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Dieses Thema hat 23 Antworten
und wurde 545 mal aufgerufen
 Christliche Kultur und Politik
Reklov Offline




Beiträge: 5.816

20.09.2020 11:00
Was ist Kunst? Antworten

Was ist Kunst - und warum ist dazu ein bestimmtes Bewusstsein nötig?

Welche Kunstdisziplinen bekommen von den Forum-usern besondere Aufmerksamkeit und warum können z.B. Tiere keine "Kunst" hervorbringen?

Freue mich auf vielschichtige Antworten.

Gruß von Reklov

Gysi Offline

Atheist


Beiträge: 18.955

20.09.2020 11:46
#2  Was ist Kunst? Antworten

Zitat von Reklov
Was ist Kunst

Kunst kommt von "künstlich" und ist also das Gegenteil von "naturell".
Es ist etwas, was die Menschen schöpfen und nicht die Natur. So gesehen, ist alles künstlich, was der Mensch geschöpft hat (also nicht direkt die Natur) und zu schöpfen vermag: den Faustkeil, den Webstuhl, die Dampfmaschine, das Auto, das Flugzeug, den Computer und das Internet.

Der Sprachgebrauch hat den Begriff jedoch sinnvoll eingeengt. Kunst ist alles Menschengemachte, aber eher etwas Spielerisches, Unterhaltendes. Sie kann auch lehrreich sein und Botschaften transportieren. Sie bleibt aber ein Bühnenspiel. Das Spiel kann gut sein - oder schlechter. Es bleibt aber ein Spiel.

Zitat
arum können z.B. Tiere keine "Kunst" hervorbringen?

Doch, können sie! Was sind denn z.B. die Balztänze der Tölpels? Die Nestkonstruktionen einiger Vögel sind derart atemberaubend schön - die würde ich auch als Kunst bezeichnen! Ein informierter Biologe könnte hunderte anderer Beispiel aufführen. Die Grenzen zwischen Mensch und den (anderen) Tieren sind nicht scharf zu ziehen, sie sind fließend!

Diesen Thread "Was ist Kunst?" hast du dem Forum "Christliche Kultur und Politik" untergeordnet. Wieso denn das?

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"Ich bin vom Glauben zum Wissen konvertiert!" (Hamed Abdel-Samad)

Reklov Offline




Beiträge: 5.816

20.09.2020 21:10
#3 RE: Was ist Kunst? Antworten

Zitat
Die Nestkonstruktionen einiger Vögel sind derart atemberaubend schön - die würde ich auch als Kunst bezeichnen! Ein informierter Biologe könnte hunderte anderer Beispiel aufführen.

Gysi,

... solches ist eher unter dem Begriff "Kunsthandwerk" einzuordnen. In dem Fall - unter "Kunstschnabelwerk".
Ähnlich, wie z.B. ein Biberdamm, die vielen Ornamente auf versch. Schmetterlingsflügeln od. das filigrane Faden-Muster eines Spinnennetzes, ist es zweckgerichtet.

Wenn Kunst entstehen soll, darf sie nicht zweckgerichtet oder belehrend sein. Abstrakte Bilder od. Plastiken sind hierfür geeignete Beispiele.

So sind z.B. die Werke der Kirchenkunst (Ölgemälde, Fresken, Plastiken etc.), welche seinerzeit vielen der mittelalterlichen Analphabeten zur Anschauung dienten, nur ILLUSTRATIONEN biblischer Szenen, seien sie handwerklich auch noch so gut ausgeführt. Zumal dabei noch hinzukommt, dass sich die "Auftraggeber" aus Reihen der Kirche in das Thema und die Ausführung einmischten, denn schließlich bezahlten sie den "Künstler".

Ebenso sind die unzähligen Ölbilder von Adelsfamilien und ihren Schlössern lediglich "Abbilder". Als die Fotografie erfunden wurde, waren solche "Darstellungen" nicht mehr angesagt, denn die Kamera konnte solches noch realistischer, schneller und somit auch preisgünstiger ausführen.

Picasso orientierte sich z.B. auf seinem Weg zur Abstraktion an der Stilistik der Höhlenmalereien. Die europäischen Höhlenmalereien stammen zumeist aus dem Jungpaläolithikum, von anatomisch modernen Menschen.
Die über 40.000 Jahre alten Felsbilder wirken heute noch "modern", weil sie mit kräftigen schwarzen Konturen und dunkleroten Naturfarben nur das "Wesentliche" einer Tier- od. Menschenform andeuteten. Feinere Details waren auf dem rauen Felsuntergrund schlecht anzubringen, zumal damals nicht mit dem Pinsel gearbeitet worden war.

>> Der Felsbildforscher Jean Clottes meint:
Die Menschen haben damals aufgrund ihres Glaubens in Höhlen gemalt und graviert. Höchstwahrscheinlich glaubten sie einfach, dass die unterirdische Welt eine übernatürliche Welt ist. In den Grotten glaubten sie Geistern, Göttern, ihren Vorfahren, Verstorbenen zu begegnen. Die Bilder sollten als Mittler zwischen der hiesigen und der jenseitigen Welt dienen.“ Nach Clottes ist die prähistorische Kunst Teil einer schamanistischen Religion. Womöglich waren die Höhlen auch ein Ort für Initiationsriten, nach früherer, inzwischen als überholt geltender Ansicht auch für Jagdmagie.

Praktische Zwecke

Die Malereien dienten möglicherweise als Symbolsprache, um Erfahrungen mit Jagdwild, Jagdtechniken oder Wanderrouten von Tieren festzuhalten. Sie könnten auch als Demonstration gedient haben, dass man sich in dieser Höhle befunden hat.

Künstlerischer Ausdruck

Teilweise werden Höhlenmalereien als Kunst in einem dem heutigen Kunstbegriff nahen Sinne verstanden. Diese Deutung ist umstritten. Steven Mithen verweist darauf, dass einige der heutigen Naturvölker Felsmalerei betreiben, ohne ein Wort für „Kunst“ in ihrem Wortschatz zu besitzen. << (Quelle: Internet)

Zitat
So gesehen, ist alles künstlich, was der Mensch geschöpft hat (also nicht direkt die Natur) und zu schöpfen vermag: den Faustkeil, den Webstuhl, die Dampfmaschine, das Auto, das Flugzeug, den Computer und das Internet.

Produkte menschlicher Technik sind durchaus als genial zu bezeichnen. Weil sie aber zweckgerichtet sind, reihen sie sich nicht unter dem Begriff KUNST ein.

Gruß von Reklov

Reklov Offline




Beiträge: 5.816

20.09.2020 21:44
#4 RE: Was ist Kunst? Antworten

Zitat
Diesen Thread "Was ist Kunst?" hast du dem Forum "Christliche Kultur und Politik" untergeordnet. Wieso denn das?

Gysi,

... weil KUNST nun mal unter KULTUR läuft und in unzähligen Fällen als politisches Instrument oder aber zur Kritik an Kultur und Politik eingesetzt wurde/wird.

Eines von vielen Beispielen:

https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Erschi...t%C3%A4ndischen

Die Erschießung der Aufständischen
Francisco de Goya, 1814
Öl auf Leinwand

Gruß von Reklov

Gysi Offline

Atheist


Beiträge: 18.955

21.09.2020 08:45
#5 Was ist Kunst? Antworten

Zitat von Reklov
Wenn Kunst entstehen soll, darf sie nicht zweckgerichtet oder belehrend sein. Abstrakte Bilder od. Plastiken sind hierfür geeignete Beispiele.

Darf sie nicht. Ist diese Einschränkung zwingend zur Definition der Kunst? Was ist dann mit dem Holocaust-Mahnmal in Berlin? Mit den Antikriegs-, Klage-, Rebellions- und Revolutionsliedern, den gesellschaftskritischen Romanen und so fort? Alles keine Kunst? Eben doch! Kunst positioniert sich gesellschaftlich, sie ist nicht neutral! Der Künstler spricht (mit seiner Kunst) und engagiert sich für irgendwas. Selbst, wenn er verschmalzte Liebeslieder trällert. Aber er schafft dafür eine neue Sprache - oder bedient sich ihrer: seine Kunst!

Zitat
... weil KUNST nun mal unter KULTUR läuft und in unzähligen Fällen als politisches Instrument oder aber zur Kritik an Kultur und Politik eingesetzt wurde/wird.

So ist es. Also 'darf' Kunst doch zweckgerichtet sein.

Was du als 'nicht zweckgerichtet' bezeichnest (als Attribut für Kunst), habe ich als 'Spiel', als 'spielerisch' bezeichnet - im Gegensatz zur direkten Nützlichkeit zur Befriedigung der unmittelbaren Lebensbedürfnisse. (Um Kunst von Arbeit abzugrenzen, z.B. von Schraubstockarbeiten oder Rechnungen schreiben und so was.) Ist doch auch richtig, oder?

Was ist Kunst? Gar nicht so einfach, das fest und überzeugend zu umreißen...

Aber Kunst ist doch nicht per se christliche Kunst?
Oder ist Kunst für dich per se ein religiöses Faktum? Die Ausübung von Kunst ein religiöser Akt?

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Reklov Offline




Beiträge: 5.816

21.09.2020 14:28
#6 RE: Was ist Kunst? Antworten

Zitat
Darf sie nicht. Ist diese Einschränkung zwingend zur Definition der Kunst? Was ist dann mit dem Holocaust-Mahnmal in Berlin? Mit den Antikriegs-, Klage-, Rebellions- und Revolutionsliedern, den gesellschaftskritischen Romanen und so fort? Alles keine Kunst?

Gysi,

zunächst mal zu den versch. KUNST-DISZIPLINEN:
Malerei, Bildhauerei, Literatur, Poesie, Theater, Tanz, Film, Video, Musik, Collagen, Installationen versch. Art - etc.

Ich will mal nur speziell das Malen und Zeichnen hervorheben. Auch hier sind viele Genres zu sehen:

klassische Landschaftsmalerei, Portraits, Tierabbildungen, Blumen-/Gartenbilder, Kirchenmalerei, Historienmalerei, Städte-/Häuserdarstellungen, Akt-Studien, Skizzen, Kupferstiche, Radierungen, Holzschnitte, Collagen, Comics, Graffiti - etc.

Stilarten: Realismus, Impressionismus, Expressionismus, Surrealismus, Abstrakte Malerei - etc.
In allen Genres waren/sind Spezialisten am Werk, denn kein Maler kann alles gleich gut darstellen. Zudem suchten/suchen sich die Maler/Zeichner ihre unterschiedlichen Themen, welche sie bewegten/bewegen.

Zitat
Darf sie nicht. Ist diese Einschränkung zwingend zur Definition der Kunst? Was ist dann mit dem Holocaust-Mahnmal in Berlin? Mit den Antikriegs-, Klage-, Rebellions- und Revolutionsliedern, den gesellschaftskritischen Romanen und so fort? Alles keine Kunst?

Das begehbare Holocaust-Mahnmal zähle ich zur "politischen Kunst", ebenso wie z.B. manche Gemälde von Otto Dix.

Zitat
Was ist Kunst? Gar nicht so einfach, das fest und überzeugend zu umreißen...

Alles, was uns zum Denken und Staunen anregt, weil es uns kreativ/andersartig vor unsere Sinne tritt, ist menschliche KUNST.

Einen Trabi in der Fabrik zu bauen, war eine Frage der Technik. Sobald man aber den Trabi verfremdet, also bemalt oder als Plastik darstellt - entsteht KUNST:

https://www.kunstleben-berlin.de/event/3...mt-nach-berlin/

Zitat
Aber Kunst ist doch nicht per se christliche Kunst?
Oder ist Kunst für dich per se ein religiöses Faktum? Die Ausübung von Kunst ein religiöser Akt?

Keinesfalls! Die Kirchenmalerei war/ist lediglich ein Genre innerhalb der KUNST. Die Beweggründe zu dieser Stilistik waren/sind nicht selten in der ordentlichen Bezahlung durch den Auftraggeber KIRCHE zu finden.

Ich kenne eine Künstlerin, welche für guten Lohn abstrakte Motive für die Glasfenster einer Kirche entwarf, welche dann dem Glaser/Handwerker als genaues "Vorbild" dienten.
Sie hatte den Auftrag (unter mehreren Bewerbern) bekommen, weil ihre Entwürfe den zahlenden "Kunden" am besten gefielen.

Gruß von Reklov

Reklov Offline




Beiträge: 5.816

21.09.2020 15:08
#7 RE: Was ist Kunst? Antworten

Gysi,

eine Frage: nach den Angaben, wie sie das Forum vorgibt, kann ich keine Bilder zu meinen Texten stellen.
Das Hineinstellen eines Bildes zwischen die Klammern funktioniert bei mir nicht.

Was mache ich falsch?

Gruß von Reklov

Gysi Offline

Atheist


Beiträge: 18.955

21.09.2020 15:24
#8 Was ist Kunst? Antworten

Zitat von Reklov
zunächst mal zu den versch. KUNST-DISZIPLINEN:
Malerei, Bildhauerei, Literatur, Poesie, Theater, Tanz, Film, Video, Musik, Collagen, Installationen versch. Art - etc.

Was hat das mit meiner Kritik zu tun, dass du Kunst eben doch 'zweckgerichtet' und durchaus auch 'belehrend' einsetzen kannst? Ob die 'Belehrung' dann gut ankommt oder eher abstoßend ist, ist eine andere Frage...

Zitat
Alles, was uns zum Denken und Staunen anregt, weil es uns kreativ/andersartig vor unsere Sinne tritt, ist menschliche KUNST.

Das Internet, die GPS-Technik, die moderne Kommunikation eben halt - regt micht auch zum Staunen an, wird aber trotzdem gemeinhin nicht 'Kunst' genannt...

Zitat

Einen Trabi in der Fabrik zu bauen, war eine Frage der Technik. Sobald man aber den Trabi verfremdet, also bemalt oder als Plastik darstellt - entsteht KUNST:

Die Verfremdung, ja: die schafft die Kunst. Also die Spielvariante menschlichen Schaffens! Im Gegensatz des Schaffens von Dingen zur Befriedigung unmittelbarer Bedürfnisse. => Essen, Trinken, Kleidung, Wohnung, Wohnen, Medizin. Aber die Wissenschaften und die Bildung sind keine Kunst!

Ich suche noch nach der richtigen Definition! Wenn es die denn gibt! Aber eine bessere zu formulieren sollte uns möglich sein...

Zitat
Was mache ich falsch?

Weiß ich nicht. Du hattest mir doch mal ein paar Bilder von dir rübergestellt. Oder auch soeben oder gestern von diesem klassischen Maler. Francisco de Goya. Kannst du in den Beiträgen nicht nachschauen, wie's 'richtig' geht? Ansonsten: Wenn die Bilder rüberkommen, dann reicht das doch. Oder?

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Reklov Offline




Beiträge: 5.816

28.09.2020 15:22
#9 RE: Was ist Kunst? Antworten

Zitat
Was hat das mit meiner Kritik zu tun, dass du Kunst eben doch 'zweckgerichtet' und durchaus auch 'belehrend' einsetzen kannst? Ob die 'Belehrung' dann gut ankommt oder eher abstoßend ist, ist eine andere Frage...

Gysi,

... das eigentliche Wesen der Kunst ist FREIHEIT. Deswegen darf sie nicht von Auftraggebern, Museen od. Galeristen zweckgerichtet oder belehrend vereinnahmt werden. Gutes Beispiel dazu ist das Kunsthandwerk, welches ja gerne zweckgerichtete Kunst herstellt.

Zitat
Das Internet, die GPS-Technik, die moderne Kommunikation eben halt - regt micht auch zum Staunen an, wird aber trotzdem gemeinhin nicht 'Kunst' genannt...

Schau doch mal die kreativen Licht- oder Video-Installationen neuzeitlicher Künstler an. Keine Frage ist auch das Kunst, denn Technik, als Einsatzmittel, schließt das Entstehen von Kunst nicht aus.

Gruß von Reklov

Gysi Offline

Atheist


Beiträge: 18.955

28.09.2020 16:28
#10 Was ist Kunst? Antworten

Zitat von Reklov
... das eigentliche Wesen der Kunst ist FREIHEIT. Deswegen darf sie nicht von Auftraggebern, Museen od. Galeristen zweckgerichtet oder belehrend vereinnahmt werden.

Nach dir darf Kunst Vieles nicht... Aber sie ist 'Freiheit'... Das ist doch ein Widerspruch, oder nicht?

Wir sind doch gar nicht so weit auseinander: Was du FREIHEIT nennst (im Gegensatz zum Notwendigen), das nenne ich SPIEL (in Gegensatz zum Zweckgerichteten).

Zitat
Schau doch mal die kreativen Licht- oder Video-Installationen neuzeitlicher Künstler an. Keine Frage ist auch das Kunst, denn Technik, als Einsatzmittel, schließt das Entstehen von Kunst nicht aus.

Na, sag ich doch! (Du sagst 'Kunsthandwerk' dazu.)

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Reklov Offline




Beiträge: 5.816

29.09.2020 13:33
#11 RE: Was ist Kunst? Antworten

Zitat
Wir sind doch gar nicht so weit auseinander: Was du FREIHEIT nennst (im Gegensatz zum Notwendigen), das nenne ich SPIEL (in Gegensatz zum Zweckgerichteten).

Gysi,

... wenn z.B. Galeristen oder Museumsdirektoren "auswählen/bestimmen", was KUNST ist, so ist dessen FREIHEIT schon mal eingeschränkt. Ebenso geschieht dies, wenn Galeristen den Malern empfehlen, sie sollen mal Alltagsgegenstände (Turnschuhe, Dosen etc.) recht großformatig malen, weil das "mainstream" sei und sich gut verkaufen ließe.

Im 3. Reich wurde sogar von der Regierung bestimmt, was entartete Kunst sei.

Zitat
Na, sag ich doch! (Du sagst 'Kunsthandwerk' dazu.)

Unter Kunsthandwerk versteht man das Herstellen von handgefertigten Unikaten, wie z.B. Schmuck, Holzplastiken, Keramik-/Töpferware, bamalte Textilien, Glasformen - etc.
Viele dieser Sachen sind "zweckgerichtet", dienen also als Vase, Topf, Kerzenhalter, Schale, Kopftuch...etc. - Sie sind zwar künstlerisch gestaltet, die Betonung liegt aber mehr auf dem "Handwerk".

Gruß von Reklov

Gysi Offline

Atheist


Beiträge: 18.955

29.09.2020 14:55
#12 Was ist Kunst? Antworten

Ich kann mich noch daran erinnern, wie unser 'Hauptlehrer' der kaufmännischen Berufsschule mit uns diskutierte, was Musik sei. Das war so 1967. Also, der hatte schon seine feste, etwas konservative Meinung dazu. Musik, das war das, was Bach, Mozart und Beethoven gemacht hatten. Was die Beatles machten, sei keine Musik. Ich protestierte: "Doch, machen sie!" Mehr wusste ich aber auch nicht dazu zu sagen. Kann man dazu überhaupt was fest Umrissenes sagen? Die Stones konnten es wohl auch nicht. Aber sie sangen 1973 immerhin "I know, it's only Rock and Roll - but I LIKE it!" Eine gute Antwort, in dem Rahmen der Diskussion, finde ich.

Was ist Musik? Weißt du es?

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Reklov Offline




Beiträge: 5.816

17.10.2020 18:37
#13 RE: Was ist Kunst? Antworten

Zitat
Was die Beatles machten, sei keine Musik. Ich protestierte: "Doch, machen sie!" Mehr wusste ich aber auch nicht dazu zu sagen. Kann man dazu überhaupt was fest Umrissenes sagen? Die Stones konnten es wohl auch nicht. Aber sie sangen 1973 immerhin "I know, it's only Rock and Roll - but I LIKE it!" Eine gute Antwort, in dem Rahmen der Diskussion, finde ich. Was ist Musik? Weißt du es?

Gysi,

... natürlich komponierten die Beatles und andere Gruppen nach den Regeln der Klassik, der "Mutter unserer abendländischen Musik. Diese ist in Halbton und Ganzton-Skalen aufgebaut.

Indische Musik klingt für unser Ohren ungewohnt, weil hier auch "Vieteltöne" zum Einsatz kommen, was dem Europäer wie "Katzenjammer" in seinen Ohren klingt. Auch die Rhythmik der indischen Musik läuft nach einem anderen Konzept, als unsere Taktformen, die wir aus der Klassik und der Pop-Musik kennen.

Der nach klassischen Regeln komponierte Song YESTERDAY wird sogar von einem Streichquartett klassisch untermalt. Paul hat dafür eigens einen Arrangeur beauftragt, denn solche Streichersätze müssen von geschulten Leuten gesetzt/geschrieben werden - ebenso, wie z.B. die fetzigen Bläsersätze, welche später in der Soul Musik zu hören waren.

Deinem früheren Lehrer hättest Du leicht den Wind aus den Segeln nehmen können, indem Du ihm bewiesen hättest, dass schon allein die Akkord-Struktur von YESTERDAY auf einer klassischen Form von Akkordfolgen basiert:

F Em7 A7 Dm Dm/C

Yesterday all my troubles seemed so far away

Bb C7 F F/E Dm G7 Bb F F

Now it looks as though they're here to stay oh I believe in yesterday

Über diese Akkordfolge (F - Em7 - A7 - Dm ...... etc.) wird nun eine Melodie "aufgebaut/komponiert", die sich nach den Regeln der Harmonielehre richten muss. An diese waren und sind alle Komponisten gebunden.
Mit Akkordfremden Tönen konnte also Paul sein YESTERDAY keinesfalls schreiben.

Der Komponist hat nun für jeden Akkord viele Optionen an Tönen, um seine Melodien zu kreieren. Um nur ein Beispiel anzuführen: Der erste Akkord von YESTERDAY ist F-Dur. Eine F-Dur-Tonleiter hat die Töne f, g, a, b, c, d und e.
Danach wiederholt sich die Tonleiter aus 8 Tönen (= Oktave), nur eben a.

F-Dur ist eine Tonart des Tongeschlechts Dur, die auf dem Grundton auf den Notenlinien höher notiert. Die Tonart F-Dur wird in der Notenschrift mit einem ♭ (als Vorzeichen) gekennzeichnet. Auch die entsprechende Tonleiter und der Grundakkord dieser Tonart, werden mit dem Begriff F-Dur bezeichnet.

Die Ordnung der Tonleitern stammt von den alten Griechen, die bereits die versch. Tonabstände = Intervalle entsprechend in Skalen (Modi) "ordneten": Musik-Modi sind Arten von Tonleitern mit unverwechselbaren melodischen Merkmalen. Die sieben Modi – ionisch, dorisch, phrygisch, lydisch, mixolydisch, aeolisch and lokrisch – sind in den frühen Formen westlicher Musik entstanden.

Die Tonabstädne werden als Intervalle bezeichnet und verraten schon durch den Namen ihren Abstand zum nächsten Ton in der Tonleiter: PRIME, SEKUNDE, TERZ, QUARTE, QUINTE, SEXTE, SEPTIME, OKTAVE

Die ersten Gesänge nach Noten waren einfache Mönch-Gesänge, die oft nicht mehr als 5 Töne verwendeten und deswegen auch so monoton klingen/klangen. Mehr konnte/wollte man sich damals im Kloster wohl nicht aufladen, denn es sangen ja auch "unmusikalische" Brüder mit. (Und dies schon in aller Frühe!)

Auch Jazz, Blues, Rock etc. müssen sich diesen alten Regeln der Klassischen Musik unterordnen.

Die moderne Musik verwendet allerdings Akkorde und Rhythmen, wie sie die Klassik nicht hat oder aus Gründen des Zeitgeistes einfach nicht verwenden wollte.
Die Tonleiter des Blues war J.S.BACH natürlich auch bekannt, aber gerade der eine berühmte "Halbton", der nun mal das Merkmal des Blues ist, wurde von BACH als "der Ton des Teufels" bezeichnet.

Dieser typische Halbton wird von Gitarristen immer wieder gerne "gezogen", d.h., die Saite wird nicht im nächsten Bund auf dem Griffbrett sauber gedrückt, sondern man zieht die Saite zum nächsten Halbton hoch - und so entsteht der typische, klagende Blues-Effekt.
Dieses sog. bending ist auf unzähligen Gitarren-Solos (im Jazz und im Pop) in unzähligen Varianten zu hören.

Gruß von Reklov




I

Gysi Offline

Atheist


Beiträge: 18.955

18.10.2020 09:45
#14 Was ist Kunst? Antworten

Zitat von Rwklov
... natürlich komponierten die Beatles und andere Gruppen nach den Regeln der Klassik, der "Mutter unserer abendländischen Musik. Diese ist in Halbton und Ganzton-Skalen aufgebaut.

Indische Musik klingt für unser Ohren ungewohnt, weil hier auch "Vieteltöne" zum Einsatz kommen, was dem Europäer wie "Katzenjammer" in seinen Ohren klingt. Auch die Rhythmik der indischen Musik läuft nach einem anderen Konzept, als unsere Taktformen, die wir aus der Klassik und der Pop-Musik kennen.

Das ist der Teil deiner Antwort, den ich verstehe. Den größeren Rest verstehe ich nicht - kann ich nicht verstehen - und das weißt du doch...

Ich hab mal aus dem Netz eine Antwort ausgesucht =>

Zitat von Internet
(Musik ist) Kunst, Töne in bestimmter (geschichtlich bedingter) Gesetzmäßigkeit hinsichtlich Rhythmus, Melodie, Harmonie zu einer Gruppe von Klängen und zu einer stilistisch eigenständigen Komposition zu ordnen; Tonkunst.

Musik ist eine Aneinanderreihung von Tönen, die sich zu einem harmonisch gebildeten Klangteppich zueinanderfügen. Harmonie ist mathematisch erklärbar. So habe ich mir jetzt Musik erstmal erklärt.

Was aber ist der 'saubere' Ton (A, C, F usw.), und wie müssen die Töne aneinandergereiht werden, dass daraus eine Melodie (also was Harmonisches) entsteht?

Was ist ein Ton?

Was ist eine Melodie?

Was ist Harmonie in der Musik?
(Wenn auch die indische Musik in unseren westlichen Ohren fremd klingt, anders, so erkenne ich doch die 'saubere' Anordnung, den Klangteppich, die Musik! Die mir persönlich sehr gefällt.)

Kann man das einem Laien wie mir überhaupt erklären?

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Reklov Offline




Beiträge: 5.816

20.10.2020 13:50
#15 RE: Was ist Kunst? Antworten

Zitat
Was aber ist der 'saubere' Ton (A, C, F usw.), und wie müssen die Töne aneinandergereiht werden, dass daraus eine Melodie (also was Harmonisches) entsteht?

Gysi,

... nicht so leicht, einem Unkundigen die Musiktheorie zu erklären. Hättest Du zu Hause ein Instrument, wäre dies problemloser.
Ich will mal mit dem Kammerton A beginnen. Er hat 440 Hz und ist der Bezugspunkt beim Stimmen eines jeden Instruments. Man kann dies besonders ausgiebig hören, wenn sich die Musiker eines Klassik-Orchesters vor ihrem Aufritt im Konzertsaal vor dem Publikum auf diesen Kammerton "einstimmen".

In einem Dreiklang liegen stets 3 Töne übereinander. Diese sind nach dem Gesetz des Akkordaufbaus geordnet. So baut sich der C-Dur Dreiklang (ausgehend vom C) so auf: C - E - G .

Ein A-Dur Dreiklang but sich (ausgehend vom A) so auf: A - Cis - E.

Man kann über jedem Ton einen Dreiklang aufbauen. Natürlich sind auch Mehrklänge (komplexere Akkorde) möglich. Ein Pianist hat hierbei mit seinen 10 Fingern mehr Möglickeiten, als ein Gitarrist mit seinen 5 Fingern der linken Hand. Ein Blasinstrument kann jedoch stets nur einen Ton, aber keine Mehrklänge (Akkorde) erzeugen.

Erst mehrere Bläser können Akkorde spielen, deswegen besteht ein Bläsersatz in der Regel aus Trompete, Tenor Saxophon, Posaune, Bariton Saxophon. Diese können dann einen 4-Klang spielen. Bands, wie z.B. die US-Formationen EARTH WIND AND FIRE, CHICAGO, TOWER OF POWER oder BLOOD, SWEAT & TEARS lieferten zu ihren Zeiten sehr gekonnte, präzise Bläsersätze im Pop-Bereich ab, die einen noch heute vom Stuhl reißen.

Bereits in den Big Bands der 20er Jahre wurden sehr komplizierte Arrangements für Bläser geschrieben, die einer nur spielen konnte, wenn er absolut notenfest war. Aüßerst vertrackte Rhythmus-Verschiebungen verlangten vom Spieler zudem ein sicheres Zählen, um die Einsätze, zusammen mit den Orchester-Kollegen auf den Punkt genau zu "erwischen". Unter den vielen sehr guten Orchestern der Jazz-/Swing-Zeit will ich die Band des legendären Jazz-Pianisten DUKE ELLINGTON erwähnen.

Zitat
(Musik ist) Kunst, Töne in bestimmter (geschichtlich bedingter) Gesetzmäßigkeit hinsichtlich Rhythmus, Melodie, Harmonie zu einer Gruppe von Klängen und zu einer stilistisch eigenständigen Komposition zu ordnen; Tonkunst.

Einem Unkundigen sagen solche Worte recht wenig. Man kann auf diese Art auch kein Gemälde beschreiben, wollte man sagen, dass ein Bild aus folgenden Elementen besteht: Einem begrenzten Format, auf welchem Linien, Farbflächen und unterschiedliche Tonabstufungen von hell zu dunkel eine thematische Komposition darstellen.

Zitat
Was ist ein Ton?

Innerhalb unserer Musik hat z.B. das Klavier 88 Tasten. Der tiefste Ton auf der Tastatur ist ein A, der höchste ein C. Nach 8 Tönen beginnt sich die Tonleiter jedoch in einer neuen Oktave zu wiederholen.

Auf meiner Gitarre (sie hat 24 Bünde, im Gegensatz zu vielen Modellen mit nur 22) ist der tieftse Ton ein E und der höchste ebenfalls ein E, allerdings liegen dazwischen 4 Oktaven (also 32 Ganztöne).

Zitat
Was ist eine Melodie?

Eine Melodie ist in der Musik eine charakteristisch geordnete zeitliche Folge als Gestalt aus Tönen. Sie ist durch die auftretenden Intervalle (Tonabstände), die Richtung von deren Tonhöhen und ihren Rhythmus bestimmt.

Merke: Eine menschliche Stimme kann nicht alles singen, was bestimmte Instrumente als schnelle Tonfolgen erzeugen können. Langsamere Tonfolgen vermag sie jedoch müheloser zu meistern.
Der Jazz-Gesang zeichnet sich dadurch aus, dass er, wie ein Instrument, die gleichen Töne vorträgt, wie sie von Instrumenten, auch als Improvisation!!!, gespielt werden, während in der Klassik die Instrumente oft die Untermalungen zum Gesang facettenreich beitragen. In beiden Sparten gibt es aber auch die reine Instrumentalmusik.

Die Notenschrift zu YESTERDAY sagt auch einem Laien etwas, denn er sieht zumindest die auf- und absteigenden "Notenbilder", welche die Melodie des weltbekannten Songs grafisch widerspiegeln.
Der beigefügte link verdeutlicht dies besser:

https://www.musicnotes.com/sheetmusic/mt...0169&iso=de&;

gclid=CjwKCAjwlbr8BRA0EiwAnt4MToQA5NQMO3o_SsF_ROCg-SvcQU1CjY8e_IAY9OEvq2Y-tE1cjPXIkBoCvaoQAvD_BwE

Darüber stehen die Akkordbezeichnungen: F5 - Em7 - A7 etc. wie sie z.B. ein begleitender Gitarrist greifen muss. Der Text steht unter den zu spielenden/singenden Noten, die alle die unterschiedliche Höhe und Länge der einzelnen Töne bestimmen/vorgeben.

Gleich hinter dem ersten Notenschlüssel steht das Vorzeichen b für die Tonart F-Dur und 4/4 für den Takt. Die kleine Vortragsbezeichnung mp (mezzopiano) gibt an, dass der Song mit "halbleiser" Dynamik vorgetragen werden soll.

Dies alles lesen ausgebildete Musiker, wie den Text eines Buches. Das flotte Lesen der Notenschrift erfordert zunächst eine Übung von etwa 1 - 2 Jahren, wenn es sich um "einfache" Kompositionen handelt.

Klassik und Jazz-Noten erfordern entsprechend weit mehr Zeitaufwand und vor allem an handwerklicher Umsetzung auf dem Instrument, da hier oft sehr schnelle tempi abverlangt werden. Deswegen sind Berufsmusiker, genau wie Pofisportler, zum ständigen Üben gezwungen, wollen sie in ihrer Liga Geld verdienen.

In der Haus-/Hobbymusik kann sich der/die Musizierende solch strengen Leistungsanforderungen locker entziehen, indem er/sie einfache Titel spielt und dabei dennoch persönliche Freude findet.

Für weitere Fragen stehe ich gerne zur Verfügung.

Gruß von Reklov

Gysi Offline

Atheist


Beiträge: 18.955

20.10.2020 16:45
#16  Was ist Kunst? Antworten

Zitat von Reklov
Für weitere Fragen stehe ich gerne zur Verfügung.

Wann kann etwas als harmonisch empfunden werden? Harmonie ist ja nicht nur subjektiv empfindbar, sondern auch objektiv mathematisch zu erklären. Hat wohl was mit den gleichen Abständen der Töne zueinander zu tun.

Und es gibt ja auch nicht nur den A-Ton, den B-, C- und F-Ton usw. Sondern auch alle möglichen dazwischen. Trotzdem können auch solche Töne Harmonie erzeugen, wenn sie in einem gleichen Abstand zueinander stehen! Ist doch richtig, oder?

Zitat
Hättest Du zu Hause ein Instrument, wäre dies problemloser.

Naja, was so alles ein Instrument ist... Ist das Alphorn ein Musikinstrument? Das Didgeridoo? Oder die Vuvuzela?

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Reklov Offline




Beiträge: 5.816

21.10.2020 18:59
#17 RE: Was ist Kunst? Antworten

Zitat
Wann kann etwas als harmonisch empfunden werden? Harmonie ist ja nicht nur subjektiv empfindbar, sondern auch objektiv mathematisch zu erklären. Hat wohl was mit den gleichen Abständen der Töne zueinander zu tun.

Gysi,

... richtig vermutet. Nur, die Abstände der Töne sind bei einer Sekunde, einer Terz, Quarte, Quinte, Sexte, Septime und Oktave immer verschieden. Müssen sie ja logischerweise auch sein!

Beispiel: Hat ,a' hat die Frequenz f1 = 440 Hz, so hat der Ton c'', der um eine kleine Terz mit dem Frequenzverhältnis q = 6/5 höher erklingt, die Frequenz f2 = 440 Hz·6/5 = 528 Hz. In der Sprache der Musiker werden Intervalle bei der Hintereinanderausführung addiert.

Ich vermute nun mal, dass sich bereits in der Antike das Gehör der Musiker und Zuhörer auf die wohlgefälligen Tonabstände "eingependelt" hat. Diese wurden dann im Instrumentenbau überall stets gleich berücksichtigt.

19.11.1885: In Wien wird der Kammerton a festgelegt, der nun für alle Orchester und Bands der sog. Leittion.
Dieses a’, vorgetragen von der Oboe, definiert die absolute Tonhöhe, auf der alle Orchestermusiker spielen müssen. Sonst könnte ja jeder trompeten, wie er will. Was man auch lange tat. Doch seit 1800 bemüht man sich im westlichen Abendland um Einigung, Frankreich war der Vorreiter, die anderen Europäer zogen mit. 1885 gab es dann sogar eine internationale Stimmtonkonferenz.

Der heutige Kammerton (aus der fürstlichen Kammer, im Gegensatz zum Kirchen- oder Oberton, in Österreich gab es gar einen türkischen Ton) ist erst seit 1939 auf 440 Hertz festgelegt, sogar vom Europarat als Normierung bestätigt.

In den deutschsprachigen Ländern liegt er um drei Hertz höher. Damit es brillanter klingt, was besonders die Wiener Philharmoniker um immer noch ein Quäntchen nach oben schieben. So sind zwar Stimmungsschwankungen weitgehend vermieden, aber die Sänger hassen das.

Im Vergleich zu heute gab es früher in der Stimmung Unterschiede von vier Halbtönen nach unten und drei nach oben. Aber die Stimmung war allgemein im Keller, bei etwa 415 Hertz, also einen Halbton tiefer, so wie heute für historische Instrumente in der Alten-Musizier-Praxis festgelegt.

Bei Geigen und Cembali kann man die Saiten hochdrehen. Beim menschlichen Stimmband wird es schwieriger, wenn das plötzlich höher, in unangenehmen Registerwechselregionen eingebettet, seine Noten vorfindet. Das kann schnell in Überforderungen resultieren. Dann ist der Abend ruiniert.

Bevor es dazu kommt, freuen wir uns, wenn nach dem Durcheinandergeblase aller Beteiligten die Oboe quäkt, alle schweigen. Der Konzertmeister nimmt das a auf, und das Kollektiv gleicht sich an. Voilà, eines der fürnehmsten Rituale des Abendlandes!

Auch wenn die folgende sinfonische Harmonie eine trügerische, weil zeitlich begrenzte ist. Temperatur und mangelnde Spannung führen unweigerlich zu Verstimmungen. Also fängt man von vorne an. Natürlich mit dem a. (Internet)

Füt Gitarristen haben 2 Amerikaner neulich eine senstionelle erfindung emacht: Das Evertune System, welches, in der E-Gitarre eingebaut, die Saiten der E-Gitarre in stets gleicher Stimmung hält, ungeachtet der klimatischen Bedingungen. Für reisende Gitarristen mehr als ideal, denn Klima und Wärme der Konzertsäle ersparen nun das ständige Nachstimmen.
Obwohl die Wiege des deutschen Gitarrenbaus im Vogtland liegt, konnte so eine geniale Erfindung nicht hier gemacht werden.-

Mit der großen Auswanderer-Welle zu Beginn des 19. Jahrh. gingen auch einige deutsche Instrumentenbauer nach Amerika. Klavier-/Orgel-/Gitarrenbauer. - Berühmte Gitarrennamen/Marken mit Weltruf zeugen noch heute davon: GRETSCH, MARTIN, RICKENBACKER - etc. - Die letztgenannte Marke spielte z.B. John Lennon im Studio und live, was man auf vielen Fotos sehen kann. Auch im Beatles-Spielfilm HELP.

Gruß von Reklov

Gysi Offline

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Beiträge: 18.955

22.10.2020 09:21
#18 Was ist Kunst? Antworten

Zitat von Reklov
9.11.1885: In Wien wird der Kammerton a festgelegt, der nun für alle Orchester und Bands der sog. Leittion.

Das ist alles ja sehr interessant. Das 'klingt' aber so, als sei das harmonische Empfinden 'Musik' ausschließlich einer Tradition unterworfen. Das kann ich mir nicht vorstellen! Klar, es gibt indische, chinesische, arabische Musik, die europäische Klassik und die durch den Rock and Roll geprägte 'zeitgenössische Musik' (Def. Helmut Schmidt). Aber alles, was ich da höre, empfinde und verstehe sogar ich als Musik! Also muss es eine objektiv nachvollziehbare Definition von Harmonie und Musik geben, die alle Regionen und Traditionen übergreift! Abstände zwischen den Tönen, sagten wir ja. Aber warum entsteht wie bei bestimmten Abständen und Abstandwechseln die Melodie, das Harmonische? Das ist ja offenbar nicht nur ein subjektives Empfinden, sondern ein Empfinden, das objektiv - mathematisch! - erklärbar ist!

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Reklov Offline




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22.10.2020 13:18
#19 RE: Was ist Kunst? Antworten

Zitat
Abstände zwischen den Tönen, sagten wir ja. Aber warum entsteht wie bei bestimmten Abständen und Abstandwechseln die Melodie, das Harmonische? Das ist ja offenbar nicht nur ein subjektives Empfinden, sondern ein Empfinden, das objektiv - mathematisch! - erklärbar ist!

Gysi,

... sicher kann man jeden Ton und seine Beziehung zu anderen Tönen "mathematisch" bestimmen, als physikal. Schwingung genau messen. Warum aber die eine Melodie von unterschiedlichen Menschen "schöner" als die andere empfunden wird, ist nicht zu klären. Oft sind es Hörgewohnheiten, die sich in versch. Kulturen "eingenistet" haben. So fahren z.B. Südamerikaner auf andere Tonkombinationen ab, als Russen oder Chinesen. In der russischen Volksmusik sind die meisten Lieder in der "traurigen" Tonart MOLL geschrieben. MOLL-Tonarten werden immer dort verwendet, wenn "wehmütige" Stimmungen den Text entsprechend unterstützen sollen - wie z.B. bei YESTERDAY von Paul. Er hätte diese melancholische Stimmung niemals mit einer DUR-Tonart erzeugen können.

Ähnlich ist es auch mit der Farbskala, welche die Maler benützen. Es gibt "traurige" und "fröhliche" Farbstimmungen. Diese müssen von Malern bestens beherrscht werden, wenn sie ihre Farben entsprechend mischen/abstimmen.

Die Farbskala, wie sie als HKS-Skala im Druckgewerbe verwendet wird, hat sogar exakte Mischungsverhältnisse der darin vorkommenden 88 Basisfarben. So besteht z.B. das Rot von HKS 14 aus 100% Magenta (Rot), 100% Gelb, 0% Cyan (blau), 0% Schwarz.
HKS 84 (Braunton) setzt sich zusammen aus: 80% Magenta, 10% Cyan, 70% Gelb, 60% Schwarz.

Folgender link gibt einen guten Überblick über die HKS-Skala:

https://shopsystemproduction.blob.core.w...rbtafel-HKS.jpg


Nun kann aber niemand genau sagen, welche Farben bei unterschiedlichen Menschen gut ankommen, ihnen auf Anhieb gefallen.

Prof. Max Lüscher beschäftigte sich über Jahre mit den psychologischen Wirkungen von Farbtönen und untersuchte dabei die versch. Nationen.
Die Landbevölkerung des amerikan. Mittelwestens bevorzugte z.B. "Erdfarben", wie Blau, Braun, Ogger und Grün. (Buch: DER 4-RABEN-MENSCH, Wege zum inneren Gleichgewicht). Die Farben-Therapie ist ja eine nicht unbekannte Sache.

Ein guter Maler schafft es, mit seinem persönlichen Geschmack genau die Farbstimmungen zu wählen/zu mischen, welche sich bei anderen Malern so nicht finden lässen. Jedes Bild muss/sollte idealerweise dem ausgewählten "Thema" farblich angepasst sein. Eine düsteres Thema ist also mit fröhlichen Farben nicht überzeugend darzustellen!

Jeder Mensch hat übrigens seine "psychologische" Lieblingsfarbe. Meine ist das Mittelblau. Mein damaliger Berufskollege wählte, ohne zu zögern, ein Gelb, als Prof. Lüscher damals seinen Vortrag in einem Saal hielt.

Ähnlich ist es auch in der Musik: Man kann zwar jeden Ton schwingungsmäßig genau definieren (Einheitszeichen Hz), nur ist damit das Geheimnis einer "schönen Melodie" noch lange nicht erklärt.

Forscher ließen vor vielen Jahren einem abgelegenen Urwaldstamm am Amazonas Klassik und Rock vorspielen. Der Stamm, der solche Musik noch nie gehört hatte, reagierte auf gemäßigte Klassische Musik ruhig, sagte aber, dass ihn die Rock-Musik sehr aggressiv gemacht habe.

Kein Wunder also, dass schon bei den ersten Rock-Konzerten in den 50er und 60er Jahren die Stühle flogen und - bis heute - angeheuerte Ordnungskräfte die überschäumende Stimmung mancher Fans im Zaum halten, eine Prügelei oder das Stürmen der Bühne verhindern müssen.
Es ist aber wohl noch nie passiert, dass aufkommende Aggressionen während eines Klassik-Konzertes die Zuhörer in aggressive Saal-Ringkämpfe verwickeln konnten.

Gruß von Reklov

Gysi Offline

Atheist


Beiträge: 18.955

22.10.2020 15:40
#20  Was ist Kunst? Antworten

Zitat von Reklov
Forscher ließen vor vielen Jahren einem abgelegenen Urwaldstamm am Amazonas Klassik und Rock vorspielen. Der Stamm, der solche Musik noch nie gehört hatte, reagierte auf gemäßigte Klassische Musik ruhig, sagte aber, dass ihn die Rock-Musik sehr aggressiv gemacht habe.

Kein Wunder also, dass schon bei den ersten Rock-Konzerten in den 50er und 60er Jahren die Stühle flogen und

Musik ist ein Kommunikationsmittel zwischen vereinzelten Individuen! Wenn sie Gefühle berührt, die der Mitteilung an andere Vereinzelte bedürfen, dann passiert eben was! Musik vereint die Gleichfühlenden. Wer gleich fühlt, vereint sich zu was Größerem als man selber ganz alleine ist! Der Gläubige mag sagen: Musik führt hin zu Gott. Ich sage: Musik führt den Einzelnen zu dem Zaubererleben des Gemeinwesens Zoon Politikon! Kommunikation macht die Einzelnen Größer!

Als in den 50ern 'die Stühle bei den Rockkonzerten flogen', explodierten lange unterdrückte Gefühle! Als die Beatles in den 60-ern durch die Welt tourten, geschah was ganz, ganz Großes! Nicht unbedingt, was die Qualität der Musik anging -> Die Fans indentifizierten sie als GÖTTER, die sie SEHEN wollten! Die Konzerte zelebrierten sie nicht als Konzerte, sondern als Gottesdienste! Sie (die Fans!) feierten das Glückserleben ihrer Vereinigung als die Jugend der Welt!

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Reklov Offline




Beiträge: 5.816

23.10.2020 12:59
#21 RE: Was ist Kunst? Antworten

Zitat
Ich sage: Musik führt den Einzelnen zu dem Zaubererleben des Gemeinwesens Zoon Politikon! Kommunikation macht die Einzelnen Größer!

Als in den 50ern 'die Stühle bei den Rockkonzerten flogen', explodierten lange unterdrückte Gefühle!

Gysi,

... Musik wird aber auch gerne dazu genutzt, um niedere Gefühlsebenen und angestaute Emotionen aggressiv auszuleben - anstatt den "Inhalt" der Musik tiefer zu verstehen. Oft wackelt das gesamte Open Air-Publikum bei einem Rock-Konzert im Grundbeat mit dem Kopf, oder schüttelt rhythmisch die tätowierten Oberarme, ohne beurteilen zu können, was die Instrumentalisten gerade an nicht selten hervorragender Spieltechnik präsentieren. - Wer von den Zuhörern weiß schon, wie schwierig z.B. das gleichmäßige Fingertapping ist, welches seinerzeit der kürzlich verstorbene Gitarrist Eddie Van Halen kreiert hatte. Sein berühmtes "Gast-Solo" auf > BEAT IT < (von Michael Jackson) ist nach wie vor eine hohe Messlatte für den so zahlreich aufstrebenden E-Gitarren-Nachwuchs!

Es ist hier ähnlich, wie im Fußballstadion: Kaum einer unter den dortigen Krawallmachern hat jemals mit dem Ball am Fuß, in vollem Sprint 70m zurückgelegt, dann einen Verteidiger trickreich umspielt/abgeschüttelt, um danach mit einem techn. perfekten Schuss ein Tor aus 15m zu erzielen!
Wer von den Schreihälsen wäre in der Lage, einen Pass über 40m zu schlagen, welcher dem loslaufenden Klubkameraden genau in dessen Lauf passt? Wer von denen hat je versucht, einen anfliegenden Ball mit dem Kopf in Richtung Tor zu "lenken"?
All diese Unwissenden reden aber (mit dem Bierglas in der Hand) ausgiebig und gerne über Fußball.

Soviel zu Deinem "Zauberleben des Gemeinwesens". Die hier stattfindende Kommunikation macht den Einzelnen nicht immer größer, allenfalls kann er dabei seine große Klappe unzensiert aufreißen!
(Kostet weniger, als zum Seelendoktor zu gehen - und wirkt auf seine Weise auch "befreiend".)

Gruß von Reklov

Gysi Offline

Atheist


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23.10.2020 13:54
#22 Was ist Kunst? Antworten

Zitat von Reklov
Oft wackelt das gesamte Open Air-Publikum bei einem Rock-Konzert im Grundbeat mit dem Kopf, oder schüttelt rhythmisch die tätowierten Oberarme, ohne beurteilen zu können, was die Instrumentalisten gerade an nicht selten hervorragender Spieltechnik präsentieren. - Wer von den Zuhörern weiß schon, wie schwierig z.B. das gleichmäßige Fingertapping ist,

Wer weiß das schon, wer weiß das schon... Nicht alle Rockfans sind 'Krawallmacher' mit 'niederem' Gefühlsleben... Wüsste nicht, dass Michael-Jackson-Konzertbesucher sich je mal daneben benommen hatten. Und auch die Beatlesfans, die bei deren Konzerten ja regelrecht austickten, gehörten nie zu den Tumben. Ich rede von der Veräußerung von Gefühlen durch die Musik und der Kommunikation dieser durch sie! So geschieht das auch, und das kann generell nichts Verkehrtes sein! Die Klassik veredelt die Gefühle, der Rock macht sie real. Ohne ihre kulturelle notwendige Sozialeinfassung zu sprengen - das meine ich aber schon.

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Reklov Offline




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Gestern 13:02
#23 RE: Was ist Kunst? Antworten

Zitat
Die Klassik veredelt die Gefühle, der Rock macht sie real. Ohne ihre kulturelle notwendige Sozialeinfassung zu sprengen - das meine ich aber schon.

Gysi,

... auch unter den Klassik-Fans befanden/befinden sich "dunkelste" Typen, auch wenn sie die Sitzreihen des Konzertsaales nicht im Rausch der Gefühle aus der Verankerung reißen.
Hitler fand z.B. in der "düsteren" Musik von R.Wagner seine Weltstimmungen gespiegelt. Man höre sich nur mal den Anfang von DER RING DES NIBELUNGEN an. - Da kriecht eine dunkel gestimmte, germanische Tonwelt auf einen zu, wie eine düstere Kriegsschlange, welche die Deutschen dazu verführte, sich mit Geschrei Luft zu machen, um sich dann (nicht das erste Mal) gewaltberauscht auszutoben.

Wirft man heute einen Blick auf die CD-Cover-Bilder von Metal-Bands, so begegnen einem Symbole, wie:
Totenköpfe in unzähligen Variationen, Schlachtbeil, Skelett, Schlange oder Drache, den Mond anheulender Wolf, Fratzen von Dämonen und Teufeln, bis auf die Zähne bewaffnete Krieger ,,,, etc.

Dementsprechend röhren auch die Sänger ihre nicht selten apokalyptischen Texte und lassen sich von laut dröhnenden Musikern begleiten. (Mancher Metal-Gitarrist hat jedoch eine solide Ausbildung am Instrument durchlaufen und kann auch mühelos andere Musik-Stile abliefern.) -
Unter solchen Bands tummeln sich oft regelrechte Tempo-Virtuosen, welche schwindelerregend schnell über ihre Griffbretter flitzen, was jahrelanges Üben erfordert!

Ich musste mich auch mit dieser Stilistik beschäftigen, weil einige meiner jungen Gitarrenschüler diese Musikart auf ihrer E-gitarre spielen wollen - wenigstens die einfacheren Ansätze dazu.
Metal-Rock lebt von der Kraft der Quarten und Quinten, welche die Gitarristen so gerne mit Zeige-Ring- und kleinem Finger drücken, - meistens auf der tiefen E- A- und D-Saite.
Über einen großen Verstärker "gedonnert", machen solche Riffs mächtigen Eindruck. Zieht man aber den Stecker, entlarven sie sich als musikalisch völlig "harmlos". Nicht zu vergleichen, mit dem lyrischen Spiel eines Klassik-Gitarristen, der auch in Wohnzimmerlautstärke jeden Zuhörer leicht begeistern kann.

Gruß von Reklov

Gysi Offline

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Gestern 14:24
#24  Was ist Kunst? Antworten

Zitat von Reklov
Wirft man heute einen Blick auf die CD-Cover-Bilder von Metal-Bands, so begegnen einem Symbole, wie:
Totenköpfe in unzähligen Variationen, Schlachtbeil, Skelett, Schlange oder Drache, den Mond anheulender Wolf, Fratzen von Dämonen und Teufeln, bis auf die Zähne bewaffnete Krieger ,,,, etc.

Deswegen konnte ich mit METAL auch nie warm werden. Deren Tonlage erinnert mich zu sehr an die Nazi-Aufmärsche und an die Nazi-Reden! Es gibt Ausnahmen: AC/DC, Guns'n'Roses und Lordi.

Richard Wagner, der apokalyptische Metalrocker unter den Klassikern - kein schlechter Vergleich...

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