Sie sind vermutlich noch nicht im Forum angemeldet - Klicken Sie hier um sich kostenlos anzumelden Impressum 
Religionsforum
Atheismus vs. Religionen  


Der substanzielle  Dialog 

Für (echten) Säkularismus und freie Religionskritik!

Sie können sich hier anmelden
Dieses Thema hat 0 Antworten
und wurde 138 mal aufgerufen
 Lagerhalle
Desperado ( gelöscht )
Beiträge:

02.03.2017 13:09
Das Mandylion antworten


Das Mandylion

Den ganzen verdammten Weg von New Orleans bis Jerusalem zurückgelegt hat der Pilgrim.

Er wohnt zwischen kunstvollen Lampen, fremdartigen Gefäßen, prächtigen Ikonen und allerlei sonstigem Krimskrams mit seiner Frau, einer dunkelhäutigen Mulattin, in einer geräumigen Hütte unten im Flussdelta des Mississippi, mitten im Herzen der sumpfigen Wildnis. Erst gestern kreischte die Gute schrill drauflos, als sie frühmorgens ihre Waschkammer betrat und über einen ungebetenen Gast stolperte. Ein Alligator hatte es sich darin gemütlich gemacht, der Lümmel fauchte heftig zurück, als er von ihren Frequenzen jäh aus dem Schlummer gerissen wurde. Aber für einen Mann wie den Pilgrim stellt es kein Problem dar, eine noch so ungezogene Wasserechse höflich hinaus ins Freie zu bitten.

Wie alle wahrhaft gläubigen Menschen redet er nicht gern über seinen Glauben.

Leute wie er machen kein großes Gedöns drum herum und hauen einem die frohe Botschaft nicht ständig um die ungläubigen Ohren. Das haben sie nicht nötig, um damit ihre Zweifel zu verdrängen, sie müssen sich für ihre Überzeugung vor niemandem beweisen und keinen Heiligenschein verdienen damit, sie anderen möglichst oft überzustülpen, sie versuchen einfach ihren Glauben schlicht zu leben. Allzu viele Believers dieser Sorte gibt es nicht, aber was spielt das schon für eine Rolle, sie wären ohnehin allzeit und allerorten eine ohnmächtige Minderheit, wie viele auch immer ihrer sein mögen. Suche nach Erleuchtung und Sehnsucht nach Erlösung haben den Pilgrim jedenfalls nach Jerusalem geführt. Lange Jahre wandelte er im Büßerkleid in der Gegend herum, weil er, wie er mir beichtet, einen Menschen getötet habe. Bei genauer Befragung jedoch stellt sich heraus, dass die Sache schlimmstenfalls ein tragischer Unfall war. Er wurde auch nie dafür belangt.

An einem gottverlassenen Bahnhof wird er mitten in der Nacht Zeuge, wie ein durchgeknalltes Greenhorn einem arglosen, von Müdigkeit gebeugten, spätheimkehrenden Arbeiter mit dem Stiefelabsatz mehrmals mit voller Wucht auf den Kopf und ins Gesicht tritt, nachdem er den Überraschten ohne Grund und Anlass zu Boden geprügelt hatte. Er ist grade emsig dabei, den Ärmsten zielstrebig tot zu stiefeln, als der Pilgrim entschlossen dazwischengeht. Dabei kommt es zum Gerangel und der besoffene Totschläger ins Taumeln, er verliert das ohnehin schwer beeinträchtigte Gleichgewicht, stolpert über seine eigenen Beine, fällt vom Bahnsteig und knallt auf die Schienen.

Wie die höhere Gerechtigkeit es will, kommt just in dem Moment in voller Fahrt ein Güterzug durchgerauscht. Der Lokführer prüft grade den Kesseldruck, er bekommt gar nichts mit von dem kleinen Missgeschick und schenkt dem unterschwellig oberschwelligen Rumpeln keine weitere Beachtung, da liegt öfter mal was uneben Sperriges auf den Gleisen rum, das von seiner stampfenden Lokomotive mühelos auf Schienenstrangnorm zurechtgewalzt wird. Jedenfalls erweist sich der Feigling in der Begegnung mit den mächtigen Pflugscharen und gewaltigen Rädern des eisernen Pferdes und seiner Karren als bei weitem nicht so unbesiegbar, wie er sich in seinem rasenden Gewaltrausch wohl vorgekommen sein mag, der große Held ist nicht wiederzuerkennen und liegt ganz schön flach, wirkt gewaltig niedergedrückt und ist ziemlich platt, flächendeckend ausgesät und ebenerdig eingebettet, im überfahrenen Sinne geglättet und alles in allem auf alle Fälle mal gründlich mausetot.

Und der gewissenhaft friedfertige Pilgrim gibt sich die Schuld dafür.

Ein Desperado würde so was etwas sehr viel nüchterner betrachten. Der blöde Kerl hat es doch regelrecht drauf angelegt, es kostete ihn keinerlei Überwindung, einem Wehrlosen auf dem Kopf rumzutrampeln, bis diesem auf Grund seiner Zerbrechlichkeit die Seele aus den Trümmern geschlüpft wäre, nun hat die Dampflok dem Irrsinnigen auf ihre unverwechselbare Weise klar gemacht, dass auch sein hohler Holzkopf nicht aus Stahl gegossen ist. Und es war ja schließlich keine Absicht, den gefährlichen Trottel dieser Belastungsprobe zu unterziehen, es ging vielmehr darum, einen Todgeweihten vor seiner Mordlust zu retten, also bei objektiver Betrachtung um eine gute Tat. Die sich dann zugegebenermaßen etwas unglücklich entwickelt hat und dumm gelaufen ist. Oder auch nicht, je nachdem und Ansichtssache. Sogar der Sheriff sieht die Sache so, der meint sogar brummig, um diesen Hornochsen sei es bei Gott nicht schade, er hätte ihn vermutlich einfach umgelegt, so aber habe sich das Ganze auf wesentlich reibungslosere Weise und quasi per Gottesurteil erledigt. Auch ich kann in Engelszungen reden, der Pilgrim weicht kein Stück davon ab, sich mit schwerer Schuld beladen zu haben, weil er da ein Menschenleben ausgelöscht hat, und zermartert sich in Reue, Schuldzuweisung und erbarmungsloser Selbstbestrafung.

Bis er sich in seiner Seelennot zu einer Wallfahrt nach Jerusalem entschließt. Und völlig verändert zurückkommt.

Die Landschaft im heiligen Land sei nicht recht viel anders als die im Südwesten, erzählt er, auch dort gibt es nur Wüste und Einöde mit Städten und Dörfern an Wasserlöchern, Flüssen und Seen. Die ineinander verschachtelten und aufeinander gebauten Häuser ähneln den Pueblos der Hopi, die herrlichen Pferde seiner Bewohner tänzeln wie Gabelböcke, ansonsten reiten sie auf höckrigen Wüstenschiffen, den Kamelen, auf deren Rücken kühne Krummsäbelkrieger ihre zeitweiligen Stammesfehden austragen, oder auf Eseln und Maultieren durch die karge Gegend, sie haben ihre Häuptlinge, ihren Ältestenrat und ihre geschlossenen Männer- und Frauenbünde gleich den Stämmen der Prärie.

Statt Kühen weiden die Einheimischen vorwiegend Schafe und Ziegen, und anstelle eines Hutes tragen sie eine Art Schleier auf dem Schädel, bisweilen - wie von vielen Seminolen, Cherokee, Creek, Sauk, Seneca, Irokesen, mitunter auch Navajo und Apache - zum Turban gerollt, um sich vor der sengenden Hitze zu schützen. Die Männer laufen in Frauenkleidern und Sandalen rum, dafür haben alle einen Vollbart im braunen Gesicht, die Frauen hingegen sind - bedauerlicherweise - vom Scheitel bis zur Sohle vermummt und selten auf den Straßen anzutreffen. Was der Pilgrim sehr traurig findet, weil Gott die Weiber des Wüstenvolkes mit besonderer Schönheit gesegnet hat. Kinder gäbe es überall zuhauf, die Buben werden bevorzugt und die Mädels benachteiligt, aber so fremdartig anders als hierzulande erscheint das dem Pilger bei weitem nicht.

Die Gläubigen beten voneinander getrennt in runden Kirchen mit Mondsichel auf dem Dach, umringt von dünnen spitzen Türmen, aus denen sie kein Glockengeläut zum Gebet ruft, sondern ihr Priester, indem er lauthals von der Zinne herunterschreit - naja, meint er milde lächelnd, es soll wohl so was wie Gesang sein -, beim Beten knien die Männer nieder, verbeugen sich tief und werfen sich mehrmals der Länge nach auf den Boden, immer in Richtung Mekka, ihrem großen Heiligtum, ihre Frauen allerdings dürfen den Gottesdiensten nur im Eingangsbereich ihrer Moscheen oder Mezquitas, ausgesperrt durch ein feinmaschiges Gitter spähend, beiwohnen, da läuft was ganz schön verquer und liegt voll im Argen, schlimmer noch als bei den katholischen Mexicanos.

Vieles andere mehr weiß der Pilgrim lebendig zu berichten aus der geheimnisvollen und fremdartigen Welt des Orients, vor allem aber hat seine Reise ihren eigentlich Zweck erfüllt - der Gepeinigte hat seinen Seelenfrieden wiedergefunden. Der Allmächtige habe ihm seine Schuld vergeben und dem verzweifelten Sucher ein neues Leben geschenkt. Und zwar nicht wie man vermuten möchte bei einem seiner Besuche der zahlreichen heiligen Stätten christlicher Tradition - von der Wiege bis zum Grab seines Heilands - sondern durch die Begegnung mit einem verrückten Sonderling, der in einem orthodoxen Kloster als Pförtner sein bescheidenes Brot verdient. Der nämlich hat ihm eine lange Geschichte erzählt, die ihm seine Vorfahren überliefert haben und die alles in allem ziemlich unglaublich klingt.

Jerusalem selbst ist ein unübersichtlicher undurchschaubarer Schmelztiegel verschiedener Völker und Religionen.

Den Großteil bilden die Araber, aber ebenso wenig wie den Indianer gibt es den Araber als solchen, so dass auch unter ihnen ein babylonisches Sprachengewirr herrscht. Was sie verbindet ist die Jüngerschaft ihres großen Propheten Mohammed, des Pferdeliebhabers und begabten Züchters, vermählt mit drei Frauen nach Art der Mormonen, der eines Tages die Berufung verspürte, eine neue Religion zu gründen, sicher auch um die zersplitterten arabischen Volksstämme zu vereinen. Die Korangläubigen haben jedenfalls eine goldene Kuppel auf dem Tempelberg errichtet, die weithin in der Sonne glänzt, als hoffe sie auf die weiterhin ausstehende Erleuchtung der Welt.

Außerdem gibt es einige jüdische Gemeinden, die sich durch die Jahrhunderte - niemand kann genau sagen wie - erhalten haben und emsig beflissen dabei sind, eine uralte Mauer Quader für Stein auszugraben und freizulegen, die von ihnen als Rest des einstig prächtigen salomonischen Tempels verehrt wird, den die alten Römer vormals dem Erdboden gleichgemacht haben. Die rätselhaften Semiten und Nachfahren von Old Moses unterscheiden sich vom Rest der Bevölkerung nicht allein dadurch, dass ihr Volk bereits im Kindesalter über mehr Bildung und Wissen verfügt als die meisten Nordamerikaner als Erwachsene von sich behaupten können.

Und schließlich sind da noch die Anhänger des Mannes aus Nazaret, denen auf dem Weg der Infiltration gelungen ist, was die Heere der Kreuzritter nicht vermochten, durch Klostergründungen rissen sie sich nach und nach die heiligen Stätten ihres Glaubens unter den Nagel, allen voran die Grabeskirche, und betreuen seitdem recht einträglich die Pilgerströme aus aller Welt. Die Vertreter der orthodoxen Ostkirchen rivalisieren diesbezüglich mit denen der römischkatholischen, neuerdings wachsen auch Kolonien protestantischer Freikirchen aus dem geschichtsträchtigen Boden, von Erweckungspredigern aus allen Teilen der alten Welt ins heilige Land geführt, um dort... ja was eigentlich genau? Jedenfalls sind sie recht rege, kümmern sich um Kranke, gründen Hospize und Waisenhäuser und halten sich wacker.

So lange sich die goldene Kuppel, die alte Mauer und die Grabeskirche in friedlicher Eintracht ins Bild der Stadt fügen, ist im Grunde nichts gegen eins der Heiligtümer einzuwenden, jedem das seine und ansonsten möglichst alle gemeinsam, wenn’s irgendwie geht. Nur leider beanspruchen alle drei für sich, die alleinige Wahrheit gepachtet zu haben, was den jeweils andern beiden das empörte Gefühl vermittelt der Lüge bezichtigt zu werden, was nur bedeuten kann, dass die jeweils andern beiden sich irren sprich einem Irrglauben aufgesessen sind, und das ist in der Tat eine überaus leidige Angelegenheit, die wohl noch sehr lange für mächtig Zwietracht und Zank sorgen wird, da so gesehen alle drei Parteien jederzeit sowohl als Rechtgläubige auftreten als auch als Irrgläubige abgetan werden können.

Wie dem auch sei, in dem hageren von der Sonne gegerbten Pförtner mit den dichten schwarzen Haaren und einem noch dichteren Bart, der die Ankömmlinge mit stechend dunklen Augen mustert, kann niemand mehr den gebildeten bleichen Franzosen erkennen, als der er einst in geheimer Mission in Jerusalem angekommen ist und nach vorübergehender geistiger Verwirrung vor Ort geblieben. Des Englischen nebst anderer Sprachen mächtig freundet er sich mit meinem Pilger an und erzählt ihm seine ungewöhnliche Geschichte, in der sich alles um ein geheimnisumwittertes Stück Stoff dreht. Der Franzose nun ist ein direkter Nachfahre der legendären Tempelritter, die einst das Schwert gegen den Taler vertauschten und durch regen Handel mit den Sarazenen zu angeblich unermesslichem Reichtum gelangten, ehe die Kirchenfürsten sie als Bedrohung erachteten und kurzerhand ausrotten ließen.

Sehr viel später, nämlich jüngst, hat ein verkrachter Vetter des Franzosen der Kirche gegen sattes Geld ein uraltes Stück Leinen verkauft, das aus dem verlorengegangenen Schatz der Templer stammt und von seiner Familie seit Generationen in ihren Landsitzen und Schlössern aufbewahrt wurde. Wie es letztlich in den Besitz der Adelssippe gekommen ist, weiß niemand mehr so genau zu sagen, jedenfalls scheint es von unschätzbarem Wert für die Kirchenoberen, die ein Vermögen dafür flüssig machen. Was dem Linnen allerdings fehlt, ist der Echtheitsbeweis, und um diesen zu erbringen und die Spur des Mandylion, wie der Franzose es ehrfürchtig nennt, zurückzuverfolgen, schickt man den Guten nach Jerusalem zum Ursprung seiner Herkunft.

Der gescheite Mann ist überaus emsig und tatkräftig, er schafft es sogar bis in den Palast des Sultans von Konstantinopel, heute Istanbul, oder besser in den Dunstkreis dessen, was von der erloschenen Dynastie noch übrig ist, um einen abgeblätterten gusseisernen Schaukasten einer gründlichen Untersuchung unterziehen zu können, in dem das Leintuch laut Überlieferung, im sakralen Bereich der Palastanlagen und über Jahrhunderte, ausgestellt und von Gläubigen, Andersgläubigen, Irrgläubigen und Ungläubigen gleichermaßen hochverehrt wurde, genauer gesagt der wesentliche Teil davon, der für seine Bewunderer sichtbar gemacht präsentiert wurde, nämlich das abgebildete Gesicht darauf, bis das ganze Leintuch infolge erneuter Kriegswirren für lange Zeit spurlos verschwand. Und siehe da, die Maße des Schaukastens stimmen auf den Zentimeter genau mit dem sichtbar erhaltenen Faltenwurf auf dem Linnen überein, so wie er dessen Präsentation durch ein kleines Schaufenster auf eben diese Weise ermöglichte, was dem Agnostiker von Franzosen gehörig zu denken gibt.

Er stöbert fieberhaft in alten Schriften und stößt tatsächlich auf die Chronik eines Sultans, der das Leinen von den aus Jerusalem geflüchteten sogenannten Nazarenern überreicht bekam, sozusagen auf Leihbasis, wenn er ihnen dafür Religionsfreiheit gewährleisten würde und sie vor etwaigen Feinden und überall anzutreffenden Verfolgern in Schutz nehmen. Was der friedliebend aufgeschlossene Sultan und seine Nachfolger tatsächlich tun, ein für ihre Zeit geradezu ungeheuerlicher Freiheitsbegriff, der die offenbar gewaltige Bedeutung des Stoffes beeindruckend unterstreicht.

Natürlich wird Istantinopel in der Folgezeit zurückerobert, wieder zurückerobert und erneut zurückerobert, jedenfalls verliert sich der Weg des Linnens im Laufe einer der Rückrückrückeroberungen, lediglich Aufzeichnungen kann der Franzose ausgraben, in dem von seiner Verwahrung an einem sicheren geheimen Ort gesprochen wird, wo es gut verpackt und zusammengerollt wiederholte Eroberungenungen überstehen konnte. Und hier, so der Pilgrim weiter in seiner Wiedergabe der Erzählung des Frenchman, schließt sich für den Forschungsreisenden der Kreis, alles deckt sich mit den bisherigen Ergebnissen, wie man sie aus der Chronik der Tempelritter kennt, was den gelehrten Mann derart aufwühlt, dass er etwas außer sich gerät und eine Zeit lang als heruntergekommener Bettler durch Jerusalems Straßen irrt, bis sich die orthodoxen Mönche seiner erbarmen und annehmen.

Denn Kreuzritter sind es, die zufällig in einer Nische der alten mal wieder erstürmten und entsprechend in Mitleidenschaft gezogenen Stadtmauer der erneut in Konstantinopel umgetauften heißumkämpften Stadt ein altes Linnen entdecken, das dort offenbar über einen sehr langen Zeitraum nicht allein gut versteckt hinter einem Mauerstein, sondern trocken und sehr fachmännisch aufbewahrt wurde, um so für die Nachwelt erhalten zu bleiben. Die Wiederauffindung ist eine riesige Sensation, und im ganzen byzantinischen Reich werden Kopien und Skizzen des verschwommenen Gesichtsabdruckes auf dem Leinentuch verbreitet und detailgetreu auf die prächtigen Mosaiken in ihren Kirchen übertragen, das beeindruckende Antlitz eines Mannes voller Ausstrahlung mit langem gewelltem Haar, markanter Nase und edlem Vollbart ziert die Kuppeln der berühmten Basiliken. Bis hin zu den ungleichen Wangenknochen, der leicht asymetrisch verschobenen Nase, der vollen Unterlippe, den verschieden dicken Augenbrauenwülsten und einer geringelten Locke auf der Stirn sind alle Darstellungen jener Epoche das haargenaue Abbild des geheimnisvollen Mannes auf dem Linnen.

Ich kann dem Pilgrim immer noch nicht folgen, wovon genau er hier eigentlich spricht, erst recht nicht als er anfügt, dass die Haarlocke sich bei genauer Untersuchung als geronnener Blutstrom herausstellt, der aus der zerstochenen Stirn des Abgebildeten gesickert ist, die rechte Wange sichtbar angeschwollen, zumindest der Knorpel der Nase gebrochen, die Augenbrauen unterschiedlich stark aufgeplatzt und die Lippen ebenso geschwollen seien. In der Folge jedenfalls wechselt das geheimnisumwitterte Linnen öfter mal seinen Besitzer, wird in Klöstern und Landgütern aufbewahrt, verbrennt ein paar mal um ein Haar im geschmolzenen Sarkophag, wird wieder und wieder geflickt, genäht und ausgebessert, durch eingewebtes Laken verstärkt und schließlich den Templern zum Verhängnis, da diese laut Anklage der Inquisition abgöttisch das Abbild eines bärtigen Mannes verehren sollen. Worauf es für lange Zeit unauffindbar in Frankreichs Adelshäusern verschwindet.

So in etwa ungefähr die verwirrende Erzählung des Pilgrims oder die meiner Wiedergabe seiner Wiedergabe einer Schilderung von jemandem, den ich nie im Leben gesehen habe, es handelt sich ja doch um eine ganze Menge Stoff, im wahrsten Sinne des Wortes sozusagen.

Der verrückte Franzose erzählt dem Pilgrim noch weitere erstaunliche Dinge über das Linnen, auf dem detailgetreu und anatomisch atemberaubend ein gekreuzigter Leichnam abgebildet ist, dessen geheimnisvoll entstandener Abdruck laut der vorausschauenden Begabung des Forschers durch die Mittel der Photographie eine sensationelle und weltbewegende Veränderung durchmachen wird, wie er nicht müde wird zu versichern.

Selbst die Spuren einer Geißelung seien deutlich darauf zu erkennen, der überwältigend originalgetreue Abdruck dieser römischen Folterinstrumente aus der Zeit des Nazoräers, wie man sie andernorts ausgegraben hat, von Pollensamen aus der Gegend um Jerusalem, die um diese Zeit dort herumflogen und es seitdem nie mehr taten ist die Rede, von einer seltenen Webart, wie sie nur in diesen Tagen üblich war, von der hohen Qualität der Arbeit, die auf einen vermögenden Besitzer aus der damaligen Priesterklasse verweist. Dass die Blutspuren der zahlreichen Stich- und Risswunden am Kopf, der Durchbohrungen an Händen und Füßen oder genauer Handwurzeln und Fußwurzeln, was bis dahin kein Mensch wusste, und insbesondere der präzise nach römisch militärischer Art gesetzten Stichwunde am Herzen menschliches Blut einer seltenen Blutgruppe sind und der Ausfluss der letzteren verwässerte Spuren aufweist, die Herzwunde also post mortem beigebracht worden sein muss.

Dass oft und öfter auf jede erdenkliche Weise versucht wurde, einen ähnlichen Abdruck anderweitig herzustellen - erst jüngst recht spektakulär mit Hilfe eines Spiegels und der raffinierten Anwendung von Hitze und Sonnenlicht, ausgeführt nach den Skizzen eines genialen Künstlers und Erfinders des späten Mittelalters - mit kläglichen ja schlicht peinlich beschämenden Ergebnissen, die nicht einmal ansatzweise an die bizarre und unheimlich naturgetreue Schönheit des Originals heranreichen können. Dennoch oder grade deshalb sei er, der Franzose, von einer „physikalischen“ - was immer das heißen mag - Ursache der Wiedergabe überzeugt, wie sie eben nur durch die geringfügige Versengung eines überhitzten leblosen Körpers unmittelbar nach Eintritt des qualvollen Todes in der schweren Luft eines kühlen geschlossenen Raumes entstehen und so das naturgetreue Abbild eines zu Tode Gemarterten ergeben könne, der in Eile beigesetzt in der Vertiefung einer steinernen Grabmulde auf eine Hälfte des Tuches gebettet wurde, die andere Hälfte des Linnens wie ein Sargdeckel über den glühenden Leichnam gebreitet genauer gespannt.

Stellt sich nur die nicht ganz unberechtigte Frage, wer sich denn freiwillig für einen derart beweiskräftigen Versuch zur Verfügung stellen will.

Eines Tages, so der hochgebildete Pförtner laut Aussage des Pilgrims weiter, wird die Wissenschaft mit Sicherheit eine Möglichkeit finden, das wirkliche Alter des Tuches festzustellen, ihre Verfechter werden dafür ein kleines Stück Stoff aus seinem Rand schneiden, was nur bedeuten kann, dass sie mit ihren Zahlenwerten irgendwo in der Mitte zwischen dem wahren Gestern und heute landen werden, so oft und auf wie vielfältige Weise das Linnen zum Zwecke seiner Erhaltung im Lauf der Jahrhunderte überarbeitet wurde, erheblich verstaubt und verrußt wie es zudem ist, noch dazu da große Hitze jede Spur von Alterung auf bisher unerklärliche Weise drastisch verjüngen würde... doch um sein wahres Alter bestimmen zu können, müssten die Forscher ein unverfälschtes Stück aus dem sehr gut erhaltenen Abbild entnehmen, und das, so meinte der Franzose beschwörend, das dürfe niemals und um nichts auf der Welt geschehen.

Tja, was soll ein Desperado nun groß sagen dazu?

Die Auferstehung beweist so ein Stück Leinen sowieso nicht, immerhin aber belegt es die wirkliche Existenz des Mannes aus Nazaret und seine überlieferte Todesart, was das Tuch so gesehen einzigartig und kostbar macht ganz ohne Zweifel. Ebenso wenig spricht etwas dagegen, dass die Anhänger Jesus’ das Stück schwerwiegenden Stoffes sorgfältig aufbewahrt und von Generation zu Generation weitergegeben haben, nachdem sich nach einigen Tagen oder vielleicht Wochen auf wundersame Weise das Abbild ihres geliebten Rabbi darauf abgezeichnet hatte.

Immerhin hat der Gedanke oder vielmehr Glaube an seine mögliche Echtheit dem zweifelnd verzweifelten Pilgrim seinen Seelenfrieden zurückgegeben, also so ganz ohne kann das Objekt seiner Verehrung nicht sein. Seine daraus gewonnene Einsicht hat in der Tat etwas Befreiendes. Die römische Gerichtsbarkeit habe keine Skrupel gehabt, einem erwiesenermaßen Unschuldigen das Alles anzutun und sich weiter keinen Kopf drüber gemacht, die jüdische Priesterklasse habe den schändlichen Justizmord regelrecht eingefordert, wegen Gotteslästerung so diese Richtung, und sich sogar noch vollends im Recht gefühlt dabei, also konnten laut Pilgrim weder das römische Reich noch das damalige Judentum was taugen, beide waren überholt und hatten sich überlebt. Um das aufzuzeigen, genügte der Tod eines einzelnen Mannes. Und es würde immer und zu allen Zeiten genügen und überall, weil die Unschuld zum Tode verurteilt und die Gerechtigkeit ermordet wird, wann und wo immer sie auftauchen. Auch hierzulande und heute. Womit er einfach nur die Wahrheit spricht, der Pilgrim.

Vielleicht sollte ich mit dem Pilger zusammen eine neue Religion gründen, den Orden der Grabtuchritter oder so, Aufnahme nur über leibhaftige Kreuzigung möglich, das wäre wenigstens mal was radikal Überzeugendes, aber schon so manches, was da mit bestem Wissen und gutem Willen gestiftet wurde, ist ordentlich stiften gegangen.

Und außerdem - wofür, weswegen und wozu? Um auf den Wellen des Mississippi wandeln zu können?

Hinüber in die Stadt mit jenem Haus, das sie „die aufgehende Sonne“ nennen, in dem du deine Seele zu Grunde richten kannst, wie viele andere vor dir es schon getan haben, in der sich Mütter ihre Finger wund nähen in den Blue Jeans Schneidereien, um ihren Töchtern dieses Schicksal zu ersparen, doch all ihre Plackerei ist vergebens, weil ihre Männer, diese Trunkenbolde und Spieler, jeden vom Munde abgesparten lausigen Dollar versaufen und verzocken, um sich irgendwann aus dem Staub zu machen und auf dem Koffer zu leben? Das betäubende und verwirrende New Orleans mit seinen Spielhöllen und Edelbordellen und Prachtsaloons und Nobelkneipen, in der du lange nach einer halbwegs brauchbaren Spelunke suchen musst, in deren verrauchtem Halbdunkel ein müder Desperado dennoch seine liebe Mühe hat, sich in Ruhe ein Bierchen gönnen zu können.

 Sprung  
________________________________________

"Ich bin völlig anderer Meinung als Sie. Aber ich werde mein Leben dafür einsetzen,
dass Sie sie sagen dürfen!" (Voltaire)

"Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!" (Immanuel Kant)

________________________________________

=> "Die Ewigkeit gibt es ohne Gott!"

... Platz für Verlinkungsaustausche ...

VORSICHT! Vertrauensunwürdige Werbung!

Xobor Erstelle ein eigenes Forum mit Xobor