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Atheismus vs. Religionen  

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Dieses Thema hat 2 Antworten
und wurde 199 mal aufgerufen
 Lagerhalle
Desperado ( gelöscht )
Beiträge:

15.04.2017 09:24
Grabesruh antworten

Ausnahmsweise und zur "Feier des Tages" ein kleines Osternest für die Lagerhalle...



Diesiges Wetter.

Ab und an blinzelt die Sonne durch den dicht bewölkten Himmel, ihre Kraft reicht immerhin, den letzten Schnee von den höchsten Gipfeln zu lecken, angeblich soll es ja Frühling sein, laut Zuni-Kalender jedenfalls. Ostern, Auferstehung, das Grab ist leer, der Ort, wo er gelegen hat, verlassen, sie haben sogar das Tuch mitgenommen, das erstaunlicherweise zusammengefaltet an einem eigenen Ort lag, und das noch eine abenteuerliche Reise vor sich haben wird, bei Urchristen versteckt, am Hof des Sultans ausgestellt, in Festungsmauern verborgen, von Kreuzrittern entdeckt und außer Landes geschmuggelt, in Klöstern und Adelshäusern verwahrt, das Tuch, das Feuer und Wasser ausgesetzt durch die Jahrhunderte irren wird und meinen Freund, den Pilgrim bis heute beschäftigen, er sollte einen historischen Abenteuerroman darüber schreiben.

Eigentlich ist es ja ganz erträglich in so einer Grabhöhle, totenstill, ruhig und entspannt, der beste Ort für ein kleines Schläfchen, das mag schon mal drei Tage dauern. Auch die Apache haben Grabhöhlen in den Bergen, auch diese sind mit einem Stein verschlossen. Ab und an hab ich eine davon als Versteck missbraucht, ohne in meiner Klemme die Totenruhe stören zu wollen, die Gebeine der Aufgebahrten schienen sich denn auch nicht zu stören an meiner kurzfristigen Anwesenheit und erhoben ihre Waffen nicht gegen mich, die ihnen als Grabbeigaben mitgegeben worden waren für ihre Reise, ein Bogen mit Pfeilen, eine Lanze und ein Kriegsmesser. Manchmal lag das Gerippe eines Pferdes neben ihren festlich bekleideten Skeletten, dann handelte es sich um einen Nantan oder dergleichen angesehene Persönlichkeit, manchmal waren es Frauen, was man an ihrem Hals- Brust- und Armschmuck unschwer erkennen konnte und an den kunstvollen Körben neben ihrem Lager. Auf alle Fälle aber hatte ich jedes Mal das unverschämte Glück, dass sie schon eine geraume Weile hier drin schliefen und entsprechend geruchsfrei abgemagert waren bis auf die Knochen. Mitunter war ich dazu gezwungen, eine Nacht in ihrer Höhle und Gesellschaft zu verbringen, aber auch wenn ich in Schlaf fiel, plagten mich keine bösen Träume und erschienen sie mir nicht in denselben, um sich zu beschweren über die rüde Ruhestörung, eigentlich waren sie recht angenehme Zeitgenossen und freundliche Gastgeber dazu, ich kann mich wirklich nicht beklagen.

Vielleicht liegt es ganz einfach daran, dass die Apache nicht so verkrampft unterscheiden zwischen Zeit und Ewigkeit, Diesseits und Jenseits wie die Christenmenschen, für sie gehört das alles zum Rad, wie sie es nennen, Leben und Tod sind immerzu miteinander verbunden durch so eine Art Tor, das zum Beispiel in der letzten Dunkelheit der schwindenden Nacht geöffnet ist, also noch vor dem ersten Morgenlicht, dann, wenn die Nacht am tiefsten ist, um diese Zeit sterben ihre Alten denn auch am liebsten, keine Ahnung, wie sie das hinbekommen. Aber nicht nur das, ihre heiligen Männer und Frauen spazieren da regelmäßig ein und aus, ja alle, die das wollen und können, sie sterben gewissermaßen und werden wiedergeboren, wobei sie durch ihren Ausflug in die jenseitige Welt mit jeder Neugeburt eine höhere Seins- oder Bewusstseinsstufe erreicht haben und ihr vorheriges Leben als abgeschlossen hinter sich gelassen. Und sind sie schließlich stark genug und haben die letzte Station ihres Weges erreicht, nämlich das Reich des Lichtes, wie sie es nennen, müssen sie auch nicht wiederkommen und kommen auch nicht mehr zurück. Mein Freund der Mescalero hat mir das mal zu erklären versucht, leider hab ich nur die Hälfte verstanden, wenn überhaupt, aber so ungefähr spielt sich das bei ihnen ab.

Und so haben ihre Verstorbenen mich wohl für einen dieser Lebendigen gehalten, die freiwillig in die Welt der Toten hinüber wandern für ein Weilchen, um ein Stück weiter zu kommen auf ihrem Lebensweg, das Tor steht offenbar auch Nichtapache offen und mit dem Reich des Lichts war's sowieso nichts bei mir, wie auch immer. Sinniger Weise hab ich mich meistens genau zur Stunde der tiefsten Nacht kurz vor Tagesanbruch aus meiner Notunterkunft geschält, vielmehr durch den engen Spalt hinaus gezwängt, den ich Stunden davor mittels beträchtlicher Kraftanstrengung hab schaffen können, indem ich dem Stein eine geringfügige Verschiebung zumutete, den ich hinterher selbstverständlich brav in seine ursprüngliche Lage zurück wuchtete, soll ja schließlich nicht unnötig ziehen in der Behausung, ehe ich nach meinem Pferd suchte, das irgendwo nicht allzu weit entfernt in einer gut verborgenen Felsnische rumstand und mit offenen Augen schlief. Wie ein Auferstandener oder wenigstens ins Leben Zurückgekehrter kam ich mir dabei jedoch eher weniger vor, fühlte mich nicht einmal wie neugeboren ehrlich gesagt, sondern lediglich wie ein grade nochmal Davongekommener, aber immerhin hatte ich das unbestimmte Gefühl, auf einer Radspeiche herumgetanzt zu haben, wenn ich auch nicht bis zur Nabe vorgedrungen sein mag, nun, man kann nicht alles haben und für ein Weißauge war der Abstieg in die Totenwelt der Inde' offenbar tief genug für ein Weiterleben, zumindest jedenfalls für ein am Leben Bleiben.

Ihr Rad ist auch weniger ein Rad als vielmehr ein Kreis mit Mittelpunkt, der Radreifen der Lebenskreis und die Nabe die enge Pforte in die Ewigkeit. Nicht dass sie das Rad nicht gekannt hätten vor Ankunft der ersten Europäer, ihre Kinder spielen damit. Es fand deshalb keinen Einzug in ihre Kultur, weil sie's nicht brauchen, in ihrem Lebensraum gar nicht brauchen können. Doch hätten zum Beispiel die Präriestämme das Rad nicht gekannt, ihre Lager hätten sich ebenso schnell mit Wagen und Karren gefüllt als sie es mit Pferden getan haben. Ein Travois ist einfacher zu be- und entladen als ein Fuhrwerk, einer schnelleren Fortbewegung bedurfte es nicht im organischen Jahreslauf ihres Nomadenlebens. Die Indianer brauchten kein Rad, diese bahnbrechende Erfindung antiker Menschen, die deren Welt vollkommen verändern sollte, ließ sie nicht durchdrehen, sie kommen bestens ohne ein solches zurecht. Was mögen die Inde' wohl empfunden haben, für die das Rad ein religiöses Symbol ist, als sie der ersten schwankenden Prärieschoner ansichtig wurden? Ein spanischer Katholik hätte vermutlich Ähnliches gefühlt, wenn fremde Eindringlinge auf vierkreuzigen Karren dahergerumpelt gekommen wären. Schon bezeichnend, für die einen ist das Rad der Anfang allen technischen Fortschritts schlechthin, für die anderen ein spirituelles Meditationsbild.

Gerädert fühle auch ich mich manchmal, etwa wenn ich mal wieder hören muss, dass die Apache ihre Gefangenen splitternackt ausgezogen hätten und kopfüber an ein Rad gebunden, mit Pech eingeschmiert und ein Feuer darunter gemacht, bis die Ärmsten bei lebendigem Leibe verschmort wären. Die Einzigen, die auf derlei Grausamkeit stehen, sind die Bandidos, sie machen das denn auch des Öfteren, aber wer kann einem verkohlten Leichnam schon ansehen, wer ihn geschwärzt hat? Ja, ob er ein Apache ist? Also müssen es die bestialischen Wilden gewesen sein.

„Einmal sagte mir mein Vater“, erzählte mir mal ein Apache, „ich solle zu einem Berg laufen. Ich bin drei Tage lang durch die Wüste gelaufen. Mein Mund war trocken und ausgedörrt und die Zunge war von Durst geschwollen. Da stieß ich auf eine Quelle frischen Wassers, das über Felsen in den Bergen herabsprudelte. Ich wollte mich in die Quelle stürzen und das Wasser trinken, nur damit mein Mund schnellstens das Gefühl des Durstes verliere. Aber ich habe es nicht getan. Ich habe mich daneben hingelegt. Ich berührte mit den Lippen das Wasser und spürte seine Kühle. Dann nahm ich einen kleinen Schluck Wasser, fühlte es in meinem Mund und in meinem Denken plätschern, und mein Geist empfand die Süße. Ich habe die Zeit nicht nachgemessen. Wie lange war ich wohl dort? Ich weiß es nicht, vielleicht eine ganze Jahreszeit, vielleicht einen Augenblick - vielleicht zehn Jahreszeiten? Aber ich habe die Zeit nicht nachgemessen, dies wird immer in meinem Geist sein. Und ich dachte mir, ein Mann könne auch neben dieser Quelle geboren sein und hier neben dieser Quelle sein Leben fristen, und sein Geist würde doch niemals das wissen, was meiner jetzt weiß. Vielleicht würde er seinen Geist dies niemals fühlen lassen, auch wenn er hundert Jahre neben dieser Quelle lebte.“

Ein Tropfen Ewigkeit ist unendlich viel mehr als aller Fluss und Strom vergänglichen Lebens.

Reklov Offline




Beiträge: 3.213

15.04.2017 13:44
#2 RE: Grabesruh antworten

Zitat
Gerädert fühle auch ich mich manchmal, etwa wenn ich mal wieder hören muss, dass die Apache ihre Gefangenen splitternackt ausgezogen hätten und kopfüber an ein Rad gebunden, mit Pech eingeschmiert und ein Feuer darunter gemacht, bis die Ärmsten bei lebendigem Leibe verschmort wären. Die Einzigen, die auf derlei Grausamkeit stehen, sind die Bandidos, sie machen das denn auch des Öfteren, aber wer kann einem verkohlten Leichnam schon ansehen, wer ihn geschwärzt hat? Ja, ob er ein Apache ist? Also müssen es die bestialischen Wilden gewesen sein.

Desperado,

... bei solchen Themen ist man leider, wie so oft, auf Berichte aus 2ter und 3ter Hand angewiesen und klar ist auch, dass die heutigen Indianer nicht mehr mit denen des "Wilden Westens" zu vergleichen sind.

Das Internet zeichnet hierzu ein anderes Bild:

>> Die Weißen sagten den nordamerikanischen Indianern gräßliche Foltermethoden nach. Viele Siedler hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, die letzte Kugel für sich selbst aufzuheben, um nicht am Marterpfahl ein fürchterliches Ende zu finden. In Wirklichkeit aber quälten die oft zu Unrecht verteufelten Präriestämme ihre Gefangenen äußerst selten.

Als grausige Marterexperten waren vor allem die unbändigen Comanchen verschrien, die ihre männlichen Opfer, die Arme gespreizt, mit ungegerbten Lederriemen an kreuzartige Torturpfosten fesselten. Sie versengten Hände und Füße der Gefangenen bis zur Abstumpfung der Nerven, trennten die gefühllosen Gliedmaßen ab, peinigten blutende Fleischwunden erneut mit Brandfackeln, skalpierten die Gefolterten bei lebendigem Leibe, rissen den vor Entsetzen Schreienden die Zungen heraus und verscharrten sie unter glühenden Kohlen.

Noch grausamere Peinigungsverfahren wurden den Wilden Kiowa zugeschrieben, die Nerven und Körper stundenlang und sogar tagelang nach und nach zugrunde richteten und den Gequälten das volle Ausmaß ihrer Erniedrigungen vor Augen hielten. Die bestialischen Folterriten der Kiowa und Comanchen waren aber Ausnahmefälle bei den Prärievölkern. Sogar das von den Bleichgesichtern eingeführte Erhängen empfanden die Plains-Indianer als brutal und unmenschlich.

Dagegen verfügten die zivilisationsträchtigsten Indianervölkerschaften, wie die der östlichen Waldgebiete, die auf einer höheren Entwicklungsstufe standen, als die primitiven Prärienationen, über ein unvorstellbares Arsenal unberechenbarer Folterkünstler. Dies verwundert T. R. Fehrenbach, ein Geschichtsforscher, nicht, für den die Niedertracht der Quältricks in direktem Verhältnis zur erreichten Kulturstufe steht.

Die Zivilisation erhob in Frankreich die gesetzliche Folter zur hohen Kunst. Jene französischen und spanischen Schreiberlinge, die voller Entsetzen die Folter der Indianer beschreiben, entstammten Gesellschaften, die Frauen und Kinder Inquisitionen unterzogen, wie sie sich ein amerikanischer Ureinwohner nicht hätte vorstellen können. Sie quälten Menschen auf dem Rad, der Folterbank, dem Scheiterhaufen inmitten sadistischer Festlichkeit zu Tode, die sich in nichts von der tiefverwurzelten Lust der Comanchen, Anderen Schmerzen zuzufügen, unterschieden.

Bei den Indianern des Nordostens zeichneten sich die finsteren Irokesen durch außergewöhnliche Grausamkeit aus. Sie versuchten die Gemarterten so lange wie möglich am Leben zu halten und gönnten ihnen sogar ausgedehnte Folterpausen, damit sie sich von ihren Höllenqualen erholen konnten. Derjenige, der seinem Ableben, welches nie eine Frage der Zeit war, mutig ins Gesicht sehen konnte, stieg in der Achtung seiner Schinder, die ihm Bewunderung zollten. Zeigte das Opfer, dass es allen Leiden gewachsen war, ging die Anerkennung der roten Schlächter manchmal so weit, dass sie den Gefolterten ohne Umschweife freiließen.

Der Brauch des Marterns, sowie auch die Sitte des Skalpierens stammte aus dem Süden und hatte seinen Ursprung in Mexiko von den Azteken. Zu Anfang war das langsame zu Tode Foltern eine religiöse Zeremonie, mit der dem Gott des Krieges oder auch der Jagd ein blutiges Menschenopfer dargebracht wurde. Nach und nach entartete das ursprüngliche religiöse Marterritual, wurde aus den kultischen Handlungen eine tödliche Mutprobe, bis nur noch aus Vergnügung oder Rache gemartert wurde. <<

Gruß von Reklov

Desperado ( gelöscht )
Beiträge:

15.04.2017 20:38
#3 RE: Grabesruh antworten

Das lass ich jetzt einfach mal so stehen, Reklov.

Comanche und Kiowa waren gleich nach den Apache die wehrfähigsten Stämme, die Denunziationen und falschen Behauptungen entsprechend fantasievoll ausgemalt, es ging um nichts anderes als ihre Verteufelung, um die namenlosen Verbrechen an ihren Völkern damit zu legitimieren. Das Internet macht sich selten die Mühe, die Wahrheit hinter den Schauer-Geschichten sogenannter Geschichte zu recherchieren. Da wird unreflektiert gesammelt, was es da so alles an zeitgenössischen "Berichten" gibt. Macht mich mitunter wütend.

Die Irokesen hingegen kannten die Marter, das ist richtig. Über Ursachen und Gründe streiten sich die Ethnologen, vielleicht war's einfach nur purer Sadismus. Häuptlinge innerhalb der Liga, die es damit übertrieben, genossen keinen guten Ruf und waren rundum gefürchtet. Der Seltenheitscharakter überwog auch hier bei Weitem. Das ganz und gar nicht zwingend tödliche (Karl May kannte diesen kaum bekannten Tatbestand höchstwahrscheinlich aus den Reiseberichten Maximilian Wieds und verewigte ihn in der Gestalt von Sam Hawkins) Skalpieren war ein Witwentrost für ihre vom feindlichen Stamm der Huronen erschlagenen Männer. Erst hohe Skalp-Prämien der gegründeten Regierungen der Kolonisten machten die Sache mörderisch und sorgten zugleich für dessen Verbreitung bis hinunter nach Mexiko.

Die Apache skalpierten überhaupt nie, obwohl sie das von Weißen am häufigsten skalpierte indianische Volk sein dürften, Frauen und Kinder inbegriffen.


Frohe Ostern!
Desperado

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