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Atheismus vs. Religionen  

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 Lagerhalle
Desperado ( gelöscht )
Beiträge:

10.03.2017 17:04
Seelenfänger antworten

Seelenfänger

Das ist für mich der Knackpunkt, was den Glauben anbelangt, niemand versuche mir den seinen anzudrehen oder aufzuschwätzen. Jeder glaube, was er will, was ihn glücklich macht und womit er sich im Einklang befindet, weder geht mich das was an noch steht mir ein Urteil drüber zu, glaubt er aber, mir deswegen irgendwas vorschreiben oder mich „bekehren“ zu müssen, aus Nächstenliebe und um meines Seelenheiles Willen versteht sich, sollte er sich besser mal um sein eigenes Sorgen machen, da er es offenbar nötig hat, seinen Glauben zu verhökern, um sich selbst freizukaufen.

Richtige Seelenfänger sind ein ganz anderes Kaliber.

Entwurzle einen Menschen und lass ihn ein Weilchen in der Dürre zappeln, dann springt er freiwillig in deinen Blumentopf und gehört dir. Das ist die bewährte Vorgehensweise von Seelenfängern. Mögen die Blüten noch so merkwürdig sein, die sie hervorbringen, diese fleischfressenden Pflanzen finden immer genug Opfer, die unwiderstehlich von ihrem Duft angelockt werden und in die tödliche Falle gehen. Ein bisschen Animismus und Urreligion der Indios vermischt mit der Botschaft der Missionare, alles in den berauschenden Wurzelsud geträufelt, und fertig ist die brandneue Heilslehre.

Der Messias als Wurzelsepp.

So unglaublich es auch klingen mag, diesen Haufen Abgedrehter gibt es wirklich, die Zahl ihrer Mitbefallenen wächst stetig. Das sollte mich eigentlich beunruhigen, aber bis auf einen tragischen Einzelfall geht es mir am Sattelbaum vorbei. Obwohl ich glaube, dass die Entwurzelung aus dem Lebensgrund hier bereits vor der Entwurzelung durch die Seelenfänger stattgefunden haben muss, sonst wäre eine derart aberwitzige Tragödie gar nicht möglich gewesen.

Ey, komm ans Fenster, Babe, das musst du dir anschaun, da spielt ne Band den Dixie, siehst du den Typen mit den ausgestreckten Händen, könnte der Bürgermeister sein oder der örtliche Reverend, hab gehört, dass Satan manchmal als Mann des Friedens auftritt. Der ist nicht auf den Mund gefallen und spricht in wohlgesetzten Worten, kennt jedes Liebeslied, das je gesungen wurde, hinter den besten Absichten kann sich das Böse verbergen, auf seinen schmierigen Händedruck darfst du nichts geben, manchmal kommt Satan als Friedensbringer daher, hab ich mal wo gehört.

Erst hält er sich im Hintergrund, dann schiebt er sich unauffällig ganz nach vorn, seine Augen funkeln wie bei einer Kaninchenjagd, niemand kann ihn durchschauen, nicht einmal der Sheriff, keiner kommt ihm auf die Schliche, hab gehört, dass Satan mitunter als Friedensstifter ankommt. Er schnappt dich, wenn du auf einen Sonnenstrahl hoffst, hat dich am Kragen, wenn dir deine Sorgen auf den Schultern drücken wie eine Tonnenlast, er steht direkt neben dir, der Typ, den du als letzten bemerkst, manchmal, hört man, kommt Satan als Mann des Friedens daher.

Er kann faszinieren und langweilen, schießt die Niagarafälle runter im Fass deines Schädels, mich kitzelt was in der Nase, da gibt's einen Festschmaus, weißt du, manchmal kommt Satan an als Friedensbringer. Er ist sehr mitmenschlich, ein großer Menschenfreund, er weiß genau, wie er dich nehmen muss und was dich rührt, Schätzchen, wie du am liebsten geküsst werden willst, er schließt dich in die Arme, umschlingt dich mit allen beiden und du spürst die zärtliche Berührung der Bestie, man hört, dass Satan bisweilen als Mann des Friedens rüberkommt.

Der Wolf wird heulen diese Nacht und die Klapperschlange herumkriechen, Bäume, die seit tausend Jahren standen, werden auf einen Schlag gefällt, du möchtest heiraten, tu es jetzt, morgen schon bist du aus dem Rennen, Satan kommt, wie man hört, manchmal als Friedensbringer vorbei. Irgendwo weint eine Mama um ihren blauäugigen Sohn, seine weißen Schühchen und seine zerbrochenen Spielsachen in Händen, er folgt jetzt einem Stern, dem selben wie einst die drei Weisen aus dem Morgenland, ich hab gehört, dass Satan manchmal als Mann des Friedens daherkommt.

Ist ja auch einleuchtend. Wenn er da ankäme mit einem lockeren „Hallo, mein Name ist Satan und ich bin scharf auf deine Seele“, wer würde ihm da schon groß auf den Leim gehen? Drum verspricht er dir eben den Himmel auf Erden, und eh du dich's versiehst, brätst du in Teufels Küche.

Der Wurzelsepp wohnt mit seiner Frau in der Einöde am Waldrand.

Ein kolossaler Schäferhund mit der Seele eines Schäfchens bewacht das alte Häuschen, begrüßt Fremde und Freunde mit der selben Begeisterung, ein paar Katzen schleichen in den Wiesen herum oder belagern mondän die heimelige Stube, Hühner scharren gluckernd im Sand, ein stolzer Hahn bewacht ihre beschauliche Ruhe, ein paar Häschen knabbern in ihrem Freilauf an frischen Grashalmen, zwei Ziegen kommen neugierig gelaufen, als sich der einsame Reiter der Idylle nähert. Im Innern des Hauses überraschen den Besucher allerlei kunstvolle Schnitzereien, ausgeklügelte Schränke und verschachtelte Kommoden, runde Köpfe lachen ihm entgegen am Geländer der Treppe, die zu seiner beschaulichen Gästekammer hinaufführt. Ein selbst gebauter Kachelofen bummert behaglich im Erdgeschoss, die steinernen Wände sind mit Holz vertäfelt und geben dem Zuhause Wärme und Gemütlichkeit. Wahrlich ein Ort, um ein ruhiges, glückliches Leben führen zu können. Noch dazu, wenn man wie die Zwei aus der großen City kommt und den Grundstock einer ersparten Versorgung mitgebracht hat.

Und doch ist der Hausherr der ruhelosen Meinung, irgendetwas würde fehlen in seinem Leben, eine geistige Mitte, eine spirituelle Basis, auf deren Feste er sein Dasein meistern, gestalten und mit Inhalt füllen kann. Mir ist das zu hoch, der ich auf seiner Veranda zu einem kühlen Bierchen die Abendstimmung genieße und das Schwarzwedel-Rudel beobachte, den stolz geweihten Hirsch, seine Hindinnen und deren Kälber, die zum Äsen aus dem Wald auf die saftige Wiese geschritten oder gehüpft kommen, die sich am Hang unter dem Häuschen bis zum Wald hin erstreckt. "Was willst du denn noch?", frag ich verwundert, "du lebst doch bereits im Paradies". Anderen weniger anspruchslosen Zeitgenossen als einem einfältigen Desperado scheint seine Grübelei hingegen herzlich willkommen zu sein, seine grundlose Unzufriedenheit kommt ihrem Ansinnen entgegen. Darauf haben sie gewartet, ja gerade auf ihn und seine Sinnsuche, und die Antwort hätten sie ihm auch gleich anzubieten. Seelenfänger wie diese ziehen quer durchs Land, unermüdlich auf der Suche nach Menschen, wie er einer ist, Unglückselige, die nicht die Fähigkeit besitzen, ihr Glück zu erkennen geschweige denn zu genießen.

Ich hab den Namen dieser Splitterkirche, Religionsgemeinschaft, Sekte oder was immer es sein soll, deren falsche Apostel aus dem Süden Perus oder Chiles herauf gewandert sind, vergessen, das Ganze sollte wohl an Diamant angelehnt sein, klang jedoch irgendwie nach Santa Demon, und ich habe sie fürchten gelernt. Ihre Erleuchtung ist recht gegenständlicher Art. Sie verbirgt sich in einer Wurzel, wer diese zu sich nimmt, sprich auf ihr herumkaut und den bitteren Saft hinunter würgt, kommt auf direktem Wege schnurstracks in die jenseitige Welt, oder gerät zumindest in deren diesseitige Ausläufer. Ihr Wurzelsud ist von etwas gewichtigerem Gehalt als zum Beispiel das harmlose Payute der Comanche und Kiowa, das diese in ihrer neugegründeten Religion als Hilfsmittel anwenden auf der Suche nach Visionen. Die mittels des Zaubertranks aus dem Dschungel schlagartig Entwurzelten fallen reihenweise um, heulen los wie Schlosshunde oder verlieren sogar vorübergehend das Bewusstsein. Kaum aber liegen die Abgeschossenen auf welche Weise auch immer flach, finden sie sich flugs von einem Pulk von Sektierern umzingelt, die den völlig Verwirrten das Gefühl geben, sie „aufzufangen“, und außer sich geraten wie die Armen nun mal sind, liefern sie sich diesen bedingungslos aus.

Als nun die Seelenfänger, die ich selbst nie zu Gesicht bekomme oder besser deren keiner mir je unter die Augen gekommen ist, im nahen Village der Einöde Quartier beziehen, ist der Zweisiedler gern gesehener Stammgast bei ihnen. Dem Bürgermeister, dessen ebenso ergriffene Gattin nach der Erweiterung ihres Bewusstseins seine Allmacht in Frage zu stellen scheint, gefällt deren Erweckung ganz und gar nicht, und er beschließt, die Wurzelbestände kurzerhand zu beschlagnahmen. Und so landet die Wunderdroge bei meinem Sinnsucher und seiner Frau, die inzwischen ins Vertrauen gezogen und als würdig befunden wurden, sie vor dem Zugriff des Sheriffs in ihrer Einöde zu verstecken. Da sitzt er nun, der Ruhelose, und betrachtet vertieft die Wurzelsammlung. Und je länger er darüber nachdenkt, desto mehr kommt er zu dem Schluss, dass in diesen Knollen die Antwort auf alle seine Fragen zu finden sein muss. Da bereits der Verzehr einer einzigen von ihnen wie ein Lichtblitz in seinen verdüsterten Hirnkasten geschossen kam, kann die Zuführung einer weiteren die Erleuchtung eigentlich nur steigern, ja bei genauer Betrachtung ist es folgerichtig logisch, dass durch die Aufnahme des gesamten Wurzelpakets die absolute Erkenntnis herbeigeführt wird. Was seiner gefundenen Diamantendämonkirche nur förderlich sein und zugute kommen kann. Mit ihm als geistigem Oberhaupt oder zumindest in den Kreis der Erwählten Aufgenommenen.

Gedacht, getan.

Als es seiner Frau nach einigen Tagen gelingt, ihn wenigstens soweit auf den Boden zurückzuholen, dass er seine Flugversuche einstellt, hat der Arme seinen Verstand verloren. Seine bisher einfallsreichen handwerklichen Fähigkeiten verwandeln sich in den folgenden Monaten derart ins vollkommen Unsinnige, dass er zum Beispiel den Boden des Schuppens in mühseliger Plackerei ausschaufelt, bis die freigelegten Stützbalken an den Ecken der tiefen Grube nur noch auf dem Fundament gestapelter Steintürme wackeln, während sich über ihnen im Heuboden der Unrat stapelt, schwere eiserne Maschinenteile, die er eigens per Leiter dort hinaufgeschleppt und verstaut hat. Der Schuppen muss sich absenken, wie er betont, frag nicht wieso und basta, ich frage schon länger nichts mehr. Er träumt davon, den Hühnerstall auf einer Art Drehscheibe zu postieren, wie unter den Karussells auf den Jahrmärkten, um sich und den Hühnern umständliche Wege zu ersparen, indem er das Häuschen um und um drehen kann nach Belieben, zimmert ein großräumiges Glashaus, das er mit bunten Farbsplittern dekoriert und nie zu Ende bringt, weil sich der Boden darunter schief und krumm nach unten neigt und die Glaswände großenteils über dem Fundament schweben, während das Wasserrohr im Keller, seit Monaten nicht geflickt, unermüdlich vor sich hin tropft.

Und dergleichen mehr, was keinen rechten Sinn macht, Unsummen an Geld verschlingt und nie zur Fertigstellung gelangt, da er sich mitten in den Bauarbeiten bereits in ein weiteres nicht minder aberwitziges Vorhaben stürzt. Seine verzweifelte und gnadenlos überforderte Frau, die ihn mit aller Kraft zur Vernunft bringen will ohne den kleinsten Erfolg, gibt schließlich auf, packt ihr Bündel und zieht zurück in die Stadt zu ihren alten Eltern. Mit dem kleinen Unterschied, dass ich ihn nicht kurz davor erschlagen hab, halt ich's mit dem guten alten Kain, der da fragte „bin ich denn der Hüter meines Bruders?“

Als ich, nachdem ich zu meiner Beschämung mein Heil in der Flucht gesucht hatte, den Verwirrten nach einiger Zeit mal wieder besuche, hat sich das Paradies in eine Hölle verwandelt, das Haus in eine Müllhalde und der lauschige Hof in eine verwüstete Baustelle. Ein einziges Durcheinander von schmutzigen Werkzeugen aller Art und Größe, Berge ungewaschener Klamotten, ein Haufen Dreck und Unrat, wohin ich auch zu fliehen versuche, und den Kugelköpfen am Treppengeländer ist das Lachen gründlich vergangen. Die Ziegen sind verscherbelt und verschwunden, die Hühner hat der Fuchs geholt, die Hasen sind im Wald abgetaucht, die Katzenhorde verwildert, allein sein großer Schäferhund liegt schicksalsergeben und treu bis in den Tod auf einer der wenigen freien Flächen und schaut mich mit flehenden Augen an. Ihm hat es mein irrsinnig gewordener Freund wohl zuallererst zu verdanken, dass ich den Widerspenstigen am Kragen packe, ohne auf seinen Protest zu achten auf mein Pferd setze und den Murrenden auf schnellstem Wege in die Irrenanstalt der City befördere, wo er von den Ärzten flüchtig untersucht und auf deren Geheiß von den bereitstehenden Wärtern unverzüglich verräumt wird. Danach suche ich das Postamt auf und telegraphiere seiner Frau, die den verwaisten Hund zu sich holt, ebenso die Katzen, zumindest diejenigen, die sich noch und nur mit großer Mühe einfangen lassen.

Er sitzt eine ganze Weile drin, alles in allem wohl über ein Jahr, und so richtig klar geworden im Kopf ist er nie wieder. Seine Frau ist vor Gram, Sorge, Schmerz und Kummer bald darauf schwer krank geworden und innerhalb kurzer Zeit gestorben, ihr entwurzelter Mann sitzt bis zuletzt an ihrem Krankenlager, was ich ihm hoch anrechne. Aus seiner missglückten Erleuchtung aber scheint der Gute nichts gelernt zu haben, kaum halbwegs genesen, sucht er deren quer durchs Land missionierende Verursacher wieder auf, schließt sich den Seelenfängern an und zieht bis heute mit ihnen durch die Welt.

Und wenn jetzt einer sagt, dass mir das ein unlösbares Rätsel ist, hat er recht damit.




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