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Atheismus vs. Religionen  


Der substanzielle  Dialog 

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Dieses Thema hat 4 Antworten
und wurde 494 mal aufgerufen
 Christentum
Desperado ( gelöscht )
Beiträge:

15.02.2017 09:34
Lilie des Feldes antworten


Lilie des Feldes


Wenn die Wüste nach einem kräftigen Regenguss erblüht, für ein paar wenige Tage zum Paradiesgarten von unwirklicher Schönheit und betäubender Farbenpracht erstrahlt, denk ich manchmal an das Gleichnis von den Lilien des Feldes, die da blühen um ihrer selbst Willen und Salomons Garderobe sowie die prunkvolle Ausstattung der abgehobenen Halbgötter und Königtümer der Maya und Azteken um ein Vielfaches in den Schatten stellen, dann kann ich dem Mann aus Nazareth nur uneingeschränkt Recht geben. Dasselbe gilt für die Vögel des Himmels, die da weder sähen noch ernten und doch genährt werden vom himmlischen Vater, wenn ich verzückt ihrem Gesang lausche oder ihre schillernden Hochzeitskleider bestaune.

Bin ich nun ein Dieb, so frage ich, wenn ich mich an den Maisfeldern bediene, die neuerdings das Land bedecken soweit das Auge reicht? Meinetwegen, dann sind wir eben alle Diebe, die Mäuse, Hamster, Hörnchen, Weißwedelhirsche, Raben und Spatzen, der Waschbär trägt seine Räubermaske sowieso immerzu im Gesicht, der hungrige Desperado seinen schlechten Ruf auf den Schultern, es gibt in der Tat Schlimmeres, als ein paar geröstete Maiskolben zu verköstigen, zum Beispiel die Felder der Navajo abfackeln und verwüsten, um ihre Aufmüpfigkeit zu bestrafen und ihren Freiheitsdrang zu bändigen. Da sind so ein paar geklaute Kolben lediglich gerechter Ausgleich, ist ja auch nicht so wichtig, auch dann nicht, wenn die Enteignung am heiligen Sonntag stattfindet, und dass es den berittenen Wachposten nicht um den Mais geht bei ihrer Menschenjagd, sondern um die Lust am Aufspüren, Hetzen und Töten, kann man an den Reihen der in den Boden gestampften Stauden erkennen, die sie bei ihrer Hatz hinterlassen, sie zertrampeln weitaus mehr Kolben, als ein einzelner Mann klauen kann. Die Frage stellt sich, was den Sonntag mehr entweiht - ein paar gestohlene Maiskolben oder ein aufgeknüpfter Dieb?

Darüber mit den Gottesfürchtigen in ein vernünftiges Gespräch zu kommen, ist ein hoffnungsloses Unterfangen. Die haben da ihr Ding mit der Arbeit im Schweiße ihres Angesichts, was ich nicht so ganz verstehe, denn soweit ich informiert bin, ist das Teil eines uralten Fluchs ganz am Anfang der biblischen Geschichte, wenn nun aber der Erlöser die Menschheit von ihren Sünden erlöst hat und gleichzeitig von deren verhängnisvollen Folgen befreit, vom ewigen Tod beispielsweise, was ja nun sehr viel gewichtiger ist als die mühselige und krankmachende Plackerei zu Lebzeiten, müsste doch logischerweise auch der eben bei dieser Sündenfall-Gelegenheit ausgesprochene Fluch der Arbeit aufgehoben sein und von ihnen genommen. Ich meine, wenn schon denn schon, so eine aufgeschoben stückchenweise Erlösung, die einen lediglich auf ein besseres Jenseits vertröstet, ohne an der Mühsal des irdischen Seins was Entscheidendes und Umwälzendes zu ändern... ich weiß nicht so recht, was ich von der halten soll, ja ob ich die überhaupt in Anspruch nehmen will. Könnte ebenso gut eine leere Versprechung sein.

Es ist schon eigentümlich, dass die Christenleute welcher Konfession auch immer genau diesen radikalen Abschnitt im Evangelium mit unermüdlicher Beharrlichkeit mit einem „Schon, aber das darf man so wörtlich nicht nehmen, das ist mehr so bildlich zu verstehen, im übertragenen Sinne, so schwerpunktmäßig, weißt du, eine Geisteshaltung sozusagen“ ergänzen und seine ganz einfache und eindeutige Aussagekraft damit zunichte machen, grad so, als würde diese ihnen Angst machen mit ihrem schlichten Anspruch der planlosen Sorglosigkeit. Also, bei genauer Betrachtung ist es sogar das Gebot zu einer solchen. Was bitte muss denn dann ihrer Meinung nach wörtlich genommen werden? Nun, wie sollte es anders ein, natürlich ist es das vielzitierte „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“ vom Paulus, das sie bei jeder Gelegenheit heranziehen wie das elfte Gebot, um ihren Nacken unter das Joch der Arbeit zu beugen oder ihre Arbeitssklaven darauf einzuschwören, die gefälligst auch dann arbeiten sollen, wenn sie nichts zu essen haben. Nun hat der Paul das Brotzeitverbot zum einen in einem ganz konkreten Zusammenhang gesagt, vielmehr hingeschrieben, zum andern ist er eben doch nur das Paulchen, sprich auch nur so einer von unzähligen sterblichen Heinis, die mir nichts zu sagen haben. Warum also sollte es mich kümmern, wenn da irgendein berühmter Wanderprediger auf den Prärieblumen herumtrampelt und mit Spatzenschrot hinter den Vögeln her ballert? Das tun die Farmer auch, da kann ich keine verbindliche Lebensregel drin erkennen, beim besten Willen nicht.

Aber diesbezüglich haben die fleißig schuftenden Christenmenschen Ohren und hören nicht, da bist du als „Nichtstuer“ schlicht machtlos, Arbeit ist eine heilige Sache, ohne die du nicht in den Himmel kommen kannst und amen. Steht zwar nirgendwo so geschrieben im neuen Testament am Ende des Buches der Bücher, und was da vorher so alles stand, und da steht jede Menge, das ist ja nun gewissermaßen überholt durch ebendieses, aber das wollen die Gläubigen nicht so recht wahrhaben, frag mich nicht warum, ich hab's nie begriffen, aber das muss ich ja auch nicht zum Glück. Ich für meinen Teil hab „den besseren Teil gewählt“, das reicht mir vollkommen, und im Gegensatz zu ihrer Argumentation ist es nicht notwendig, das jemandem verständlich machen zu wollen. Es versteht sich von selbst.

Well, Sohn des Zimmermanns, der Kitfuchs hat seinen Bau und der Kaktuszaunkönig sein Nest hoch oben auf der Spitze der Kaktee, ich aber hab nur meine Päriehuhnschlinge, meinen Kopf drauf zu betten, aber nun, ich bin's damit zufrieden.



Buchauszug - Ga'an Desperado - Der Federhut

Reklov Offline




Beiträge: 4.833

16.02.2017 16:42
#2 RE: Lilie des Feldes antworten

Zitat
Aber diesbezüglich haben die fleißig schuftenden Christenmenschen Ohren und hören nicht, da bist du als „Nichtstuer“ schlicht machtlos, Arbeit ist eine heilige Sache, ohne die du nicht in den Himmel kommen kannst und amen.

Desperado,

Arbeit wurde erst nach und nach zu einer "heiligen" Sache erklärt. Ein Jesus-Zitat sprcht dagegen ganz anders!
Nach Matthäus im 6. Kapitel.
Jesus Christus spricht zu seinen Jüngern:
25 Darum sage ich euch: Sorgt nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung?
26 Seht die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr als sie?

Gruß von Reklov

Desperado ( gelöscht )
Beiträge:

16.02.2017 17:46
#3 RE: Lilie des Feldes antworten

Hallo Reklov,

schöne Gitarre.

Auf genau diese Worte bezieht sich die Geschichte. Der Erzähler meines Buches sinniert drüber. Nun gehört er nicht unbedingt zu den Tiefgläubigen und schon gar nicht zu den Frommen, aber hier hat er etwas gefunden, das er auf sein Leben, besser die eigenwillige Form seiner Daseinsbewältigung beziehen kann. In einer Welt zwischen Puritanern und mexikanischen Erzkatholiken, die gleichermaßen die Arbeitsmoral zum Gottesgebot erklären, vom Klerus bis zu den Laien, genießt er ob derselben nicht unbedingt den besten Ruf. Doch er verlässt sich auf die radikale Aussage, erkennt ihre Ursprünglichkeit an und kümmert sich nicht weiter um die zweckmäßige Abschwächung aus Gründen allgemein vorherrschender Knechtung seiner Zeit und Umwelt.

Vorfrühlingsgruß
Odarepsed

Reklov Offline




Beiträge: 4.833

18.02.2017 13:19
#4 RE: Lilie des Feldes antworten

Zitat
Hallo Reklov, schöne Gitarre.

Desperado,

... aha, Du warst der Erste, der dies bemerkte! - Dieses Modell ist eine aus der seltenen ROGER-Junior-Serie. Eine handgefertigte Schönheit (Jazz-Gitarre) aus der legendären Gitarrenbauer-Werkstatt des in den 60ern weltberühmten Roger Rossmeisl.
Ich (u.a. Gitarrenlehrer) besitze noch andere "Schätzchen" aus dem Akkustik- und E-Gitarrenbereich.

Gruß von Reklov

Desperado ( gelöscht )
Beiträge:

20.02.2017 13:00
#5 RE: Lilie des Feldes antworten

Hab auch so meine "musikalische" Geschichte. In mehreren Kapiteln. Da entgeht einem so ein edles Teil natürlich nicht.

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