion wird nie ganz aussterben, da Gott im besonderen jenen Teil der menschliche Egozentrik bedient, der am liebsten sich selber bejubelt. (Wir sind die Guten)
Religion wird sich deswegen auch ständig wandeln und je nach dem neu anpassen. Evolution findet eben überall statt.

Wer glaubt der muss auch zweifeln können.
Wer im Glauben nicht zweifelt, ist entweder ein Kind oder ein Idiot.






Jürgen Offline




Beiträge: 114

20.04.2016 07:20
#14 RE: Wann geht eine Religion unter? Antworten

Verschiedene erhellende Faktoren sind bereits genannt worden, weshalb Religionen verschwinden. Wenn man sich das ganz konkret vorstellt, wird es etwas schwieriger. Religionen wurden durch religiöse Erziehung weitergegeben: Vom Vater auf den Sohn, usw. Wie kommt dieser Prozess zum Stillstand? Weshalb hört ein Vater auf, dem Sohn, der Tochter vom Sowieso-Gott zu erzählen? Glaubt er »plötzlich« selber nicht mehr daran? Glauben wird in Kinderhirne implantiert, dann sitzt er dort lebenslang. Entscheidend erscheint mir, weshalb die Eltern eines Tages aufhören, ihre Kinder zu indoktrinieren.

Gysi Offline

Atheist


Beiträge: 17.321

20.04.2016 08:50
#15 Wann geht eine Religion unter? Antworten

Zitat von Jürgen
Religionen wurden durch religiöse Erziehung weitergegeben: Vom Vater auf den Sohn, usw. Wie kommt dieser Prozess zum Stillstand?

Indem der vorherrschenden Religion in einer Gesellschaft Alternativen beigesetzt werden. Solange alle unisono an einem Strang ziehen und den lieben Gott unbestritten sein lassen in seiner Existenz, hat ein Kind es schwer, sich neben dem Gottglauben zu entwickeln. Wenn es aber die Chance hat, sich von frühesten Kinderjahren an die Alternative zur Religion einzusaugen, wird es sich für das Wahrscheinliche entscheiden, also die Religion immer mehr als Folklore abtun, als überlebte Religion. Bin ich ziemlich von überzeugt. Deswegen bin ich ja auch für die Abschaffung bekenntnisgebundenen Religionsunterrichts und die Einführung von Religionsgeschichte, die alle großen Religionen, inklusive Atheismus!, unter historischen Bedingungen abhandelt. Als Pflichtunterricht für alle Kinder und Jugendlichen! Also für die muslimischer, christlicher, jüdischer, buddhistischer Eltern gemeinsam!

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"Ich bin vom Glauben zum Wissen konvertiert!" (Hamed Abdel-Samad)

Reklov Offline




Beiträge: 4.991

20.04.2016 10:07
#16 RE: Wann geht eine Religion unter? Antworten

Zitat
Gut. Aber das ist ein anderes Thema. Mal wieder... Korrelieren Despotien und Religionen miteinander, ja oder nein? Oder irgendwas dazwischen?

Gysi,

...da gibt es keine Regel! - Beispiele aus unserer Weltgeschichte belegen dies: Napoleon schaffte in Frankreich die Kirchen ab, Stalin verwendete manche russische Kirche als Pferdestall und Hitler wollte, wenn der Krieg erst gewonnen ist, mit den Kirchen abrechnen, wie es im Buch "Hitlers Tischgespräche" von H. Picker erwähnt wird.

Gruß von Reklov

Reklov Offline




Beiträge: 4.991

20.04.2016 10:34
#17 RE: Wann geht eine Religion unter? Antworten

Zitat
Religionen wurden durch religiöse Erziehung weitergegeben: Vom Vater auf den Sohn, usw. Wie kommt dieser Prozess zum Stillstand?

Jürgen,

... Deine Behauptung ist so nicht haltbar! - Bereits ich (ein Einzelbeispiel) habe meinen Sohn nicht taufen lassen, sondern ihm lediglich die versch. Religionen und ihre Geschichte erläutert.
Was dabei heraus kam? - Nun, - er blickt äußerst kritisch auf die Versuche der Religionen, "Gott" in ein Gedankenschema pressen zu wollen, ist sogar der Meinung, dass sie alle vom "Göttlichen" keinen Schimmer haben. Er ist, ohne meinen Einfluss, eine Art Freidenker geworden, der aber das unbekannte "Göttliche" keinesfalls negiert.

In unserem Bekanntenkreis gibt es auch ein Beispiel, dass ein Kind, trotz atheistischer Eltern, freiwillig den Kontakt zur Kirche suchte. Man kann also die Wege der Kinder nur bedingt "steuern". Kinder, die aus Pfarrfamilien kommen (wie z.B. Gudrun Ensslin!) können, trotz guter Ausbildung und Studium, dennoch zu einem politisch motivierten RAF-Terroristen werden und Kinder, die verwahrlost aufwachsen, schaffen den Sprung in ein geregeltes Erwerbsleben.
Auch der Geburtsort spielt scheinbar keine so entscheidende Rolle, kamen/kommen doch viele historische Größen aus abgelegenen kleinen Dörfern.

Gruß von Reklov

Reklov Offline




Beiträge: 4.991

20.04.2016 11:31
#18 RE: Wann geht eine Religion unter? Antworten

Zitat
Als Pflichtunterricht für alle Kinder und Jugendlichen! Also für die muslimischer, christlicher, jüdischer, buddhistischer Eltern gemeinsam!

Gysi,

... der STERN brachte vor Jahren eine sehr übersichtliche und äußerst informative Serie über die verschiedenen großen Weltreligionen heraus. Inwieweit aber solche Infos den Einzelnen davon abbringen können, sein Seelenheil über völlig andere Wege zu suchen, ist noch von keiner Studie erfasst.
Die großen Weltreligionen sind ein Angebot. Der eine checkt und überdenkt die jeweilige Lehre, der andere findet unter dieser Auswahl seinen persönlichen Weg. Über- und Austritte sind ja bekanntlich auch keine Seltenheit. Dein Vorschlag mit dem Pflichtunterricht würde also nicht unbedingt eine Abkehr vom Gedanken des "Göttlichen" bewirken, denn die Leidenschaften und Sehnsüchte der vielen Menschen, zu denen ja auch die Transzendenz gehört, können mit vergleichender Gegenüberstellung oder trocken sachlicher Aufklärung nicht automatisch "bedeutungslos" gemacht werden. Die Aussagen der Religionen sind kulturelle Zeugnisse menschlicher Seelenlandschaften und diese sind, als Ur-Sache, nun mal weitaus älter, als die "moderne" Zeit mit ihren technischen Erklärungsversuchen zum kosmischen Szenario, dass uns allen vor Augen steht.
Die Einwände für oder gegen Gott lassen sich zwar in der Literatur zur Genüge verfolgen, zeigen aber auch, dass es "lächerlich" wird, wenn man versucht, den Glauben "vernünftig" erscheinen zu lassen, d.h., ihn auf eine Stufe mit wissenschaftlichen Überzeugungen zu stellen. Wenn die Religionen auf einer Ebene mit der Wissenschaft gesehen werden, werden sie zum Aberglauben!

Obwohl man sagt, das Christentum habe eine historische Grundlage, würden die "historischen" Aussagen (besonders über das Leben Jesu) nicht wie historische Aussagen sonst behandelt; denn Glaubende meldeten in Bezug auf sie nicht jene Zweifel an, die normalerweise bei jeder historischen Aussage ins Spiel gebracht würden, besonders bei Aussagen, die von längst vergangenen Zeiten handeln.

Es gibt einen spezifisch religiösen gebrauch der Sprache, der im Zusammenhang mit anderen Dingen steht, die der Sprechende sagt und tut. - Wir können z.B. auf einer Insel Menschen finden, die Sätze verwenden, die wir in bestimmten Zusammenhängen als (vielleicht irrige) wissenschaftliche Aussagen zu deuten hätten, die wir jedoch in anderen Zusammenhängen als religiöse Ansichten verstehen müssten; und schließlich gibt es auch Zusammenhänge, in denen wir sie nicht zu deuten wüssten.
Das Problem besteht in der Deutung dessen, was Wittgenstein meint, wenn er sagt, religiöse Auffassungen seien grundverschieden von naturwissenschaftlichen, historischen oder Alltagsannahmen. Die Stärke des Glaubens, so Wittgenstein, sei nicht vergleichbar mit der Intensität eines Schmerzes; sie lasse sich - anders als der Schmerz - an den Risiken bemessen, die der Gläubige für seinen Glauben in Kauf zu nehmen bereit sei, bis zu dem Umfang, bis zu dem der Glaube seine Handlungsentschlüsse und die Gesamtdeutung seines Lebens bestimme.

Wittgenstein weigert sich, von einem Gläubigen und einem Nicht-Gläubigen zu sagen, sie meinten mit der Aussage > es gäbe ein Jüngstes Gericht < dasselbe - was der eine dann als zukünftige Tatsache behaupten, der andere dagegen bestreiten würde -; er weigert sich aber auch zu sagen, sie verstünden darunter Unterschiedliches. Das Kriterium dafür, was es heißt DASSELBE ZU MEINEN, ist hier unklar.

Die Tatsache, dass der Gläubige seine Behauptung durch gegenteilige wissenschaftliche Argumente nicht erschüttern lässt, beweist ebenso wenig, dass er etwas anderes meint, wie die Tatsache, dass seine Glaubensannahmen für sein Leben eine so bedeutsame Rolle spielen, wie sie ihnen noch nicht einmal ansatzweise im Leben des Nicht-Glaubenden zukommen, selbst wenn dieser vom Atheismus zum Agnostizismus überwechselte.

Gruß von Reklov

Gysi Offline

Atheist


Beiträge: 17.321

20.04.2016 13:28
#19 Wann geht eine Religion unter? Antworten

Zitat von Reklov
der STERN brachte vor Jahren eine sehr übersichtliche und äußerst informative Serie über die verschiedenen großen Weltreligionen heraus.

Ja, kenn ich. Aber - Mr. Von-Hölzchen-auf Stöckchen - was hat das mit dem Thema zu tun?

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Reklov Offline




Beiträge: 4.991

20.04.2016 14:48
#20 RE: Wann geht eine Religion unter? Antworten

Zitat
- was hat das mit dem Thema zu tun?

Gysi,

schau hierzu einfach auf Dein diesbezügliches Zitat (Deinen Vorschlag zu einem gemeinsamen Religionsbetrachtung/Unterricht) und dann lies doch bitte meinen ganzen Beitrag.

Gruß von Reklov

Jürgen Offline




Beiträge: 114

20.04.2016 15:34
#21 RE: Wann geht eine Religion unter? Antworten

Es trifft zu, dass manchmal Kinder von nichtreligiösen Eltern aus eigenem Antrieb einer Glaubensgemeinschaft beitreten. Doch weltweit betrachtet, tut das nur eine verschwindend kleine Minderheit. Kinder von orthodoxen Juden, Christen, Moslems, Buddhisten, Hindus, usw. werden vom ersten Lebenstag an umfassend indoktriniert. Da bleibt kaum Spielraum für eigene Gedanken. Dazu kommt beim Abfall vom Glauben die Drohung mit der Hölle und dem Teufel und das Verstossen aus der Gemeinschaft. Weshalb gibt es Christen? Das sind Menschen, die im christlichen Glauben erzogen worden sind. Weshalb gibt es Moslems? Es sind Menschen, die im islamischen Glauben erzogen worden sind. Solange es religiöse Erziehung gibt, wachsen laufend neue Generationen von Gläubigen heran, welchen, um mit Schmitt Salomon zu sprechen, ein Hirnwurm eingepflanzt wird. Weshalb glaubt heute kaum jemand mehr an Osiris, an Anubis, an Marduk, an Baal? Niemand erzählt kleinen Kindern mehr, sie müssten an solche Chimären glauben. Meine Frau ist in einer Freikirche aufgewachsen - sie brauchte viele Jahre, um sich vom Unsinn zu lösen, der dort verkündet wird. Ich bin mit dem Christentum Variante »Light« erzogen worden - das machte es mir leicht, die Sätze des Pfarrers zu relativieren und eigene Überzeugungen zu entwickeln. Ein kleines Gedankenexperiment: Eine Katastrophe vernichtet die Menschheit, nur auf einer abgelegen Insel überleben tausend Atheisten. Würde dann die Religion wieder neu entstehen?

Gysi Offline

Atheist


Beiträge: 17.321

20.04.2016 16:41
#22 Wann geht eine Religion unter? Antworten

Zitat von Reklov
schau hierzu einfach auf Dein diesbezügliches Zitat (Deinen Vorschlag zu einem gemeinsamen Religionsbetrachtung/Unterricht) und dann lies doch bitte meinen ganzen Beitrag.

Hab ich. Ich lese keine Antwort darauf. Viele Worte, keine Antwort. Eigentlich die vorherrschende Politiker-Spreche... Sowas löst schnell einen semantischen Infarkt aus, durch das Fettblut der Selbstverliebten, wollen wir das? Wie auch immer.

Zitat
Dein Vorschlag mit dem Pflichtunterricht würde also nicht unbedingt eine Abkehr vom Gedanken des "Göttlichen" bewirken, denn die Leidenschaften und Sehnsüchte der vielen Menschen, zu denen ja auch die Transzendenz gehört,

Mein Angebot soll die Kinder die Entwicklungsfreiheit geben und nicht zum Atheismus zwingen, ebenso zu keiner Religion. Wer dem "Göttlichen" zugewandt wird, soll dem Pfad folgen, sagt doch keiner was dagegen. Dass Transzendenz ein Bedürfnis ist, eine Sehnsucht, sogar eine Leidenschaft, halte ich allerdings für ein Gerücht. Kein Kind sollte auf diesen Unsinn festgetackert werden, der lediglich das Nachglühen des jahrtausende langen Missbrauchs von Kinderseelen ist. Aber wer in Entwicklungsfreiheit tatsächlich für sich die Transzendenz (was immer die ist) als seine "Leidenschaft" entdeckt - bitte: mein Herz ist klein, mein Geist ist klein - da kommen gewiss noch Dinge, von denen ich nichts weiß. Aber was wirkliche Religionsfreiheit sein könnte, das kann ich dir - aus meiner Erfahrung und ständigen Beobachtung des religiösen Erziehungsterrors - schon extrapolieren.

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"Ich bin vom Glauben zum Wissen konvertiert!" (Hamed Abdel-Samad)

Reklov Offline




Beiträge: 4.991

20.04.2016 17:19
#23 RE: Wann geht eine Religion unter? Antworten

Zitat
Ein kleines Gedankenexperiment: Eine Katastrophe vernichtet die Menschheit, nur auf einer abgelegen Insel überleben tausend Atheisten. Würde dann die Religion wieder neu entstehen?

Jürgen,

... eine neue >Glaubensform< (wie auch immer geartet) würde sicher entstehen, denn solch eine gewaltige "Katastrophe" bleibt für die Überlebenden nicht ohne seelischen Eindruck. Das Hinterfragen der "Heimsuchung" würde dabei eine entscheidende psychologische Rolle spielen, ähnlich einer >Sintflut<, auch wenn diese damals nur ein großes Gebiet und nicht gleich die ganze Erde überschwemmt haben mag. Die Überlebenden der >Katastrophe< würden sich zumindest fragen, warum nur tausend Menschen überlebt haben, obwohl sie Atheisten sind. Einhellig wären die Meinungen hierzu vermutlich nicht!?

Manche würden schon in der glatten Überlebenszahl - 1000 - eine Art "Zeichen" vermuten. Die Aufgeklärten unter den Atheisten würden ihre Gedanken aber verstärkt auf rein Praktisches lenken und zunächst mal checken, ob die Insel überhaupt ein Überleben, wie bei Robinson Crusoe, möglich macht. Frisches Wasser, Obst, Fisch oder Wildtiere wären zunächst das wichtigere Thema! Wären z.B. nur 300 Frauen und 700 Männer am Leben (oder umgekehrt!), müsste man z.B. auch die Fortpflanzung neu "organisieren".
Würde nun diese Insel-Gesellschaft mit der Zeit wachsen, weil ihre Insel dies von der Größe hergibt, hätte auch diese "Kultur" ihr mythisches "Geschichtsbuch" und die dort aufgezeichnete "Große "Katastrophe" müsste u.U. nach 2000 Jahren ähnliche Zweifel und Diskussionen aushalten, wie die Biblischen Texte.

Gruß von Reklov

Reklov Offline




Beiträge: 4.991

20.04.2016 17:34
#24 RE: Wann geht eine Religion unter? Antworten

Zitat
Kinder von orthodoxen Juden, Christen, Moslems, Buddhisten, Hindus, usw. werden vom ersten Lebenstag an umfassend indoktriniert. Da bleibt kaum Spielraum für eigene Gedanken. Dazu kommt beim Abfall vom Glauben die Drohung mit der Hölle und dem Teufel und das Verstossen aus der Gemeinschaft.

Jürgen,

... das hat bei mir (ehemals ev.) nicht gewirkt, hing aber wohl auch damit zusammen, dass meine Eltern nicht bigott waren. Anderen Bücher, welche mich später "fanden", konnten in mir viel mehr bewegen, und die kulturell nicht uninteressante Bibel las ich später stets mit dem nötigen Abstand. Es ist halt, wie im richtigen Leben auch: Die Ängstlichen und Verzagten unter den Kindern haben weniger innere Power und lassen sich geistig leichter fesseln, anstatt mutig aufzutreten und laut zu hinterfragen. Aber wie hinterfragt man, wenn man als Kind selber noch nicht viel wissen kann?

Gruß von Reklov

Reklov Offline




Beiträge: 4.991

20.04.2016 17:56
#25 RE: Wann geht eine Religion unter? Antworten

Zitat
Aber was wirkliche Religionsfreiheit sein könnte, das kann ich dir - aus meiner Erfahrung und ständigen Beobachtung des religiösen Erziehungsterrors - schon extrapolieren.

Gysi,

... aus Deinen Zeilen lese ich heraus, dass Du schon als Heranwachsender unter religiösen Druck geraten bist. So etwas kann einen allerdings seelisch platt machen und eine Aversion gegen jeden Gottesgedanken überhaupt hervorrufen. - Mir fehlen solche negativen Erfahrungen. Die Menschen in meiner Gemeinde empfand ich schon als Kind während dem Gottesdienst irgendwie traurig und leidend, konnte aber nicht verstehen, dass sie ja z.T. zwei fürchterliche Weltkriege mit großen Verlusten verarbeiten mussten. Bald verstand ich aber, dass die Politik ihnen damit das Leben regelrecht "versaut", somit das Lachen eingefroren hatte und mein jugendliches Feixen wegen mancher gebrochen wirkender Kirchenbank-Singstimme, die auch noch falsch intonierte, veränderte sich zur Empathie.
Die Aufforderung Jesu, die ich im Religionsunterricht schon früh hörte, mag da auch etwas beigesteuert haben:
„Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.“ (Matthäus 11, 28)

Gruß von Reklov

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"Ich bin völlig anderer Meinung als Sie. Aber ich werde mein Leben dafür einsetzen,
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