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Atheismus vs. Religionen  

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Dieses Thema hat 3 Antworten
und wurde 271 mal aufgerufen
 Christentum
seneca Offline

religiöser Atheist


Beiträge: 574

11.01.2018 10:53
Martin Luther - seine dunklen Seiten antworten

Der hochgelobte Reformator Martin Luther war nicht nur mutig in seinem Kampf gegen Missbräuche der katholischen Kirche (Ablasshandel), sondern ein höchst problematischer, kranker und zorniger Mann und der Obrigkeit hörig.

Siehe den Dok-Film Martin Luther - die dunkle Seite https://www.youtube.com/watch?v=VDpzzz-ECc8

Luther hat sich der Obrigkeit angedient, die ihn (sein Kurfürst) schützen musste. Als die Bauern gegen zu hohe Abgaben und Frondienste revoltierten (Bauernkriege), rief er zu Vernichtung der "räuberischen und mörderischen Rotten der Bauern" auf. Seine Sprache in seinen vielen Schriften wurde mit den Jahren immer gröber und primitiver (ja, er hat nicht nur die Bibel ins Deutsche übersetzt). Er verfiel der Völlerei, die er in einer seiner früheren Schriften bekämpfte, d.h. er trank jeden Tag Unmengen von Wein und Bier zu den Mahlzeiten. Wie man auf Bildern sieht wurde er immer aufgeschwemmter und fettleibiger.

Er wütete nicht nur gegen die Bauern, Wieder-Täufer etc., sondern bekanntlich auch gegen die Juden und die Türken sowieso (Türkenkriege), gegen "Zauberinnen" (Hebammen und Kräuterkundige). In den lutherischen Gebieten war die Hexenverfolgung noch stärker als in den katholischen. Er rief in seinen Predigten zu Mord und Totschlag, Folter und Verbrechen auf. Er forderte sogar den Tod derjenigen, die von seiner Glaubenslehre abwichen, oder ohne amtliche Bewilligung predigten. Er war eine Art christlicher Ayatholla.

Es wird von der lutherischen Kirche grösstenteils verschwiegen, dass Luther eine höchst problematische Figur, eine psychisch kranker Alkoholiker war, der sich gerne in Rage redete. Ja, was soll's, er hatte halt eine deftige Sprache und dem Volk aufs Maul geschaut, wird gemütlich verharmlost. Hier eine sehr bezeichnende Aussage von ihm selber bei einem Tischgespräch:
Ich habe keine bessere Arznei [Energiequelle] als den Zorn, denn wenn ich gut schreiben, beten und predigen will, dann muss ich zornig sein. Da erfrischt sich mein ganzes Geblüt, mein Verstand wird geschärft und alle Anfechtungen [Hemmungen] weichen.

Der Schweizer Reformator Ulrich Zwingli, war ähnlich wie Luther (aber nicht so schlimm), d.h. obrigkeitsgläubig und v.a. gegen die Wiedertäufer. Hier ein lesenswerter Aufsatz von Peter Kamber "Zwingli, der reaktionäre Staatsphilosoph", WoZ 21.12.84
https://peterkamber.de/files/woz/211284.pdf

Die marxistisch gestimmten Einleitung möchte ich nicht vorenhalten (Marx soll ja ein Revival erleben):

In den drei Jahrtausenden indoeuroopäischer Geschichte brauchte es nach dem franz. Historiker Jacques Le Goff (1924-2014) v.a. drei Dinge, um einen Staat zu "machen": Herren zum Regieren und Kriegführen, Untertanen zur Schaffung von Werten (Arbeit!) und Priester für den "Segen", d.h. die Ideologie zu liefern, und dies v.a. überzeugend.

Die Aufgabe des Priesters [sprich der Kirchen; ihre Aufgabe hat sie heute grösstenteils verloren] ist die, ein Erklärungs-Schema der Gesellschaft zu konstrurieren; nicht einfach die Gesellschaft zu beschreiben, sondern v.a.: auf sie einzuwirken, ihr Gestalt zu geben, ein Machtwort zu sprechen.
Ideologie ist für Le Goff "die theoretische Beziehung der Klassenbeziehungen in den Händen der herrschenden Gesellschaftsschichten". Ideologie ist keine Wiederspiegelung des Gelebten, sie ist ein Projekt, auf diese einzuwirken. - Das haben Luther und Zwingli getan.

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RELIGION IST HEILBAR! - Denken ist eine Anstrengung; Glauben ein Komfort (Ludwig Marcuse).
Ich würde nur an einen Gott glauben, der zu tanzen verstünde
(Nietzsche, Zarathustra).

seneca Offline

religiöser Atheist


Beiträge: 574

11.01.2018 12:06
#2 RE: Martin Luther - seine dunklen Seiten antworten

Wer den Film Luther - die dunkle Seite nicht ansehen mag, findet alle Zitate auf dieser Seite im Text.
http://kath-zdw.ch/maria/Evangelisch.Ref...ite.luther.html

Hier noch ein Zitat: Luther wusste, dass er einen grossen Einfluss hatte und was er anrichtete, gab aber Gott die Verantwortung dafür. In einem Moment der Klarsichtigkeit sagte er in einem Tischgespräch:
Prediger sind die allergrößten Totschläger, denn sie ermahnen die Obrigkeit, dass sie entschlossen ihres Amtes walte und die Schädlinge bestrafe. Ich habe im Aufruhr alle Bauern erschlagen. All ihr Blut ist auf meinem Hals. Aber ich schiebe es auf unseren Herrgott. Der hat mir befohlen solches zu reden.


Hier noch eine Kritik über ein Spiegel Sonderheft, wo es u.a. um Luther ging.
https://hpd.de/artikel/10950

Kein Zweifel, Luther gehört in dieses Sonderheft [Spiegel Sonderheft 6/2014] über die Bibel, weil er sie ins Deutsche übersetzt hat und dafür ja auch schon im Laufe der Jahrhunderte Laudationen ohne Ende und von allen Seiten erntete. Das Schlimmste an diesem Aufsatz über Luther aber ist, dass sein Verfasser Uwe Klussmann hier ganz generell als Minnesänger Luthers fungiert, keine Pointe auslässt, um ihn – man höre und staune – zum Befreiungstheologen mit einem revolutionären Potenzial hochzustilisieren. - Er bekämpfte die Revolution, die er mit anzettelte, aufs Schärfste.

All das erschreckend, ja unmenschlich Negative, das Luther gesagt bzw. angerichtet hat, wird in diesem Beitrag mit keinem Wort erwähnt. Dass er wüsteste und brutalste Hetzreden und Aufrufe gegen eine Unzahl von Menschen und Menschengruppen hielt bzw. verfasste und allen Ernstes, mit allem Nachdruck ihre Vernichtung forderte, verschweigt der Beitrag völlig. Dabei steht für die Religionswissenschaft seit langem eindeutig fest: Was Luther gegen Frauen, Ketzer, Sektierer, Leibeigene, die keine mehr sein wollten, gegen Juden, Prostituierte, die Philosophie, Philosophen [Juristen] und Humanisten an tödlichem Gift versprühte, ist auf seine Weise so einzigartig negativ, dass ihm diesbezüglich kein anderer Religionsstifter, kein Reformator auch nur annähernd das Wasser reichen kann. Selbst der Koran und der Talmud in ihren negativen Aussagen über bzw. gegen Nichtgläubige können im Vergleich zur geballten Wut von Luthers mörderischen Hetztiraden nicht mithalten.

Kein Wunder, dass ihn Friedrich Nietzsche deshalb ein “Unglück von einem Mönch” nannte und der neomarxistische Philosoph Ernst Bloch ihn zu den “großen Selbsthassern” zählte, der die ganze Welt und Menschheit als “Widerschein” seiner existentiellen und ethischen Verzweiflung erlebte. Andere seriöse Kritiker sind in ihrem Urteil über Luther eher noch schärfer. Luthers Menschenbild und seine Thesen zur Sexualität seien “eine verderbliche Perversion, ein Verbrechen am Menschen und ein wuchernder Wahn”, urteilt W. Ronner, Autor des Klassikers “Die Kirche und der Keuschheitswahn”. Die Rechtsanwälte C. Sailer und G.-J. Hetzel begründen in ihrer Schrift über gewisse verfassungsfeindliche Umtriebe in allen Einzelheiten, dass “Luther nach heutigem Rechtsverständnis ein Krimineller war, den der Staatsanwalt sofort verhaften ließe, wenn er seiner habhaft würde – wegen Volksverhetzung (§ 130 StGB), Anstiftung zum Mord (§§ 26, 211 StGB), Anstiftung zum Landfriedensbruch (§§ 26, 125 StGB) und Anstiftung zur schweren Brandstiftung (§§ 26, 306 StGB)”.

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Reklov Offline




Beiträge: 3.464

11.01.2018 12:17
#3 RE: Martin Luther - seine dunklen Seiten antworten

Zitat
Der hochgelobte Reformator Martin Luther war nicht nur mutig in seinem Kampf gegen Missbräuche der katholischen Kirche (Ablasshandel), sondern ein höchst problematischer, kranker und zorniger Mann und der Obrigkeit hörig.

seneca,

... als letztes Jahr eine kleine Jubiläumsbroschüre zum 500. Luther-Jahr in meinem Briefkasten landete, schrieb ich dem Herausgeber (u.a. unser Dorfpfarrer) eine längere Mail, welche die Schattenseiten Luthers nach vorne rückte. - Neben Luthers unrühmlicher Kehrtwende während der grausamen Bauernkriege, erwähnte ich auch seine "Hetzschrift gegen die Juden", welche Luther mit dem damals neuen Druckverfahren der beweglichen Buchstaben unter die Leute bringen ließ. Darin forderte er u.a., das man die Juden von jeder Handwerkerzunft ausschließen, ihre Synagogen anzünden, sie außer Landes treiben und das "lügnerische Natterngezücht" totschlagen solle, wo immer man es anträfe.

In den "Nürnberger Prozessen" versuchten sogar einige Nazis, sich auf Luther zu berufen, was aber die Militärrichter wenig beeindrucken konnte.

Luthers Kehrtwende gegen die aufständischen Bauern ist aus seiner Sicht zu verstehen, denn der ordentlich bezahlte Theologie-Professor bezog sein ansehliches Gehalt schließlich aus der Schatztruhe seines adeligen Landesherren und Gönners. Dieser überließ ihm auch großzügig ein Stadthaus, dass M.Luther mit seiner vielköpfigen Familie frei bewohnen konnte. Keiner beißt also gerne die Hand, welche ihn füttert.

Unser Pfarrer antwortete mir dann auch, stritt meine Einwänden auch nicht ab, versuchte aber natürlich, auch die aufrechte, streitbare Seite Luthers und seine Verdienste zu erwähnen.
Luthers Bibelübersetzung war, nach Fachmeinung, aber alles andere, als gelungen, denn Luther beherrschte nur Latein und Griechisch, war aber des Althebräischen unkundig. So schaute er bei seiner Text-Übertragung ins Deutsche dem Volk lieber "aufs Maul", um so leichter verstanden zu werden. Luther konnte nicht wissen (oder beachtete nicht?), dass das Althebräische in vielen seiner Worte eine mehrfache Bedeutung (oft 5-7) mitschwingen lässt, also für den Leser stets eine Aufforderung zur Deutung, zum Mitdenken in sich birgt.
Diese "doppelten Böden" in eine andere Sprache zu übertragen, birgt eine ganz spezielle Problematik in sich. -
Die beste Bibelübersetzung soll Martin Buber (österreichisch-israelischer jüdischer Religionsphilosoph) gelungen sein.

Wie ich lesen konnte, war M.Luther in jungen Jahren den Juden freundlich gesonnen, verurteilte sogar scharf jeden Übergriff gegen diese deutschen Mitbürger, weil ja Jesus immerhin auch ein Jude gewesen war. Außerdem trieb ihn die stetige Hoffnung um, man könne diese relig. Minderheit irgendwann doch noch ins "christliche Boot" hinüberholen. Als er aber mit den Jahren, in denen er auch zunehmend von ständigen Krankheiten geplagt wurde, einsehen musste, dass die Juden sich von ihrer mosaischen Lehre (Pentateuch/Tora) keinen mm entfernen wollten, schlug sein religiöser Eifer in bitteren Hass um.

Für mich persönlich war die laute Werbe-Glocke, die man 2017 zum 500jähr. Luther-Jubiläum überall laut erklingen ließ, ein bedenkliches Signal, dass die meisten Leute vom Lebensweg Luthers wenig wissen (wollen).


Gruß von Reklov

Gysi Offline

Atheist


Beiträge: 16.218

11.01.2018 15:48
#4  Martin Luther - seine dunklen Seiten antworten

Zitat von Reklov
Für mich persönlich war die laute Werbe-Glocke, die man 2017 zum 500jähr. Luther-Jubiläum überall laut erklingen ließ, ein bedenkliches Signal, dass die meisten Leute vom Lebensweg Luthers wenig wissen (wollen).

Für mich ist es generell "ein bedenkliches Signal", auf Deibel komm raus einer biblischen Schönwetter-Exegese zu folgen. Denn gerade die Wiederauferstehungs- und Erlösungslehre, die Höllenandrohungen Jesus' und die göttliche Endkriegsprophezeiung zeigen doch, wie unauflösbar selbst die paar Wohlfühl-Sprüche des Gottessohnes mit dem archaischen Inhumanismus der alttestamentarischen Blutopfer-Ideologie verbunden sind. Wer sich zu den Menschenrechten und dem Humanismus bekennt, kann nicht ernsthaft ein Christ sein.

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