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Atheismus vs. Religionen  


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Dieses Thema hat 120 Antworten
und wurde 5.476 mal aufgerufen
 Atheismus/Agnostizismus
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Desperado ( gelöscht )
Beiträge:

28.03.2017 00:04
#101 RE: Leitbild: Evolutionärer Humanismus antworten

Zitat von Perquestavolta im Beitrag #99
Das einzige was man Ethnofaschisten vorwerfen kann, ist ihr Hang zur leidenschaftlich irrationalen Idealisierung von Geschichtsfälschungen und der Verklärung von Tatsachen, die, um dem Bild einen schöneren Glanz zu geben, gern oft sträflich vernachlässigt werden.

Das mag wohl sein, dazu kann ich deshalb nur wenig sagen, weil die Bücher, aus denen ich für meines geschöpft habe, zwar lebendig, aber sehr nüchtern und sachlich informativ geschrieben sind, auch von indianischen Autoren, die da am allerwenigsten Interesse haben, irgend etwas über ihre Vorfahren zu beschönigen. Sprich qualitativ profunde Quellen, die sowohl Licht als auch Schatten der indigenen Kulturen beschreiben. Aber ich weiß, dass es diese Art der Idealisierung gibt, die den Natives weder gerecht wird noch dienlich ist, weil sie an ihrer Wirklichkeit vorbeigeht und damit ihr Menschsein erneut verleugnet. Inwieweit finanzielle Aspekte hinter dieser "konventionellen" Darstellungsweise stecken, vermag ich ebenso wenig zu sagen, ich gehe aber einfach mal davon aus. Besonders gut zu sehen ist diese Kommerzialisierung an den unerträglich kitschigen Bildern vor allem von Prärieindianern (deren Häuptlinge übrigens als Einzige große Federhauben trugen, die das klassische Bild des Indianers abgeben), die sich auch im Netz großer Beliebtheit erfreuen. Um mich davon zu distanzieren, ist mir der Schwulst dieser märchenhaften Traumwelt einfach nicht wichtig genug. Die reale Welt, die von den europäischen Einwanderern auf entsetzlichste Weise ausgelöscht wurde, ist allemal gut und wertvoll genug und bedeutet einen unwiederbringlichen Verlust für die gesamte Menschheit. Hätte dieser Genozid nicht stattgefunden, hätte das Amerika von heute ein anderes Gesicht, zweifelsohne ein weniger Natur-zerstörerisches und weniger ausbeuterisch imperialistisches, das kann nüchtern und sachlich konstatiert werden. Diese Tatsache ist jedoch von Ethnofaschos und Romantikern so weit weg wie nur sein kann, weil sie im direkten Gegensatz zu diesen die gewachsene, immer wieder hart erarbeitete und stets verbesserungswürdige Kultur der Natives in das Licht (gewaltsam unterbundener) kontinuierlicher Weiterentwicklung rückt, die dieses andere Amerika gemeinsam mit den Zuwanderern erst ermöglicht hätte. Die indigenen Völker befanden sich wie alle anderen auch auf dem Weg, sie bewegten sich und veränderten sich. So gesehen ist es regelrecht zynisch, den abrupten Abbruch dieses Prozesses zum Status Quo indianischer Wirklichkeit zu zementieren, indem man seinen Stand bei Ankunft der Europäer zum Idealzustand verklärt.

Reklov Offline




Beiträge: 4.870

28.03.2017 11:04
#102 RE: Leitbild: Evolutionärer Humanismus antworten

Zitat
Die indigenen Völker befanden sich wie alle anderen auch auf dem Weg, sie bewegten sich und veränderten sich.

Desperado,

... zwar bewegen sich alle Völker, manche aber auch sehr lange nur im Kreis! -
Ich wage mal die Vermutung, dass wenn z.B. die Buren sich seinerzeit nicht nach Südafrika gewagt hätten, dieser Teil Afrikas noch immer so aussähe, wie vor deren Ankunft, auch wenn diese mit ihren Schiffen unangemeldet und unerwünscht landeten, um dieses Gebiet einfach für sich (mit Waffengewalt) in Besitz zu nehmen.
Die dortigen Eingeborenen-Stämme hielten zwar mächtig dagegen, aber der Lauf der Geschichte war nicht mehr aufzuhalten.-

Auch das Eindringen der Römer in germanische Gebiete brachte zunächst nur grausamen Krieg und erst später konnten Handel und friedlicher Kulturaustausch beginnen.
Ohne die Römer hätten z.B. die im Wald hockenden und sich immer wieder heftig bekriegenden Germanenstämme nicht die nötigen Impulse versch. Art (Landwirtschaft und Technik!) erhalten.

Das Verschleppen von afrikanischen Sklaven nach Nord- und Südamerika war zunächst auch nur von unsäglichem Leid begleitet; heute aber lebt wohl mancher Nachkomme dieser "Unglücklichen" in weit besseren Verhältnissen, als seine Vorfahren sich dies hätten je erträumen können.

Wie eine TV-Doku zeigte, machen sich manche Indianerstämme den amerikanischen way of life zunutze und betreiben in ihren Reservaten Glücksspielsäle, in denen die Weißen nun ihr Geld zuhauf liegen lassen. Das dürfen sie, denn ihr Reservat unterliegt nicht diesbezüglicher Verbote amerikanischer Gesetzesvolrlagen.

Die dortigen indianischen Betreiber leben in üppigem Wohlstand, auch wenn es natürlich eine Menge ärmlicher Reservate als Gegenbeispiele gibt.

Gruß von Reklov

Desperado ( gelöscht )
Beiträge:

28.03.2017 13:37
#103 RE: Leitbild: Evolutionärer Humanismus antworten

Zitat von Reklov im Beitrag #102
Auch das Eindringen der Römer in germanische Gebiete brachte zunächst nur grausamen Krieg und erst später konnten Handel und friedlicher Kulturaustausch beginnen.

Eines der widerwärtigsten und niederträchtigsten Bücher, Reklov, die ich je gelesen habe, vielmehr übersetzen musste, ist der Bellum Gallicum von Julius Caesar. Für mich stand schon damals fest (und völlig egal, wozu die Nazis unsere Herkunft missbraucht haben): Niemals will ich Römer sein, ich bin Kelte, Germane und Bajuware.

Bevor die Römer kamen
Städte und Stätten deutscher Urgeschichte
Rudolf Pörtner
Weltbild Verlag

Lukrez Offline




Beiträge: 5.551

28.03.2017 22:42
#104 RE: Leitbild: Evolutionärer Humanismus antworten

Der Mensch als Kulturwesen ist noch viel zu sehr in seiner Natur verhaftet und sollte oder besser muss sogar seinen Verstand gebrauchen um noch umzusteuern und überleben zu können.
Der Mensch verhält sich ganz einfach wie eine invasive Tierart und macht durch seinen Erfolg der Ausbreitung, seine gewaltige Vermehrung alles platt.
Zurück zur Natur wird uns nicht retten und ist auch gar nicht mehr möglich.
Wie aber sollen wir die Bevölkerungszahl zurückfahren?
Wir bewegen uns ganz sicher auf eine Katstrophe zu und wollen einfach nicht umsteuern.
Das lächerliche herumschrauben an Symptomen (wie es etwa auch die Grünen propagieren) wird an der Sache an sich absolut nichts ändern.
Alle Menschen wollen natürlich zurecht Wohlstand und ein gutes Leben.
Bei dieser gewaltigen Menschenzahl auf dieser Erde ist das aber inzwischen vollkommen unmöglich geworden und führt zwangsläufig in die Katastrophe.
Also führt uns doch gerade unsere Natur in den Untergang und nur eine veränderte Kultur könnte uns noch retten.

__________________________________________________
Wenn du es nicht wagst, den Sinnen zu trauen, stürzen die Pfeiler des Lebens ein.
De nihilo nihil. Aus Nichts wird nichts.
Zu soviel Unheil hat schon die Religion die Menschen verleitet.
(Lukrez)

Perquestavolta Offline



Beiträge: 4.248

28.03.2017 22:51
#105 RE: Leitbild: Evolutionärer Humanismus antworten

Zitat von Desperado im Beitrag #101
Zitat von Perquestavolta im Beitrag #99
Das einzige was man Ethnofaschisten vorwerfen kann, ist ihr Hang zur leidenschaftlich irrationalen Idealisierung von Geschichtsfälschungen und der Verklärung von Tatsachen, die, um dem Bild einen schöneren Glanz zu geben, gern oft sträflich vernachlässigt werden.

Das mag wohl sein, dazu kann ich deshalb nur wenig sagen, weil die Bücher, aus denen ich für meines geschöpft habe, zwar lebendig, aber sehr nüchtern und sachlich informativ geschrieben sind, auch von indianischen Autoren, die da am allerwenigsten Interesse haben, irgend etwas über ihre Vorfahren zu beschönigen. Sprich qualitativ profunde Quellen, die sowohl Licht als auch Schatten der indigenen Kulturen beschreiben. Aber ich weiß, dass es diese Art der Idealisierung gibt, die den Natives weder gerecht wird noch dienlich ist, weil sie an ihrer Wirklichkeit vorbeigeht und damit ihr Menschsein erneut verleugnet. Inwieweit finanzielle Aspekte hinter dieser "konventionellen" Darstellungsweise stecken, vermag ich ebenso wenig zu sagen, ich gehe aber einfach mal davon aus.
Hier gehen unsere Meinungen ziemlich auseinander. Es ist immer der Wichtel der Leidenschaften und der romantischen Emotionen, der die Geschichte fälscht. Wahrheit muss immer schön sein, auch wenn sie es gar nicht ist. Und was dann noch von der Wahrheit übrig bleibt, verarbeiten andere Romantiker.

Selbstverständlich gibt es immer wieder gute Ansätze die Geschichte möglichst neutral und nach realistischen Wahrscheinlichkeiten zu rekonstruieren, aber es sind dann immer noch reine Rekonstruktionen, die nicht auf Tatsachen selbst, sondern deren Interpretationen, Deutungen, persönlichen Ergänzungen und unvollständigen Erinnerungen aufgebaut sind. Ein besonders Wesensmerkmal des Menschen ist es nun mal, das für ihn selbst Unwesentliche, weniger Erbauliche ziemlich schnell zu vergessen, wenn damit nicht irgend ein traumatisches Erlebnis verbunden ist. Des weiteren werden Geschichten, die nirgends niedergeschrieben sind, von Erzähler zu Erzähler durch persönliche Ausschmückungen erweitert, bis die tatsächlichen Akteure der Geschichte Dinge sagen, die zu ihrer Zeit noch gar nicht erfunden waren...

Meine Überzeug ist die, dass der Mensch lieber die "Wahrheit" glaubt, in der er das Idealbild seiner Selbst Eitelkeit . Narzissmus) am schönsten wieder spiegeln kann.. selbst wenn es mit der Realität gar nichts, oder nur noch ganz am Rande zu tun hat. Ich denke, dass die "Rothäute" weder die edleren oder noch die schlechteren Steinzeitmenschen waren, als alle anderen auch. Es gab Menschenopfer - die Rolle der Frau war bei Tage die eines Lastesels, und bei Nacht eine .... dienstbare "Elchin".. man musste sich zusammenraufen um zu Überleben .. Männer waren faul, eitel, die meiste Zeit damit beschäftigt sich gegenseitig und untereinander zu imponieren.. und ihre Lieblingsbeschäftigung war die "Territorialverteidigung" gegen rivalisierende Nachbarn, deren Weiber man sich gegenseitig raubte... usw. usf..

Bezüglich "spiritueller" Naturverbundenheit, unterschied sich diese wenig von jener, die während der "Steinzeit" auch auf anderen Kontinenten in Erscheinung trat.
Man glaubte an die Geister der Ahnen, an an den Geist der Tiere, an den Geist der Erde, des Windes, des Wetters und in allem, was unvorhersehbaren Einfluss auf das Schicksal und die Befindlichkeit des Individuums und seines Anhanges (Stamm/Sippe/Familienstruktur) haben könnte.

Deswegen denke ich nicht, dass Roman-Autoren, die ja ihre Helden immer besonders unmenschlich perfektionieren, dass diese fast schon Charaktereigenschaften besitzen, die den meisten Göttern fehlen, immer nur rein wirtschaftliche Interessen bedien(t)en. So etwas muss man nämlich gerne und mit großer Leidenschaft tun. Und das Problem dabei ist natürlich, dass man seine Helden um so vollkommener darstellt, je mehr man sie niederträchtigen Halunken, erbarmungslosen und blutrünstigen Wilden und gottlos lästerlichen Barbaren gegenüberstellt. Schier übermächtig, feige, hintertückisch, unmoralisch und ständig darauf aus, irgend etwas Böses "im Schilde zu führen".. Unter diesem geliebten Anti-Ideal, hatten nicht nur die Indianer lange zu leiden, sondern auch wir Atheisten bis in unsere Gegenwart.

Wer glaubt der muss auch zweifeln können.
Wer im Glauben nicht zweifelt, ist entweder ein Kind oder ein Idiot.

SnookerRI Offline

Soul-Societist


Beiträge: 6.359

29.03.2017 07:59
#106 RE: Leitbild: Evolutionärer Humanismus antworten

Zitat von Lukrez
Also führt uns doch gerade unsere Natur in den Untergang und nur eine veränderte Kultur könnte uns noch retten.

Wie schätzt du die Chancen für diesen Wandel ein, angesichts der Zeiträume, die die Evolution für die Entwicklung beansprucht? Zudem könnte ja auch eine - von unserem jetztigen Stand aus gewertet - rückwärtige Entwicklung erfolgen.


In Memory of Soul-Society

Wohl gibt es zwei Arten von Freunden und es sind diese: Käufliche und Unbezahlbare

Wo Wahrheit ist, ist Bescheidenheit (K.H.Deschner)

Wir wissen nur so viel, wie wir fragen (Wessel Gansfort, 1419-1489)

Desperado ( gelöscht )
Beiträge:

29.03.2017 08:17
#107 RE: Leitbild: Evolutionärer Humanismus antworten

Zitat von Perquestavolta im Beitrag #105
Hier gehen unsere Meinungen ziemlich auseinander.
Deswegen denke ich nicht, dass Roman-Autoren, die ja ihre Helden immer besonders unmenschlich perfektionieren, dass diese fast schon Charaktereigenschaften besitzen, die den meisten Göttern fehlen, immer nur rein wirtschaftliche Interessen bedien(t)en. So etwas muss man nämlich gerne und mit großer Leidenschaft tun. Und das Problem dabei ist natürlich, dass man seine Helden um so vollkommener darstellt, je mehr man sie niederträchtigen Halunken, erbarmungslosen und blutrünstigen Wilden und gottlos lästerlichen Barbaren gegenüberstellt. Schier übermächtig, feige, hintertückisch, unmoralisch und ständig darauf aus, irgend etwas Böses "im Schilde zu führen".. Unter diesem geliebten Anti-Ideal, hatten nicht nur die Indianer lange zu leiden, sondern auch wir Atheisten bis in unsere Gegenwart.


Lass mich Dir - ausnahmsweise und mit der Bitte um Duldung - mit einem Buchauszug antworten. Besser könnt ich es auch anders nicht sagen...


Das Urteil des Obersten Bundesgerichts von Achtzehnneunundsechzig über die Gebiets“ansprüche“ der Dakota spricht für sich.

„Die Vorstellung, dass einer Handvoll halbnackter, stehlender, plündernder und mordender Wilder die Würde des souveränen Status von Nationen verliehen werden soll, dass sie feierlich Verträge abschließen und Anspruch auf uneingeschränktes Eigentumsrecht an einem Gebiet von achthundert Meilen Breite und sechzehnhundert Meilen Länge erheben können, weil sie dort einmal Büffel und Antilopen gejagt haben, mag in den Erzählungen Cooper's und in Longfellow’s Hiawatha erbaulich klingen, sie ist jedoch dem Verständnis und dem Gerechtigkeitsempfinden unseres Zeitalters und den natürlichen Rechten der Menschen nicht angemessen.“

Der Menschen? Welcher? Aller? Der roten?!?

Es ist nicht angemessen, die natürlichen Wohnrechte des angestammten Lebensraumes von Menschen zu beachten auf Grund natürlicher Menschenrechte? Also im Ernst, aber um derlei Gerechtigkeits“empfinden“ verstehen zu können, müsste ich wohl wirklich in einem anderen Zeitalter leben, allerdings in einem, das ich nicht kennen möchte. Dieses hier, das angeblich auch das meine sein soll, kann jedenfalls nur das falsche sein. So viel steht mal fest.

Nichts gegen James Fenimore Cooper.

Im Gegensatz zu den Herren des obersten Gerichtshofes habe ich ein paar seiner Bücher gelesen. Sonst wüssten die Robenträger nämlich, dass Cooper - freilich ohne Absicht - durch seine Überhöhung des letzten Mohikaners mehr zum Bild des gefährlichen Wilden beigetragen hat, den die Gerichtsbarkeit zur Begründung ihres „Urteils“ anführt, als der geniale Erzähler ahnen konnte, der seine Kindheit in Indianergebiet verbrachte, wenn auch im „Schutze“ einer Stadt.

Immerhin ging es ihm darum, die Rothaut zum Menschen zu machen, freilich zu einem edlen und wahrhaftigen allererster Güte. Den Weißen gegenüber offen und aufgeschlossen, ja geradezu zu ihnen aufschauend, ein selbstloser Verbündeter ihres Freiheitswillens und aufopferungsvoller Bewunderer ihrer hehren Ziele, der sie in ihrem heiligen Auftrag als Kulturbringer und Zivilisationsgründer mit besten Kräften und vollem Einsatz unterstützt. Ein guter Indianer eben. Seine Feinde hingegen, uneinsichtige Rothäute, die auf Seite der Falschen kämpften, durften blutrünstige Wilde übelster Sorte bleiben, unbelehrbare Heiden, die verstockt in der mordlüsternen Umnachtung ihrer verrohten Unkultur haften bleiben und sich arglistig auf die Seite der Unterdrücker geschlagen haben zum Zwecke eigener Vorteilsgewinnung in Form von Waffen und Rum.

Der weiße Siedler, der vom Kutschbock seines Planwagens herab den ersten Indianer seines Lebens zu Gesicht bekommt, der ihn da misstrauisch von weitem beäugt in kriegerisch anmutender Jagdausrüstung oder ihm in schrecklichem Kauderwelsch, von Hunger und Verwahrlosung gezeichnet, etwas andrehen will, ist entsetzt, wie wenig dieser gemeine Mensch mit seinem heiligmäßigen geradezu vorbildlich bleichgesichtig denkenden Chingachgook zu tun hat. Weshalb ihm der Gedanke, es müsse sich bei dieser Rothaut um einen der von Cooper beschriebenen schrecklichen Feinde des weißen Mannes handeln, folgerichtig erscheinen mag.

Du kannst kein guter Indianer sein, weil du nicht wie Chingachgook bist. Klar könnte der Sioux antworten, und du kannst kein guter Christ sein, weil du nicht wie Jesus bist, aber weshalb sollte er den Neuankömmling mit der Wahrheit vor den Kopf stoßen, ehe der noch richtig angekommen ist. Wohingegen der Siedler weitaus weniger Hemmungen hat, die offensichtlich verschlagene Rothaut in seinen Gewehrlauf blicken zu lassen, um ihr eindeutig klar zu machen, dass er nichts zu tun haben will mit einem Feind Amerikas. Es geht dem weißen Einwanderer um nichts besser, wenn er dem ersten Trapper begegnet und statt des verwegenen Wildtöters und wohlgesitteten Kämpfers für Freiheit und Menschenrechte ein grobschlächtiges wildes Tier vor sich hat, das ihm verächtlich einen Batzen Kautabak in die Speichen spuckt, weil von diesen armen Schluckern keine guten Geschäfte zu erwarten sind, ihre Volksmassen im Gegenteil auch noch das letzte Wild vertreiben.

So lange Coopers Abenteuer als Märchen verstanden werden und von der Wirklichkeit ferngehalten, sind sie schön und unterhaltsam zu lesen, doch wehe dem, der die Geschichten und ihre Figuren für bare Münze nimmt. Was aber nun die ahnungslosen Mädchen hinter der Plane ihrer schaukelnden Prärieschoner in Scharen tun, um gut auf die neue Welt, ihre Wunder und Gefahren vorbereitet zu sein.


Das Buch oder der Roman meinetwegen, den ich geschrieben habe, spricht auch über die finsteren Aspekte indianischer Kulturen, deren Vielfältigkeit und Verschiedenheit die des damaligen Europa um ein Vielfaches übertraf. Was die Ehrfurcht vor und den Umgang mit der Natur betrifft, waren sie nichtsdestotrotz vorbildlich (ihre Spiritualität hatte mit der steinzeitlichen ungefähr soviel zu tun wie die moderner Theisten mit den ersten Büchern des AT) und den Europäern himmelhoch überlegen. Diese hätten von ihnen lernen können, nein müssen, und die Geschichte nicht nur der USA wäre eine andere. Ansonsten müsstest Du das Buch einfach lesen, damit Du siehst, wie viel offene Türen Du bei mir einrennst mit Deinen berechtigten Hinterfragungen. Völkermord bleibt Völkermord und unentschuldbar, das ist die eine der Kernaussagen, und die andere: So waren die Indianer wirklich: Einfach nur wirkliche Menschen.

Desperado ( gelöscht )
Beiträge:

29.03.2017 09:12
#108 RE: Leitbild: Evolutionärer Humanismus antworten

Zitat von Perquestavolta im Beitrag #105
Meine Überzeug ist die, dass der Mensch lieber die "Wahrheit" glaubt, in der er das Idealbild seiner Selbst Eitelkeit . Narzissmus) am schönsten wieder spiegeln kann.. selbst wenn es mit der Realität gar nichts, oder nur noch ganz am Rande zu tun hat.

Weshalb denn auch die Pioniere der Gründertage bis heute als Heroen glorifiziert und als Vorbilder für die Werte der USA hingestellt werden, in Wahrheit aber weitaus überwiegend nichts als skrupellose Landräuber und gewissenlose Massenmörder waren.

By the way - ein paar Buchauszüge habe ich einmal in ein Forum sogenannter "Indianerfreunde" eingestellt, die Attacken waren offen aggressiv und derart massiv, "respektlos, banalisierend, warum die Mythologie so despektierlich, diese kostbare Zeremonie auf so eine Weise dargestellt...", dass ich mich auf dem Absatz umdrehte, aufs Pferd sprang und davon galoppierte, so schnell die Hufe tragen. Ich weiß also sehr gut, wovon Du sprichst.

Reklov Offline




Beiträge: 4.870

29.03.2017 13:23
#109 RE: Leitbild: Evolutionärer Humanismus antworten

Zitat
Eines der widerwärtigsten und niederträchtigsten Bücher, Reklov, die ich je gelesen habe, vielmehr übersetzen musste, ist der Bellum Gallicum von Julius Caesar. Für mich stand schon damals fest (und völlig egal, wozu die Nazis unsere Herkunft missbraucht haben): Niemals will ich Römer sein, ich bin Kelte, Germane und Bajuware.

Desperado,

... auch ich musste dieses Büchlein im Latein-Unterricht übersetzen! - Der eroberungssüchtige Feldherr und spätere Kaiser, J.Cäsar, entstammte einer Kultur, die immerhin schon das vorgewärmte Wasserbad im Marmorbecken pflegte. Wie die streitsüchtigen und trinkfesten Germanen ihre Körperpflege betrieben, ist mir noch nicht als Literatur unter die Augen gekommen. Wir haben es dem röm. Schriftsteller TACITUS zu verdanken, dass wir in seiner DE GERMANIA überhaupt einige Details aus dem Alltagsleben unserer Vorfahren notiert bekamen, denn diese kannten zu der Zeit noch keine Schrift - außer einer signalähnlichen Knotenschrift.

Deine und unser aller Herkunft lässt sich aber, nach Meinung von Experten, zurück bis nach Indien verfolgen, denn wir alle sollen ja Indogermanen sein. Es gibt heute wohl auch nur noch sehr wenige "reinrassigen" Römer, denn die einst aus Griechenland auf den "Stiefel" einströmenden Griechen bekriegten die dort bereits ansässigen Etrusker und Italien musste in den folgenden Jahrhunderten noch viele Eroberungen (auch Genvermischungen) von Völkerstämmen aus allen vier Himmelsrichtungen hinnehmen.

Leider kann heute der Einzelne nur in seltenen Fällen seinen Familienstammbaum über mehr als 4 Generationen zurück verfolgen, es sei denn, seine Vorfahren lebten seit länger am selben Fleck und erleichtern somit die Stammbaum-Suche über entsprechende Kirchentaufregister, etc.

Ich besitze z.B. noch 4 dicke herrliche Familienfotoalben meines Urgroßvaters, Wilhelm Lübke, (väterliche Seite). Er war ein reicher Keilriemen-Fabrikant und seine leider nach dem 2. Weltkrieg abgerissene schöne Villa (im Gründerstil gebaut) stand in Berlin-Dahlem. Heute stehen auf dem großen Grundstück, im immer noch noblen Villenviertel, drei einzelne Bungalows, da die Villa meines Urgroßvaters von einem großen Garten mit hohen Fichten umgeben gewesen war. Leider verkaufte er nach dem Krieg alles an eine Baufirma und konnte so sein Alter nochmal finanziell gut überbrücken. Schade, denn das herrlich gelegene Grundstück wäre sonst heute im Besitz von mir und meiner Schwester.
Die Familie meines Urgroßvaters entstammte wiederum einem Bauerngeschlecht, welches in Friesack (in Brandenburg) ihre Felder bewirtschaftete. Danach reißt die Familienspur der väterlichen Seite für mich ab, da ich noch keine Kirchentaufregister in Friesack gewälzt habe.

Gruß von Reklov

Lukrez Offline




Beiträge: 5.551

29.03.2017 20:40
#110 RE: Leitbild: Evolutionärer Humanismus antworten

Zitat
Wie schätzt du die Chancen für diesen Wandel ein, angesichts der Zeiträume, die die Evolution für die Entwicklung beansprucht? Zudem könnte ja auch eine - von unserem jetztigen Stand aus gewertet - rückwärtige Entwicklung erfolgen.


Der Mensch hat sich längst fast gänzlich von einer biologischen Evolution abgekoppelt und unterliegt einem fast ausschließlich kulturellen Evolutionsfaktor.
Wir schaffen uns die Faktoren unserer Evolution also selbst durch unsere Kultur.
Werden wir da keine Lösung für unser Überleben finden, dann wird die Natur eben irgendwann einen Schnitt machen und uns wieder auf ein tragbares Niveau bringen oder uns auch ganz eliminieren.
So einfach wird das laufen.
Die Natur wird den Menschen aber in jedem Fall überleben.

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(Lukrez)

SnookerRI Offline

Soul-Societist


Beiträge: 6.359

30.03.2017 08:00
#111 RE: Leitbild: Evolutionärer Humanismus antworten

Zitat von Lukrez
Der Mensch hat sich längst fast gänzlich von einer biologischen Evolution abgekoppelt und unterliegt einem fast ausschließlich kulturellen Evolutionsfaktor.
Wir schaffen uns die Faktoren unserer Evolution also selbst durch unsere Kultur.

Ich stelle immer wieder fest, dass es unter Evolutionisten höchst unterschiedliche Auffassungen hinsichtlich der biologischen und einer kulturellen/soziokulturellen Evolution gibt. Das was dem Menschen kulturell möglich gemacht wird, hängt wohl letztlich doch mit dem zusammen, was sich aus gespeicherten Informationen in seinen Genen machen lässt. Als Beispiel wird hier immer Schrift, Sprache oder auch die Technik/Technologie angeführt.
Möglichkeiten und Ideen zur Lösung für das Überleben der Menschen, müssten also aus dem resultieren, was an gespeicherten Informationen aus den Genen zu evolvieren ist. Wenn das nicht im Sinne der Erhaltung des Menschen funktioniert, was bei einer ziel-und planlosen Evolution ja durchaus der Fall sein kann, tritt dann das ein, was du schon anführtest:

Zitat von Lukrez
Werden wir da keine Lösung für unser Überleben finden, dann wird die Natur eben irgendwann einen Schnitt machen und uns wieder auf ein tragbares Niveau bringen oder uns auch ganz eliminieren.
So einfach wird das laufen.



In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, inwieweit sich der Mensch als "von der biologischen Evolution fast gänzlich abgekoppelt" betrachten kann.

Zitat von Lukrez
Die Natur wird den Menschen aber in jedem Fall überleben.

Das ist korrekt. Wenn es keinen Gott gäbe, wäre das wohl der einzige wirklich beruhigende Gedanke


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Perquestavolta Offline



Beiträge: 4.248

30.03.2017 16:40
#112 RE: Leitbild: Evolutionärer Humanismus antworten

Zitat von Lukrez im Beitrag #110

Der Mensch hat sich längst fast gänzlich von einer biologischen Evolution abgekoppelt und unterliegt einem fast ausschließlich kulturellen Evolutionsfaktor.

Das ist mit Sicherheit nicht der Fall.. Evolution fängt bei der Produktion der Samen und der Eizellen an.. Die Wesensnatur eines Menschen inklusive seiner Intelligenz ist von der Zufallsmutation und Mischung/Kreuzung dieser beiden grundlegenden Faktoren abhängig. Und die kulturelle Entwicklung ist nun von den intellektuellen Eigenheiten des Individuums abhängig. Die allgemeine menschliche Kreativität, sein Empfinden für Ästhetik ... ist Grundlage für Kultur. Auch das hängt ganz von den Genen ab, wie die ganze Persönlichkeit des Menschen überhaupt. Faulheit, Trägheit, Neigung zu depressiven Stimmungen.. alles eine Frage der Gene. In einer Welt, in dem der einzelne seine kreativen Eigenheiten nicht mehr braucht um zu Überleben und die einstmals Voraussetzung dafür waren, ist es leicht möglich, dass es immer mehr DOOFE geben wird, die außerhalb ihrer gewohnten modernen Lebensweise keine all zu große Überlebenschance haben, falls mal eine mittlere Katastrophe unserer Zivilisation mehrere Monate lahm legt. Zuerst kommt immer das Fressen, dann die Moral und ganz zum Schluss die Kultur. Aus diesem Grund gibt es auch keine Missing Links, sondern nur ausgestorbene "Versager".


Zitat von Lukrez im Beitrag #110

Wir schaffen uns die Faktoren unserer Evolution also selbst durch unsere Kultur. (/quote] Unsere Kultur ist davon abhängig, wie sich die biologische Evolution entwickelt. Erbkrankheiten, die sich immer mehr ausbreiten.. Gene, die nur dank fossiler Ressourcen bis ins Fortpflanzungsalter überleben... ob das die Kultur auf Dauer fördert? Die Evolution hat eine hohe Sterblichkeitsrate.. Das begünstigt das Überleben und die Fortpflanzung gesunder Gene, nämlich die der fittesten. Das Überleben weniger fitter Gene hat immer einen sehr hohen Preis, der sich letztendlich auch auf die Kultur auswirkt. Weniger gut angepasste Gene, haben dann auch eine höhere Kriminalstatistik zur Folge. Massen von Genen die davon abhängig sind, dass unsere "System-Ordnung" immer optimal funktioniert. Demokratie ist immer und gerade, durch weniger"fitte" Gene gefährdet. Zudem ist es schon lange kein Geheimnis mehr, dass in Gesellschaften mit mit besonders vielen "unfitten" Genen, sich die besonders rücksichtslosen, egoistischen Gene außerordentlich durchsetzen. Die meisten egomanen Psychopathen kommen schon als solche zur Welt. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie die Gefühle ihrer Mitmenschen gar nicht wahrnehmen und weswegen sie nie ein schlechtes Gewissen haben. https://de.wikipedia.org/wiki/Psychopathie
Was wiederum, die Schere zwischen Arm (schwachen Genen) und Reich (psychopathischen Genen) immer weiter auseinander treibt. Welche kulturellen Folgen das hat lesen wir jeden Tag in den Nachrichten. Immer weniger Menschen können heute nur noch von einer einzigen Arbeit leben. Schuld unter anderem auch ihre Gene, wenn sie trotz 8 Stunden Dauerstreß noch Beihilfe vom Sozialamt brauchen. Ganz abgesehen davon, dass die Psychos nur reich werden können wenn wir bei ihnen Schulden haben.






Zitat von Lukrez im Beitrag #110

Werden wir da keine Lösung für unser Überleben finden, dann wird die Natur eben irgendwann einen Schnitt machen und uns wieder auf ein tragbares Niveau bringen oder uns auch ganz eliminieren.
Hoffen wir. Die Chance die uns noch bleibt, Gene schon im Embrionalstadium aus zu sortieren. Und ich für mich ganz persönlich denke. dass das auch die einzige Hoffnung überhaupt sein wird.




Wer glaubt der muss auch zweifeln können.
Wer im Glauben nicht zweifelt, ist entweder ein Kind oder ein Idiot.

Desperado ( gelöscht )
Beiträge:

31.03.2017 09:58
#113 RE: Leitbild: Evolutionärer Humanismus antworten

Zitat von Reklov im Beitrag #109
Wir haben es dem röm. Schriftsteller TACITUS zu verdanken, dass wir in seiner DE GERMANIA überhaupt einige Details aus dem Alltagsleben unserer Vorfahren notiert bekamen, denn diese kannten zu der Zeit noch keine Schrift - außer einer signalähnlichen Knotenschrift.

Deine und unser aller Herkunft lässt sich aber, nach Meinung von Experten, zurück bis nach Indien verfolgen, denn wir alle sollen ja Indogermanen sein. Es gibt heute wohl auch nur noch sehr wenige "reinrassigen" Römer, denn die einst aus Griechenland auf den "Stiefel" einströmenden Griechen bekriegten die dort bereits ansässigen Etrusker und Italien musste in den folgenden Jahrhunderten noch viele Eroberungen (auch Genvermischungen) von Völkerstämmen aus allen vier Himmelsrichtungen hinnehmen.


Hallo Reklov,

die wenigen Angaben von Tacitus über die "Barbaren" sind in etwa so objektiv und realistisch wie die vieler weißer Geschichtsschreiber des 16/17/18. Jahrhunderts über die Indianervölker. Die Archäologie eröffnet ein vollkommen anderes Bild und hat die verfälschende Geschichtsschreibung grundlegend berichtigt. Man kann sehr wohl von kultureller Verschiedenheit sprechen, von "Unterlegenheit" indessen mitnichten. Allein die kaum entwickelte Schrift macht das Kraut nicht fett, die imperialistischen Römer waren sehr viel öfter die wahren Barbaren im Vergleich zu den von ihnen gewaltsam unterworfenen Völkern, das gilt nicht weniger für die keltisch/germanischen Stämme und ihre vor allem auch politisch hochentwickelte Kultur.

Die lange Zeit als sicher geltende indogermanische Herkunft steht inzwischen auf dem Prüfstand, da deren nachgewiesene Spuren im europäischen Raum ebenso gut die Folge von weltweiten Handelsbeziehungen und regem "Einheiraten" sein könnten. Nicht nur das Kunsthandwerk der "wilden" Kelto-Germanen war ohne Zweifel hochentwickelt, auch in ländlichen Regionen, die in Nichts hinter denen Italiens zurückstanden. Und was die Religion betrifft, unterschieden sich sehr oft lediglich die Namen der jeweiligen Gottheiten, die religiösen Vorstellungen süd- und nordeuropäischer Völker waren sich sehr viel ähnlicher als von manchen Historikern bis heute zugegeben werden will. Als Kulturbringer waren die Römer jedenfalls so unbrauchbar wie überflüssig, allenfalls wurden technische Neuerungen in punkto Lebensstandard importiert, die von den besetzten Provinzen denn auch bereitwillig übernommen wurden. Die waren ja nicht blöde.

Als Bayer bin ich wie alle Angestammten das Ergebnis eines bunten Völkergemisches, was sich schon allein an der äußerlichen Unterschiedlichkeit der bayerischen Durchschnittsbevölkerung nachweisen lässt - von hellhäutig strohblond hochgewachsen bis gedrungen dunkelhaarig braunhäutig -, dass sich auch Römer in meinem Stammbaum befinden, steht außer Frage. Allerdings gibt es auch hochwangig leicht mandeläugige Leute unter uns mit fraglos asiatischem Einschlag, tja, die Mongolen und Hunnen waren eben auch schon mal hier. Die Völkerwanderung tat das ihre dazu, wie gesagt, die bayerische Bevölkerung ist ein Schmelztiegel, und ihre überwiegend östliche Herkunft ebenso ungewiss, da Bajuwarii nichts anders heißt als "Leute aus dem Osten". Niemand kann hingegen sagen, ob sie in dieser aus römischer Sicht östlichen Region nicht schon immer angesiedelt waren, reger genetischer Austausch mit den verwandten slawischen Stämmen dürfte auch ohne eine größere Immigration von ebendort stattgefunden haben.

Vorgeschichte ist spannend, soviel steht fest. Danke für Deine Offenheit Deine jüngsten Vorfahren betreffend.

Liebe Grüße
Desperado

Reklov Offline




Beiträge: 4.870

31.03.2017 10:44
#114 RE: Leitbild: Evolutionärer Humanismus antworten

Zitat
„Die Vorstellung, dass einer Handvoll halbnackter, stehlender, plündernder und mordender Wilder die Würde des souveränen Status von Nationen verliehen werden soll, dass sie feierlich Verträge abschließen und Anspruch auf uneingeschränktes Eigentumsrecht an einem Gebiet von achthundert Meilen Breite und sechzehnhundert Meilen Länge erheben können, weil sie dort einmal Büffel und Antilopen gejagt haben, mag in den Erzählungen Cooper's und in Longfellow’s Hiawatha erbaulich klingen, sie ist jedoch dem Verständnis und dem Gerechtigkeitsempfinden unseres Zeitalters und den natürlichen Rechten der Menschen nicht angemessen.“

Desperado,

... verglichen zu den riesigen Flächen des heutigen Nordamerikas lebten damals dort nur wenige Indiander. Ich schrieb ja bereits, dass ihr "Unglück" auch darin bestand, dass sie als umherziehende und jagende Nomaden keine feste Staatsgrenzen für sich "markierten" und in Anspruch nehmen wollten. Dies war natürlich für den "weißen Mann" die Gelegenheit, sich unverfroren immer mehr von einem Kontinent zu holen, auf dem es keine fest vermerkten Ländergrenzen mit entsprechenden Verteidigungsanlagen gab.
Eine Gesellschaft mit Adel, Klerus und Bürgern, denen hier in Europa entsprechende Gebiete juristisch verbrieft "gehörten", war der indianischen Lebens- und Denkweise vollkommen fremd und so sahen sich deren Stämme plötzlich Menschen gegenüber, die glaubten, wo bisher kein Katasteramt den Grund und Boden vermessen hat, man sich unproblematisch und schamlos an solch "freien" Gebieten bedienen könne. Zudem fehlten den wenigen Indianern auch mächtige Verbündete, die sich dem Treiben des "weißen Mannes" hätten entgegenstellen können, so wie es z.B. die europ. Politik kannte und kennt.
In solchen Fällen entscheidet in der menschlichen Geschichte dann meistens allein die militärische Stärke über den weiteren Verlauf solcher Ungerechtigkeiten.

>Vea victis<: ein lateinischer Ausspruch des gallischen Heerführers Brennus, (>Wehe den Besiegten<) - hat sich auch bei den Indianern, nicht nur in Nordamerika, wieder einmal als gültig erwiesen.

Gruß von Reklov

Reklov Offline




Beiträge: 4.870

31.03.2017 10:57
#115 RE: Leitbild: Evolutionärer Humanismus antworten

Zitat
Es ist immer der Wichtel der Leidenschaften und der romantischen Emotionen, der die Geschichte fälscht. Wahrheit muss immer schön sein, auch wenn sie es gar nicht ist. Und was dann noch von der Wahrheit übrig bleibt, verarbeiten andere Romantiker.

Perquestavolta,

... so mag es vielleicht in Deinem Kopf kreisen!? -
Die durchaus sehr unterschiedlichen Chronistenberichte zum Hergang historischer Begebenheiten werden heute von Historikern prüfend abgeklopft und verglichen, um sich daraus ein neutraleres und nicht nur ein einseitiges Bild zu machen. So wird z.B. Napleons Russlandfeldzug von seinen Schreibern anders geschildert, als von russischer Seite. Der Historiker hat nun die Aufgabe, beide Quellen sorgsam zu studieren. Für Romantik bleibt dabei keinerlei Platz!

Gruß von Reklov

Lukrez Offline




Beiträge: 5.551

31.03.2017 17:31
#116 RE: Leitbild: Evolutionärer Humanismus antworten

Wir haben allgemein ein ziemlich verfälschtes Bild unserer Welt im Kopf und ich möchte das mal an einem kleinen Beispiel anhand der Weltkarte nach der Peters-Projektion aufzeigen:
http://bk.dgfk.net/2015/02/04/die-peters-projektion/
Wie schrumpeln doch nach dieser flächentreuen Darstellung der nordamerikanische Kontinent, Russland und Europa zusammen und wie groß sind doch tatsächlich China, Australien, Indien und Südamerika.
Und dominierend ist einzig der gewaltige afrikanische Kontinent!

__________________________________________________
Wenn du es nicht wagst, den Sinnen zu trauen, stürzen die Pfeiler des Lebens ein.
De nihilo nihil. Aus Nichts wird nichts.
Zu soviel Unheil hat schon die Religion die Menschen verleitet.
(Lukrez)

Perquestavolta Offline



Beiträge: 4.248

31.03.2017 21:39
#117 RE: Leitbild: Evolutionärer Humanismus antworten

Zitat von Reklov im Beitrag #115

Zitat
Es ist immer der Wichtel der Leidenschaften und der romantischen Emotionen, der die Geschichte fälscht. Wahrheit muss immer schön sein, auch wenn sie es gar nicht ist. Und was dann noch von der Wahrheit übrig bleibt, verarbeiten andere Romantiker.
Perquestavolta,

... so mag es vielleicht in Deinem Kopf kreisen!? -
Die durchaus sehr unterschiedlichen Chronistenberichte zum Hergang historischer Begebenheiten werden heute von Historikern prüfend abgeklopft und verglichen, um sich daraus ein neutraleres und nicht nur ein einseitiges Bild zu machen.

Darum geht es gar nicht. Chronisten sind selten auch selbst die Beobachter von Ereignissen. Und zu meinen dass es Chronisten um eine neutrale Geschichtsschreibung geht ist einfach Schwachsinn. Ihnen stehen die Informationen ihrer Seite zur Verfügung, die niemals die ganze Ereignisgeschichte beinhalten und ihre Informationen bestehen hauptsächlich aus "Hörensagen"..


Historiker sind bemüht, die eigentliche Geschichte so realitätsnahe wie möglich zu rekonstruieren. Und dabei geht es nicht um Wahrung der Neutralität. Wenn von der einen oder anderen Seite "Schweinereien" begangen wurden, die von den jeweiligen Chronisten verschwiegen, beschönigt oder einfach nur ignoriert wurden, so ist es die Aufgabe der Historiker auch diese Tatsachen aufzudecken.

Zu dem wissen wir, dass Chronisten sehr oft über Ereignisse und Begebenheiten berichtet haben, die gar nicht zu ihren eigenen Lebzeiten stattfanden und auch solchen die gar nie stattfanden... Alte Chroniken sind oft voll mit Sagen, Legenden, Idealisierungen und Falschdarstellungen, Deutungen und persönlichen Auslegungen von Erzählungen, die schon lange vor sie niedergeschrieben wurden, irgendwann mal von "Waschweiber" und "Dorftratschen" frei erfunden wurden..

[/quote]

Aus diesem Grund müssen Historiker sich immer wissenschaftlich mit der Geschichte auseinander setzen. Mit allen möglichen Spezialisten und Technikern der Altertumsforschung zusammenarbeiten, um auch ein möglichst reales Bild der Lebensumstände und des Zeitgeistes in denen sich die Ereignisse und Begebenheiten zugetragen haben zu haben.. Da ist kein Platz für eigene Sentimentalitäten und eigenen Wunderglauben.. Als begeisterter Freizeitarchäologe, arbeite ich oft mit Historikern zusammen..und da erfahre ich um einiges mehr, als darüber "wie die alten Rittersleut" so waren, als man in Schulbüchern gerade noch erwähnen darf.

Wer glaubt der muss auch zweifeln können.
Wer im Glauben nicht zweifelt, ist entweder ein Kind oder ein Idiot.

Reklov Offline




Beiträge: 4.870

01.04.2017 10:19
#118 RE: Leitbild: Evolutionärer Humanismus antworten

Zitat
Der Mensch hat sich längst fast gänzlich von einer biologischen Evolution abgekoppelt und unterliegt einem fast ausschließlich kulturellen Evolutionsfaktor.
Wir schaffen uns die Faktoren unserer Evolution also selbst durch unsere Kultur.

Lukrez,

der Mensch ist immer noch ein "biologisches Wesen" und auch wenn er eine moderne Lebensweise nutzt, bleibt offen, ob er sich deswegen schon gleich von einer biologischen Evolution ausklammert. (?) Wie sollte das auch funktionieren, denn der Bewegungsmangel wurde z.B. durch eine körperbetonte, sportliche Freizeitkultur ausgeglichen. Ob der Mensch eine Banane vom Supermarkt konsumiert oder direkt vom Baum pflückt, müsste seinem Körpersystem eigentlich egal sein. Ob er sein Fleisch vom Metzger erhält oder selber auf die Jagd geht, ebenfalls.
Die Verwendung von technischen Produkten und die Ernährung mit Industrieprodukten kann das Millionen Jahre alte Körperprogramm zwar empfindlich stören, auch dementsprechend krank machen. Ob das alles uns aber von einer biologischen Evolution abbringen kann, wird eine entfernte Zukunft erst erweisen müssen.
Hast Du zu dem Thema vertiefte fachliche Infos?

Gruß von Reklov

Reklov Offline




Beiträge: 4.870

01.04.2017 10:34
#119 RE: Leitbild: Evolutionärer Humanismus antworten

Zitat
Chronisten sind selten auch selbst die Beobachter von Ereignissen. Und zu meinen dass es Chronisten um eine neutrale Geschichtsschreibung geht ist einfach Schwachsinn. Ihnen stehen die Informationen ihrer Seite zur Verfügung, die niemals die ganze Ereignisgeschichte beinhalten und ihre Informationen bestehen hauptsächlich aus "Hörensagen"..

Perquestavolta,

Deine Beahuptung kann ich so nicht unterschreiben, denn es gibt völlig versch. Arten der Chronik:
Nach Inhalt und Reichweite sind Weltchroniken, Kaiser- und Königschroniken, Landeschroniken, Kloster- und Städtechroniken. Hinzu kamen schließlich die Familienchroniken, die seit der Renaissance in Italien, bald auch in den deutschen Handelsstädten entstehen und ein neues Medium bürgerlichen Selbst- und Traditionsbewusstseins, aber auch eine Vorform der Autobiografie bilden. Mittelalterliche Beispiele von Chroniken sind unter anderem die Chronica maiora des Isidor von Sevilla (6./7. Jahrhundert), die Fredegarchronik (7. Jahrhundert), die Chronik des Thietmar von Merseburg (11. Jahrhundert), die Chronica sive Historia de duabus civitatibus des Otto von Freising (12. Jahrhundert) oder die Weltchronik von Hartmann Schedel (spätes 15. Jahrhundert). Hinzu kommen zahlreiche weitere Werke. Deutschsprachige Chroniken (sieht man vom Annolied ab) kennt man seit dem 12. Jahrhundert.

Schulchroniken begannen im 19. Jahrhundert und zeichneten oft das bis dahin gesammelte Wissen der ortsschulgeschichtlichen Entwicklung auf, um dann detailliert über die aktuelle Schulsituation (schul-)jährlich zu berichten.

Neben ihrer historischen Gebrauchsform lebt die Chronik heute auch als populäre Gebrauchsform weiter, so z.B. in Dorf- oder Vereinschroniken.

All diese Aufzeichnungen nun aber gleich als schön gefärbtes Fantasieprodukt zu bezeichnen, würde der Sache nun gar nicht gerecht werden.

Zitat
Als begeisterter Freizeitarchäologe, arbeite ich oft mit Historikern zusammen..und da erfahre ich um einiges mehr, als darüber "wie die alten Rittersleut" so waren, als man in Schulbüchern gerade noch erwähnen darf.

Heute orientiert sich kein ernsthaft an Geschichte Interessierter mehr an den telegrammartigen Geschichtsinformationen seiner früheren Schulbüchern, sondern nutzt ganz andere Quellen, z.B. Aussagen von Augenzeugen und Fachberichte etc.
(Was soll also Deine diesbezügliche Anmerkung?)

Gruß von Reklov

Perquestavolta Offline



Beiträge: 4.248

01.04.2017 14:21
#120 RE: Leitbild: Evolutionärer Humanismus antworten

Zitat von Reklov im Beitrag #119

Zitat
Chronisten sind selten auch selbst die Beobachter von Ereignissen. Und zu meinen dass es Chronisten um eine neutrale Geschichtsschreibung geht ist einfach Schwachsinn. Ihnen stehen die Informationen ihrer Seite zur Verfügung, die niemals die ganze Ereignisgeschichte beinhalten und ihre Informationen bestehen hauptsächlich aus "Hörensagen"..
Perquestavolta,

Deine Beahuptung kann ich so nicht unterschreiben, denn es gibt völlig versch. Arten der Chronik:
Nach Inhalt und Reichweite sind Weltchroniken, Kaiser- und Königschroniken, Landeschroniken, Kloster- und Städtechroniken. Hinzu kamen schließlich die Familienchroniken, die seit der Renaissance in Italien, bald auch in den deutschen Handelsstädten entstehen und ein neues Medium bürgerlichen Selbst- und Traditionsbewusstseins, aber auch eine Vorform der Autobiografie bilden. Mittelalterliche Beispiele von Chroniken sind unter anderem die Chronica maiora des Isidor von Sevilla (6./7. Jahrhundert), die Fredegarchronik (7. Jahrhundert), die Chronik des Thietmar von Merseburg (11. Jahrhundert), die Chronica sive Historia de duabus civitatibus des Otto von Freising (12. Jahrhundert) oder die Weltchronik von Hartmann Schedel (spätes 15. Jahrhundert). Hinzu kommen zahlreiche weitere Werke. Deutschsprachige Chroniken (sieht man vom Annolied ab) kennt man seit dem 12. Jahrhundert.

Schulchroniken begannen im 19. Jahrhundert und zeichneten oft das bis dahin gesammelte Wissen der ortsschulgeschichtlichen Entwicklung auf, um dann detailliert über die aktuelle Schulsituation (schul-)jährlich zu berichten.

Neben ihrer historischen Gebrauchsform lebt die Chronik heute auch als populäre Gebrauchsform weiter, so z.B. in Dorf- oder Vereinschroniken.

All diese Aufzeichnungen nun aber gleich als schön gefärbtes Fantasieprodukt zu bezeichnen, würde der Sache nun gar nicht gerecht werden.

Zitat
Als begeisterter Freizeitarchäologe, arbeite ich oft mit Historikern zusammen..und da erfahre ich um einiges mehr, als darüber "wie die alten Rittersleut" so waren, als man in Schulbüchern gerade noch erwähnen darf.

Heute orientiert sich kein ernsthaft an Geschichte Interessierter mehr an den telegrammartigen Geschichtsinformationen seiner früheren Schulbüchern, sondern nutzt ganz andere Quellen, z.B. Aussagen von Augenzeugen und Fachberichte etc.
(Was soll also Deine diesbezügliche Anmerkung?)


du kannst für dich Unterschreiben was du willst. Chroniken sind nie die wirkliche Geschichte.

Wer glaubt der muss auch zweifeln können.
Wer im Glauben nicht zweifelt, ist entweder ein Kind oder ein Idiot.

Chaddive Offline



Beiträge: 21

25.08.2018 09:15
#121 RE: Leitbild: Evolutionärer Humanismus antworten

Klingt großartig, vielen Dank.

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